Schaufenster-Diskussion

Der Leichtathletik-Weltverband hat pünktlich vor seiner Umbenennung zu World Athletics sein hinter den Weltmeisterschaften wichtigstes Produkt auf neue Beine gestellt und sein Gesicht verändert. Die Diamond League war auch bisher schon die höchstdotierte und von der Athleten-Besetzung höchstqualitative Meetingserie der Welt. Die neue Diamond League, die 15 Meetings inklusive eines anstatt bisher zwei Final-Meetings umfasst, soll noch attraktiver für bestehende, möglicherweise scheidende und neu dazu gewonnene Leichtathletik-Fans werden – insbesondere im globalen Schaufenster der TV-Übertragung. Und noch mehr Geld lukrieren, das wieder in den Sport zurückfließen soll. Die chinesische Wanda Group ist neuer Titelsponsor der Diamond League und erlaubt dem Weltverband, die Prämien für Diamond-League-Wettbewerbe drastisch (um über 300%) zu erhöhen.
90 Minuten lang sollen die Meetings zukünftig im Fernsehen zu sehen sein. So will es Sebastian Coe, Präsident von World Athletics. „Fast paced“ ist seine Lieblingsbeschreibung. Es soll Schlag auf Schlag gehen und die Zuschauer eineinhalb Stunden an die Bildschirme fesseln. Da bereits jetzt in einem zweistündigen TV-Fenster viele Meetings mit Ereignissen überladen sind – insbesondere wenn TV-Sender Werbefenster unterbringen wollen – war eine Reduzierung des Programms unerlässlich. 24 anstatt 32 Disziplinen, lautet die Marschrichtung (je zwölf pro Geschlecht). Dass die prominenten Opfer, der 200m-Sprint, der Diskuswurf, der Dreisprung und der 3.000m-Hindernislauf als zweite Lauf-Disziplin nach dem ohnehin bereits gestrichenen 5.000m-Lauf in einen sauren Apfel beißen, schmeckt vielen ganz und gar nicht. Sie haben kein Interesse an der Opferrolle zu Gunsten einer potenziell besseren Leichtathletik-Zukunft und gehen auf die Barrikaden. Die individuellen Schicksale sind absolut verständlich und niemand verschweigt, dass es bei der Reform der Diamond League nur Sieger geben würde — am Ende soll das große Ganze als Sieger emporsteigen. Das ist das erklärte Hauptziel, das viele in der ersten wütenden Reaktion aus den Augen verloren haben.
 

Sie haben kein Interesse an der Opferrolle zu Gunsten einer potenziell besseren Leichtathletik-Zukunft.

Darum geht es aber, nicht primär um die Diamond League als isolierte Wettkampfserie. Sebastian Coe ist 2015 als IAAF-Präsident mit dem großen Ziel angetreten, „seiner Sportart“ eine Imageverbesserung zu verleihen und sie im Zuge einer Reform zukunftsfit zu machen. Seine Reformpläne verzögerten sich, weil er zuerst damit beschäftigt war, die Scherben des Russland-Skandals und der korrupten alten IAAF-Führung aufzuräumen. Dass eine Entwicklung der Leichtathletik absolut notwendig ist, zeigen die Zahlen, die auf der Website „The Sportsexaminar“ veröffentlicht wurden. Der Leichtathletik-Weltverband hat einen Jahresumsatz von 40 Millionen US-Dollar (das entspricht gut 36 Millionen Euro). Damit hat die Olympische Kernsportart nicht nur gegenüber dem Fußball das klare Nachsehen, sondern muss sich auf Rang neun liegend auch noch hinter den Weltverbänden im Radsport, Volleyball, Schwimmen, Tennis, Reitsport, Basketball und Rugby einordnen. Das kann nicht der Anspruch von World Athletics sein. Das kann auch nicht der Anspruch der Leichtathletinnen und Leichtathleten sein.
 

Verbände von acht Sportarten haben einen größeren Umsatz als die Leichtathletik.

Die Ideen der Instant-Kritiker gegen die Diamond-League-Änderungen sind engstirnig, wenig zukunftsoffen und teilweise abenteuerlich, daher insgesamt wenig förderlich. Das Highlight: Dreisprung-Star Christian Taylor will mit einem vom Weltverband unabhängigen Athletenverband „The Athletics Association“ in den Krieg mit World Athletics ziehen, um die, wie er glaubt, wahren Interessen der Athleten zu vertreten. Die Idee: „The Athletics Association“ soll so viel Druck auf World Athletics ausüben, dass sie gleichberechtigt mit den Funktionären bei der Zukunftsausrichtung der Leichtathletik mitdiskutieren kann. Oder in den Worten Taylors, „diesen gigantischen Schritt in die falsche Richtung zu korrigieren.“ Dafür verwendet er den semantisch potenten Hashtag #WeAreTheSport, der Machtkampf ist eröffnet. Es ist eine restriktive, lähmende Idee, die die Zielsetzung einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung gefährdet. Athleten fehlt in ihrer oft egozentrisch strukturierten Welt eines Individualsportlers naturgemäß die Weitsicht, die Interessen Tausender Sportler aus diversen Disziplinen zu berücksichtigen. Von einem Konsens einer Gruppe von praktizierenden Athleten aus verschiedenen Disziplinen ganz zu schweigen. Weiters fehlt ihnen die Kompetenz auf der Geschäftsebene und vor allem die Zeit für Geschäftsreisen, um Stunden und Tage bei Meetings und am Verhandlungstisch zu verbringen. Der Wunsch nach mehr Mitspracherecht für die Hauptprotagonisten des Sports, die Athleten ist fraglos ein berechtigter. Auch der Leichtathletik würde es guttun, der eigenen Athletenkommission, in der unter dem Vorsitz des kanadischen Gehers Inaki Gomez zwölf Leichtathletinnen und -athleten aus Europa, Amerika und Ozeanien sitzen, in einer konstruktiven Debatte ein offensiveres Mitspracherecht zu billigen. Zwischen Mitsprache- und Entscheidungsrecht besteht aber ein großes Unterschied. Inwiefern die Athletenkommission in den Gesprächen zur Diamond-League-Reform einbezogen wurde, ist fraglich, weil öffentlich nicht thematisiert.
 

„Sie zerstören ernsthaft das historische und kulturelle Erbe der Leichtathletik mit einer Marketingstrategie, die Kurzzeiteffekte erzielen will.“

Während Taylor zumindest erkennt, dass Innovationen notwendig sind, wünscht sich „Global Throwing“, eine Gruppe von Werfern, die sich mit folgendem Satz an die Adresse von Sebastian Coe wendeten, anscheinend keine Änderungen zum Bisherigen: „Sie zerstören ernsthaft das historische und kulturelle Erbe der Leichtathletik mit einer Marketingstrategie, die Kurzzeiteffekte erzielen will.“ Weiters: „Wir können nicht glauben, dass irgend ein Leichtathlet mit dieser Entscheidung einverstanden ist. Wir glauben, dass Sie und Ihr Team in Ihrer eigenen Welt isoliert sind und Ihnen Ihr Schatzmeister näher ist als Ihr wahres Vermögen, die Sportler und Trainer.“ Auch andere Athleten wie der britische 5.000m-Läufer Andrew Butchart, der Diamond-League-Meetings zukünftig boykottieren zu gedenkt, oder 3.000m-Hindernislauf-Weltrekordhalterin Beatrice Chepkoech, die ihre Disziplin zu Grabe getragen fühlt, kritisieren den Briten scharf. Coe antwortete angesichts der schwerwiegenden Vorwürfe besonnen und beschwichtigend. Er lenkte den Fokus auf die Verantwortung von World Athletics, aus der Diamond League das bestmögliche Produkt zu machen. „Nach zehn Jahren der Existenz erfordert der Markt eine Evolution der Diamond League. Es ist ein Fakt, dass die Diamond League acht Jahre lang keinen Titelsponsor hatte. Daher haben wir den Medien und Fans zugehört und die kommunizierten Änderungen beschlossen. Uns ist der Einfluss dieser schwierigen Entscheidung auf einzelne Athleten bewusst, daher wird die Diamond League 2020 im Sommer einer exakten Untersuchung unterzogen“, heißt es in einem als Antwort gedachten, offenen Brief von World Athletics.
Coe will die Neuausrichtung der Diamond League als Teilaspekt der Neuausrichtung der Leichtathletik also großdimensional betrachtet wissen. Die Anlehnung der Diamond-League-Meetings an die Länge eines Fußballspiels ist sicher keine zufällige – Fußball ist die medienrechtlich am besten verkaufte, beliebteste und finanzkräftigste Sportart der Welt. Also irgendwie ein Vorbild für alle. Außerdem kämpfen auch andere erfolgreiche Sportarten mit der Wettkampflänge, zum Beispiel Tennis. Das scheint also in der schnelllebigen Welt der Gegenwart ein Faktor. Die Leichtathletik hat das Problem, etliche verschiedene Sportarten und dutzende Disziplinen unter einen Hut bringen zu müssen. Die Interessen aller zu vertreten und die Leichtathletik gleichzeitig aus ihrem Formtief zu holen, scheint nicht vereinbar. Daher die Idee, eine kleine Elite (Diamond League) als Hauptattraktion zu bieten, die hoffentlich so ausstrahlt, dass die gesamte Leichtathletik profitiert. In der Fußball Champions League darf auch nicht jede Mannschaft mitspielen, doch jedes Team, das in einer höchsten nationalen Liga spielt, profitiert von jenen Vereinen, die in der Champions League spielen und damit Attraktivität und Geld in die heimatliche Fußball-Landschaft übertragen.
 

Das nachhaltige Gelingen oder Nicht-Gelingen der Reform wird also davon abhängen, ob die die zweite Ebene als essentielle Basis für das Premium-Produkt Diamond League funktioniert.

Das nachhaltige Gelingen oder Nicht-Gelingen der Reform wird also nicht davon abhängen, ob die Diamond League funktioniert (das ist angesichts der Qualität des Sports sehr wahrscheinlich), sondern ob die zweite Ebene die essentielle Basis für das Premium-Produkt bilden kann. Sind also die Wettkämpfe in der Diamond League außerhalb des TV-Fensters sportlich und finanziell attraktiv? Gibt es abseits der Diamond League für die Verlierer der Reform eine Plattform, auf der sie Sport auf höchstem Niveau bieten können und einen entsprechenden finanziellen Rahmen genießen? World Athletics will den Disziplinen abseits des TV-Fensters (der 3.000m-Hindernislauf wird etwa je fünfmal auf dem Programm stehen) dieselben Preisgelder wie 2019 zahlen, allerdings fallen die Prämien für das Final-Meeting (Diamond-League-Gesamtwertung) komplett weg. Michael Boeting, Manager der kenianischen Top-Hindernisläufer Conseslus Kipruto, Abraham Kibiwott und Leonard Bett, stimmt nicht in die apokalyptische Stimmungsmache anderer „Reformverlierer“ ein, wie er gegenüber „Let’s Run“ sagte: „Der generelle Konsens beim letzten Agenten-Meeting in Boston war: Es ist nicht ideal, aber es ist nicht schlecht. Probieren wir es aus. Die Athleten werden ein feines Programm konsumieren und weiterhin in vollen Stadion gegen die Besten ihres Fachs laufen können.“
Bedeutend schlechter kommen die Diskuswerfer und Dreispringer weg, für die nur ein Meeting vorgesehen ist. Ein drastischer Einschnitt, denn das ist sehr wenig für 14 Gelegenheiten. Sie müssen sich auf die „zweite Liga“ verlassen. Die Ankündigung der World Athletics Continental Tour ist eine hoffnungsvolle, den aufgrund des großen Aufschreis augenscheinlich großen Bedarf zu stillen. Details zu dieser Meetingserie sind noch ausständig. Eine weitere, sehr wichtige Komponente der Reform ist: World Athletics muss sicherstellen, dass auch jene Disziplinen, die jetzt einen Nachteil haben, attraktiv für junge Sportler und Nachwuchstalente bleiben. Nur auf diese Weise kann deren Aussterben verhindert werden. In diesen Punkten ist der Leichtathletik-Weltverband nun voll gefordert, die Weichen der Zukunft richtig zu justieren.
 

„Probieren wir es aus. Die Athleten werden ein feines Programm konsumieren und weiterhin in vollen Stadion gegen die Besten ihres Fachs laufen können.“

Eine berechtigte und entscheidende Frage betrifft die Auswahl der Disziplinen. Gibt es in der Leichtathletik Disziplinen, die es mehr oder weniger Wert sind, Bestandteil der Diamond League zu sein? Aus Zuschauersicht, ja. Und die Gunst der (medialen) Rezipienten ist wesentlich für den ökonomischen Erfolg eines Sportprodukts. Aus Athletensicht, nein. Chancengleichheit ist ein zu schützendes Gut. Aus Verbandssicht, jein. Wirtschaftliche Interessen stehen der gleichwertigen Repräsentation aller Leichtathleten gegenüber. Kriterien wie Doping-Belastung könnten eine Rolle in der Bewertung spielen. Generell sind Disziplinen temporär attraktiver oder weniger attraktiv – Superstars und Idole kommen und gehen, Rekordleistungen, faszinierende Duelle, vielseitige Spannung, dominante Serien, die von Langeweile bedroht sind, und sportliche Tiefs wechseln sich naturgemäß ab.
Bisher hat World Athletics die Diamond-League-Disziplinen für 2020 bekannt gegeben, mit einem offenen Fragezeichen der Variabilität in den kommenden Jahren. Vielleicht ist die alte Golden-League-Idee der Abwechslung im Zwei-Jahres-Rhythmus es Wert, ihren Ansatz wiederaufzugreifen. Oder die Idee eines Rankings: Gäbe es eine Attraktivitätsrangliste der Disziplinen, etwa anhand von relevanten Kriterien wie personelle Besetzung, sportliche Leistungen, Showfaktor, Zuschauergunst etc. könnte es eine Art Auf- und Abstiegssystem geben. Das würde auch die Athleten selbst in die Verantwortung ziehen, wie gut ihre Disziplin dasteht. Das übrigens gänzlich innerhalb ihrer Kernkompetenz.