Sapporo statt Tokio – Pro & Contra

Als Tokio den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 erhalten hat, schien es den Handlungsträgern im Internationalen Olympischen Komitee bei der Festlegung des Terminplans auf den traditionellen Juli-August-Termin niemand nachgiebig gestört zu haben, dass die klimatischen Bedingungen vor Ort zu dieser Zeit alles andere als athleten- und zuschauerfreundlich sind. Die Olympische Familie scheint sich dem Bedürfnis der medialen Sportwelt (sowohl Kommunikatoren als auch Rezipienten) unterzuordnen und beharrt darauf, die Fußball-freie Zeit für das global bedeutendste Sportfest zu wählen. Selbst die mächtigen Sportverbände IAAF und FIFA haben nach ihren Entscheidungen, ihre Weltmeisterschaften im Katar abzuholen, eine saisonale Anpassung vorgenommen. Als die Olympischen Spiele 1964 in Tokio über die Bühne gingen, fielen die Blätter von den Bäumen. Letztmals fanden die Olympischen Spiele 2000 in Sydney nicht im Sommer statt. Anschließende Diskussionen und Erkenntnisse zu unterdurchschnittlicher Rezeption führten dazu, dass das zukünftig kaum vorstellbar ist.
Jahrelang hätte das IOC gemeinsam mit den Sportverbänden und den lokalen Organisatoren über Alternativen und Kompromisse diskutieren können, um Athleten in besonders fordernden Ausdauerdisziplinen wie dem Marathonlauf vor unmenschlichen Wettkampfbedingungen für das Agieren an der Leistungsgrenze zu schützen. Anstatt dessen hat nun der WM-Marathon von Doha unter vorhersehbaren Konditionen für einen Schnellschuss gereicht. Das IOC verlegte die Marathonläufe und Gehbewerbe mitten aus dem Olympischen Herz nach Sapporo. Eine strukturierte Debatte kam dabei nicht auf, alle Beteiligten wurden de facto binnen weniger Wochen vor vollendete Tatsachen gestellt. Anstatt Erleichterung brandete in der Sportwelt heftige Gegenwehr und Kritik auf. Auch in Tokio selbst ist man nicht begeistert, schließlich entriss das IOC dem lauf- und marathonverrückten Gastgeberland eine der für das japanische Sportherz wichtigsten Entscheidungen aus dem Olympischen Programm für Tokio. Im Gehen schnitt Japan überdies bei der WM 2019 sehr erfolgreich ab. Yuriko Koike, Gouverneurin der Stadt Tokio, gab sich nicht einverstanden und nahm die Entscheidung der IOC wider Willen zur Kenntnis – „um des Erfolgs der Spiele willen“. Verhindern konnte sie sie nicht, IOC-Mitglied John Coates ließ ausrichten: „Es spielt keine Rolle, dass die Regierung von Tokio auf die Austragung des Marathons beharrt. Das IOC Executive Board ist eine kompetente Behörde und hat entschieden.“ Koike, die ausdrücklich den Wunsch äußerte, die Olympischen Marathonläufe und Gehbewerbe den 35 Millionen im Ballungsraum von Tokio lebenden Menschen frei Haus bieten zu können, konterte und stellte laut japanischen Medienberichten angesichts dieses Alleingangs das Niveau der zukünftigen Zusammenarbeit mit dem IOC infrage.
 
PRO: Gesundheit der Athleten
„Das IOC hat die Verantwortung, der Gesundheit der Athleten oberste Priorität zu widmen“, sagt Coates und trifft damit die Wortwahl seines Vorgesetzten Thomas Bach. Auch wenn sich automatisch die Frage stellt, warum das IOC sich lediglich der Gesundheit von Marathonläufern und Gehern sorgt und nicht Athleten aus anderen (Ausdauer)-Sportarten, ist dieses Argument ein unumstößliches. Natürlich geht die Gesundheit vor, nicht nur der Athleten, sondern auch Zuschauer und weiterer Beteiligter. Coates führte weiter an: „Das IOC war schockiert, was es bei vergleichbaren Bedingungen, was die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit betrifft, in Doha beobachten musste.“ Was war in Doha passiert? Im Marathonlauf der Frauen, Temperaturen von 32° und 74% Luftfeuchtigkeit, kamen die Teilnehmerinnen schwerst erschöpft ins Ziel. Mehr als ein Drittel des Feldes stieg aus, etliche Läuferinnen kollabierten auf Besorgnis erregende Weise. Auch wenn die Marathon-Welt von dramatischen Zwischenfällen verschont blieb, sprach Marathon-Legende Haile Gebrselassie nachher davon, dass Läuferinnen bei diesen verantwortungslosen Bedingungen sterben hätten können.
 

Das IOC war schockiert, was es bei vergleichbaren Bedingungen in Doha beobachten musste. (John Coates, IOC)

Ein später Hallo-Wach-Effekt! Denn a) waren die Verhältnisse in Doha, wo überdies in den Nachtstunden gelaufen wurde, vorhersehbar, b) wird in der Marathon-Szene genauso wie in Japan gesellschaftspolitisch seit vielen Monaten über die klimatischen Verhältnisse in Tokio nach den Hitzewellen der letzten Jahre und eine entsprechend „günstige“ Startzeit diskutiert (zuletzt stand sogar ein Start um 3 Uhr morgens im Raum) – mit dem Grundton, dass Marathonlaufen in Tokio im Hochsommer verantwortungslos ist und c) hätte das IOC bei frühzeitiger Konsultation von Fachleuten im medizinischen Bereich längst eine Empfehlung einer Verlegung oder Durchführung zu einem anderen Zeitpunkt bekommen.
 
PRO: Hitze als Leistungshemmer
Dass Tokio zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele 2020 keine akzeptablen Bedingungen für Marathonläufer bieten kann, ist Fakt. Daher kann wohl jeder Sportler der Idee, bei besseren Verhältnissen den wichtigsten Wettkampf seiner Karriere zu absolvieren, etwas abgewinnen. Insbesondere diejenigen, die feuchte Hitze nicht unbedingt lieben. Dazu gehören Peter Herzog (Union Salzburg LA) und nach den Erfahrungen von Doha wohl auch Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik). Das sind die beiden rot-weiß-roten Marathonläufer, die sich bereits für den Olympischen Marathon qualifiziert haben. „Natürlich wäre ich gerne in Tokio direkt den Marathon gelaufen. Ich denke aber, dass es zum Wohle der Sportlerinnen und Sportler eine vernünftige Entscheidung ist. In Sapporo ist es klimatisch nicht so belastend“, sagt der Salzburger. Christoph Sieber, Sportdirektor des nationalen Olympischen Komitees (ÖOC), kommentierte: „Die Verlegung ins kühlere Sapporo ist im Sinne der Athletinnen und Athleten zu begrüßen. Es ergebnen sich dadurch zwar logistische und betreuungstechnische Herausforderungen, die wir aber gemeinsam mit dem ÖLV sicher sehr gut meistern werden.“
 

Ich denke, es ist eine vernünftige Entscheidung. (Peter Herzog, Olympia-Teilnehmer im Marathon)

Nicht nur in Österreich, sondern auch in Kenia, dem Land der beiden Marathon-Olympiasieger von Rio 2016, ist man mit der Entscheidung zufrieden. „Unsere Athleten waren bei der WM in Doha wirklich von der Hitze beeinträchtigt und konnten ihre besten Leistungen daher nicht abrufen. Wir wären für ein weiteres Hitzerennen in Tokio 2020 nicht bereit gewesen“, äußert sich Francis Mutuku, Generalsekretär des kenianischen Olympischen Komitees (NOCK). „Wir unterstützen die Entscheidung des IOC und finden, dass weitere Sportarten diese Chance bekommen sollten.“
 
CONTRA: Ein Bruch der Tradition
Dass ein Olympischer Marathon nicht in der austragenden Stadt stattfinden würde, war bis vor kurzem in der Tat unvostellbar. Der Marathonlauf ist tief verankert im Olympischen Programm und genießt auch innerhalb der Olympischen Kernsportart eine Ausnahmestellung. Außerdem war der Marathon der Männer abseits diverser Mannschaftssportarten traditionell der letzte, bedeutende Wettkampf vor der Schlussfeier im Olympiastadion. Diese bedeutende Positionierung innerhalb des Sports verliert der Marathon schlagartig. Nicht nur der Bruch mit der Tradition könnte negative Folgen für die Sportart haben. Die Olympischen Marathonläufe sind 2020 „weg vom Schuss“, was die globale, mediale Berichterstattung zwar abdämpfen, aber nicht gänzlich kaschieren wird. Die Verlegung der Marathonläufe nach Sapporo könnte ein zukunftsweisende Neu-Orientierung der Olympischen Spiele auf den Weg bringen. Wenn selbst eine der wichtigsten Entscheidungen nicht mehr an die austragende Stadt gebunden ist, ist der Schritt zu einer Austragungsregion oder einer Austragungsnation vielleicht näher als gedacht.
 
CONTRA: Kein Olympisches Feeling für die Athleten
Hauptbetroffen von der Verlegung sind natürlich die Athleten, die um die einzigartige Wahrnehmung des größten Sportfests der Welt, von der stets alle schwärmen, gebracht werden. „Eine Olympische Erfahrung ist die Belohnung für ein Lebenswerk voller harter Arbeit. Viele Sportler können nur einmal an Olympischen Spielen teilnehmen. Sie bereiten sich seit Jahren vor, trainieren mit voller Leidenschaft und jagen ihre Träume. Und kurz vor der Ziellinie wird das Event an das andere Ende des Landes verlegt. Für Gründe, die vor einem Jahr noch kein Problem waren“, schimpft der englische Geher Tom Bosworth auf Twitter. Peter Herzog hofft, dass er trotz der Verlegung des Marathons bei der Eröffnungsfeier dabei sein kann, um das Olympische Flair aufzusaugen und erst dann nach Sapporo weiterzureisen.
 

Es ist so als ob Athleten viele Jahre für eine Besteigung des Mount Everests trainieren. Neun Monate vorher sagt ihnen jemand, sie würden auf einen anderen Berg gehen. (Kaznori Asaba, japanischer Nationaltrainer)

Eine der besten Wortmeldungen der letzten Tage aus Athletenperspektive kam am vergangenen Wochenende von Desiree Linden, die den New York City Marathon als Sechste beendete und bereits zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen hat: „Den Moment, durch den Augenblick der absoluten Stille im Tunnel zu laufen und dann das voll besetzte, jubelnde Olympiastadion zu erreichen, zu visualisieren, ist ein fantastisches Bild, das enorm motiviert.“ Japans Nationaltrainer Kazunori Asaba protestierte gegen die Entscheidung der IAAF und bemühte eine andere Metapher: „Es ist so als ob Athleten viele Jahre für eine Besteigung des Mount Everests trainieren. Neun Monate vorher sagt ihnen jemand, sie würden auf einen anderen Berg gehen.“
 
CONTRA: Kurzfristigkeit der Entscheidung
„Diese Entscheidung hätte vor zwei oder drei Jahren gefällt werden müssen, nicht neun Monate vor Olympia“, findet die ehemalige britisch-japanische Marathonläuferin Mara Yamauchi, die besonders mit jenen Läuferinnen und Läufer mitfühlt, die im Sinne einer klimatischen Generalprobe die WM-Marathons in Doha anstatt hoch dotierter Herbst-Marathons in Europa oder den USA gelaufen sind. „Bei dieser Entscheidungsfindung standen die Athleten nicht an erster Stelle. Denn im Endeffekt sind ihre bisherigen Vorbereitungen teilweise umsonst“, hält Asaba fest. Die japanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer verlieren auch den Vorteil, bei den nationalen Vorausscheidungen schon auf der geplanten Tokio-Strecke gelaufen zu sein. Tadasu Kawanu, Marathon-Direktor beim Japanischen Leichtathletik-Verband (JAAF), betont: „Athleten nehmen nicht an Wettkämpfen teil, um geschützt zu werden. Ihre Mission ist es, innerhalb der Regeln und Rahmenbedingungen Leistung abzuliefern. Wenn es sein muss, auch supermenschliche.“
 

Athleten nehmen nicht an Wettkämpfen teil, um geschützt zu werden. Ihre Mission ist es, innerhalb der Regeln und Rahmenbedingungen Leistung abzuliefern. Wenn es sein muss, auch supermenschliche. (Tadasu Kawanu, Marathon-Direktor JAAF)

 
CONTRA: Ein Verlust für die Olympischen Spiele
Vier Jahre nach den Olympischen Spielen von Rio und insbesondere ein Jahr nach den Weltmeisterschaften von Doha durfte sich die Marathon-Welt freuen, wieder ein Großereignis in einem marathonverrückten Land auszutragen. Das ist ihnen zwar geblieben, doch Olympia-Touristen wurden Steine in den Weg gelegt – überhaupt jenen, die bereits Reisen und Hotels gebucht haben. Reisen Marathon-begeisterte Olympia-Fans nach Tokio, müssen sie zu einem Extra-Trip nach Sapporo aufbrechen. Reisen Marathon-begeisterte Fans nach Sapporo, versäumen sie den Rest der Olympischen Spiele. Die kurzfristige Änderung betrifft auch Freunde und Familien bereits qualifizierter Athletinnen und Athleten, die nun um einen finanziellen und logistischen Mehraufwand nicht herumkommen. „Mein Plan für mich und mein Umfeld ist nun für die Mülltonne“, klagt etwa Marathon-Europameister Koen Naert.
 

Mein Plan für mich und mein Umfeld ist nun für die Mülltonne. (Koen Naert, Marathon-Europameister)

Außerdem ist der Verlust der Marathonläufe auch ein Verlust für die Tokioter Bevölkerung, die – wie der Tokio Marathon jährlich untermauert – sehr marathonenthusiastisch ist. Zudem werden die intensiven Vorbereitungen und Investitionen in präventive Maßnahmen wie künstlichem Schatten für Zuschauer, ärztliche Logistiken usw. vernichtet. Yuriko Koike beziffert den finanziellen Schaden für die Stadt Tokio durch den Verlust der Marathonläufe auf umgerechnet über 280 Millionen Euro. „Vielleicht sogar mehr“, bekräftigte sie bei einer Pressekonferenz.
 
CONTRA: Image ist nicht alles
In Berichterstattungen über die Argumentation des IOC stach eine erzählte Episode ins Auge. IOC-Präsident Thomas Bach habe den WM-Marathon der Frauen in Doha im Fernsehen gesehen und entschieden, den Milliarden TV-Zusehern bei Olympia derartige Bilder nicht zeigen zu wollen. Das war das Fundament der überraschenden Entscheidung. Eine Tatsache, die dem kanadischen Geher Eric Dunfee sauer aufstößt: „Die Entscheidung kümmert sich nicht um Athleten. Sie versucht, das Image der Marke Olympische Spiele zu schützen und negative PR zu verhindern. Ansonsten hätte das IOC mit Athletenvertretern, der IAAF oder den Vertretern Tokios und Sapporos gesprochen.“
 
CONTRA: Kurze Vorbereitungszeit
Nicht nur die Sportler, auch der neue Austragungsort steht unter Druck einer kurzen Vorbereitungszeit. Wie viele Medien übereinstimmend berichteten, entnahm Katsuhiro Akimoto, Bürgermeister von Sapporo, die Überlegungen des IOC Mitte Oktober aus den Medien. „Wir haben keine Zeit, uns vorzubereiten“, sagte er damals. Nun muss er.
 

Wir haben keine Zeit, uns vorzubereiten

Erschwerend hinzu kommt, dass JAAF-Marathon-Direktor Kawano die Marathonstrecke des Hokkaido Marathon, Japans einziger Marathon, der in den Sommermonaten stattfindet, als nicht geeignet für eine Olympische Entscheidung findet. „Es gibt viele Gründe, darunter auch sicherheitstechnische, warum wir diesen Kurs nicht als Basis einer Olympischen Marathonstrecke hernehmen können. Die 13 Kilometer stadtauswärtsführende Strecke sei vor allen Dingen für die Wege der erwartet, Zig-Tausenden Zuschauer ein Hindernis. Die IAAF würde „diese Strecke wahrscheinlich nicht akzeptieren“, so Kawano. Improvisation ist gefragt.
 
Das ist nun ohnehin das Motto der Marathon-Olympia-Vorbereitung.