Die wirksamste Tablette ist Sport

© SIP / photocase

© SIP / photocase
Medikamentenmissbrauch ist ein Thema, das auch bei Freizeitsportlern mitläuft. Wie viele Läufer greifen vor Training oder Wettkampf zur schmerzstillenden Pille? Sollen wir uns um die Gesundheit in der Laufsportszene Sorgen machen? Wir glauben nicht. Aber wir dürfen nicht die Augen davor verschließen und müssen um Aufklärung bemüht sein.
Dieser Artikel von Chefredakteur Roland Romanik wurde in der Frühjahrs-Ausgabe 2018 des Laufmagazins RunUp veröffentlicht. Die Herbstausgabe 2019 mit dem Schwerpunktthema „(Leistungs-)Grenzen“ erhalten Sie ab sofort bei Ihrem Kiosk. Weitere Artikel aus früheren Ausgaben können Sie vollständig im RunUp-Archiv einsehen.
 
 
Au, das schmerzt. Auch wenn die Untersuchungsergebnisse zum Teil irreführend, unseriös und aus Gründen von simplen Rechenfehlern zweifelhaft erscheinen, überrascht der Anteil an Laufsportlern, die sich angeblich durch die Einnahme von schmerzstillenden Medikamenten im Training und vor oder während eines Wettkampfs einem gesundheitlichen Risiko aussetzen. Mehr als die Hälfte der Starter sollen es beim Bonn Marathon 2009 gewesen sein. In Boston griffen 2002 angeblich sogar zwei Drittel der Läufer vor dem Marathon zur Schmerztablette, 2010 in Berlin beim Marathon die Hälfte aller Starter, beim Jungfrau Marathon 1998 wiederum jeder Dritte. Nur ein geringer Teil der Befragten in Bonn gab an, er habe das Analgetikum irgendwann vor dem Start eingenommen, weil er Schmerzen verspürt habe. Und der Rest? Meldungen wie die Bonn-Studie entfalten trotz wissenschaftlich fehlerhafter Bewertungen ihre Alarmwirkung in der Öffentlichkeit.
Zu einem ganz anderen Ergebnis kam die Testung von Hobbyläufern im Jahr 2013 beim Grand Prix von Bern, einem Straßenrennen über 10 Meilen mit mehr als 14.000 Teilnehmern. Damals wurden 151 ambitionierte Amateurläufer zur Dopingkontrolle gebeten. Bei nur neun Proben bzw. knapp 6 Prozent wurden Spuren von entzündungshemmenden oder schmerzlindernden Mitteln wie Aspirin oder Voltaren festgestellt. Die Verwendung solcher Mittel ist auch Leistungssportlern erlaubt. Im Fall von Bern, einer repräsentativen Studie, betrifft es einen vergleichsweise kleinen Teil der Laufteilnehmer. Es gibt also keinen Grund, in große Sorge um die Gesundheit der Laufsportszene zu verfallen. Dennoch muss man über die Verwendung von Schmerzmitteln im Freizeit­sport diskutieren. Sorglosigkeit wäre ein schlechter Ratgeber.
 

Die Frage ist: warum?

Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Krämpfe, Magengeschwüre, Blutungen im Magen-Darm-Trakt, erhöhte Darmwanddurchlässigkeit, Nierenversagen, Herzinfarkt, Hyponatriämie – was sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Pathologie-Lexikons liest, ist ein Auszug aus der langen Liste möglicher Folgen, die bei der häufigen Einnahme von Medikamenten im Sport auftreten können. Der sorglose Umgang mit Medikamenten ist vor allem bei den Experten eine ungeliebte Begleiterscheinung. „Wir alle sollten uns intensiv mit der Frage beschäftigen, aus welchem Grund der Sportler zum Schmerzmittel greift. Warum nimmt er es?“ Dr. Robert Fritz ist Sportmediziner und Leiter des Medical Centers beim Vienna City Marathon. Mit seinem Expertenteam der SPORTordination berät er Laufsportler bei gesundheitlichen Anliegen. „Manche unterdrücken einen Infekt mit fiebersenkenden Schmerzmitteln und glauben, dass sie fit für den Wettkampf sind, weil sie gerade keine Schmerzen haben.“ Die Empfehlung des Mediziners heißt dann oft Startverzicht. Es müsse aber nicht gleich ein schlimmer Infekt sein: Schon ein schmerzendes Knie, eine beleidigte Achillessehne, ein überlastetes Sprunggelenk seien Grund genug, ein Analgetikum zu schlucken. Das ist offenbar zum schlechten Brauch in der Szene geworden. Es darf aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass in den Teilnehmerfeldern bei Laufveranstaltungen viele Läufer sind, die aufgrund einer medizinischen Indikation wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen Medikamente nehmen müssen.
 

Ein Mythos sorgt für Panik

Fritz, selber begeisterter Ausdauersportler, macht auch nicht den Leistungsdruck für die Einnahme von Tabletten hauptverantwortlich. Und eine Abhängigkeit von Medikamenten sei bei Freizeitsportlern nur in Einzelfällen zu finden. Der häufigste Grund, warum Läufer zur Pille greifen, ist für Fritz die Angst vor unangenehmen Konsequenzen, die ihn mit Fortdauer des Rennens ereilen könnten. Ein Gespenst geistert in vielen Köpfen herum – der oft zitierte „Mann mit dem Hammer“. „Die Läufer haben Angst vor Schmerzen, die im Laufe des Wettkampfs auftreten könnten“, weiß Fritz. „Dass diese Probleme – es sind ja eigentlich nicht wirklich Schmerzen – nach Kilometer 30 hauptsächlich einer Kohlenhydrat-Unterversorgung geschuldet sind, will nicht in die Läuferköpfe. Schlimm ist, dass sie die Tabletten vorbeugend schlucken.“ Der Mangel an Kohlenhydraten gehe mit einem Mangel an Training oder einer falschen Energieversorgung beim Rennen einher. Schon in der Vorbereitung sei es auf keinen Fall ratsam, Beschwerden sofort und über einen längeren Zeitraum mit Medikamenten zu lindern. „Wenn die Schmerzen nach zwei, drei Tagen nicht verschwinden oder intensiver werden, ist das ein Warnsignal des Körpers. Und die Tablette ist leider eine dumme Idee, diesen Alarm auszuschalten.“
 

Gelegenheit macht Liebe

Das Angebot an Medikamenten mit schmerzstillender und entzündungshemmender Wirkung ist groß und verlockend für Freizeitsportler, auch weil die meisten Mittel rezeptfrei erhältlich sind. Die Pillen, die im Läufermagen verschwinden, lassen sich zum Großteil einer Gruppe von Schmerzmitteln zuordnen, die in der Medizin als nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) bezeichnet werden. Dazu gehören hauptsächlich Acetylsalicylsäure (wie Aspirin), Diclofenac (wie Voltaren), Paracetamol und Ibuprofen. Es gibt noch andere Gruppen, die aber selten verwendet werden. Wirkung und Gefahren dieser NSAR sind für die Sportler nur schwer einzuschätzen. Zwischen angeblicher Verletzung und Medikamenteneinnahme ist oft kein Zusammenhang zu finden. Wie unser Sportmediziner betont, würden Schmerzmittel ohne medizinische Indikation (im Sinne einer Verletzung) eingenommen. Oft sollen dadurch Muskel- und Gelenksschmerzen oder auch nur körperliche Müdigkeit überdeckt werden. Die regelmäßige Verwendung von NSAR hat neben ihren Nebenwirkungen auch negativen Einfluss auf Anpassungsvorgänge in den Muskeln, Sehnen und Bändern. Fritz weist aber auf andere Gefahren hin. „Magen, Niere, Herz sind die am meisten betroffenen Organe. Der Magen ist im Wettkampf ohnehin unterversorgt und schlecht durchblutet, weil das Blut für die Muskeln benötigt wird. Schmerzmittel fördern Übelkeit, Magenblutungen und erhöhen die Darmdurchlässigkeit.“ Die Niere wiederum könne nicht mehr ordentlich als Filter arbeiten.

„Schmerzmittel hemmen die Hormone, die den Blutfluss in der Niere fördern und eine bessere Ausscheidung von Schadstoffen bewirken. Bei langen Belastungen kommt dann möglicherweise noch eine Dehydrierung dazu, das kann im schlimmsten Fall zu einem kompletten Nierenversagen führen.“ Da Schmerz­tabletten das Enzym Cyclooxygenase hemmen, das unser Herz schützt, können bei Läuferinnen und Läufern auch Herz­probleme auf­treten.
Vor allem Bluthochdruckkandidaten laufen unter Medikamenteneinfluss mit dem Risiko eines Herzinfarkts oder Hirnschlags. Als weiteres gutes Argument, auf Schmerzmittel zu verzichten, führt unser Experte die Blutgerinnung an. Aspirin könne schon in geringer Dosis die Gerinnung für Tage beeinträchtigen. Nicht auszudenken, wenn etwa nach einer Verletzung die Blutgerinnung nicht richtig funktioniert oder sogar eine dringende Operation nötig wäre.
 

Viele Alternativlösungen

Fritz schätzt, dass mindestens drei Viertel der Medikamente ohne ärztliche Verschreibung genommen werden. „Durch die Einnahme von Analgetika verschleiert der Sportler die Schmerzen, er wird sie am Ende aber trotzdem – und noch viel stärker spüren. Die Wirkung steht in keiner Relation zu den Nebenwirkungen.“ Außerdem haben leichte Entzündungen, die durch die regelmäßige Einnahme von NSAR gehemmt werden, nicht nur negative Auswirkungen. Eine Trainingsanpassung funktioniert auch über Entzündungsvorgänge im Körper.
Die regelmäßige Einnahme solcher Medikamente hemmt somit eine gute Entwicklung. Als Alternative zur Tablette empfiehlt Fritz andere Methoden wie TCM. Auch mit einer gezielten Physiotherapie könne der Sportler den Schmerzen auf den Grund gehen. „Die Ursache zu bekämpfen ist deutlich sinnvoller, als nur das Symptom abzuschalten.“ Gute Erfahrungen hat Fritz auch mit pflanzlichen Enzympräparaten gemacht. Enzyme sind hochaktive Eiweißstoffe, die fast alle biochemischen Reaktionen in unserem Körper steuern, u.a. die Heilungsprozesse nach Verletzungen, die Energiegewinnung und Blutgerinnung. Nebenwirkungen gibt es so gut wie keine. Enzympräparate sind zwar nicht billig, stellen aber eine empfehlenswerte Option dar.
 

Der Wettkampf als Belohnung

Wie ist dem Medikamentenmissbrauch im Sport am besten beizukommen? „Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung.“ Diese sei in erster Linie durch die behandelnden (Haus-)Ärzte nötig. Eine gute Beratung der Sportler sei entscheidend, Vor- und Nachteile einer medikamentösen Therapie müssten abgewogen werden. „Das beste Medikament für den Menschen ist die Bewegung. Sport ist wichtig für unsere Gesundheit, aber er soll auch Spaß machen. Wir sind erwachsene Menschen, die selber entscheiden müssen, was für uns gut ist. Verbote bewirken nichts, das wissen wir von unseren Kindern. Wenn ich nicht fit bin, soll ich die Finger von einem Start oder von Experimenten mit Tabletten lassen.“ Fritz bringt es auf den Punkt, mit welcher Einstellung jeder Läufer in ein Rennen gehen soll: „Ein Wettkampf ist immer die Belohnung für ein gutes Training.“