Laufsportfremde Inszenierung

Wien ist am vergangenen Sonntag Zeuge eines außergewöhnlichen Sportereignisses geworden. Eliud Kipchoge hat mit Leidenschaft, Überzeugung, sportlicher Leistung und das alles eingebettet in Botschaften der Inspiration die ehemals als utopisch angesehene 1:59er-Zeit auf der Marathon-Distanz realisiert. Damit hat er sich einen Lebenstraum erfüllt. Und veranschaulicht, wozu vorbildlich arbeitende Menschen bei der Umsetzung ihrer herausragenden Talente heutzutage fähig sind. Schneller, höher, stärker – der innere Trieb nach stetiger Weiterentwicklung der Menschheit hat durch die INEOS 1:59 Challenge einen wahren Höhepunkt erlebt. Dass diese Inszenierung auf österreichischem Boden stattfinden konnte, ist ein Glück für die heimische Laufszene, aber auch für österreichische Lauf-Events als Attraktion für die globale Laufszene. Insbesondere der Vienna City Marathon wird von der weltweiten Strahlkraft dieses Events sehr profitieren.
 
Blog Johannes Langer: Es ist vollbracht
 

Der Laufsport ist groß genug für beides.

IAAF-Präsident Sebastian Coe hat bei den Weltmeisterschaften in Doha gesagt, die Leichtathletik und der Laufsport im spezifischen wären groß genug für beides. Die IAAF weiß um die bedeutende Stellung des ersten sub-2-Marathons der Geschichte als „einen der größten bahnbrechenden Meilensteine“ der Leichtathletik-Historie. Mit beidem meinte Coe offizielle Marathon-Weltrekorde (Eliud Kipchoge, Berlin 2018: 2:01:39) und Inszenierungen für den Traum einer sub-2-Zeit (Eliud Kipchoge, Wien 2019: 1:59:41). Denn eine Trennlinie und daher klare Unterscheidung muss gezogen werden und ist für die Zukunft, bis eine sub-2-Zeit bei einem regulären Marathon realisiert werden kann, fair. Aus drei Gründen erkennt der Leichtathletik-Weltverband mit seinem Regelkatalog die Leistung Kipchoges im Wiener Prater nicht als offiziellen Weltrekord an:
 
1. Kipchoge genoss die Unterstützung von sieben Tempomachern (anstatt des regeltechnisch definierten Maximums von drei pro Gruppe) und diese Tempomacher wechselten alle 4,8 Kilometer. Laut IAAF-Regeln sind bei Marathons während des Rennens einsteigende, frische Pacemaker nicht erlaubt. Die Inszenierung mit insgesamt 36 eingesetzten Pacemakern war eine wesentliche Unterstützung für Kipchoge.
2. Kipchoge erhielt während seines Laufs die Verpflegung von seinem Manager Valentijn Trouw direkt vom Fahrrad gereicht und damit praktisch auf dem Silbertablett serviert. Das mag zwar nicht Minuten einsparen, aber es verhindert eine Unterbrechung des Lauf-Rhythmus, was bei einer derartigen Lauf-Geschwindigkeit eine wichtige Komponente ist.
3. Es fand kein Rennen statt. Denn zu einem sportlichen Wettbewerb gehören zumindest drei Teilnehmer. Die INEOS 1:59 Challenge war jedoch eine Inszenierung für einen Teilnehmer, eine Art Mannschaftszeitfahren für den Kapitän, um einen Quervergleich zum Radsport zu ziehen, der Hauptkompetenz von INEOS. Im Radsport sind Straßenrennen und Etappen mit Massenstart auf der einen und Einzel- oder Mannschaftszeitfahren auf der anderen Seite auch getrennte Disziplinen.
 
RunAustria hat daher nicht umsonst das gesamte Wochenende darauf geachtet, von einem „inszenierten Rennen“ zu sprechen. Streng genommen, war es eine reine Inszenierung. Dass der Wettbewerb fehlte, war ein erheblicher Mangel im Vergleich zum typischen Laufsport, der mittlerweile bei mehreren Tausend Marathonläufen auf der ganzen Welt zelebriert wird. Der faszinierende Kampf Mann gegen Mann, offene Wettbewerbe um den Sieg und um Stockerlplätze sind ein wesentliches emotionales Element, das den Marathon ausmacht. Besonders in Wien weiß man das: In den letzten Jahren waren die Rennen beim Vienna City Marathon bei Kilometer 41 regelmäßig noch offen und demnach hochspannend – ob im direkten Duell oder in einer spannenden Verfolgungsjagd. Kipchoge rannte dagegen in einem eindrucksvollen Tempo gegen eine vorgegebene Zeitentabelle durch den Prater, an die sich ein Auto strikt hielt. Überraschungsfaktor: null. Das Auto war programmiert auf eine Zeit von 1:59:40, Kipchoge erreichte diese Zeit bis auf zwei Zehntelsekunden. Rund 1:59 Stunden lang lief der Lauf konstant und ohne die kleinste Änderung ab, ausgenommen die Pacemaker-Wechsel. 42,195 Kilometer lang wirkte Eliud Kipchoge physisch und mental so dermaßen stark, dass er am Ende eine unfassbar starke Leistung irgendwie normalisierte. Es war ein sporthistorischer Durchbruch, den der Meister des Marathons leicht aussehen ließ.
 

Dass der Wettbewerb fehlte, war ein erheblicher Mangel im Vergleich zum typischen Laufsport.

Keine Frage, die Zehntausenden Zuschauer entlang der Strecke, die mitunter aus vielen Ländern nach Wien gereist sind, sorgten für den vielleicht stimmungsvollsten und sicherlich Aufsehen erregendsten Zieleinlauf, den die österreichische Laufszene je gesehen hat. Dieser Augenblick war auch deshalb besonders, weil es der einzige bunte Farbtupfer des Rennens war und sich maßgeblich von den gleichbleibenden, ersten 41,5 Kilometern abhob. Der Zieleinlauf weckte sicherlich bei jedem Zeitzeugen starke Emotionen, die ob der sporthistorischen Bedeutung auch tief wirkten. Seit Jahren beobachte ich den Vienna City Marathon genauso live vor Ort, bisher hinterließ jede dieser Austragungen von Österreichs größtem Lauf-Event deutlich länger andauernde und dynamischere emotionale Spuren in mir. Weil im Vienna City Marathon echter, wahrer Sportsgeist steckt, anders als bei einer auf dem Reißbrett entworfenen Inszenierung. Dies soll die perfekte Durchführung der INEOS 1:59 Challenge als das, was sie war, nicht schmälern. Denn es war ein „anderer Marathon“. Als lokaler Veranstalter leisteten die Experten des Vienna City Marathon für diese Variante des Marathons einen exzellenten Beitrag, genauso wie sie es seit vielen, vielen Jahren als hauptverantwortlicher Veranstalter des Wiener Breitensport-Spektakels im April machen.
Dieser geschilderte, subjektive Eindruck soll der berechtigten Begeisterung über eine sportliche Leistung der Sonderklasse keinen Abbruch tun. Eliud Kipchoge ist schließlich nicht nur der beste Läufer aller Zeiten, sondern auch die beeindruckendste und einflussreichste Persönlichkeit der aktuellen Laufszene. Wenn er spricht, hängt ihm die Medienwelt an den Lippen. Mit seiner Intelligenz und durch seine Vorbildfunktion zieht der die globale Laufszene in den Bann und repräsentiert den Sport wie kein anderer. Alleine dass so ein VIP der Sportgeschichte Österreich besucht hat, ist eine Sensation.
Schade nur, dass Kipchoge zumindest bis am Tag nach seiner Riesenleistung der Öffentlichkeit praktisch komplett entzogen wurde. Den Blick, den die Laufsport-Fans während des Laufs auf Kipchoge hatten, war tagelang der Beste. Der Superstar wurde vom INEOS-Team, das vom Team des London Marathon unterstützt wurde, abgeschottet wie ein Besuch, der die öffentliche Sicherheit gefährden würde. Nicht einmal bei den beiden viel zu kurz geratenen Pressekonferenzen am Donnerstag und Samstag hatte jeder Journalist die Möglichkeit, Kipchoge live zu sehen. Das Medienzentrum war viel zu klein, die Medienvertreter wurden in eine Container gepfercht, der dem Anlass überhaupt nicht würdig war, oder durften im Obergeschoss bei leisem Ton fernsehen. Auch am Tag des Events war der Zugang für Journalisten zum Streckenrand viel zu klein dimensioniert, die mediale Arbeit dadurch erheblich unattraktiver. Etliche Medienvertreter äußerten ihren Ärger darüber. Nur die eigenen INEOS-Medien genossen ausführlichen Kontakt zu den Hauptprotagonisten. So wurden etwa einige Pacemaker von INEOS-internen Medien blockiert, ehe sie zu den lange wartenden Journalisten geleitet wurden – etliche wurden überhaupt gleich an der Mixed-Zone vorbei begleitet. Diejenigen, die auf die Journalisten zugingen, zeigten das wahre Gesicht des Laufsports und gaben geduldig, aufmerksam und ausführlich Antworten. Gleichzeitig hatte aber die Pressekonferenz mit Eliud Kipchoge bereits begonnen und viele Medienvertreter hätten auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen müssen, um alle Interessen zu befriedigen.
 

Viele Medienvertreter hätten auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen müssen.

Zahlreiche Dokumente und Dokumentationen belegen: Wenn Eliud Kipchoge spricht, ist er der beste Botschafter des Laufsports. Man könnte ihm stundenlang zuhören. Nicht nur 30 Minuten Pressekonferenz am Donnerstag und die knappe Viertelstunde am Samstag. Schade, dass INEOS diese Chance ausgelassen hat. Da aber nicht davon auszugehen ist, dass sich INEOS beim Zeitrahmen verschätzte oder das globale Interesse am Event unterschätzte, unterstelle ich dem finanzstarken Veranstalter der Challenge absichtliches Vorgehen. Offensichtlich sollte nichts von der gelungenen Umsetzung der monatelangen, akribischen Vorbereitungen des Projektteams und natürlich von jener Zahl, die nun in die Sportgeschichte eingeflossen ist, ablenken. Dabei war die Gefahr von Ablenkung gering. Nicht ein Medienvertreter hatte beispielsweise am gesamten Wochenende die aufgrund des Kontextes, sowohl der Sportart als auch des Veranstalters, legitime Frage zum Anti-Doping-Programm der INEOS 1:59 Challenge auf dem Zettel. Welchen Eindruck wollte das INEOS-Team also mit dieser Abschottung erwecken?
Verhärtet hat sich in den Tagen von Wien jedenfalls jener, dass INEOS nicht viel von Zusammenarbeit mit den Medien halten mag. Eine unwürdige und unprofessionelle Informationspolitik und eine fast peinliche Planung stehen konträr zum detailverliebten Gesamtauftritt. Ein hoch interessantes Meeting mit Patrick Sang und drei Pacemakern am Freitagnachmittag, zu dem es überdies keine offiziellen Einladungen gab, weshalb die zahlreiche Anwesenheit von Medienvertretern eine Überraschung war und schlicht die Sehnsucht nach solchen Angeboten demonstrierte, war ein Affront gegenüber Kollegen der schreibenden Presse, die diesen Termin aus Zeitgründen nicht für eine spannende Berichterstattung nutzen konnten.
 

Die Laufszene zeichnet sich aus durch Offenheit, Superstars zum Angreifen, auskunftsfreudige Hauptprotagonisten.

Und genau hier bewegte sich INEOS so weit vom Laufsport weg wie irgendwie möglich. Denn die Laufszene zeichnet sich aus durch Offenheit, Superstars zum Angreifen, auskunftsfreudige Hauptprotagonisten. Ob bei Leichtathletik-Meetings oder Straßenläufen. Die aktuelle österreichische Marathon-Elite ist das beste Beispiel dafür – stets erreichbar, stets interessiert an Zusammenarbeit mit Journalisten, stets diskussionsfreudig. Ob beim Vienna City Marathon, Berlin Marathon, Frankfurt Marathon usw. – die Harmonie zwischen Spitzenläufer und Journalisten funktioniert dort grundsätzlich auf einem hohen Niveau. Auch mit einigen Pacemakern in Wien, egal ob ein verdienter x-facher WM- und Olympia-Medaillengewinner wie Bernard Lagat oder ein 19-jähriger Jungspunt wie Jakob Ingebrigtsen. Die Stars der Szene nehmen sich viel Zeit für Fans und Medienvertreter, das ist ein Aushängeschild des Laufsports.
Und eine große Stärke des Marathons: In dieser Disziplin starten Weltrekordhalter, Olympiasieger und Weltklasseläufer von der gleichen Startlinie, absolvieren die exakt selbe Strecke und holen sich hinter der Ziellinie bei der gleichen Verpflegungsstelle Getränke wie die Genusssportler, die doppelt bis dreimal so viel Zeit auf der Laufstrecke verbringen. So gelten für den Superstar auf der Marathonstrecke dieselben Regeln (mit ein paar Privilegien) wie für den Hobbyläufer, der sich einmal im Leben an das Abenteuer Marathon heranwagt. Diese einzigartige Gemeinsamkeit zwischen Profi- und Freizeitläufer, die eine attraktive Besonderheit der Marathon-Szene ausmacht, gab es bei der INEOS 1:59 Challenge nicht. Nicht nur, weil es kein breitensportliches Event war.