„Ein Bannister-Moment für den Marathon“

Eliud Kipchoges Pacemaker. © Bob Martin for The INEOS 1:59 Challenge

Ein großer Teil der weltweiten Laufelite wird Eliud Kipchoge am morgigen Samstag dabei unterstützen, als erster Mensch der Sportgeschichte die Marathon-Distanz in einer Zeit unter zwei Stunden zu absolvieren. Oder wie Henrik Ingebrigtsen bei einem Medientermin mit drei Tempomachern und Eliud Kipchoges Coach Patrick Sang formulierte: „ein Bannister-Moment für den Marathon“. Doch so simpel will Bernard Lagat die Aufgabe der insgesamt 41 Pacemaker nicht darstellen: „In erster Linie geht es natürlich darum, dass wir unseren Job richtig machen. Wir unterstützen hier einen Freund und seine Botschaft, die eine sehr wichtige ist. Wenn du sehr gut vorbereitet bist und Barrieren im Kopf abbaust, kannst du genau das schaffen, was du schaffen möchtest. Diese Inspiration verkörpert Eliud mit allem seinen Tun.“ Und Ingebrigtsen ergänzte: „Schlussendlich helfen wir Eliud nicht nur beim Ziel, als Erster einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Wir unterstützen ihn bei seinem Willen, aus dem Marathon eine noch großartigere Disziplin zu machen.“
 

Eliud Kipchoges Pacemaker. © Bob Martin for The INEOS 1:59 Challenge
Sechs Captains für Kipchoge

Dass Kipchoge morgen mit Start um 8:15 Uhr auf der Reichsbrücke die Zeit von zwei Stunden unterbietet, darüber herrschte am heutigen Nachmittag Einigkeit. „Eliud verdient es, weil er mit vollster Hingabe auf dieses Ziel hinarbeitet, mental enorm stark ist und es ihm gelingt, alle blockierende Elemente auszuschalten“, findet sein Erfolgstrainer Patrick Sang. Die Tempomacher haben die Aufgabe, Kipchoge abzuschirmen. Sechs Tempomachergruppen, die alle eine Distanz von 4,8 Kilometern absolvieren, kommen zum Einsatz. Jede Gruppe hat ihren Captain, der unmittelbar vor Kipchoge läuft – und zwar auf der farblich markierten Ideallinie. „Referenzlinie“, wie Bernard Lagat, Captain der startenden Pacemakergruppe, sie nannte. Die Tempomacher werden nicht alle vor Kipchoge laufen, sondern auch seitlich und hinter ihm – ihn sozusagen abschirmen. Diese Idee stammt aus psychologischen Erkenntnissen.
 

„Kein Problem“

Die Pacemaker machen einen lockeren Eindruck. Julien Wanders erzählt von einer guten Stimmung: „Wir arbeiten seit drei Tagen zusammen und es hat sich ein guter Teamspirit entwickelt.“ Vor der Aufgabe wird ihm als Weltklasse-Straßenläufer nicht bange: „Ich fühle keinen Druck. Für uns ist es kein Problem, diese Pace fünf Kilometer lange zu gehen. Über die Gesamtdistanz eines Marathons wäre das natürlich etwas ganz anderes. Aber ich freue mich, hier zu sein. Ich genieße es immer zu Laufen, egal wo ich bin.“ Auf die Problematik der Wechsel angesprochen sagte Henrik Ingebrigtsen: „Solange jeder seine Position genau hält, sollte es kein Problem sein. Ich denke, das ist eine Aufgbe, mit der jeder umgehen kann.“ Die Pacemaker werden exakt in dieser Formation laufen, die einige von ihnen beim Testevent in Wien eingeübt haben.
 

„Don’t panic!“

Der fast 45-jährige Lagat,d er seine spitzensportliche Karriere eigentlich bereits beendet hat, sprach aus seiner Sicht respektvoller über die geplante Pace von 2:50 Minuten pro Kilometer, wirkte aber vor seiner Aufgabe entspannt und gibt Einblick in seine Ära als Spitzenläufer auf den Mittel- und Langstrecken: „Früher, als ich bei vielen Rennen von Pacemakern profitierte, war meine Schlüsselbotschaft vor dem Rennen an sie immer: ,Don’t panic! Trust yourselves!’ Ich konnte oft die Nervosität in ihren Augen sehen, die Angst davor, dass die Aufgabe hart sein würde. Daher habe ich versucht, sie zu bestärken und die Stimmung mit ein paar Witzchen aufzulockern. Das war damals für mich aufgrund der Position, in der ich steckte, leichter als heute, wo ich am anderen Ufer stehe. Aber, auch aufgrund dieser Erfahrungen, werde ich nicht besorgt sein und auf den Boden blicken, sondern mental gut vorbereitet so zu laufen, wie wir es geplant haben.“
 

Historische Bedeutung

Wenn Eliud Kipchoge morgen seinen Meilenstein setzt, ist nicht nur die Stadt Wien und die Prater Hauptallee auf ewig mit diesem Ereignis verbunden, sondern auf kleinerer Ebene sicherlich auch die 41 Pacemaker, die, würden sie ihre Medaillen und Titel zusammenlegen, einen ordentlichen Hügel produzierten. Diese Grenzüberschreitung würde eine neue Ära begründen. „Jede einzelne Sekunde, die Eliud morgen unter zwei Stunden bleibt, führt uns zum nächsten Level unserer Denkweise“, erklärt Sang. Das Alleinstellungsmerkmal dieses Meilensteins wird dann laut dem Coach nicht lange erhalten bleiben. „Sportler trainieren alle hart. Aber möglicherweise haben sie zu geringe Limits in ihrem Kopf. Wenn andere eine besondere Leistung erbringen, haben alle plötzlich höhere Ziele in ihrer täglichen Denkweise und arbeiten konsequent darauf hin. Diese höheren Limits sind dadurch begründet, dass irgendeiner diese Leistungen realisiert hat“, so Sang.
 

Laufevents verbessern das Leben

Die Startzeit der INEOS 1:59 Challenge wurde auf 8:15 Uhr festgelegt und ist damit angesichts des vordefinierten Zeitfensters sehr zuschauerfreundlich. „Ich bin 100%ig davon überzeugt, dass die Fans einen bedeutenden Einfluss auf Eliuds Leistung haben werden“, betont Sang. Dass der Event morgen unabhängig vom Ausgang eine große Strahlkraft hat und Leute vom Laufsport begeistert wird, steht für ihn außer Frage. Auch in Österreich, dem Austragungsort. „Ich habe Österreich als Land mit vielen tollen Laufevents kennengelernt. Ich kenne natürlich den Vienna City Marathon, aber auch die Marathons in Linz und Salzburg. Sie sind alle sehr gut organisiert und helfen, Österreicher zu einem besseren Platz zum Leben zu machen.“
 
 
INEOS 1:59 Challenge
Vienna City Marathon