„Man kann nur an die Vernunft appellieren“

© SIP / Johannes Langer

Wer Marathon läuft, muss vollkommen gesund an der Startlinie stehen. Das ist die vernünftige Voraussetzung für ein großes Laufvergnügen. Dr. Holger Förster erklärt im RunUp-Interview, worauf Marathon-Läufer besonders achten müssen.
Dieses Interview wurde in der Marathon-Ausgabe 2016 des Laufmagazin RunUp veröffentlicht. Die Herbstausgabe 2019 mit dem Schwerpunktthema „(Leistungs-)Grenzen“ erhalten Sie ab sofort bei Ihrem Kiosk. Weitere Artikel aus früheren Ausgaben können Sie vollständig im RunUp-Archiv einsehen.
 
 

© SIP / Johannes Langer
Run Up: Es ist unbestritten, dass Laufen sich positiv auf die Gesundheit eines Menschen auswirkt. Oft hört man auch aus medizinischen Kreisen: Laufen ist gesund, aber Marathonlaufen schadet dem Körper. Begründete Vorsichtsparolen oder reine Panikmache?
Dr. Holger Förster: „Man muss diese Diskussion differenzierter sehen. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass Langstreckenlauf oder Marathon schlecht für den Körper ist. Entscheidend ist die Vorbereitung und wie man sich und den Körper auf den Marathon hin adaptiert. Einerseits das Herz-Kreislauf-System und die Lungenkapazität, andererseits – und das ist noch viel wichtiger – der passive Bewegungsapparat: Wie sind Gelenke, Sehnen, Bänder auf diese Belastungen eingestellt. Ein gesunder Körper, und das sollte man vorher in einer sportmedizinischen Untersuchung erörtern, kann nicht geschädigt werden, solange das Maß stimmt. Dabei sprechen wir von zwei bis drei Marathons pro Jahr, dazwischen Training und Wettkämpfe über kürzere Distanzen. Spitzensport ist ausgeklammert. Jemand, der Langstreckenlauf als Leistungssport betreibt, geht ganz bewusst über die Grenzen des Verträglichen hinaus und kann damit auch seinen Körper schädigen.“
Marathon ist eine große Belastung für das Herz-Kreislauf-System, eine deutliche Vervielfachung der Enzyme im Blut ist klar messbar. Das bedeutet, Abbauprodukte der Muskulatur werden frei und zwar nicht nur von Skelettmuskeln, sondern auch vom Herzmuskel. Das sind Vorgänge, die die Muskulatur schädigen. Deswegen ist es dringend notwendig, Regenerationszeiten zu beachten, damit sich das System wieder erholen kann. Da bringt der Leistungssport Probleme mit sich, die beachtet werden müssen. Wenn man Marathon als Hobby betreibt, sich ordentlich auf den Wettkampf vorbereitet – und da sprechen wir von einer Vorbereitung von mehreren Monaten bis hin zu einigen Jahren (!) – wenn man diverse Wehwehchen immer ernst nimmt, wenn man sich gewissenhaft ernährt, sich danach ausreichend regeneriert, ist Marathonlaufen kein Problem.“
 
Erklären Sie sich diese skizzierte Panikmache dadurch, dass viele die notwendige Vorbereitung auf einen Marathon unterschätzen?
„Genau. Die Leute nehmen die Herausforderung Marathon manchmal nicht so ernst und sagen: ,Einmal in meinem Leben möchte ich Marathon laufen.’ Und irgendwie schafft man das dann auch, trotz schlechter Vorbereitung. Dieser Läufer ist dann mit seinem Organsystem komplett am Ende und hat wochenlang alle möglichen Beschwerden, was ihn dann veranlasst zu sagen: ,Marathon ist das schlimmste! Wie kann man nur?’ Eine gute Vorbereitung, medizinisch betreut, von einem Trainer betreut, ist beim Marathon dringend empfehlenswert.“
 
In welchem gesundheitlichen Zustand muss sich ein Körper befinden, dass ein Marathonstart unbedenklich ist?
„Der Läufer muss internistisch gesund sein – Herzkreislauf, EKG, Lungenfunktion. Die Muskulatur muss entsprechend vorbereitet sein, das Blutbild sollte in Ordnung sein. Das ist der eine Punkt, der zweite ist die Leistungsfähigkeit: Da holt man sich am besten die Rückmeldung vom Trainer.“
 
Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Wie hoch ist der Anteil der Marathonläufer, die das notwendige Bewusstsein für eine vernünftige Vorbereitung haben?
„Ein Läufer, der im Verein trainiert, weiß, was er tut. Hobbyläufer, die sich abseits von einem organisierten Verein vorbereiten, stolpern oft über Internet-Weisheiten, die sie nicht richtig bewerten können. In Österreich ist ein Marathon-Start ohne Nachweis einer sportmedizinischen Untersuchung erlaubt. Natürlich ist es sehr zu empfehlen, vor einem Marathon einen Sportarzt aufzusuchen. Denn viele Läufer kommen mit Risikofaktoren zur Startlinie und betreiben den Sport wieder als Risiko.“
 
Welche Rolle spielen Medikamente, die Läufer in der Vorbereitung eingenommen haben?
„Der Hobbysportler macht genau denselben Blödsinn wie die Spitzensportler, die dann in der Zeitung stehen. Schmerzmittel, Doping oder andere leistungssteigernde Substanzen wie Koffein, die halt zur Verfügung stehen, damit das persönliche Ziel erreicht wird. Man muss sich eines vor Augen halten: Schmerzmedikamente wirken gegen Entzündungen. Auf der anderen Seite sind aber gerade jene Zellen, die bei Entzündungen frei werden, wichtig für den Körper, um auf den Trainingsreiz zu reagieren. Das ist erstrebenswert, weil das dazu führt, dass sich die Muskeln anpassen. Das heißt, die Verwendung von Schmerzmitteln ist sogar ein Nachteil für den Sportler. Zudem sind Schmerzen immer ein ernstzunehmendes Alarmsignal, das vom Körper sinnvoll gesetzt wird. Mit solch verfehlten Maßnahmen riskiert der Hobbyläufer auf seinem Niveau genauso seine Gesundheit wie der Leistungssportler auf seinem.“
 
Im vergangenen Jahr sind beim Wachau Marathon zwei Marathonläufer unmittelbar nach der Zielankunft zusammengebrochen und verstorben. Inwieweit lässt sich das Risiko minimieren?
„Hier muss man ganz klar differenzieren: Einer der beiden Läufer war schon herzkrank, der hätte niemals starten dürfen! Wenn man sich vorher kardiologisch anschauen lässt, dann hat man das meiste Risiko ausgeschlossen. Man kann das Risiko minimieren, auf null kann man es allerdings nie setzen.“
 
Bei den besonders tragischen Fällen ist es das Herz, das versagt. Welche Punkte muss man beachten, um das Herz auf die hohen Belastungen eines Marathons bestmöglich vorzubereiten?
„Das Herz ist genauso ein Muskel, der trainiert und vorbereitet werden muss wie jeder Skelettmuskel. Der Läufer merkt, dass seine Herzfrequenz durch Ausdauertraining sinkt. Das Herz wird voluminöser und kann mehr Blut pro Minute pumpen. Das Herzschlagvolumen wird größer, die Frequenz kleiner. Somit bleibt das Minutenvolumen gleich, aber das Herz arbeitet ökonomischer. Das Herz ist ein gut trainierbarer Muskel, mit seiner Entwicklung steigt die Leistungsfähigkeit des Menschen. Ein gut trainiertes Herz hält auch den Alltagsstress besser aus und ist gewappnet gegen psychische Belastungen.“
 
Bei welchen auftretenden Symptomen würden Sie einem Läufer wenige Tage vor einem Marathon von einem Start abraten?
„Bei Infektzeichen jeglicher Art, egal ob Magen-Darm-Infekte oder Grippe. Das kann fatale Folgen haben. Außerdem bei Herz-Rhythmus-Störungen, Durchblutungsstörungen und Schwindelattacken.“
 
Manchmal wollen Läufer nach monatelanger disziplinierter Vorbereitung ein ärztliches Abraten von einem Marathon-Start aufgrund einer Erkältung oder ähnlichem nicht akzeptieren. Welche überzeugende Argumente würden Sie vorbringen, dass es zu einem vernünftigen Umstimmen kommt?
„Ich kann nur an die Vernunft appellieren. Mit meiner medizinischen Erfahrung würde ich von einem Start abraten, weil der Körper ruiniert wird. Ich würde die betroffene Person fragen, ob es ihr Wert ist, dieses Risiko einzugehen, dass es ihr letzter Lauf sein könnte. Das kann man in einer solchen Situation nur so klar verdeutlichen. Denn es ist ein Problem, wenn das Veto des Arztes nicht exekutiert werden kann.“
Leider nehmen viel zu wenig Läufer den medizinischen Check, der längst nicht bei allen Marathons angeboten wird, in Anspruch. Wahrscheinlich, weil sie eben genau diese Angst haben, dass der Arzt von einem Start abratet. Jeder will seine persönlichen Ziele mit viel Sportsgeist erreichen und dafür wird manchmal die eigene Gesundheit geopfert.“
 
Wenn der Marathon geschafft ist und der Läufer glücklich das Ziel erreicht hat: Wodurch kann der Regenerationsprozess unterstützt werden?
„In den Stunden direkt nach dem Zieleinlauf sollte man warm duschen, eine Massage genießen, den Körper mit ausreichend Flüssigkeit versorgen, genügend Kalorien nachschieben und ausgiebig schlafen. Nach zwei, drei Tagen ist leichte Bewegung sehr wichtig, um alle Abbauprodukte, die entstanden sind, abzubauen. Ins Training sollte man erst nach ein bis zwei Wochen wieder einsteigen. Der Körper braucht nach den Belastungen eines Marathons diese Ruhepause.“
 
 
Dr. Holger Förster betreibt seit über 40 Jahren Wettkampfsport. Seine Spezialität sind die Mittelstrecken. Seit vielen Jahren läuft er in seiner Altersklasse im nationalen und europäischen Spitzenfeld über 800m und 1.500m.
Neben seinen ausgeprägten sportlichen Aktivitäten ist der laufende Kinder- und Sportarzt aus Osttirol auch gesellschaftspolitisch sehr aktiv, unter anderem im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention oder als Vize-Präsident der europaweit tätigen Internationalen Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin.