Klosterhalfen gewinnt bei Obiris Titelverteidigung Bronze

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In ihrer ersten Enttäuschung nach Rang vier über 10.000m hatte Hellen Obiri ihren Start im 5.000m-Lauf aufgrund einer langen Saison kurzzeitig in Frage gestellt. Eine Frustreaktion. Denn die Kenianerin hatte noch genügend Kräfte für ein großartiges 5.000m-Finale in ihrem Körper. Der 29-Jährigen gelang es, die Herausforderung Konstanze Klosterhalfen als ihre Hauptgegnerin zu lösen, knackte die Deutsche mit einer nicht immer rhythmischen Tempogestaltung und einer überzeugenden Beschleunigung während der letzten Runde, die die Entscheidung schlussendlich fallen ließ, bevor ein etwaiger Endspurt die dortige, leichte Schwäche der kenianischen Crosslauf-Weltmeisterin aufdecken konnte. Vor ihrer überraschend starken Landsfrau Margaret Kipkemboi verteidigte als vierte Läuferin der Geschichte dieser Disziplin nach ihrer Landsfrau Vivian Cheruiyot, der Äthiopierin Tirunesh Dibaba und der Rumänin Gabriela Szabo ihren WM-Titel. Konstanze Klosterhalfen holte dank ihrer erwartet starken Darbietung die erste deutsche WM-Medaille im 5.000m-Lauf und die erste globale Medaille in ihrer noch jungen Karriere. Und weil Rekorde an diesem denkwürdigen Abend im Khalifa Stadion nicht fehlen durften: Obiri unterbot in einer Zeit von 14:26,72 Minuten den WM-Rekord der Äthiopierin Almaz Ayana aus dem Jahr 2015 um 0,11 Sekunden.
 
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Als perfekte Tempomacherin zum WM-Titel

Das Stadion in der katarischen Hauptstadt stand noch unter dem Eindruck der Fabelleistung von Sifan Hassan über die 1.500m, als der Startschuss für das 15-köpfige Starterfeld erfolgte. Eilish McColgan setzte sich gleich an die Spitze, ehe nach knapp einem Kilometer Hellen Obiri das Ruder übernahm. Die Kenianerin absolvierte an der Spitze vor der jungen Äthiopierin Tsehay Gemechu und der Schottin den ersten Kilometer in einer Zeit von 2:56,90 Minuten. Einen Tick schneller, 2:55,58 Minuten, war das zweite Fünftel, womit Obiri sich als perfekte Tempomacherin für das weit aufgereihte, aber noch geschlossene Feld gab. Am Ende sollten elf der 15 (!) Final-Teilnehmerinnen eine persönliche Bestleistung erzielen – besonders untypisch für Langstreckenrennen bei internationalen Meisterschaften.
Nun erhöhte die amtierende Crosslauf-Weltmeisterin das Tempo und noch vor der Zwischenzeit bei 3.000 Meter teilte sich das Feld in eine sechsköpfige Spitzengruppe mit drei Kenianerinnen, zwei Äthiopierinnen und Klosterhalfen als stärkste Europäerin, eine vierköpfige Verfolgergruppe mit den Britinnen Laura Weightman und Eilish McColgan sowie der stärksten US-Amerikanerin Karissa Schweizer und dem Rest. Nach einer Teilzeit von 2:51,89 Minuten für den dritten Kilometer forcierte die kenianische Titelverteidigerin erneut, um wenig später das Tempo zu drosseln. Einen ähnlichen Verlauf gab es auch schon im 5.000m-Rennen der Männer, bei dem es ebenfalls eine erfolgreiche Titelverteidigung zu vermelden gab. Nach dem langsamsten Kilometer im Rennen (3:00,69) wurde die sechsköpfige Spitzengruppe zusammengestaucht. Konstanze Klosterhalfen hielt taktisch geschickt und sichtlich mühelos die Position, seitlich versetzt, hinter Obiri. Die Ausgangsposition für den ganz großen Coup schien angesichts der bis dahin mühelosen, aber enorm fokussierten Vorstellung der 22-Jährige angerichtet.
 

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Letzte Runde zermürbt die Konkurrenz

Doch dann zog Obiri auf der vorletzten Runde das Tempo ganz langsam, aber konstant wieder an und warf 430 Meter vor dem Ziel noch einen abrupten Tempowechsel ein. Nun ging die Post ab. Klosterhalfen und Kipkemboi hetzten der Führenden nach, Obiri jagte mit weitem Armschlag die Gegengerade hinunter. Die erhoffte Lücke ging nicht auf, noch immer klebte Klosterhalfen auf ihrer Lauerposition. Doch dann, rund 110 Meter vor dem Ziel, ging doch eine Lücke auf und Obiri hatte wie geplant die Vorentscheidung erzwungen. In 14:26,72 Minuten vergoldete sie ihre taktisch hervorragende Leistung und sprach in die Mikrophone: „Ich habe hart für diesen Erfolg gearbeitet.“ Die 26-jährige Kipkemboi, WM-Fünfte von London und Silbermedaillengewinnerin bei den Commonwealth Games 2018 hinter Obiri, stürmte auf der Zielgerade noch an der Deutschen vorbei und sicherte sich in einer persönlichen Bestleistung von 14:27,49 Minuten die Silbermedaille. Klosterhalfen verbuchte in einer Zeit von 14:28,43 Minuten die Bronzemedaille und feierte ebenfalls ihren bis dato größten Erfolg. „Auf der Zielgerade konnte ich nicht mehr in die Waagschale werfen“, sagte Klosterhalfen, deren Spikes gebrochen waren, nach dem Rennen und gab zu bedenken: „Vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, eine WM-Medaille über 5.000m gewinnen zu können.“ Die 22-Jährige ist die erste in Europa geborene Athletin seit Marta Dominguez aus Spanien im Jahr 2003, die Edelmetall über 5.000m holte. Dominguez wurde später, als sie zum 3.000m-Hindernislauf gewechselt war, übrigens des Dopings überführt.
Angesichts des historischen Ereignisses eine halbe Stunde davor, sei der ungerechtfertigte Einwurf aus der im Sport zurecht bedeutungslosen Rubrik „hätti, tati, wari“ erlaubt: Obiri und Klosterhalfen waren die größten Profiteure davon, dass sich Sifan Hassan gegen die 5.000m und für die 1.500m entschieden hatte. Denn in dieser Form hätte die Holländerin auch dieses Rennen wohl dominiert. Und noch eine, dieses Mal reale und statistisch bedeutende Gemeinsamkeit hatten Obiri und Klosterhalfen: Die beiden waren Teil des Quartetts, das ihre „Hausrekorde“ nicht verändern konnten. Was einzig und allein ihren starken Vorleistungen geschuldet ist.
 

Reichlich Bestleistungen

Den größten – wäre sie nicht erst 18 Jahre alt und damit möglicherweise ein heranreifender Star der Zukunft wäre das Attribut „absurd“ der richtige Ausdruck – Sprung machte die junge Äthiopierin Tsehay Gemechu, die ihre persönliche Bestleistung um fast eine halbe Minute auf eine Zeit von 14:29,60 Minuten steigerte und glänzende Vierte wurde. Dass Äthiopien erstmals seit Athen 1997 im 5.000m-Lauf der Frauen ohne Edelmetall blieb, konnte sie freilich nicht verhindern. Dieses historische Ereignis kam nicht unerwartet. Neben Klosterhalfen schafften es mit den Britinnen Laura Weightman (14:44,57) und Eilish McColgan (14:40,47) zwei weitere Europäerinnen in die Top-Ten, jeweils mit persönlichen Bestleistungen, die sie auf den Rängen drei und vier der ewigen britischen Bestenliste klassieren. Beste Amerikanerin wurde Karissa Schweizer in einem „Hausrekord“ von 14:45,18 Minuten, nun Nummer fünf der US-amerikanischen Bestenliste. Die erste neuseeländische WM-Finalistin im 5.000m-Lauf, Camille Buscomb glänzte erneut mit einer Bestleistung wie auch die Japanerin Nozomi Tanaka. Beide sind nun die Nummer zwei der Bestenliste ihrer jeweiligen Länder hinter Kimberley Smith bzw. Kayoko Fukushi. Die 20-jährige Japanerin wird sich angesichts der Laufzeit von 15:00,01 Minuten freilich geärgert haben, dass ein Wimpernschlag nicht nur ihren Gunsten ausgefallen ist.
 

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Ergebnis 5.000m-Lauf der Frauen, WM 2019

Gold: Hellen Obiri (Kenia) 14:26,72 Minuten *
Silber: Margaret Kipkemboi (Kenia) 14:27,49 Minuten **
Bronze: Konstanze Klosterhalfen (Deutschland) 14:28,43 Minuten
4. Tsehay Gemechu (Äthiopien) 14:29,60 Minuten **
5. Lilian Rengeruk (Kenia) 14:36,05 Minuten **
6. Fantu Worku (Äthiopien) 14:40,47 Minuten **
7. Laura Weightman (Großbritannien) 14:44,57 Minuten **
8. Hawi Feysa (Äthiopien) 14:44,92 Minuten
9. Karissa Schweizer (USA) 14:45,18 Minuten **
10. Eilish McColgan (Großbritannien) 14:46,17 Minuten
11. Elinor Purrier (USA) 14:58,17 Minuten
12. Camille Buscomb (Neuseeland) 14:58,59 Minuten
13. Andrea Seccafien (Kanada) 14:59,95 Minuten
14. Nozomi Tanaka (Japan) 15:00,01 Minuten
15. Dominique Scott (Südafrika) 15:24,47 Minuten
 
* WM-Rekord
** persönliche Bestleistung
 
 
WM-Zeitplan
Leichtathletik-Weltverband
Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Doha