WM-Marathon der Männer, Vorschau: „Kein Harakiri, aber Spitzengruppe“

© VCM / Leo Hagen

Als Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) bei den Europameisterschaften von Berlin im Sommer 2018 erstmals das rot-weiß-rote Trikot des Nationalteams bei einer internationalen Meisterschaft im Marathonlauf überstreifte, überraschte er viele nationale und internationale Fachleute damit, dass er zwei Drittel der Renndistanz aktiv mitgestaltete. Was damals unerwartet kam, sollte am Samstag niemand mehr überraschen. Denn Harald Fritz, Trainer des gebürtigen Äthiopiers, macht aus der Marschrichtung für seinen Schützling kein Geheimnis: „Lema wird sich an der Spitze orientieren, aber er wird nichts Verrücktes machen.“ Heißt im Rahmen eines aufgrund der harten Bedingungen erwartbaren, taktisch zu Beginn langsam geführten Lauf: „Lema geht in eine vernünftige Spitzengruppe, riskiert aber kein Harakiri.“ Dass Österreichs Marathon-Rekordhalter im Gegensatz zu vielen europäischen Kollegen beim WM-Marathon in Doha am Start ist, steht auf zwei Fundamenten. Erstens war es sein Wunsch, da er weiß, gut mit Hitze umgehen zu können und dass ihm Rennen mit Meisterschaftscharakter entgegenkommen. Und zweitens hat er sich mit dem Vienna City Marathon in einer Zeit von 2:10:44 Stunden vorzeitig für die Olympischen Spiele von Tokio qualifiziert und steht daher nicht unter Druck, im Herbst 2019 eine schnelle Zeit für die Platzierung in der Weltrangliste liefern zu müssen.
 
 
Bewerb: Marathonlauf der Männer
Startzeit: Samstag, 5. Oktober um 23:59 Uhr Ortszeit (22:59 Uhr MEZ)
Olympiasieger 2016: Eliud Kipchoge (Kenia) *
Titelverteidiger: Geoffrey Kirui (Kenia)
Rekord-Weltmeister: Abel Anton (Spanien), Jaouad Ghraib (Marokko) und Abel Kirui (Kenia) mit je zwei WM-Titeln
Erfolgreichste Nation: Kenia mit fünf WM-Titeln
WM-Rekord: Abel Kirui (Kenia) in 2:06:54 Stunden (Berlin 2009)
Weltjahresbestleistung: Kenenisa Bekele (Äthiopien) in 2:01:41 Stunden (Berlin) **
Favorit: Das Trio aus Äthiopien
Österreichischer Teilnehmer: Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik)
 
* kein WM-Start, Kipchoge läuft eine Woche später die INEOS 1:59 Challenge in Wien
** kein WM-Start, Bekele absolvierte vor einer Woche den Berlin Marathon
 
 

© VCM / Leo Hagen
Sportlich ist Ketemas Ausgangsposition deutlich besser als jene von Edwin Kemboi (LAC Klagenfurt), der 2015 in Peking chancenlos war, und Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr), der 2017 in London ein sehr gutes Rennen zeigte und als 23. die bisher beste ÖLV-Platzierung in einem weltmeisterlichen Marathon klarstellte. Zwar haben 38 der 81 gemeldeten Teilnehmer (eine offizielle Startliste gibt es noch nicht, Anm.) eine stärkere persönliche Bestleistung als Ketema, doch die Erfahrungen aus vielen WM-Rennen und speziell aus dem WM-Marathon der Frauen mit den Doha-spezifischen Voraussetzungen zeigen, dass Meisterschaftsmarathons auch andere Voraussetzungen fordern als nur in einem Rhythmus in gepacten Gruppen schnell zu laufen und dass viele frühzeitig aussteigen. Ein gutes Beispiel: Der Italiener Daniele Meucci hat eine um eine Sekunde langsamere Bestleistung als Ketema, war aber Europameister 2014, WM-Achter 2015 und WM-Sechster 2017. „Wäre ich im Juli gefragt worden, hätte ich gesagt: Top-Ten ist unser Ziel. Jetzt sage ich, ein Platz unter den ersten 20 wäre in Ordnung“, sagte Fritz bei der ÖLV-Pressekonferenz in Wien vor eineinhalb Wochen. Dazwischen gab es das Problem mit dem Ischiasnerv, welches sich Ketema bei einer physiotherapeutischen Behandlung während des Trainingslagers holte und welches seine Vorbereitung auf die Halbmarathon-Staatsmeisterschaften in Klagenfurt beeinträchtigte. Fritz bestätigte, dass der physische Zustand seines Athleten nun wieder gut ist. Der letzte Belastungsblock konnte plangemäß durchgeführt werden. Dabei kompensierte Ketema vieles, was er durch die lange Trainingspause verpasst hatte.
 
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Hohe Temperaturen als Geheimwaffe

Das Ass im Ärmel des 33-Jährigen ist neben dem gestiegenen Selbstvertrauen durch die Erfolge in letzter Zeit die Eigenschaft, gut mit Hitze umgehen zu können. Das zeichnete ihn auch bei der EM in Berlin aus, die Wetterverhältnisse in Doha werden allerdings deutlich anspruchsvoller und vielleicht der Vorteil für Ketema dadurch noch größer. Die Vorhersagen für die Lufttemperatur sind mit 31°C. ungefähr im Bereich jener beim Frauen-Marathon am vergangenen Freitag. Einen Unterschied zu Gunsten der Männer gibt es allerdings, die Luftfeuchtigkeit soll bei knapp über 50% liegen und damit wesentlich geringer ausfallen als bei den Frauen. Fritz unterstrich die Gabe Ketemas, gut mit Hitze umgehen zu können. Denn „die meisten Ostafrikaner, die in der Höhe leben, wo Temperaturen um 25°C schon eine Hitzewelle bedeuten“, sind gar nicht so hitzeresistent wie vielfach angenommen, wie Fritz betont. Der Startschuss fällt wieder um eine Minute vor Mitternacht. Ein vom direkten Zuschauerinteresse vor Ort stimmungstechnisches Trauerspiel droht.
 

Äthiopier in Favoritenrolle

Sportlich wird das Starterfeld von den Äthiopiern angeführt – und das ist bei Weltmeisterschaften nicht selbstverständlich. Erst einmal, 2001 in Edmonton, gewann mit Gezahegne Abera ein Äthiopier die WM-Goldmedaille. Zuletzt schaffte es fünfmal zumindest ein Äthiopier auf das Stockerl. Der frisch entthronte äthiopische Rekordhalter Mosinet Geremew ist laut Papierform der stärkste Läufer. In einer Fabelzeit von 2:02:55 Stunden musste er sich beim London Marathon lediglich Eliud Kipchoge geschlagen geben. Der 27-Jährige ist der beste Freund in der Szene von Lemawork Ketema, die beiden trainieren tagtäglich gemeinsam, wenn Ketema in Äthiopien verweilt. Auch die restliche Besetzung lässt sich sehen: Lilesa Desisa und Mule Wasihun. Desisa ist zweifacher Boston-Champion und Sieger des New York City Marathon 2018, bei Weltmeisterschaften gewann er 2013 Silber hinter Stephen Kiprotich. Wasihun überraschte beim London Marathon 2019 mit einer Zeit von 2:03:16 Stunden. Interessant ist, dass Desisa als Titelverteidiger vom New York City Marathon als Elite-Teilnehmer vor den Marathon am 4. November präsentiert, der äthiopische Verband hat aber vor wenigen Tagen angekündigt, seinen WM-Startern einen Marathonstart in den drei Monaten nach der WM zu untersagen. Mutmaßlich, um „taktischen“ Aufgaben während des WM-Marathons das Wasser abzugreifen.
 

Geoffrey Kirui beim WM-Triumph in London. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein
Titelverteidiger als Außenseiter

Als Titelverteidiger geht der Kenianer Geoffrey Kirui ins Rennen, der seinem Heimatland vor zwei Jahren den fünften WM-Titel im Marathon schenkte. Damals wurde der heute 26-Jährige als Marathon-Held beinahe in einem Atemzug mit Eliud Kipchoge genannt, schließlich hatte er mit dem Boston Marathon und dem WM-Marathon gleich zwei World Marathon Majors in Folge gewonnen. Doch während Kipchoge seinen Höhenflug noch einmal forcierte, hat Kirui, der noch nie unter 2:06 Stunden gelaufen ist, deutlich an Gunst verloren. Die missglückte Titelverteidigung bei den Horror-Bedingungen des Boston Marathon 2018 sei ihm verziehen. Mit Rang sechs beim Chicago Marathon und Platz fünf beim diesjährigen Boston Marathon konnte er nicht an frühere Erfolge anschließen. Eine erfolgreiche Titelverteidigung in Doha wäre überraschend – doch in jede sportliche Prognose muss die Komponente äußere Bedingungen mit eingeflossen werden lassen. Die weiteren Kenianer im Rennen sind Amos Kipruto, Laban Korir und der zweifache Paris-Marathon-Sieger Paul Lonyangata. Damit schickt Athletics Kenya kein schlechtes Quartett ins Rennen, doch keiner der vier ist jemals in die Regionen gelaufen, die als Weltklassezeiten bekannt sind. Dass das beim WM-Marathon von Doha kein entscheidendes Kriterium ist, darauf bauen auch die Kenianer. Dass das kenianische Nationalteam wie von den Verbandsfunktionären versprochen gut vorbereitet ist, bewies der Frauen-Marathon.
 

Ambitioniertes Ziel für Ex-Weltmeister Kiprotich

Nahezu alle Medaillenanwärter kommen aus Afrika. Uganda schickt ein starkes Trio mit Ex-Weltmeister Stephen Kiprotich, Fred Musobo, Dritter beim Daegu Marathon in 2:06:56 Stunden, und Solomon Mutai, WM-Medaillengewinner 2015 in Peking, ins Rennen. Kiprotich, der als einer der wenigen Ugander im Nachbarland Kenia trainiert und da in der prominenten Trainingsgruppe von Patrick Sang rund um Eliud Kipchoge und Geoffrey Kamworor, hat seit dem WM-Titel von Moskau 2013 keinen Marathon mehr gewonnen. „Es ist ein ambitioniertes Ziel, aber ich will eine Medaille gewinnen. Darauf habe ich mich die letzten drei Monate gezielt vorbereitet“, so der 30-Jährige.
Außenseiterchancen haben auch Alphonce Simbu, Bronzemedaillengewinner von London 2017, und Augustino Paulo Sulle aus Tansania, Stephen Mokoka aus Südafrika und der ehemalige Halbmarathon-Weltrekordhalter Zersenay Tadese aus Eritrea. Zum engeren Kreis der Medaillenkandidaten sollte auch El Hassan El Abassi zählen, der als für den Bahrain laufender Marokkaner möglicherweise die klimatischen Bedingungen am ehesten gewohnt ist. Der 35-Jährige ist bis zum vergangenen Jahr nie als außergewöhnlicher Marathonläufer in Erscheinung getreten, ehe er beim Valencia Marathon wie Phönix aus der Asche zu einem Asienrekord von 2:04:43 Stunden stürmte.
 

Abraham einer der stärksten Europäer

Viele europäische Nationen sahen im WM-Marathon 2019 in der Hoffnung, die ostafrikanischen Laufhochburgen würden nur B-Besetzungen nach Doha schicken, gute Chancen auf vordere Platzierungen, die es für Europa allerdings bei Weltmeisterschaften immer gegeben hat. Auch bei starken ostafrikanischen Besetzungen so wie heuer. Die letzte europäische Medaille im Marathon liegt allerdings dennoch bereits einige Jahre zurück: Viktor Röthlin gewann 2007 beim Hitzemarathon von Osaka die Bronzemedaille. Letzter europäischer Marathon-Weltmeister war der Spanier Abel Anton beim Heimspiel in Sevilla vor 20 Jahren.
Zu den aussichtsreichsten Europäern im Rennen zählt der Schweizer Tadesse Abraham, Vize-Europameister von Berlin und Zweiter beim diesjährigen Vienna City Marathon. Es ist der zweite WM-Start des 37-jährigen Olympia-Siebten von Rio: 2015 lief er in Peking lange in der Spitze und fiel im Finale auf den 19. Platz zurück. 2017 verpasste er die WM verletzungsbedingt. Ein starkes Team stellen die Italiener mit Ex-Europameister Daniele Meucci, Yassine Rachik, der heuer in London eine Zeit von 2:08:05 Stunden gelaufen ist, und Eyob Faniel, der im laufenden Kalenderjahr noch keinen Marathon gelaufen ist.
 

Hawkins mit akribischer Vorbereitung

In London war der Schotte Callum Hawkins der beste Europäer, als er Vierter wurde. Heuer zeigte sich der 27-Jährige beim London Marathon in einer Zeit von 2:08:14 Stunden wieder topfit, allerdings hat er eine negative Erfahrung mit Hitze gemacht. Beim Marathon der Commonwealth Games in Gold Coast kollabierte er unter der brütenden australischen Sonne kurz vor dem Ende in Führung liegend auf dramatische Art und Weise. Ein Jahr brauchte Hawkins, um sich von diesem körperlichen und mentalen Schock zu erholen. „Das wichtigste ist, dass durch den Start um Mitternacht keine direkte Sonneneinstrahlung vorherrscht. Ich habe herausgefunden, dass das das schlimmste Element sein kann“, beschwichtigte der Schotte. Hawkins bereitete sich intensiv auf die Bedingungen in Doha vor: in Trainingslagern in Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona und im Sommer auf Mallorca, wenn er in der Heimat war in einem Laborraum an der University of the west of Scotland, wo die Doha-Bedingungen simuliert wurden. Die finale Vorbereitung absolvierte er gemeinsam mit dem gesamten britischen Team in Dubai.
Zu den weiteren starken Europäern im Rennen zählen der französische 10.000m-Europameister Morhad Amdouni, der Türke Kemboi Polat Arikan und eben ÖLV-Hoffnung Lemawork Ketema. Bei extremen Wetterbedingungen immer ein heißer Tipp ist Yuki Kawauchi, der seinen Marathons teilweise ungeachtet der Verhältnisse wie ein Uhrwerk absolviert. Die Wetterbedingungen bei seinem größten Erfolg in Boston 2018 waren aber gänzlich konträre als er in Doha erleben wird.
 
 
WM-Zeitplan
Leichtathletik-Weltverband
Leichtahletik-Weltmeisterschaften 2019 in Doha