800m-Lauf der Männer, Vorschau: Brazier vor der Krönung der Saison

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Die US-amerikanische Leichtathletik-Geschichte ist zweifelsohne auch auf den Laufdistanzen reich an glorreichen Kapiteln. Ein ganz besonderes schrieb Dave Wottle, der Zeit seiner Karriere 800m-Läufe pflegte, bei denen er in der Schlussphase von ganz hinten nach ganz vorne stürmte und dank seiner Endschnelligkeit unter anderem die Olympische Goldmedaille in München 1972 gewann. Das war das letzte Mal, als ein US-amerikanischer 800m-Läufer bei einem globalen Event vom obersten Treppchen lachte. Zuletzt gewann Nick Symmonds 2013 bei den Weltmeisterschaften von Moskau die Silbermedaille, davor Rich Kenah 1997 in Athen Bronze. Bei Olympischen Spielen bejubelten zuletzt Clayton Murphy (2016) und Johnny Gray 1992 Bronzemedaillen. Doch in diesem Jahr verkörpert Donavan Brazier die US-amerikanischen Goldhoffnungen. Spätestens seit dem Startverzicht von Nijel Amos, dessen Achillessehne schmerzte, ist er der klare Favorit auf WM-Gold im 800m-Lauf. Wie Wottle vertraut er auf einen sensationellen Schlussspurt.
 
 
Bewerb: 800m-Lauf der Männer
Startzeit: Dienstag, 1. Oktober um 22:10 Uhr Ortszeit (21:10 Uhr MEZ)
Olympiasieger 2016: David Rudisha (Kenia) *
Titelverteidiger: Pierre Ambroise Bosse (Frankreich) **
Rekord-Weltmeister: Wilson Kipketer (Dänemark) mit drei WM-Titeln
Erfolgreichste Nation: Kenia mit sechs WM-Titeln
WM-Rekord: Billy Konchellah (Kenia) in 1:43,06 Minuten (Rom 1987)
Weltjahresbestleistung: Nijel Amos (Botswana) in 1:41,89 Minuten (Monaco) ***
Favorit: Donavan Brazier (USA)
* wegen massiver Rückenprobleme ohne Wettkampf in der Saison 2019
** im Halbfinale gescheitert
*** verpasste die WM wegen Problemen an der Achilessehne
 
 
Amos und Brazier hatten die bisherige Saison dominiert. Der Tempobolzer aus Botswana gewann die Diamond-League-Rennen in Doha, Rabat und in Weltjahresbestleistung in Monaco, verlor aber zweimal in Rom und beim Diamond-League-Finale in Zürich. Beide Male gegen den endschnellen Brazier, der sich beim Diamond-League-Auftakt in Doha hinter Amos einreihen musste. Der 22-jährige US-Meister trainiert im Nike Oregon Project unter Alberto Salazar, das mit Sifan Hassan einen fantastischen WM-Auftakt erlebte (siehe RunAustria-Bericht), und kündigte sein außergewöhnliches Talent seit Jahren an. Heuer, einer Saison, die keine gesundheitlichen Probleme für ihn brachte, stieß er gnadenlos in die Weltspitze vor und verpasste den US-amerikanischen Landesrekord in Zürich in einer Zeit von 1:42,70 Minuten nur haarscharf. Braziers großer Trumpf ist neben seiner starken Saison sein vehementer Endspurt, der wie in Rom oft auf den letzten Metern noch Wunderdinge vollbringen kann.
 
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Zweiter Medaillenkandidat aus dem NOP

Doch Weltmeisterschaften sind kein normales Rennen und hier liegt eine Herausforderung für den jungen Mann, der bei seiner ersten WM vor zwei Jahren im Halbfinale hängen blieb. Erstmals steht er in einem großen, internationalen Finale und dann ist er auch noch der große Favorit. Eine mentale Belastung, die der US-Boy standhalten muss. Zu seinen Hauptkonkurrenten in Doha gehört ein Teamkollege im NOP, Clayton Murphy, Olympia-Dritter von Rio und heuer in der Diamond League neben Platz drei in Rabat gleich viermal Fünfter. Da mit Amos und Brandon McBride aus Kanada, der im Halbfinale hängen blieb, zwei Läufer fehlen, die in der Diamond League regelmäßig schneller waren als der 24-Jährige, ist eine WM-Medaille statistisch wahrscheinlich.
 

Eine Frage der Strategie(n)

Schlussendlich entscheidet wie schon so oft die Taktik im Rennen. Mit Wesley Vazquez, der im Halbfinale mit einem irren Frontrun nur haarscharf an seinem eigenen puertoricanischen Landesrekord gescheitert ist, ist der Protoyp eines Läufers, der loslegt wie die Feuerwehr und hofft, irgendwie mit dem letzten Prozent Kraft die Ziellinie zu erreichen. Der 25-Jährige könnte damit das Rennen bestimmen und so manchem Mitstreiter in die Suppe spucken, der auf ein „gemütliches“ Rennen hofft, bei dem alles im Endspurt entschieden wird. So ein Typ ist Amel Tuka aus Bosnien und Herzegowina, der heuer wieder erstarkt ist und im Halbfinale einen starken Eindruck hinterlassen hat. Er greift nach seiner zweiten WM-Medaille nach Bronze in Peking 2015.
Um die Phalanx der Medaillenkandidaten abzurunden: Die Kenianer haben nur einen ihrer drei WM-Teilnehmer ins Finale gebracht. Besonders überraschend war das Scheitern von Emmanuel Korir wie schon in London 2017. Aber Ferguson Rotich, Zweiter der Weltjahresbestenliste noch vor Brazier, ist gut in Schuss und schien im Halbfinale noch Reserven zu haben. Neben einem Sieg in London gelangen ihm während dieser Diamond-League-Saison noch zwei zweite Plätze in Lausanne und Monaco, wo er eine persönliche Bestleistung von 1:42,54 Minuten aufstellte. Nur das Finale in Zürich ging daneben. Außenseiter sind der Panamerika-Spiele-Gewinner Marco Arop aus Kanada und der Spanier Adrian Ben, mit 21 Jahren sind sie die beiden jüngsten im Feld, sowie der dritte US-Amerikaner, Bryce Hoppel.
 

WM-Finale ohne Bosse und Kszczot

Europas Topstars der letzten Jahre sind im Finale nicht vertreten. Überraschungsweltmeister Pierre Ambroise Bosse war im Halbfinale meilenweit von einer Final-Qualifikation entfernt. Statistisch noch sensationeller ist das Scheitern des zweimaligen Vize-Weltmeisters Adam Kszczot, auch wenn es während dieser Saison sportliche Indizien zuhauf gab. Der 30-Jährige ist üblicherweise der Meisterschaftsspezialist. Seit 2014 jubelte er bei globalen und kontinentalen Meisterschaften, Freiluft und Halle, fünf Gold- und drei Silbermedaillen. Nur bei den Olympischen Spielen musste er sich nach dem Halbfinale verabschieden, weil der spätere Olympiasieger David Rudisha und der spätere Olympia-Dritte Clayton Murphy am Ende eines taktischen Rennens einen Hauch schneller waren. In Doha zugegebenermaßen fehlte deutlich mehr auf einen der acht Finalplätze.
 
 
WM-Zeitplan
Leichtathletik-Weltverband
Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Doha

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