Uganderinnen als Herausforderinnen der US-Amerikanerinnen

© Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein

Viele offene Fragen brachte die 800m-Welt nach der Startverweigerung gegenüber den DSD-Athletinnen mit nach Doha. Die Weltmeisterschaften 2019 eröffnen eine neue Ära und neben der klaren Favoritenrolle von Ajee Wilson ist nach den WM-Halbfinalläufen von Doha, traditionell auf den Mittelstrecken ein extrem hartes Auswahlverfahren, vieles klarer. Zwei kleingewachsene Läuferinnen aus dem ostafrikanischen Land Uganda, Winnie Nanyondo, die gestern die schnellste Vorlaufzeit erzielt hatte, und Halimah Nakaayi, beide mit einer unheimlich hohen Schrittfrequenz, haben sich als große Herausforderinnen der US-Amerikanerinnen positioniert und bedrohen so manche Wunschvorstellung US-amerikanischer Medien, die von einem Dreifachtriumph, also einem „Sweep“ im Finale am Montag träumen. Nie zuvor in der WM-Geschichte hat eine Läuferin aus Uganda das WM-Finale über 800 Meter bei den Frauen erreicht – nun zählt gleich ein Duo, das gemeinsam unter der Federführung des Trainers Addy Ruoter trainiert, zu den Medaillenanwärterinnen.
 
Redaktionelle Mitarbeit: René van Zee
 
 
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Ein Finale ohne Europa

„Aus 24 mach acht“ lautet die Devise in den Halbfinals über 800m. Nur zwei aus jedem der drei Läufe plus die zwei Läuferinnen mit den schnellsten Zeiten aus dem restlichen Feld konnten sich ein begehrtes Ticket für das Finale sichern. Dementsprechend hart umgekämpft waren alle drei Halbfinalläufe, in denen sämtliche europäische Teilnehmerinnen scheiterten. Die zweifache Europameisterin Nataliya Prishchepa hatte als Fünfte des zweiten Halbfinals ebenso keine Chance wie die zweifache Vize-Europameisterin Renelle Lamote als Sechste im dritten Halbfinallauf und Hallen-Europameisterin Shelayna Oskan-Clarke, die im zweiten Halbfinallauf – bereits geschlagen – voller Erschöpfung wenige Meter vor dem Ziel aus dem Tritt kam und hinfiel. Am nächsten kamen noch die ukrainische EM-Dritte Olga Lyakhova und die Norwegerin Hedda Hynne, die in den ersten beiden Halbfinalläufen jeweils den dritten Platz belegten – insbesondere für die Skandinavierin eine beachtliche Leistung. Die Finalplätze über die Zeitregel wurden aber allesamt im dritten Lauf verteilt. Ein WM-Finale ohne europäische Beteiligung hat es im 800m-Lauf bei Weltmeisterschaften noch nie gegeben (2011 in Daegu wurden alle drei europäischen Final-Teilnehmerinnen, ein russisches Trio, nachträglich wegen Dopingmissbrauchs disqualifiziert, Anm) – ein schwerer Schlag für den europäischen Laufsport.
 

Trost mit toller WM

Mit den Halbfinalläufen endete auch der Premieren-WM-Auftritt von Katharina Trost, die mit dem Einzug in das Halbfinale bereits ihre großen Wünsche erfüllen konnte. Auch im Halbfinale schlug sich die Deutsche gut und hielt mit der höher einzuschätzenden Konkurrenz gut mit. In einer Zeit von 2:01,77 Minuten belegte sie im ersten Halbfinale Rang sieben. „Ich habe alles gegeben, es war toll hier zu laufen“, sagte die 24-Jährige nach dem Rennen. Ihre Landsfrau Christina Hering war genauso wie die Schweizerinnen Selina Büchel und Lore Hoffmann bereits in den Vorläufen gescheitert.
 

Uganda fordert die USA

Einen starken Eindruck hinterließen in den Halbfinalläufen die beiden Uganderinnen. Winnie Nanyondo konkurrierte sich im ersten Halbfinallauf mit der US-Amerikanerin Raevyn Rogers. Die beiden setzten sich deutlich gegen die Konkurrenz durch, am Ende hatte Rogers die Nase in 1:59,57 Minuten knapp vorne. Und im dritten Vorlauf kämpfte Halimah Nakaayi mit allen verfügbaren Waffen. Bereits nach 600 Metern wollte sie dort durchschlüpfen, wo kein Platz war. Die führende Eunice Sum schlug die Tür zu. Eingangs der Zielgerade schob sie die Jamaikanerin Natoya Goule bei Seite, spurtete durch die Lücke und mit hoher Geschwindigkeit zum Halbfinalsieg in der besten Halbfinalzeit von 1:59,38 Minuten. Ex-Weltmeisterin Sum, die nur über die Zeitregel ins Halbfinale aufgerückt war, rettete mit letzter Kraft Rang zwei. Im zweiten Halbfinallauf hatte Ajee Wilson keine Probleme, einen Start-Ziel-Sieg in 2:00,31 Minuten vor der Marokkanerin Rababe Arafi zu feiern.
 

Medaillenchance für die Sprinter-Nation Jamaika

Über die Zeitregel qualifizierten sich Ce’Aira Brown als dritte US-Amerikanerin und die Jamaikanerin Natoya Goule für das Finale. Die traditionsreiche Sprint-Nation präsentiert sich bei der ersten WM in der Ära nach Usain Bolt vielseitig und jubelt neuerdings über Goldmedaillen im Weitsprung. Auch der Mittel- und Langstreckenlauf gehört nicht zur Kernkompetenz der Leichtathletik auf der Karibikinsel, doch die 28-Jährige, die heuer die nationalen Meisterschaften in einer beeindruckenden Zeit von 1:59,50 Minuten gewinnen konnte und im vergangenen Jahr die Bronzemedaille bei den Commonwealth Games holte, hat gute Chancen, die bisher beste jamaikanische WM-Platzierung über 800m von Kenia Sinclair (Rang fünf 2011) zu verbessern. „Mein Ziel ist eine Medaille“, frohlockte sie im Vorfeld. Statistisch zeigten ihre Ergebnisse im Laufe der Saison aber in die falsche Richtung, je näher die WM rückte.
 
 
WM-Zeitplan
Leichtathletik-Weltverband
Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Doha