10.000m-Lauf der Frauen, Vorschau: Hassans Weg zum Superstar

Nach ihrem Hallen-WM-Titel in Portland kam Sifan Hassan verletzungsbedingt nur schwer in die Gänge. © Getty Images for IAAF / Christian Petersen

Traditionell eröffnet ein 10.000m-Lauf die Lauf-Entscheidungen auf der Bahn bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Wer glaubt, um der besonderen Stellung dieser Disziplin eine Ehre zu erweisen, irrt. Es sind rein organisatorische Gründe, weil für die längste Laufentscheidung heutzutage keine Vorläufe mehr ausgetragen werden. Vor zwei Jahren, Lauf-Fans werden sich erinnern, sorgte der WM-Titel von Mo Farah am Ende eines spannenden 10.000m-Laufs für ein tobendes Stadion. Vielleicht ein letztes Aufflackern einer Disziplin, für die viele Experten ein Ablaufdatum sehen. Diskussionen sind nicht neu und flammen immer wieder auf. Abseits von internationalen Meisterschaften spielt sie auf Meetingebene praktisch keine Rolle mehr, bei nationalen Meisterschaften bekommen sie einen wenig Aufsehen erregenden Extratermin. Schade eigentlich, denn die erfolgreichsten Läuferinnen und Läufer aller Zeiten haben zahlreiche ihrer Erfolge über die 25 Stadionrunden gefeiert: Mo Farah, Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele, Tirunesh Dibaba, Vivian Cheruiyot oder Ingrid Kristiansen.
 
 
Bewerb: 10.000m-Lauf der Frauen
Startzeit: Samstag, 28. September um 21:10 Uhr Ortszeit (20:10 Uhr MEZ)
Olympiasiegerin 2016: Almaz Ayana (Äthiopien) *
Titelverteidigerin: Almaz Ayana (Äthiopien) *
Rekord-Weltmeisterin: Tirunesh Dibaba (Äthiopien) mit drei WM-Titeln
Erfolgreichste Nation: Äthiopien mit sieben WM-Titeln
WM-Rekord: Berhane Adere (Äthiopien) in 30:04,18 Minuten (Paris 2003)
Weltjahresbestleistung: Letesenbet Gidey (Äthiopien) in 30:37,89 Minuten (Hengelo)
Favoritin: Sifan Hassan (Niederlande)
Erste Herausforderin: Hellen Obiri (Kenia)
* fehlt in Doha aus gesundheitlichen Gründen
 
 
Bei den Afrikaspielen im August sandte der kenianische Nationaltrainer Julius Kirwa einen Hilfeschrei aus. „Wir schaffen es nicht mehr, 10.000m-Spezialisten auszubilden. Die talentierten Langstreckenläufer widmen sich bereits im Junioren-Alter den Straßenläufen.“ Als Grund sieht der Kenianer den Ausschluss des 10.000m-Laufs als für das TV-Format unattraktive Disziplin von der Diamond League – ein Schicksal, das längst auch den 5.000m-Lauf eingeholt hat. Dass Kenia bei den Männern im Gegensatz zu den Frauen im 10.000m-Lauf auch unter einer historischen WM-Durststrecke leidet, mag die Verzweiflung noch einmal angefacht haben. In Doha sollen die 10.000m-Läufe trotz der negativen Tendenz für sportliche Farbtupfer sorgen. Dafür wurde die Entscheidung der Männer auf das zweite Wochenende verlegt, die Frauen eröffnen den Reigen an Lauf-Entscheidungen auf der pinken Laufbahn im Khalifa Stadion – einen Tag nach dem Marathon der Frauen.
 
 
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Obri bejubelt ihren WM-Titel über 5.000m in London. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein
 

Doppelstart für Obiri und Hassan

Und wer weiß, vielleicht produziert der 10.000m-Lauf von Doha neue 10.000m-Stars, die das langsame Aussterben der Disziplin bremsen können oder sogar eine Wende herbeiführen. Denn nachdem Almaz Ayana aufgrund der langwierigen Folgen einer Knieoperation im vergangenen Jahr ihren Start zurückgezogen hat – und damit auch die Wildcard eines vierten Startplatzes für das äthiopische Team, weil sie nicht in der Lage war, sich im Training in Top-Form zu bringen, sind Hellen Obiri und Sifan Hassan die VIPs in diesem Rennen. Die Äthiopierin, die in den letzten Jahren auf der internationalen Wettkampfbühne fast so selten gesichtet wurde wie ein Tropensturm auf Spitzbergen, hatte die Entscheidungen von Rio 2016 (Weltrekord) und London 2017 in einer eigenen Klasse laufend dominiert. Außerdem ist sie über die 25 Stadionrunden noch ungeschlagen. Dagegen ist Obiri als amtierende 5.000m-und Crosslauf-Weltmeisterin eine Newcomerin auf dieser Distanz und absolviert erstmals das Langstrecken-Doppel bei Weltmeisterschaften. Dasselbe gilt für die Holländerin, die ansonsten sämtliche Distanzen von den Mittelstrecken bis zum Halbmarathon zumindest auf europäischer, immer öfters aber auch auf globaler Ebene dominiert. Auch Hassan wird in Doha zweimal an den Start gehen. Offen ist noch, ob im 1.500m- oder 5.000m-Lauf. Eine Bauchentscheidung, die sie nach den 10.000m fällen will.
 

Vorteil Hassan im Duell gegen Obiri

Jedenfalls kommen die internationalen Lauffans bereits über 10.000m in den Genuss dieses Top-Duells, das eigentlich prädestiniert für die Entscheidung um WM-Gold über die halbe Distanz wäre und vielleicht auch sein wird. Hungrig dürften beide sein, denn sowohl die 29-jährige Kenianerin als auch die 26-jährige, gebürtige Äthiopierin haben über 10.000m auch aufgrund fehlender Gelegenheiten ihr Leistungsmaximum noch nicht erreicht. Obiri, die nigerianische Filme liebt und in der Jugend eine talentierte Sprinterin war, feierte ihr 10.000m-Debüt bei den Kenya Trials und wurde hinter Agnes Tirop Zweite. Auch Sifan Hassan ist erst einen 10.000m-Wettkampf gelaufen, als sie zu Saisonbeginn in Palo Alto gewann. Daher liegen die beiden laut Meldeliste nur auf den Positionen zwölf (Hassan) und 16 (Obiri), sind aber dennoch die beiden aussichtsreichsten Kandidatinnen auf Gold. Auch wenn die 10.000m-Erfahrung fehlt.
„In Kenia ist Laufen eine Leidenschaft. Die ganze Nation trägt Laufschuhe, das Laufen ist Teil unserer Kultur“, sagte Obiri einst. Ob sie das damals auch über den drohend, aussterbenden 10.000m-Lauf gemeint hat? Mit einer guten Show in Doha kann sie jedenfalls gegenlenkend einwirken. Nichts anderes als die Goldmedaille hat sie anvisiert. Bei Sifan Hassan ist die WM-Teilnahme über 10.000m-Lauf aus dem Wunsch ihres Trainers Alberto Salazar entstanden. Der US-Amerikaner hat gleich nach dem Beginn der Zusammenarbeit der beiden Ende 2016 öffentlich gesagt, dass er die Holländerin gerne bei den Olympischen Spielen 2020 auf dieser Strecke sehen würde, weil er ein außergewöhnliches Ausdauer-Talent in ihr erkannt hat. Gewinnt Hassan in Doha am Samstagabend Edelmetall, wäre es die erste europäische seit Jo Pavey in Osaka 2007 – eine aufgrund von einer nachträglichen, Doping bedingten Ergebniskorrektur zustande gekommene. Dank der höheren Grundschnelligkeit, die vor allen Dingen in der Schlussphase Trumpf sein wird, und des gewonnenen Duells beim Diamond-League-Finale in Brüssel über 5.000m, als Hassan Obiri praktisch vorführte, liegt die Rolle der Favoritin auf den Schultern der Holländerin. Will die Kenianerin kontern, muss sie Hassan wohl vor dem Finale abhängen. Ein definitiv anspruchsvolles Unternehmen. Kenianische Journalisten beruhigte sie: „Bleiben Sie ruhig, ich kriege das hin. Ich bin in guter Form.“ Letzte europäische Weltmeisterin war übrigens die Portugiesin Fernanda Ribeiro in Göteborg 1995. Gelingt es Sifan Hassan, diese Durststrecke zu beenden, wäre sie auf dem besten Weg, nicht nur beim Nike Oregon Project, sondern auch in Europas Laufsport zur Nachfolgerin von Mo Farah aufzusteigen.
 

© Getty Images for IAAF / Christian Petersen
Großer Kreis an Medaillen-Anwärterinnen

Immer bei Entscheidungen über die langen Strecken sind die kenianischen und äthiopischen Teilnehmerinnen automatisch Medaillenkandidatinnen. Für Kenia startet neben Hellen Obiri Agnes Tirop, vor zwei Jahren WM-Bronzemedaillengewinnerin, und Rosemary Wanjiru ins Rennen. Keine der liegt in den Top-Sechs der Meldeliste. Aus äthiopischer Sicht ist die deutliche Siegerin der äthiopischen Trials in Hengelo, Letesenbet Gidey das heißeste Eisen im Feuer und vermutlich die größte Herausforderin des Top-Duos Hassan/Obiri. Halbmarathon-Weltmeisterin Netsanet Gudeta und Senbere Teferi, mittlerweile Marathonläuferin und vor vier Jahren WM-Silbermedaillengewinnerin im 5.000m-Lauf, sind die beiden weiteren Äthiopierinnen im Rennen.
Durch das Fehlen von Almaz Ayana und der fehlenden Top-Zeit von Obiri und Hassan kommt es in Doha zur kuriosen Situation, dass die US-Amerikanerin Molly Huddle, WM-Vierte von Peking 2015, die schnellste persönliche Bestleistung hat – und das deutlich. Doch die 35-Jährige, die ihren nordamerikanischen Kontinentalrekord bei den Olympischen Spielen von Rio aufgestellt hat, ist auf den 10.000m nicht mehr so flink wie früher, weil sie mittlerweile in den Marathon gewechselt ist. Auch die zweite US-amerikanischen Teilnehmerin, Emily Sisson ist eigentlich im Marathon zu Hause und dort mit viel Talent ausgestattet. Angesichts der starken Konkurrenz aus Ostafrika und vom Nike Oregon Project ist Edelmetall für die US-Läuferinnen außer Reichweite, vor zwei Jahren waren die beiden Achte und Neunte. Das Trio in „Stars & Stripes“ vervollständigt Marielle Hall.
 

Fünf starke Europäerinnen

Im 25-köpfigen Starterfeld befinden sich lediglich fünf europäische Teilnehmerinnen aus drei europäischen Nationalverbänden – irgendwie ein Indiz, dass der europäische Laufsport diese Disziplin aufgegeben hat. Neben Sifan Hassan läuft Susan Krumins im orangen Dress der Niederlande. Krumins, mit Mädchennamen Kuijken, war vor zwei Jahren in London vorzügliche WM-Fünfte. Auch das schottische Duo Steph Twell, heuer Siegerin beim 10.000m-Europacup in einer beachtlichen Zeit von 31:08,13 Minuten, und Eilish McColgan, Tochter von 1991-Weltmeisterin Liz, sind stark in Form. Die 28-jährige McColgan, die auch eine passable 1.500m-Läuferin ist und ihre Karriere als Hindernisläuferin begonnen hat, hat vor kurzem in schottischen Medien betont, dass sie sich hinblicklich der Olympischen Spiele von Tokio auf die längeren Laufdistanzen konzentriert – dabei war der Start über 10.000m in Doha gar nicht geplant, er erfolgte aufgrund der überraschenden Qualifikation beim Europacup in London. Nach Tokio will sie den Sprung in den Marathon wagen, um 2024 im Olympischen Marathon am Start zu sein. Einen Schritt, den ihre Landsfrau Twell, die in vier Wochen den Frankfurt Marathon bestreiten wird, bereits vollzogen hat. Top-Ten-Platzierungen sind sowohl Krumins als auch den Britinnen zuzutrauen.
 

Alina Reh mit Landsfrau Miriam Dattke bei der U23-EM in Gävle 2019. © SIP / René van Zee
 

WM-Debüt für Alina Reh

Das europäische Quintett komplettiert Alina Reh, U23-Europameisterin und EM-Vierte in dieser Disziplin. Die 22-Jährige feiert bei drückender Abendhitze über Doha ihre WM-Premiere im 10.000m-Lauf, nachdem sie vor zwei Jahren im vorlauf über 5.000m dabei war. Bei der jungen Deutschen stellt sich die wichtige Frage, wie frisch sie nach einer langen und mit dem ersten Saison-Höhepunkt U23-EM garnierten Saison ist, nachdem sie 2018 ein Jahr voller Verletzungsprobleme erleiden musste. Die naturverliebte und heimatverbundene Läuferin arbeitet halbtags als Einzelhandelskauffrau im Lebensmittelladen ihrer Mutter in ihrer schwäbischen Heimat, kann sich ihre Zeit aber stets flexibel einplanen, um in der Vorbereitung wichtiger Wettkämpfe ins Höhentrainingslager reisen zu können. Mit ihrem Coach Jürgen Austin-Kerl arbeitete sie in den letzten Monaten speziell an einer bisherigen Schwäche, die Schnelligkeit. Bei ihrer WM-Premiere hat die Deutsche wenig zu verlieren, ein Platz in den Top-Ten wird allerdings nicht leicht zu erreichen sein.
 
 
Der WM-Zeitplan
Leichtathletik-Weltverband
Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Doha