Wie WM-Rennen statistisch ablaufen

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Drei britische Forscherinnen und Forscher haben die Lauf-Entscheidungen und Gehbewerbe bei den vergangenen drei Leichtathletik-Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 2016 auf die von den Athletinnen und Athleten gewählte Taktik und auf das Renntempo untersucht. Die Analyse veröffentlichten sie in einer Studie im Fachmagazin „Frontiers in Sports and Active Living“ und skizzierten große Unterschiede zwischen den Laufdistanzen und den Geschlechtern.
 

Rhythmuswechsel auf den Langdistanzen

Obwohl die meisten Läuferinnen und Läufer wohl ein gleichmäßig schnelles Tempo bevorzugen, ist dieser Komfort bei globalen Meisterschaftsrennen im 5.000m- und im 10.000m-Lauf selten. Meistens zeichnen sich die Entscheidungen auf den Langdistanzen durch Rhythmus- und Tempowechsel aus, die die Portagonisten taktisch einsetzen, um die Konkurrenz zu ermüden oder sie abzuschütteln. Physisch sind solche unrhythmische Läufe anstrengender als gleichmäßige Tempoläufe.
Taktisch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den Langstreckenläufen der Männer und der Frauen: Während die Männer-Rennen üblicherweise erst im letzten Rennfünftel entschieden werden, fällt die Vorentscheidung in Frauen-Rennen oftmals bereits zur Halbzeit. Die Forscher betonten auch, dass in Meisterschaftsentscheidungen über die Langdistanzen die Routine der Protagonisten ein wesentlicher Faktor ist, da bei Meetings oft gepacte Rennen gelaufen werden.
 

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Frauen suchen eine frühere Vorentscheidung

Für einen Medaillengewinn im 5.000m-Lauf müssen die Männer eine durchschnittliche Zeit von 13:21,37 Minuten anbieten, die Frauen eine Zeit von 14:40,02 Minuten. Im 10.000m-Lauf liegt die durchschnittliche Top-Drei-Zeit bei 27:05,96 bzw. 30:21,17 Minuten. In den 5.000m-Rennen der Männer bleibt das Feld statistisch bis zur Zwischenzeit bei 4.200 Meter eng beisammen. Dann geht die Lücke rasch auf. Die Top-Acht brechen zwischen 4.600 und 4.700 Meter auseinander, hier entsteht ein merklicher Unterschied zwischen den Medaillengewinnern und den Platzierten. Dieser Abstand wird auf den letzten 100 Metern noch einmal deutlich größer. Gänzlich anders verlaufen Frauen-Rennen, wo sich das Feld bereits nach 1.500 Metern beginnt auseinanderzuziehen. Zwar bleibt der durchschnittliche Abstand gering, doch zwischen 1.800 und 3.700 Metern ist bereits ein Unterschied zwischen den Medaillengewinnerinnen und den Top-Acht-Läuferinnen feststellbar. Dieser Abstand wächst anfangs der vorletzten Runde und zum Start der letzten Runde zweimal merklich an und wird interessanterweise auf den letzten 100 Metern noch einmal deutlich geringer. Dies liegt wohl daran, dass die Rennen oft früh entschieden waren.
Im 10.000m-Lauf bleibt das Feld bei den Männern 8.000 Meter lang zusammen, dann teilt es sich in zwei Gruppen. Die Medaillengewinner und die Top-Acht-Platzieren trennen sich 400 Meter vor dem Ende, also genau dann, wenn die Glocke zur letzten Runde ertönt. Dafür ist der Unterschied im Lauftempo zwischen den Medaillengewinnern und den Top-Acht-Platzierten auf den folgenden 400 Metern dramatisch. Bei den Frauen fällt die Gruppe der 9–15-Platzierten bereits nach zwei Kilometern zurück. Auch die Top-Acht-Platzierten verlieren früh den Anschluss an die Medaillengewinnerinnen, deutlich wird der Abstand ca. bei 4.500 Metern. Er vergrößert sich stetig, aber leicht bis Kilometer sieben. Danach holen die Top-Acht-Platzierten etwas auf, auf dem letzten Kilometer klafft die Schere wieder auf. Im 10.000m-Lauf ist der Anstieg der Lauf-Geschwindigkeit auf dem letzten halben Kilometer im Vergleich zur restlichen Laufdistanz am dramatischsten – sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
 

Unterschiede auf den Mittelstrecken

800m-Läufe zeichnen sich üblicherweise dadurch aus, dass die zweite Runde deutlich langsamer gelaufen wird als die erste. Es wird also Vollgas losgelegt und in der Schlussphase geht es um das bestmögliche „Überleben“. Es mag durchaus erstaunen, dass dieser Rennverlauf unabhängig von der Präsenz von Tempomachern typisch ist. In den letzten Jahren erfolgreiche Läufer wie Caster Semenya oder David Rudisha, um die prominentesten Beispiele zu nennen, wählten auch bei Meisterschaftsrennen gerne diese Taktik, um Spurt-Spezialisten frühzeitig zu distanzieren. Daher sind 800m-Läufe die einzigen Laufentscheidungen bei globalen Meisterschaftsrennen mit einem (teils deutlichen) positiven Split – also erste Hälfte schneller als die zweite. Im direkten Vergleich der Medaillengewinner und der restlichen Finalisten geht die Lücke sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zwischen 500 und 600 Meter auf (bei den Frauen etwas deutlicher). Bei den Frauen wächst er bis zum Ziel leicht an, bei den Männern verkleinert er sich in der Kurve etwas, um entlang der Zielgerade wieder anzuwachsen.
Der Schlüssel in 1.500m-Läufen liegt im Mittelteil. Überwiegend sind die ersten 600 Meter „langsam“, ehe sich in einem Steigerungslauf die Athletinnen und Athleten die Positionen erkämpfen. Die schnellste Rennphase über die „Mittelstrecke“ ist jene zwischen 600 Meter und 1.300 Meter, während es auf der letzten halben Runde ähnlich wie beim 800m-Lauf darum geht, am wenigsten zu verlangsamen, um am Ende vom höchsten Treppchen des Stockerls grüßen zu dürfen. Bei den Männern geht vor der Schlussrunde üblicherweise eine Lücke zwischen Spitze und Hinterfeld auf. Die Entscheidung im Kampf um die Medaillen fällt erst auf den letzten 100 Metern – bei 1.400m liegen Medaillengewinner und Top-Acht-Platzierte meist noch (fast) gleich auf. Anders verlaufen die Meisterschaftsrennen bei den Frauen, wo sich die Spreu vom Weizen bereits früher trennt. Nach ca. 900 Metern teilt sich das Feld in zwei Gruppen, 400 Meter vor dem Ziel setzen sich die Medaillengewinnerinnen von den Top-Acht-Platzierten ab. Der Abstand verläuft eher konstant und vergrößert sich auf der Zielgerade ein wenig.
 

Positiv-Split vs. deutlicher Negativ-Split

Wer in einem 800m-Lauf eine Medaille gewinnen möchte, muss im Schnitt 1:44,24 bzw. 1:56,80 Minuten laufen. Während ersteres für Doha realistisch erscheint, wird das Frauen-Rennen mit ziemlicher Sicherheit langsamer sein. Für Edelmetall im 1.500m-Lauf braucht es durchschnittlich eine Zeit von 3:40,26 bzw. 4:05,28 Minuten. Der 1.500m-Lauf bringt im Vergleich zu allen anderen Lauf-Entscheidung den mit Abstand deutlichsten Negativ-Split.
 

Frauen suchen frühe Marathon-Entscheidung

Große Differenzen fanden die Forscher in den Marathonläufen. Mögliche Gründe dafür sind, dass die äußeren Bedingungen durch die Wettkampflänge eine größere Rolle spielen und der Kampf mit sich selbst und der Distanz bedeutungsvoller sind als der Kampf Mann gegen Mann bzw. Frau gegen Frau, der auf der Bahn dominiert. Interessant ist, dass bei Marathons bei den Medaillengewinnerinnen und -gewinnern ein durchschnittlicher Negativ-Split, bei den Top-Acht-Platzierten und den Platzierten auf den Rängen 9–15 jedoch ein leichter positiver Split festzustellen ist.
Die Medaillengewinner und die Top-Acht-Platzierten beginnen sich im Marathon der Männer im Schnitt kurz nach dem Halbmarathon zu trennen. Das Lauf-Tempo der Medaillengewinner ist in der Phase zwischen Kilometer 30 und 35 am größten, bei Kilometer 35 ist auch der Abstand zu den Top-Acht-Platzierten statistisch am größten. Es ist die einzige Phase, in der eine Durchschnittsgeschwindigkeit von durchschnittlich 20 km/h erreicht wird. Auch hier gibt es deutliche Unterschiede zu den Frauen. Bereits bei Kilometer fünf haben die Medaillengewinnerinnen statistisch einen Vorsprung auf Top-Acht-Platzierte. Dieser Abstand bleibt bis Kilometer 35 recht konstant und vergrößert sich bis zur Zielankunft dramatisch. Auf den letzten sieben Kilometern erreichen die Medaillengewinnerinnen trotz des bereits vorliegenden Abstands zu den Nicht-Medaillengewinnerinnen das höchste Lauf-Tempo – es geht um Gold.
Die durchschnittliche Zeit für einen WM-Medaillengewinn liegt im Marathon bei 2:09:42 Stunden bei den Männern und 2:26:00 Stunden bei den Frauen – für die erwarteten Wetterbedingungen in den Nächten von Doha eine große Herausforderung.
 
 
Quelle: Studie „The Science behind Competition and Winning in Athletics