ZDF-Sportreportage deckt massive Dopingprobleme in Kenia auf

© SIP / photocase

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2015, als die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking stattfanden, schaffte der Kenianische Leichtathletik-Verband (Athletics Kenya) erstmals den Sprung an die Spitze eines Medaillenspiegels. Auch, weil Kenia erstmals auch außerhalb der Laufdisziplinen triumphierte. Der Schrei nach massiven Dopingproblemen in Ostafrika wurde immer lauter, eine große Anzahl von positiven Dopingfällen zieren die unrümliche, jüngere Geschichte der kenianischen Leichtathletik. Seither hat sich in der kenianischen Sportlandschaft im Kampf gegen Doping strukturell einiges verändert. Seit drei Jahren gibt es auch in Kenia eine nationale Anti-Doping-Agentur, die ADAK. In Nairobi wurde ein hauptsächlich vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) finanziertes Analyse-Labor für Blutanalysen errichtet. Was geblieben ist, ist der Verdacht, dass der Anti-Doping-Kampf trotz der gestiegenen Anzahl an Dopingkontrollen kenianischer Athleten ineffektiv ist. Zahlreiche Dopingfälle in den letzten Jahren stabilisieren die ostafrikanische Läuferhochburg in einer kleinen Gruppe von Nationen, die von der Athletics Integrity Unit (AIU) unter höchster Beobachtung stehen, da die größten Dopingprobleme in diesen Ländern vermutet werden. Ein aktueller, investigativer TV-Beitrag, ausgestrahlt am Wochenende im Rahmen der Sendung „ZDF Sportreportage“, erhärtet den Verdacht, dass in Kenias Leichtathletik-Nationalmannschaft weiterhin getrickst wird. Dass dieser TV-Beitrag unmittelbar vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften ausgestrahlt wird, ist keine Überraschung. Die Thematik ist jetzt salonfähig. Und bringt eines der Länder mit den intensivsten Dopingproblemen weiter in Bedrängnis.
 

„zu 100% sauber“

Auf der kenianischen Funktionärsebene wehrt man sich gegen die Anschuldigungen und betont schon seit Monaten ein anscheinend hartes Vorgehen im Kampf um einen sauberen Sport. Mehr Kontrollen, Bildung und Ausbildung sowie drastischere Strafdrohungen sollen Wirkung erzielen. Nationaltrainer Julius Kirwa garantierte vor laufender ZDF-Kamera: „Die Athleten haben viele Tests abgelegt. Mein Team ist zu 100% sauber!“ Barnabas Korir, Vorstandsmitglied von Athletics Kenya, bekräftigte: „Wir arbeiten sehr eng mit der kenianischen Anti-Doping-Agentur zusammen und halten uns an alle Regeln der Athletics Integrity Unit. Wir haben unsere Athleten sogar noch öfters getestet als von der AIU vorgeschrieben. Daher stellen wir sicher, dass unser Nationalteam die Regeln befolgt. Die Athleten kennen die Konsequenzen: Wenn jemand dopt, fliegt er aus dem Nationalteam und darf nie wieder das kenianische Nationaldress tragen!“
 

„Jeder weiß es zu nutzen“

Der TV-Beitrag des ZDF versucht diese Darstellung als Schein zu enttarnen. Denn anonyme Informanten und Interviewpartner zeichnen ein anderes Bild. Ein Mediziner behauptet, dass EPO-Missbrauch in den abgelegenen kenianischen Höhentrainingslagern in der Vorbereitung wichtiger Meisterschaften Gang und Gebe wäre, um härter trainieren und schneller regenerieren zu können. Er selbst habe nicht weniger als acht Mitglieder der aktuellen Nationalmannschaft mit unerlaubten Substanzen versorgt. Das Problem: In Kenia seien EPO und weitere verbotene Substanzen einfach in Apotheken erhältlich und würden direkt vor Ort verabreicht. Das ZDF belegte diesen Vorgang mit Bildern einer versteckten Kamera. Der gefilmte Athlet wurde unkenntlich gemacht. „Uns ist bewusst, dass Kenia ein ernsthaftes Dopingproblem hat. Wir stecken sehr viel Arbeit in die Aufklärung“, sagte Brett Clothier, Vorsitzender der AIU im ZDF-Interview und fand deutliche Worte: „In Kenia gibt es einen großen Schwarzmarkt für Dopingmittel und anscheinend nutzen das auch Top-Athleten. EPO ist überall zugänglich und jeder weiß es zu bekommen und zu nutzen.“
 

Korruption und Vertuschung?

Außerdem formuliert das ZDF auf Basis anonymer Quellen, die aber Mails und Dokumente vorlegte, schwere Vorwürfe gegen die kenianischen Institutionen und zeichnet ein Bild eines korrupten Systems, das sehr an die Beziehung zwischen der alten IAAF-Spitze und dem russischen Dopingsystem erinnert. Athletics Kenya und die nationale Anti-Doping-Agentur sollen demnach unter einer Decke stecken, positive Testergebnisse verheimlichend unter den Tisch kehren und sich dafür von Sportlern und deren Managern schmieren lassen. „Das sind sehr schwerwiegende Anschuldigungen und wir sind nicht so naiv zu sagen, in Kenia würde Korruption nicht existieren. Leider ist das Gegenteil der Fall und wir versuchen, diesen Anschuldigungen so gut es geht nachzugehen“, nahm Clothier ein weiteres Mal in aller Deutlichkeit Stellung. Der Australier erinnert daran, dass Kenia zu jener Gruppe von Nationen gehört, denen bei Verfehlungen bzw. bei Nichteinhalten der strengen Regularien und Vorschriften der AIU eine Suspendierung des nationalen Verbandes droht, so wie es Russland seit vier Jahren erlebt.
 
 
Der ZDF-Sportreportage: Neue Beweise für Doping in Kenia
Athletics Integrity Unit