Das NOP und andere US-Trainingsgruppen

Galen Rupp jubelt über Olympia-Bronze in Rio 2016. © Getty Images / Matthias Hangst

Bei den Olympischen Spielen 2016 hat die USA in allen Lauf-Entscheidungen bei den Männern eine Medaille geholt, ausgenommen den 10.000m-Lauf. Dazu kamen noch die Bronzemedaillen von Jennifer Simpson und Emma Coburn bei den Frauen. Bei den Weltmeisterschaften von London 2017 feierten Coburn und Courtney Frerichs im 3.000m-Hindernislauf sogar einen Doppelsieg. Dazu kamen fünf weitere Lauf-Medaillen. Zwar waren die USA immer schon auf den Mittelstrecken eine globale Leichtathletik-Großmacht. Der konstante Aufschwung der letzten Jahre, der nach den Diamond-League-Triumphen der 800m-Läufer Ajee Wilson und Donavan Brazier die US-Läufer optimistisch zur in neun Tagen beginnenden WM nach Doha reisen lässt, ist eng verbunden mit hervorragender Infrastruktur von Trainingsgruppen, die die afrikanische Philosophie des Gemeinsamen kopierten und mit amerikanischen Kompetenzen ausgeprägt wurden. Ein wichtiges Element des Erfolgsgeheimnisses.
 

Die Ära Mo Farah

Die berühmteste nicht in Kenia oder Äthiopien agierende Trainingsgruppe der Welt ist das Nike Oregon Project, welches unter anderem Mo Farah zu gigantischen Erfolgen geführt hat. Gegründet im Jahr 2001 durch den Vize-Präsidenten des prominenten Geldgebers mit Sitz in Beaverton im US-Bundesstaat Oregon ist Alberto Salazar als Chefcoach seit Anbeginn die Schlüsselfigur. Seine riesigen Erfolge wurden von Doping-Ermittlungen vor einigen Jahren überschattet, die letztendlich ergebnislos blieben. Der Verdacht, das Nike Oregon Project würde bei seinen genialen Fähigkeiten die Grenzen des Legalen bis zum äußerten Rand auszureizen, die rote Linie gelegentlich überschreiten, schwebt in der sensiblen Zeit der Doping-Aufklärungen in der jüngeren Leichtathletik-Geschichte irgendwie immer noch über der Organisation. Eine kritische Haltung sei gerechtfertigt, genauso wie das Lob, das internationale Erfolge mit sich bringt. Denn nach dem Bruch mit dem Zugpferd Mo Farah haben Alberto Salazar und seine Trainerschar nun eine schlagfertige Gruppe mit herausragenden jungen Talenten und etablierten Läufern unter ihren Fittichen, die auch bei der WM 2019 für Furore sorgen werden.
 

© Getty Images / Matthias Hangst
 

Zahlreiche Medaillenkandidaten

Die Marathon-Spitze des Teams, Jordan Hasay, Galen Rupp und Suguru Osako, der – Stand jetzt – einen Olympia-Startplatz hat, lässt die WM links liegen und hat die Olympischen Spiele von Tokio bereits fest im Blick. Die beiden Amerikaner werden in gut drei Wochen beim Chicago Marathon an den Start gehen. Dennoch könnten in den nächsten Wochen WM-Medaillen auf das Nike Oregon Project regnen. Top-Star Sifan Hassan ist sowohl im 1.500m-Lauf als auch im 5.000m-Lauf in der Position der Top-Favoritin auf die Goldmedaille. Da beide Disziplinen fast parallel ausgetragen werden, kann die aus Äthiopien stammende Holländerin nicht in beiden Rennen starten. Daher ist ein Doppelstart inklusive des 10.000m-Laufs wahrscheinlich. Das ist übrigens die einzige Disziplin zwischen der Meile und dem Halbmarathon, in der Hassan noch nicht den Europarekord hält. Starke persönliche Bestleistungen im 800m- und 1.500m-Lauf inklusive. Das 26-jährige Multitalent wechselte Ende 2016 als WM-Bronzemedaillengewinnerin und Hallen-Weltmeisterin nach einer Olympischen Saison, die aus Verletzungsgründen nicht nach Plan verlief, in die USA und nahm eine ähnliche Entwicklung wie Mo Farah. Aus einer sehr guten europäischen Läuferin wurde im NOP ein Weltstar, der nun kurz davor steht, erstmals die großen Früchte in Edelmetall zu ernten. Rekordleistungen liefert sie in aller Regelmäßigkeit, seit sie unter Salazar trainiert.
Einen ähnlichen Prozess durchlebt aktuell Konstanze Klosterhalfen, die seit Jahresbeginn in Oregon trainiert und im Laufe ihrer Wettkampfsaison ihre persönliche Bestleistung auf allen Distanzen teilweise deutlich verbesserte. Gäbe es nicht ihre Trainingskollegin Sifan Hassan, von der sie viel lernt, wäre Klosterhalfen die Top-Europäerin im 5.000m-Lauf und gemeinsam mit der Britin Laura Muir im 1.500m-Lauf. In der deutschen Leichtathletik sind WM-Medaillengewinner auf den Lauf-Distanzen selten – im aktuellen Jahrtausend gab es lediglich jene von Gesa Felicitas Krause in Peking 2015. Aber das 22-Jährige Ausnahmetalent, das nicht unter Salazar, sondern unter Pete Julien trainiert, steht auf der Liste der Medaillenkandidatinnen in Doha bei allen Experten weit vorne. Egal ob über 1.500 oder 5.000m. „Das Training in Oregon macht total Spaß und ist eine neue, große Herausforderung. Pete hat ein gutes Gefühl dafür, mich zu pushen. Und er sieht genau, wie weit er gehen kann – bis an meine Grenzen und darüber hinaus“, sagte Konstanze Klosterhalfen unlängst in einem auf der Website des DLV publizierten Interviews.
 

Kejelcha verpasst 5.000m-Start

Der dritte ausländische Bahnlauf-Star, der von einem anderen Kontinenten seinen Hauptwohnsitz nach Portland, der Hauptstadt von Oregon verlegt hat, ist Yomif Kejelcha. Der talentierte Äthiopier sorgte neben zahlreichen Erfolgen für den ersten großen Rückschlag für das NOP im Jahr 2019. Trotz zweier Siege in der Diamond League konnte sich der 22-Jährige nicht für das äthiopische Aufgebot im 5.000m-Lauf qualifizieren und ist in Doha lediglich über die doppelte Distanz am Start.
Seit Jahren ist das Nike Oregon Project Anlaufstelle eines großteils der US-Laufstars. Donavan Brazier bedrohte in diesem Jahr den US-Rekord und gewann überraschend die Diamond-League-Gesamtwertung im 800m-Lauf. Dank eines massiv starken Endspurts ist er in Doha der Gegenspieler schlechthin von Nijel Amos. Teamkollege Clayton Murphy lief in Rio sensationell zu Bronze. Nach dem Abgang von Olympiasieger Matt Centrowitz trainiert Salazar mit Craig Engels wieder den US-Meister im 1.500m-Lauf, zu den Medaillenkandidaten gehört er in Rio allerdings nicht. Genauso wenig wie US-Rekordhalterin Shannon Rowbury (1.500m), die nach ihrer Rückkehr von einer Babypause noch nicht ganz oben angreifen konnte und in Doha nicht dabei ist. Teamkücken im NOP ist neben Klosterhalfen die junge Australierin Jessica Hull, die in den USA studiert und mit rasanten Leistungssteigerungen auf den 1.500m aufhorchen ließ.
 

Konkurrenz in der Nachbarschaft

Das Nike Oregon Project ist nicht die einzige bekannte Trainingsgruppe von Top-Läufern, aber die prominenteste und eine der wenigen, die auch Top-Athleten aus Europa, Afrika oder Asien anlockt. Der größte Gegenspieler des NOP ist der Bowerman Track Club, 2003 gegründet, ebenfalls von Nike unterstützt und in Portland, ebenfalls in Oregon, dem US-amerikanischen Leichtathletik-Zentrum, stationiert. Prominenter Chefcoach ist Jerry Schumacher, der vor allem auf ein starkes Frauen-Team setzen kann. Unter ihm trainieren die Marathon-Stars Shalane Flanagan und Amy Cragg, die Hindernislauf-US-Rekordhalterin Courtney Frerichs und der neue Mittelstrecken-Superstar Shelby Houlihan. Cragg und Frerichs gewannen bei der WM in London 2017 ebenso eine Medaille wie Evan Jager. Frerichs und Houlihan sind die großen Medaillenhoffnungen für 2019 bei den Frauen. Außerdem trainieren die in den letzten Monaten immer stärker werdenden Kate Grace und Karissa Schweizer im Team.
Neben dem Hindernislauf-Star, der aufgrund einer Verletzung die US-Trials verpasste und daher in Doha nicht am Start sein kann, trainieren u.a. 10.000m-Meister Lopez Lomong und 1.500m-Olympiasieger Matt Centrowitz unter Schuhmacher, dazu noch die kanadischen Top-Läufer Mo Ahmed und Matt Hughes. Zwar ist keiner der genannten ein unmittelbarer Medaillen-Favorit in Doha, Spitzenplatzierungen sind aber auch für die Männer im Bowerman Track Club wahrscheinlich.
 

Doppelsieg bei der WM in London für die USA durch Emma Coburn und Courtney Frerichs. © Getty Images for IAAF
Viele Wettkampfstarts vs. wenige

In den USA flackerten gegen Saisonende Diskussionen auf ob der verschiedenen Philosophien der Rennplanung in Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften in Doha. Nun sind die US-Trials durch die Qualifikationskriterien für das WM-Team Pflichttermin für alle Läuferinnen und Läufer und häufig verzichten US-Stars auf europäische Meetings vor den Trials, die heuer durch den späten WM-Team einen Monat später als üblich ausgetragen wurden. Aber zwischen der Teilnahme an Diamond-League-Rennen der Athleten aus dem Nike Oregon Project und jenen aus dem Bowerman Track Club klaffen Welten. Während etwa Clayton Murphy fünf Diamond-League-Rennen in Europa und Nordafrika bestritt und Sifan Hassan gleich acht Wettkämpfe in Europa über verschiedene Distanzen absolvierte, verzichtete etwa Courtney Frerichs gänzlich auf Europareisen und absolvierte neben den Trials nur einen großen Wettkampf: das Diamond-League-Meeting auf heimischem Boden in Stanford. Genau dasselbe gilt auch für Matt Centrowitz.
 

Trainingsgruppen in Colorado und im Osten

Von der aktuellen Lauf-Elite trainiert nur eine kleinere Zahl an US-amerikanischen Läuferinnen und Läufern nicht in einer der beiden genannten Trainingsgruppen. Weltmeisterin Emma Coburn ist der Star einer kleinen, von ihrem Trainer und Ehemann Joe Bosshard geleiteten Trainingsgruppe in Boulder in der Höhe des US-Bundesstaats Colorado. Die ehemalige 1.500m-Weltmeisterin und Serienmedaillengewinnerin Jennifer Simpson trainiert unter Mark Wetmore an der University of Colorado, ebenfalls in Boulder. Im benachbarten Colorado Springs trainiert die Trainingsgruppe rund um dem Olympia- und WM-Medaillengewinner Paul Chelimo (5.000m) unter Federführung von Dan Browne. Die 800m-WM-Favoritin Ajee Wilson und Trainingspartnerin Raevyn Rogers trainieren im Juventus Track Club an der Temple University in Philadelphia unter Coach Derek Thompson. Der Trainer der Marathonläuferinnen Emily Sisson und Molly Huddle ist Ray Treacy. Die Mittelstreckenläufer Ben Blankenship und Hanna Green trainieren wie 800m-Ass Nijel Amos aus Botswana in der Trainingsgruppe Oregon Track Club unter Headcoach Mark Rowland. Die ehemalige Boston-Marathon-Siegerin Desiree Linden trainierte bis vor einem Jahr im Brooks gesponserten Hansen-Team.