Erneuter Triumph für Sifan Hassan

© IAAF Diamond League / Giancarlo Colombo

Sifan Hassan hat acht Tage nach ihrem Sieg im 1.500m-Lauf in Zürich beim zweiten Teil des Diamond-League-Finals in Brüssel über 5.000m den zweiten Gesamtsieg in der IAAF Diamond League in diesem Jahr geschafft und damit für ein Novum im Laufsport gesorgt. Vor zahlreichen holländischen Fans im vollen Koenig Boudewijn Stadion der belgischen Hauptstadt münzte die Europameisterin in der Schlussphase ihre leichte Außenseiterrolle in einen beachtlich deutlichen Triumph um. In bisher vier direkten Duellen mit Weltmeisterin Hellen Obiri hatte Hassan bis dato immer den Kürzeren gezogen, in Brüssel zeigte sich ein weiteres Mal, dass die 26-Jährige aktuell in der Form ihres Lebens ist und wenige Wochen vor den Weltmeisterschaften die Nummer eins im Mittel- und Langstreckenlauf.
 

© IAAF Diamond League / Giancarlo Colombo
 

Bärenstarke Schlussrunde von Hassan

Das Rennen in Brüssel beim traditionsreichen Memorial van Damme war Hassans Bedürfnissen auf den Leib geschneidert. Während Hellen Obiri stets an zweiter Stelle lief, hängte sich Hassan ans Ende des Spitzenfelds und ging das Tempo ruhig mit. Auf ihre Tempoverschärfung in der letzten Runde hatten weder Obiri noch alle anderen Kontrahentinnen eine Antwort. Als wäre es das Leichteste, zog die Europarekordhalterin davon und finalisierte ein grandioses Rennen in einer Zeit von 14:26,26 Minuten. „Ein guter letzter Test vor Doha“, hielt sich Hassan in der Analyse kurz. Etwas untertrieben, denn in Wahrheit hatte Hassan das Feld mit ihrer Schlussrunde deklassiert. Mit über drei Sekunden Rückstand verteidigte Letesenbet Gidey in ihrem mit Abstand besten 5.000m-Rennen der Saison in einer Zeit von 14:29,54 Minuten den zweiten Platz gegen die alles versuchende Konstanze Klosterhalfen, die ebenfalls unter 14:30 Minuten blieb. „Das war eine harte Generalprobe für die WM“, analysierte die junge Deutsche, die in letzter Zeit regelmäßig mit Sifan Hassan in St. Moritz trainierte. „Dritter in einem derartig starken Feld ist immer gut. Das Rennen gibt auf jeden Fall Selbstvertrauen für Doha.“
Als beste des kenianischen Trios belegte Hellen Obiri in einer Zeit von 14:33,90 Minuten den vierten Platz und geht mit einer harten Denkaufgabe in die WM-Vorbereitung. Es war das erste wirklich große Rennen seit langer Zeit, das die 29-Jährige nicht für sich entscheiden konnte. „Ich hatte einen schlechten Tag“, sagte sie kleinlaut. Einen tollen Erfolg feierte die Kanadierin Gabriela Debues-Stafford, die in einer Zeit von 14:44,12 Minuten ihren eigenen kanadischen Landesrekord um über sieben Sekunden steigerte. Es war ihr siebter kanadischer Rekord über diverse Distanzen in diesem Kalenderjahr. Hindernislauf-Star Beatrice Chepkoech spielte keine große Rolle und wurde in einer Zeit von 14:46,58 Minuten Neunte.
 

Wilson unangefochten

Im 800m-Lauf bleibt Ajee Wilson nach dem Ende der Ära Semenya weiter unangefochten und feierte folgerichtig ihren ersten Gesamtsieg in der Diamond League. Die US-Amerikanerin setzte sich in Brüssel wie gewohnt unmittelbar nach dem Start an die zweite Position hinter Pacemakerin Noélie Yarigo, zeigte sich aber nicht interessiert an einem sehr hohen Tempo. Dementsprechend blieb das Feld bis 150 Meter vor dem Ziel eng beieinander. Erst jetzt löste sich Wilson leicht von Lynsey Sharp und zog mit entschlossenem Schritt bis zur Ziellinie durch. In einer Zeit von 2:00,24 Minuten verwies sie ihre Landsfrau Raevyn Rogers, die aus dem hinteren Feld den mit Abstand besten Schlussspurt hatte, und Winnie Nanyondo auf die weiteren Plätze. Es war der erste nicht-afrikanische Sieg im Diamond Race im 800m-Lauf der Frauen seit Jennifer Meadows im Jahr 2011, der erste US-amerikanische überhaupt. Übrigens hat auch bei den Männern mit Donavan Brazier ein US-Amerikaner die Diamond-League-Wertung im 800m-Lauf gewonnen.
Beste Europäerin in Brüssel war die EM-Dritte Olga Lyakhova aus der Ukraine als Vierte. Durch den Gesamtsieg in der Diamond League hat Ajee Wilson eine Wildcard für die Weltmeisterschaften und der US-amerikanische Leichtathletik-Verband (USATF) einen Startplatz mehr. Dementsprechend wird Ce’Aira Brown, Vierte der diesjährigen Trails, nachnominiert werden wird.
 

Ingebrigtsens erneut nur von Cheruiyot geschlagen

Zum dritten Mal nach Lausanne und Monaco belegte Europas Läufer der Zukunft, Jakob Ingebrigtsen auf der höchsten Wettkampfebene den zweiten Platz, zum dritten Mal musste sich der Norweger, der von seinem Bruder Filip auf das Stockerl begleitet wurde, Timothy Cheruiyot geschlagen geben. Der kenianische Überflieger bleibt auch nach dem Diamond-League-Finale der dominante Läufer auf den Mittelstrecken und freute sich über den dritten Gesamtsieg in der Diamond League in Folge. Der 23-Jährige, der nur zu Saisonauftakt in Doha Zweiter war, ließ sich auch in Brüssel das Rennen schnell anlaufen. Während das skandinavische Brüderpaar im Mittelfeld lief, agierte Cheruiyot unmittelbar hinter den Tempomachern und übernahm 500 Meter vor dem Ziel das Kommando. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Filip Ingebrigtsen mit Bruder Jakob im rücken um einige Position verbessert, doch zum Start der letzten Runde hatten die beiden bereits einige Meter Rückstand auf den alleine Führenden. Cheruiyot zog in bewährter Manier durch und siegte in einer Zeit von 3:30,22 Minuten. Der Kenianer, der zum ersten Mal seit knapp zwei Monaten in der Diamond League lief, hatte zuletzt mit einer Laufzeit von 1:43,11 Minuten im 800m-Lauf in Nairobi für großes Aufhorchen gesorgt.
Jakob überholte seinen Bruder 200 Meter vor dem Ziel und zeigte im Vergleich zu anderen Rennen eine starke letzte halbe Runde. Laut der Analyse von „Let’s Run.com“ blieben beide in der Teilzeit der letzten 400 Meter unter 56 Sekunden. „Ich bin überglücklich. Die stärksten Athleten waren hier und ich habe vor dieser großartigen Atmosphäre den zweiten Platz belegt. Das ist verrückt“, zeigte der 19-Jährige nach dem Rennen fast ekstatische Emotionen. In einer Zeit von 3:31,62 Minuten blieb der Sieger aber unerreichbar, Filip komplettierte die Top-Drei in der „Schnapszahl-Laufzeit“ von 3:33,33 Minuten vor Ronald Musagala und Craig Engels, der in einer Zeit von 3:34,04 Minuten eine persönliche Bestleistung fabrizierte. Marcin Lewandowski wurde vor Ayanleh Souleiman Sechster.
 

Erster nicht-kenianischer Diamond-League-Gesamtsieg

Die vierte Lauf-Entscheidung des Abends fiel im mit Spannung erwarteten 3.000m-Hindernislauf der Männer, in dem die seit Jahren dominierende Nation Kenia den Höhepunkt des Waterloos erlitt. Die kenianischen Seriensieger blieben in der gesamten Saison ohne jeden einzelnen Diamond-League-Sieg, beim Finale war Benjamin Kigen als Vierter in einer Zeit von 8:10,76 Minuten noch der Beste. Olympiasieger und Weltmeister Conseslus Kipruto, der nach seiner Verletzung noch nicht in Top-Form ist, wurde vor dem besten Europäer, Fernando Carro aus Spanien, mit über sieben Sekunden Rückstand auf den Sieger Siebter. Für ihn wird die Vorbereitung auf die WM zu einem Wettlauf gegen die Zeit. „Ich bin glücklich mit dem heutigen Auftritt und ich weiß, dass drei Wochen wenig sind. Aber ich glaube daran, in Doha um die Medaillen kämpfen zu können“, so der 24-Jährige.
In Abwesenheit Kenias in den Top-Drei dominierten ausgerechnet die Erzrivalen aus Äthiopien. Lemecha Girma, der am Ende in einer persönlichen Bestleistung von 8:07,66 Minuten Dritter wurde, zeigte sich schon während des Rennens sehr aktiv an der Spitze. Pünktlich zum Glockenton, der die letzte Runde ankündigte, setzte sich Getnet Wale neben ihn. Schulter an Schulter liefen die beiden die Gegengerade hinunter. Auf den letzten 100 Metern zündete Soufiane El Bakkali noch einmal den Turbo und beschleunigte speziell nach dem letzten Hindernis. Der 19-jährige Wale, der in Rabat sein einziges bisher Diamond-League-Rennen gewinnen konnte, hielt vehement dagegen und siegte in einem spannenden Duell in einer Zeit von 8:06,92 Minuten mit 0,16 Sekunden Vorsprung auf den Marokkaner. Damit sicherte er sich das Sonder-Preisgeld von 50.000 US-Dollar (das entspricht rund 45.000 Euro) und kürte sich zum ersten Diamond-League-Gesamtsieger in dieser Disziplin überhaupt, der nicht aus Kenia stammt. Das Finale lieferte viel Potenzial für Diskussionen, da Wale im Zweikampf gegen El Bakkali nach außen drängte. Die Wettkampfrichter verzichteten aber auf eine Disqualifikation. „Meine Ambition bei der WM ist die Goldmedaille“, richtete der Youngster gleich den Blick nach vorne.
 

Belgischer Sieg über 5.000m

Im Rahmenprogramm fand ein 5.000m-Lauf der Männer speziell für die europäischen Läufer statt. Der Belgier Isaac Kimeli nutzte die willkommene Bühne vor heimischem Publikum und siegte in einer persönlichen Bestleistung von 13:13,02 Minuten deutlich vor Ben True aus den USA und Soufiyan Bouqantar aus Marokko, die als Favoriten gegolten hatten. Das deutsche Duo – Amanal Petros stand nicht am Start – konnte nicht überzeugen: Richard Ringer wurde in 13:25,12 Minuten Sechster, Florian Orth war als Zehnter der Letzte im Ziel hinter dem Schweizer Jonas Raess.
 
 
Memorial van Damme