Zweite Chance für Hassan in Brüssel

© Getty Images for IAAF / Stephen Pond

Zehn Jahre ist die IAAF Diamond League nun alt und noch nie ist es einer Läuferin oder einem Läufer gelungen, in einem Jahr die Gesamtwertung in zwei Disziplinen im selben Jahr zu gewinnen. Sifan Hassan könnte sich am Freitagabend beim traditionellen Abschluss der Diamond League in Brüssel als erste Läuferin, den zweiten großen Scheck binnen weniger Tage sichern. Denn acht Tage, nachdem sie den 1.500m-Lauf in Brüssel gewonnen hat, ist die Holländerin auch beim Finale über 5.000m die Favoritin. Leicht wird der Weg zum Sieg für die 26-Jährige, die heuer die Europarekorde im 3.000m- und 5.000m-Lauf verbesserte, allerdings nicht. Denn mit Weltmeisterin Hellen Obiri und deren kenianischer Landsfrau Agnes Tirop stehen die Hauptkonkurrentinnen Hassans in der Szene ebenfalls am Start. Die beiden Kenianerinnen waren beim schnellsten 5.000m-Lauf des Jahres in London vor Hassan im Ziel. Obiri gewann zwei der vier Qualifikationsrennen, Tirop war in Stockholm vorne als Obiri stürzte, Hassan gewann in Stanford über 3.000m. Mit Trainingspartnerin Konstanze Klosterhalfen könnte die äthiopisch stämmige Holländerin aber auch eine europäische Kontrahentin finden, die ihr die 50.000 US-Dollar (das entspricht rund 45.000 Euro) Sonder-Preisgeld streitig macht.
 

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Fragen vor den Weltmeisterschaften

Die Laufszene spekuliert aktuell darüber, welche(n) Start(s) Sifan Hassan durch die unglückliche Termin-Überschneidung ihrer beiden bevorzugten Distanzen (1.500m und 5.000m) bei den Weltmeisterschaften von Doha wählt. Denn die aktuelle Topform der bei Alberto Salazar in Oregon trainierenden Europameisterin im 5.000m-Lauf spricht für den Versuch, zweimal nach Edelmetall zu greifen. Einige Medienberichte in den USA deuten auf ein fast kurioses Doppel 10.000m/1.500m hin, da die Konkurrenz über die Mittelstrecke für die Holländerin nicht zuletzt aufgrund der Babypause von Faith Kipyegon im letzten Jahr und der Verletzung von Laura Muir in diesem Sommer möglicherweise ein bisschen einfacher wäre als mit Obiri und Co. im 5.000m-Lauf. Das Diamond-League-Finale von Brüssel wird mit Sicherheit wichtige Aufschlüsse bieten.
Die Frage, ob 1.500m oder 5.000m, stellt sich auch im Falle von Konstanze Klosterhalfen, die auf beiden Distanzen in diesem Jahr fantastische Leistungen geliefert hat. Eine weitere Frage, die sich stellt: Die 22-Jährige stürmte bei den Deutschen Meisterschaften im Alleingang zur viertschnellsten Zeit des Jahres, 14:26,76 Minuten. Was ist diese Leistung Wert, wenn Klosterhalfen in Brüssel die Unterstützung von Tempomacherinnen und die Rivalität mit gleichwertigen Gegnerinnen als zusätzliches Mittel der Motivation genießt? Da sie eine passionierte Frontrunnerin ist, mag der Vorteil vielleicht nicht so groß sein wie bei anderen Läuferinnen – Potenzial nach oben scheint dennoch vorhanden, weswegen sie nach Rang zwei über 1.500m die erste deutsche Läuferin werden könnte, die das Diamond Race in einer Lauf-Disziplin feiern könnte. Der letzte deutsche Diamond-League-Triumph geht bei den Frauen übrigens auf das Jahr 2015 zurück, Christina Schwanitz im Kugelstoßen.
Mit Genzebe Dibaba und der frisch gebackenen Goldmedaillengewinnerin bei den Afrikaspielen, Lilian Rengeruk fehlen in der belgischen Hauptstadt zwei prominente Namen. Die Kenianerin Eva Cherono und die Neuseeländerin Camille Buscomb, die wohl das Tempo machen wird, rücken nach.
 

Wilson als haushohe Favoritin

Statistisch gesehen bringt das Diamond-League-Finale über 800 Meter keine große Spannung. Denn seit vielen Jahren war Ajee Wilson die einzige Läuferin, die in die Nähe von Caster Semenya und Francine Niyonsaba kam und seit die beiden nicht mehr startberechtigt sind, dominiert die US-Amerikanerin. Alles andere als der erste Diamond-League-Gesamtsieg ihrer Karriere und der erste einer amerikanischen Mittelstreckenläuferin seit Jennifer Simpson vor fünf Jahren im 1.500m-Lauf wäre eine Überraschung. Zu den größten Kontrahentinnen 25-jährigen US-Rekordhalterin gehören mit Hanna Green und Raevyn Rogers zwei Landsleute. Mit Natoya Goule und Nelly Jepkosgei sind zwei Läuferinnen im Rennen, die in den letzten Wochen ihre starke Form aus der ersten Saisonhälfte verloren haben. Die drei Europäerinnen im Rennen sind Lynsey Sharp, Olga Lyakhova, die die abwesende Habitam Alemu ersetzt, und Lokalmatadorin Renee Eykens, die eine Wildcard genießt. Den Platz von Caster Semenya, die sich sportlich qualifiziert hätte, übernimmt Winnie Nanyondo.
 

Cheruiyot vor drittem Gesamtsieg in Folge

Im 1.500m-Lauf gingen acht der neun bisherigen Diamond-League-Gesamtsiege an kenianische Läufer, der neunte durch Timothy Cheruiyot wäre die logische Konsequenz der letzten Monate. Denn der 23-Jährige dominiert die Mittelstreckenläufe seit zwei Jahren und nach seinem Vize-WM-Titel nur drei Rennen verloren: Bei den Afrikameisterschaften und den Commonwealth Games 2018 sowie beim Diamond-League-Auftakt 2019 in Doha. In all diesen Rennen musste er wie bei der WM in London seinem Trainingspartner Elijah Manangoi den Sieg überlassen, der allerdings trotz sporlicher Qualifikation nach mageren letzten Wochen nicht in Brüssel ist.
Wenn Frontrunner Cheruiyot, der vor allen Dingen in Rennen, bei denen er von Beginn an an der Spitze das Tempo sehr hochhält unschlagbar scheint, also Herausforderer hat, dann sind das am ehesten Ayanleh Souleiman, vergangene Woche Silbermedaillengewinner bei den Afrikaspielen, und die beiden Ingebrigtsen-Brüder Jakob und Filip, die zusammen vier Podestplätze in der Diamond League und zwei weitere bei Diamond-League-Rennen ohne Zugehörigkeit zum Diamond Race einfahren konnten. Der endschnelle Marcin Lewandowski kommt nach seinem polnischen Landesrekord in Paris sicherlich mit viel Selbstvertrauen nach Brüssel, dasselbe dürfte für Afrikaspiele-Bronzemedaillengewinner Charles Simotwo gelten. Eine gute Chance auf einen Spitzenplatz hat sicherlich auch Ronald Musagala, der in Paris seinen ersten Diamond-League-Triumph feiern konnte und damals Souleiman und die Ingebrigtsens hinter sich lassen konnte. US-Meister Craig Engels rutschte aufgrund Managois Abwesenheit ins Starterfeld.
 

Revanche für Rabat?

Bei den Afrikaspielen vor heimischem Publikum musste sich Soufiane El Bakkali vor zehn Tagen überraschend mit der Bronzemedaille zufrieden geben. In Brüssel könnte der Mann, der zwei der vier Qualifikationsrennen für sich entscheiden konnte, zurückschlagen. Benjamin Kigen und Getnet Wale, die ihn in Rabat düpierten, sind ebenso am Start wie Olympiasieger Conseslus Kipruto, der auf seinem steinigen Weg zurück nach Verletzung bei den Afrikaspielen aufgeben musste. Ein weiterer starker Kenianer in einem recht ausgeglichenen Feld, das in dieser Saison bisher der Acht-Minuten-Marke deutlich fern geblieben ist, ist Abraham Kibiwot. Wale ist nur die Spitze eines starken äthiopischen Trios mit Chala Beyo und Lamecha Girma. Der beste Europäer im Feld ist der Spanier Fernando Carro, der in Monaco in einer Zeit von 8:05,69 Minuten auf Rang vier stürmte. Alle zwölf, die sich über die vier Qualifikationsrennen für dieses Finale qualifiziert haben, sind in Brüssel dabei. Dazu kommen zwei voraussichtliche Tempomacher und Lokalmatador Tim van de Velde, der eine Wildcard bekam.
 

Deutsches Trio und ein Schweizer im 5.000m-Lauf

Im Rahmenprogramm findet ein 5.000m-Lauf der Männer statt, der für viele europäische Läufer eine wichtige Bühne darstellt. Mit Soufiane Bouchikhi, Simon Debognies, Robin Hendrix und Isaac Kimeli sind gleich vier Belgier am Start. Richard Ringer führt ein deutsches Trio mit Florian Orth und Amanal Petros, der ein letztes Mal das Limit von 13:22,50 Minuten angreifen will, das er im Juli in Heusden-Zolder nur um 0,02 Sekunden verpasst hatte. Vom WM-Limit ist Jonas Raess weit entfernt, der Schweizer Gewinner der Universiade könnte aber einen optimalen Rahmen für einen Angriff auf seine persönliche Bestleistung finden. Die Favoriten auf den Sieg sind Soufiyan Bouqantar aus Marokko und der US-Amerikaner Ben True.
 
 
Memorial van Damme