Krause erstaunt mit deutschem Rekord in Zürich

Bei den Weltmeisterschaften in Peking schaffte Gesa Felicitas Krause mit ihrer Bronzemedaille für das herausragende Ergebnis der deutschen Läufer. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein

Gesa Felicitas Krause hat beim Diamond-League-Finale in Zürich ihren eigenen deutschen Rekord um 4,34 Sekunden pulverisiert und mit dieser Leistung von 9:07,51 Minuten für ein kräftiges Ausrufezeichen vor den Weltmeisterschaften in Doha gesorgt. In ihrem wohl größten Rennen seit den Weltmeisterschaften von Peking vor vier Jahren, als sie überraschend die Bronzemedaille gewann, war die 27-Jährige so dicht an der Weltklasse dran wie seit Jahren nicht mehr. Obwohl im Zürcher Letzigrund perfekte äußere Bedingungen herrschten und Krause wohl ein perfektes Rennen für die eigenen Bedürfnisse erwischte, erstaunte der plötzliche Leistungssprung der seit Monaten größtenteils in der Höhenlage der Schweizer Alpen trainierenden Deutschen schon. „Genau dafür habe ich hart gearbeitet: endlich zeigen zu können, dass ich so ein Niveau drauf habe“, erklärte Krause. „Es ist toll, mit einer solchen Zeit nach Doha zu fahren.“ Krause ist nun als beste Nicht-Russin die Nummer vier in der ewigen Bestenliste des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (European Athletics). Seit zehn Jahren ist keine europäische Läuferinnen mehr unter 9:11 Minuten gelaufen.
 
Der RunAustria-Bericht der Laufbewerbe der Männer bei „Weltklasse Zürich“: Brazier triumphiert in bizarrem 800m-Rennen
 

Gesa Felicitas Krause bei der WM 2015. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein
 

Erstes Highlight

Obwohl Krause zuletzt bei den deutschen Meisterschaften und bei der Team-EM der Super Liga jeweils souverän die Titel holte und bei diesen Meisterschaftsrennen natürlich nicht an ihre Leistungsgrenze gehen musste, kam der satte Leistungssprung überraschend. Nach den Rängen acht in Oslo und sechs in Birmingham – mit diesen beiden Resultaten qualifizierte sie sich für das Diamond-League-Finale der besten Zwölf, der 15. Platz von Stanford war das schlechteste Saison-Resultat – deutete wenig darauf hin, dass Krause unter 9:10 Minuten laufen und Rang fünf beim top-besetzten Diamond-League-Finale erreichen könnte. Noch vor elf Tagen in Birmingham erzielte sie eine Zeit von 9:20,55 Minuten, also 13 Sekunden langsamer in Zürich, obwohl damals mit Ausnahme von Emma Coburn die gleichen Handlungsträgerinnen im Rennen waren und die Spitze ähnliche Zeiten erzielte (mit Ausnahme einer langsameren Siegerzeit).
 

Coburn bricht ein

Weltmeisterin Emma Coburn hatte angekündigt, das Diamond-League-Finale von Zürich als wichtigen Test für die Weltmeisterschaften zu nutzen. Dies bedeutete, dass sie versuchen wollte, das hohe Tempo von Beatrice Chepkoech mitzugehen – diese Herausforderung könnte auch in Doha auf die Herausforderinnen der Weltrekordhalterin warten. Gesagt, getan und Erkenntnisse gesammelt. Denn das Problem dieser Unternehmung war, dass Chepkoech so sehr auf das Tempo drückte, dass sie bereits nach 800 Metern die Tempomacherin Caroline Tuigong überholte und mit einer Vehemenz Vollgas gab, dass Kommentatoren das Renngeschehen als „suicidally fast“ analysierten. Nach 2:51,89 Minuten hatte die Kenianerin den ersten Kilometer absolviert und bereits zwei Sekunden Vorsprung auf Coburn, die Norah Jeruto im Windschatten mitschleppte.
Zwar konnte Chepkoech das Tempo nicht halten, der zweite Kilometer war um fast 15 Sekunden langsamer, dennoch wuchs der Vorsprung etwas an. Coburn erkannte die Zeichen der Zeit und ließ Jeruto vorbei. Wenig später schloss Hyvin Kiyeng zum Verfolgerduo auf, während Krause in der dritten Gruppe miot Daisy Jepkemei und Winfred Yavi „mitschwamm“. Zwei Runden vor Schluss begann die Leidenszeit der US-Amerikanerin, die aber beim Ertönen der Glocke für die letzte Runde noch dran war. Erst jetzt brach sie ein und fiel bis auf Rang sechs zurück. Schlechter platziert war die 28-Jährige in der Diamond League zuletzt beim Finale 2015 in Brüssel. In einer Zeit von 9:10,01 Minuten verpasste sie ihr zehntes Mal unter 9:10 Minuten haarscharf, die ambitionierte Zielsetzung war aber ein erstmaliges Durchbrechen der Schallmauer von neun Minuten. „Ich mache mir keine große Sorgen, was das Resultat betrifft. Ich weiß, dass ich sehr gut in Form bin und das Rennen war großartig, bis auf die letzten beiden Runden. Da war ich dann kaputt“, analysierte die US-Amerikanerin ruhig. Der erste Kilometer in 2:54,02 Minuten, das entspricht einer Durchgangszeit unterhalb des Weltrekordes, hatte unverkennbare Spuren hinterlassen. „Der erste Kilometer war ca. sieben Sekunden schneller, als ich anlaufen wollte. Dafür habe ich bezahlt“, gab sie zu.
 

Kenianische Dominanz

Obwohl Chepkoech das Tempo reduzieren musste, verbuchte sie in einer Zeit von 9:01,71 Minuten immer noch die 21. schnellste Zeit in der Geschichte dieser Disziplin. Ihr siebter Sieg auf Diamond-League-Ebene bedeutete den ersten Gesamtsieg, der mit einer Prämie von 50.000 US-Dollar (das entspricht ca. 45.000 Euro) versüßt wurde. Es war der logische Triumph, nachdem Chepkoech in diesem Jahr nur ein einziges wichtiges Rennen nicht gewinnen konnte. Jene Niederlage in Oslo gegen Norah Jeruto war übrigens die einzige in den letzten 15 Monaten. Keine Frage, wer die Favoritin auf WM-Gold 2019 ist. Chepkoech gewann in Zürich erneut die Erkenntnis, dass sie praktisch unschlagbar ist, wenn sie den ersten Kilometer mit Vollgas absolviert und die Konkurrenz damit frühzeitig nahe der Erschöpfung bringt. Sie ist als einzige fähig, die Rennen trotz des taktischen Harakiris regelmäßig in Weltklassezeiten zu beenden.
Hinter Chepkoech kamen in Zürich Hyvin Kiyeng (9:03,83, Saisonbestleistung) und Jeruto (9:05,15) auf die weiteren Stockerlplätze. Die viertplatzierte Daisy Jepkemei verbesserte ihre persönliche Bestleistung um knapp zwei Sekunden auf eine Marke von 9:06,66 Minuten. Wenig überzeugend waren die Auftritte von Winfred Yavi in 9:14,84 und Celliphine Chespol in 9:20,04, zwei weitere Opfer der irren Tempogestaltung. Aus europäischer Sicht konnte sich die Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal über eine Saisonbestleistung von 9:20,69 Minuten freuen. Da in Doha nur vier Kenianerinnen startberechtigt sind (Chpekoech hat dank des Diamond-League-Gesamtsiegs eine Wildcard, Anm.), könnte dieses Leistungsniveau tauglich für ein Erreichen des WM-Finals sein.
 

Doppelsieg für NOP als Denkaufgabe für Dibaba

Nun ist Genzebe Dibaba sicherlich nicht das, was man eine Diamond-League-Dauerstarterin bezeichnen könnte – 2016 und 2018 bestritt sie gar kein Diamond-League-Rennen auf den Mittelstrecken, sondern lediglich über 5.000m. Dennoch ging bei „Weltklasse Zürich“ 2019 eine eindrucksvolle Serie zu Ende. Erstmals seit sage und schreibe fünf Jahren landete Genzebe Dibaba bei einem Diamond-League-Rennen über 1.500m oder über die Meile nicht auf dem ersten Platz. Damals in Stockholm war eine gewisse Sifan Hassan hinter Dibaba Dritte, es gewann die US-Amerikanerin Jennifer Simpson. In dieser Zeitspanne verlor Dibaba nur bei den Olympischen Spielen von Rio (Silber) und bei den Weltmeisterschaften von London (Zwölfte) Mittelstreckenrennen.
Vielleicht markierte der Lauf in Zürich den längst vollzogenen Wechsel an der Weltspitze von der Weltrekordlerin Dibaba zur neuen Meilen-Weltrekordhalterin Sifan Hassan, die im „Letzi“ gewann. Denn die Holländerin hat schon öfters bewiesen, mit der für das Nike Oregon Project seit den Zeiten von Farah und Centrowitz fast berühmten, pfeilschnellen Schlussrunde effektive Waffen gegen die taktische Vorliebe der Frontrunnerin Dibaba zu haben. Die Äthiopierin bestritt das Rennen in Zürich wie gewohnt. Sie platzierte sich hinter der erfahrenen Pacemakerin Chanelle Price, die die ersten 800 Meter in 2:07,79 Minuten flott anlief. Danach führte Dibaba das Feld an, in der letzten Runde konnte sie jedoch nicht zusetzen, wurde übertrumpft und überquerte in einer Zeit von 4:00,86 Minuten als Vierte die Ziellinie. Die letzten fünf Meter schien sie zu humpeln, hinter der Ziellinie war ihr dank des tief gesenkten Haupts die Enttäuschung anzusehen. Vielleicht begann in diesem Augenblick die diffizile Denkaufgabe, wie sie in Doha das Blatt wieder zu ihren Gunsten wenden will.
 

Fabelhafte Schlussrunde

Denn im finalen Umlauf im Letzigrund dominierte Sifan Hassan das Feld in einer unvergleichlichen Art und Weise. Von der vierten Stelle bei der Glocke schob sie sich mit einem merklichen Rhythmuswechsel entlang der Gegengerade vorbei an der verblüfften Konkurrenz an die Spitze, erarbeitete sich sofort einen kleinen Vorsprung und zog gnadenlos durch bis zur Ziellinie. „Die finalen 300 Meter waren wirklich hart. Ich bin sehr glücklich, das war wie ein Meisterschaftsrennen, wo alles auf die Schlussphase ankommt“, kommentierte die Europameisterin im 5.000m-Lauf zufrieden. Die letzten 100 Meter dieses Rennens absolvierte die 26-Jährige, die nun drei der sechs schnellsten 1.500m-Zeiten des Jahres hält, in handgestoppten 57 Sekunden, komma tief. Damit war sie wohl einen Tick schneller als Laura Muir bei ihrer Fabel-Schlussrunde beim Diamond-League-Meeting von London. Aufgrund der Terminkollision mit dem 5.000m-Lauf ist es fraglich, ob die Leichtathletik-Fans dieses Duell, das schon bei der EM in Berlin fehlte, überhaupt sehen.
 

Klosterhalfen und Debues-Stafford glänzen in Hassans Rücken

Beeindruckend auch: Sifan Hassan hatte in einer Siegerzeit von 3:57,08 Minuten, die ihr den zweiten Diamond-League-Gesamtsieg nach 2015 einbrachte, fast zwei Sekunden Vorsprung auf ihre Trainingskollegin Konstanze Klosterhalfen. Mit hin und her wackelndem Kopf, ein Markenzeichen in entscheidenden Rennphasen, schluckte die Deutsche ausgangs der letzten Kurve Dibaba und lief in einer Saisonbestleistung von 3:59,02 Minuten auf den zweiten Platz.„Ich weiß gar nicht, wie ich in der Lage war, heute so schnell zu laufen. Aber die Atmosphäre war sensationell“, so die 22-Jährige. Auch Klosterhalfen muss sich im Trainingslager von St. Moritz nun entscheiden, ob sie bei der WM die 1.500m läuft oder die 5.000m. In beiden Disziplinen scheinen Medaillenchancen intakt, die Trainingskollegin Hassan angesichts ihrer wahnsinnigen Form allerdings ein unüberwindbares Hindernis. Die Form auf der Mittelstrecke passt jedenfalls, Klosterhalfen blieb nur eine Zehntelsekunde über ihrem zwei Jahre alten deutschen Rekord.
Apropos Rekord: Einen neuen Landesrekord für Kanada zauberte Gabriela Debues-Stafford auf die Bahn in Zürich, ihr zweiter in dieser Disziplin in den letzten eineinhalb Monaten. In einer Zeit von 3:59,59 Minuten fiel erstmals in der kanadischen Leichtathletik-Geschichte die Marke von vier Minuten. Die Trainingspartnerin der verletzten Europameisterin Laura Muir lief ein smartes Rennen und hielt sich stets in der Spitzengruppe auf. Auch die Tempoverschärfung in der letzten Runde konnte sie einigermaßen beantworten, überholte die am Ende durchgereichte Gudaf Tsegay und 50 Meter vor dem Ziel auch noch Dibaba für einen spektakulären Podestplatz – der vierte in Folge bei Diamond-League-Rennen für die 23-Jährige.
Beachtenswert war, wie das Feld in Zürich zweigeteilt wurde. Jennifer Simpson hatte als Achte fast 6,5 Sekunden Rückstand auf Siegerin Hassan. Eilish McColgan, die die Vier-Minuten-Marke ins Auge gefasst hatte, erlitt als Zwölfte eine schwere Niederlage. Das Schweizer Talent Delia Sclabas war in diesem für sie viel zu schnellen Rennen naturgemäß überfordert und kam nach 4:15,69 Minuten als Letzte ins Ziel. Für sie war es eine Aufgabe, die kaum besser zu lösen war.
 

Sum schafft WM-Limit, Büchel nicht

Kurz vor dem Start des Hauptprogramms von „Weltklasse Zürich“ starteten die 800m-Läuferinnen in ihr Rennen, in der das WM-Limit von 2:00,60 Minuten das große Ziel des Teilnehmerfeldes war. Die einzige Läuferin, die dieses Nahziel realisieren konnte, war die Weltmeisterin von 2013, Eunice Sum, die in einer Zeit von 2:00,40 Minuten das Rennen gewann. „Ich bin schon etwas müde vom ganzen Reisen zwischen den Meetings. Jetzt habe ich das WM-Limit endlich geschafft, das stimmt mich glücklich“, so die 31-Jährige, über deren WM-Start die Kenya Trials in zwei Wochen entscheiden werden. Die Kenianerin wurde entlang der Gegengerade von der am Ende drittplatzierten Hedda Hynne (2:00,79), die das erste Rennen seit längerer Zeit verlor, überholt, setzte aber 90 Meter vor dem Ziel den entscheidenden Konter. Im Finale überholte auch noch die Olympia-Finalistin Kate Grace, die sich mittlerweile eher den 1.500m zuwendet, die Skandinavierin. Selina Büchel lief ein Rennen im Mittelfeld und verbuchte eine Zeit von 2:01,32 Minuten auf Rang fünf. Damit erreichte sie ebenso wie die sechstplatzierte Landsfrau Lore Hoffmann (2:02,22) eine Saisonbestleistung. „Ich bin erleichtert, weil ich nicht recht wusste, wie ich drauf bin. Ich bin sehr happy! Darauf kann ich aufbauen“, fiel Selina Büchel, die zuletzt krank war, ein Stein vom Herzen. Vor ihrem nächsten Auftritt am Wochenende in Bellinzona hat die Schweizerin das WM-Limit zwar bei weitem noch nicht in der Tasche, doch die hochangesetzte Marke haben in einer bereinigten Auflistung erst 27 Athletinnen weltweit geschafft, womit es für die Schweizerin auch darum geht, sich mit Verbesserungen der Saisonbestleistung auf der „Warteliste“ für das Auffüllen der WM-Felder durch die IAAF möglichst weit vorne zu platzierten – für den Fall, dass das Limit nicht doch noch klappen sollte.
 

Der RunAustria-Bericht der Laufbewerbe der Männer bei „Weltklasse Zürich“: Brazier triumphiert in bizarrem 800m-Rennen
 
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