Brazier triumphiert in bizarrem 800m-Rennen

© IAAF Diamond League / Jiro Mochizuki

Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte hat ein Nicht-Afrikaner die Gesamtwertung der IAAF Diamond League im 800m-Lauf der Herren gewonnen. Der US-Amerikaner Donavan Brazier ist überhaupt erst der zweite nicht-afrikanische Läufer nach Mo Farah 2017 im 5.000m-Lauf, der eine Lauf-Disziplin als Gesamtsieger der wichtigsten Meetingserie für sich entscheiden konnte und damit das Preisgeld von 50.000 US-Dollar (das sind umgerechnet ca. 45.000 Euro) einheimste. Das alleine wäre schon eine sensationelle Geschichte gewesen. Doch wie Donavan Brazier im Zürcher Letzigrund in der Schlussrunde das Feld von hinten aufrollte und von einer scheinbaren Chancenlosigkeit zum Triumph spurtete, sucht seinesgleichen. Mit einer persönlichen Bestleistung von 1:42,70 Minuten (0,85 Sekunden schneller als zuvor) nach einem Rennen mit zwei gleichen Hälften (persönlich) verpasste er den seit einer gefühlten Ewigkeit bestehenden US-amerikanischen Rekord von Johnny Gray lediglich um eine Zehntelsekunde. Gray war 1985 in Koblenz eine Zeit von 1:42,60 Minuten gelaufen. Fünf Amerikaner haben nun jemals die Marke von 1:43 unterboten.
 
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© IAAF Diamond League / Jiro Mochizuki
 

Volle Kraft voraus

Vom ersten Schritt an demonstrierte Nijel Amos, dass er nach seiner muskulären Verletzung in London wieder nahe seiner Top-Form war. Immerhin blieb er zum bereits sechsten Mal in seiner Karriere unter der Marke von 1:43 Minuten – das haben bisher übrigens lediglich Weltrekordhalter David Rudisha, dessen Vorgänger Wilson Kipketer und die brasilianische Mittelstreckenlegende Joaquim Cruz geschafft. Amos setzte in Zürich trotz der physischen Unsicherheiten auf seine bevorzugte Taktik und bestellte bei Tempomacher Harun Abda Vollgas. Dieser jagte das Feld einmal rund um das Stadion und verbuchte mit Amos direkt im Rücken eine irre Durchgangszeit von 48,23 Sekunden. Emmanuel Korir, nach einem Autounfall während der Saison nicht am seinem persönlichen Limit, versuchte das Tempo seines Kontrahenten mitzugehen und hatte auf der Gegengerade einen kleinen Rückstand. Nach einer weiteren Lücke folgte das Dreiergespann Ferguson Rotich, Wycliffe Kinyamal und Brandon McBride. Brazier allerdings hatte die Zwischenzeit bei Rennhalbzeit mit rund zweieinhalb Sekunden Rückstand auf Amos, der nach 600 Metern eine Sensationszwischenzeit von 1:14,43 Minuten erzielte, überquert, nur Amel Tuka lag zu diesem Zeitpunkt noch abgeschlagener im Rennen.
 

Ein fantastisches Finish

Braziers genialer Schluss von deutlich unter 26 Sekunden für die finalen 200 Meter begann rund 250 Meter vor dem Ziel, als er plötzlich rasch Boden gut machte. Doch auch zu Beginn der Zielgerade lag Brazier, auf der Außenbahn gerade an McBride und Rotich vorbei, noch rund 15 Meter hinter Amos. Der schnellste Läufer der letzten Jahre aber hatte sich verkalkuliert, ihm ging die Kraft aus. Übermäßig viel Power hatte aber der US-Amerikaner, der im Speedvergleich mit allen anderen den Eindruck erweckte, überhaupt erst 200 Meter vor dem Ziel ins Rennen gegangen zu sein. Wenige Schritte vor der Ziellinie war die Sensation perfekt, Amos (1:42,98) verlor zum zweiten Mal nach Rom einen Endspurt gegen Brazier deutlich. Aufgrund dieser Stärke im Finale ist der US-Boy, der sein erstes Rennen in Europa seit fast drei Monaten absolvierte, spätestens jetzt einer der Hauptfavoriten bei den Weltmeisterschaften. „Ich habe einfach meinen Plan umgesetzt, eine gute Position gefunden und alles aus mir herausgeholt. Dass ich so schnell war, überrascht mich doch ein bisschen“, so Brazier. Amos, der bei seinen beiden sub-1:42-Läufen jeweils deutlich langsamer angegangen war, verabschiedete sich übrigens wortlos aus dem Letzigrund und ließ über einen Sprecher ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Er hatte sich definitiv zu viel zugetraut.
Im Sog von Brazier spurtete McBride noch Korir nieder, beide erreichten genauso wie der fünftplatzierte Murphy Saisonbestleistungen (1:43,51 / 1:43,60 / 1:43,94). Während der endschnelle Kanadier seinen vierten Top-Fünf-Platz in der Diamond-League in dieser Saison sicherte, fiel Ferguson Rotich auf Rang sieben zurück und war die Enttäuschung dieses Rennens. Anschließend erzählte er von einer leichten Verletzung, die ihn die letzten Wochen behindert habe.
 

Cheptegei besiegt Äthiopier im Alleingang

Beim vorläufigen Abschied des 5.000m-Laufs von der Bühne der Diamond League war Joshua Cheptegei, der für den zweiten nicht-äthiopischen Sieg des Jahres nach dem Zwei-Meilen-Rennen von Stanford sorgte, der große Sieger. Der 22-jährige Ugander nutzte die Gunst der Stunde in einem hochinteressanten Rennen mit eigenem Charakter und setzte sich mit einer persönlichen Bestleistung von 12:57,41 Minuten an die Spitze des Klassements. Viel wichtiger war aber die Botschaft vor den Weltmeisterschaften von Doha, dass Cheptegei aufgrund seiner Tempohärte dort der große Konkurrent der Äthiopier im 10.000m-Lauf sein wird. „Dieser Sieg und der Glaube an mich selbst, solch harte Rennen realisieren zu können, geben mir eine Menge Selbstvertrauen. Wenn ich attackiere, dann mit hohem Tempo. Das war mein Plan, daher habe ich erwartet, das Rennen zu gewinnen“, so der junge Crosslauf-Weltmeister, der sich in seiner Heimat auf den Doppelstart in Doha vorbereiten will.
 

Ein gescheiterter Versuch

Die Phalanx der Äthiopier spielte zu Rennbeginn keine große Rolle. Die Stars versammelten sich im hinteren Mittelfeld, was den Eindruck erweckte, dass das äthiopische Team tatsächlich eine Art inoffizielle WM-Trials lief. Stewart McSweyn hatte seine Landsleute Ryan Gregson und Patrick Tiernan mit nach Zürich gebracht, die als Tempomacher die Basis einer Attacke auf den australischen Landesrekord von Craig Mottram (12:55,76) bauen sollten. Das Unternehmen scheiterte kläglich, der 24-Jährige, der zuletzt von einer WM-Medaille gesprochen hat, verlor 35 Sekunden auf den Sieger und wurde 13. vor dem Schweizer Julien Wanders. Immerhin konnte das Duo längere Zeit mitten in der äthiopischen Phalanx mitlaufen, weil die australischen Pacemaker nach einem ordentlichen ersten zwei langsamere weitere Kilometer einlegten.
Da das äthiopische Team geschlossen weit hinten lief, ergab sich durch den Ausstieg von Tiernan nach drei Kilometern eine taktisch unerwartete Situation. Urplötzlich lag Cheptegei aufgrund der Passivität der Konkurrenz alleine vorne und der Ugander entschied sich, alles auf eine Karte zu setzen. Er steigerte die Rundenzeiten von ca. 63 Sekunden auf 61 und erarbeitete sich sukzessive einen deutlicheren Vorsprung, der einen Kilometer vor dem Ziel rund vier, bei der Glocke fast fünf Sekunden betrug. „Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich gewinne“, erzählte er später. Das Sonderpreisgeld von 50.000 US-Dollar war ihm tatsächlich nicht mehr zu nehmen.
 

Gebrhiwet schlauster Taktiker

Als Cheptegei beschleunigte, war einzig Telahun Bekele aus dem äthiopischen Team in Schlagdistanz. Doch gemeinsam mit dem Kenianer Stanley Mburu entschieden sie sich gegen Risiko. Als sich seine Landsleute formiert hatten und an der Spitze der Verfolgergruppe platziert hatten, war Cheptegei längst um über drei Sekunden entwischt. Aus Sicht von Yomif Kejelcha ging weiterhin alles daneben. Der Athlet des Nike Oregon Projects führte die Verfolgergruppe an und wählte sein Tempo, das etwas langsamer war als jenes von Cheptegei. Als die entscheidende Phase begann, konnte der zweifache Hallen-Weltmeister nicht mehr zusetzen und wurde noch auf der Zielgerade mehrfach überholt. Mit Rang sechs in einer Zeit von 13:01,38 Minuten, tatsächlich keine schlechte, hat er nun schlechte Karten für einen WM-Start in der Hand. Denn drei Äthiopier waren schneller. Der ausgewievte Taktik-Fuchs Hagos Gebrhiwet, der sich im richtigen Moment löste, um frühzeitig den zweiten Platz in einer Zeit von 12:58,15 Minuten abzusichern, Bekele (12:59,09) und Barega (12:59,66). Und auch in der äthiopischen Jahresliste ist Kejelcha weit weg von den Top-Drei, durch Cheptegeis Sieg in Zürich kam keine Wildcard für Äthiopien dazu. Mindestens genauso impulsiv wie Cheptegei jubelte übrigens der junge Kenianer Nicholas Kimeli über seinen zweiten Diamond-League-Podestplatz als Dritter in einer Zeit von 12:59,05 Minuten.
Der US-Amerikaner Paul Chelimo lief während der ersten Rennhälfte vorne mit, konnte als Achter in 13:14,18 Minuten aber gar nicht überzeugen. Bester Europäer war Andrew Butchart in 13:24,46 vor Henrik Ingebrigtsen, der über sechs Sekunden später ins Ziel kam.
 

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