Road to Vienna: „Er schafft es zu 100%“

© Thomas Lovelock for London Marathon Events

Die INEOS 1:59 challenge vereint viele besonders für Fachleute des Laufsports hochspannende Aspekte und Facetten, die dieses im Oktober in Wien stattfindende Event so anziehend machen. Letztendlich steht jedoch nur eine simple Frage im Vordergrund: Schafft er’s oder nicht? Kann Eliud Kipchoge eine penibel genau vermessene Lauf-Distanz von 42,195 Kilometer auf dem Rundkurs im Wiener Prater, bei wünschenswerten Bedingungen, die dem Optimum möglichst nahe kommen, in einer Zeit unter zwei Stunden absolvieren? Und damit eine begehrte Schallmauer in der Sportgeschichte durchbrechen? Oder bleibt diese magische Grenze noch eine Zeit lang aufrecht? Und wird weitere hoffnungsvolle Versuche nach sich ziehen?
 

© Thomas Lovelock for London Marathon Events
Streben nach Höchstleistungen

Das Streben nach Höchstleistungen, nach dem Verschieben von Leistungsgrenzen und immer neuen Zielen ist tief verankert in der Sportgeschichte und zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte. Selbst im Olympischen Motto – citius, altius, fortius (schneller, höher, stärker) – ist dieser Gedanke verwurzelt. Rekordleistungen bestimmen das Gesicht des modernen Sports im Gegensatz zu den Olympischen Spielen der Antike, als Rekordleistungen keine Rolle spielten, sondern nur der Sieg und die Ehre im Vordergrund standen.
Der Laufsport hat schon einige Wettläufe Richtung eines Meilensteins erlebt. Die berühmteste Schallmauer des Laufsports, insbesondere im anglo-amerikanischen Raum, ist das Streben nach der ersten sub-4-Meile – also der ersten Meile unter vier Minuten, die dem Briten Sir Roger Bannister am 6. Mai 1954 in Oxford gelang. Sie realisierte einen Traum von einer Leistung jenseits einer bedeutenden Grenze, nachdem jahrelang etliche Athleten aus verschiedenen Ländern mehrere Kontinente gestrebt hatten. Die maßgebliche Rolle des in Österreich geborenen Trainers Franz Stampfl hat RunUp-Chefredakteur Andreas Maier 2013 in einer Biografie packend erzählt. In Zukunft wird es Biografien von jenem Läufer geben, der den ersten Marathon unter zwei Stunden gelaufen ist. Vielleicht ist Eliud Kipchoge der Protagonist dieser Werke. Die Sportwissenschaft ist sich nämlich einig, dass dieses Ereignis realisierbar, also menschenmöglich ist. Nur die Frage nach dem Zeitpunkt wird unterschiedlich beantwortet, wobei eine wesentliche Unterscheidung zu treffen ist: Der erste Marathonlauf unter zwei Stunden unter erstrebten Laborbedingungen ist deutlich näher als ein offizieller Marathon-Weltrekord unter zwei Stunden unter Einhaltung der IAAF-Regularien bei einem City-Marathon.
 

Pitsiladis: Schlüssel liegt in der Biologie

Yannis Pitsiladis, Professor an der University of Brighton, ist einer jener Menschen weltweit, die sich in den letzten Jahren am intensivsten und fachlich auf höchsten Niveau mit der magischen Schallmauer von zwei Stunden im Marathon beschäftigt und wesentliche sportwissenschaftliche Arbeit im Rahmen der sub-2-Bestrebungen beigetragen haben. „Die Limits sind nicht fixiert. Unter dem Einsatz von Zeit und Energie können sie erweitert werden“, sagte der Brite bei einem Wissenschaftskonferenz des Israelischen Olympischen Komitees im Mai in Haifa. Er geht davon aus, dass die Marke in Kürze fällt. „Der Schlüssel liegt darin, Möglichkeiten zu erfinden, die Kohlenhydrat-Versorgung des Körpers so zu verbessern, dass der Läufer seine Energie in Echtzeit möglichst effektiv in Leistung umwandeln kann.“ Das alles in einem intelligenten System modernster physiologischer Variablen und dem Einsatz fortschrittlichster Technik und Material sowie modernster Erkenntnisse bei den Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Laufschuhe oder die Trainingswissenschaft. Pitsiladis’ nachhaltiges Projekt, ein „ganzheitlicher Ansatz, der Spitzensport modernisiert“, welches 2014 startete, kam nicht zur vollsten Entfaltung, weil die notwendige Finanzierung nicht aufgestellt werden konnte. Der Wissenschaftler konzentrierte sich auf künstliche Optimierung der Leistungssteigerung durch zielgerichtete Optimierung von biologischen Faktoren, weniger auf den technischen Fortschritt wichtiger Begleiterscheinungen. Von seinem Wissen profitieren jedoch alle folgenden Projekte zur Realisierung des sub-2-Marathons.
 

„Er schafft es zu 100%“

Kipchoges Umfeld und der Athlet selbst versprühen naturgemäß großen Optimismus, dass die Zeitnehmung beim inszenierten Rennen in Wien bei 1:59 Stunden und einer Maximalzahl von 59 Sekunden stehen bleibt. „Ich habe überhaupt keine Zweifel daran, mein Ziel zu erreichen“, unterstrich der Olympiasieger vergangene Woche bei einer Telefonkonferenz. Aus den Aussagen insbesondere aus dem Inneren des Trainingscamps in Kaptagat spürt man die reale Überzeugung, es schaffen zu können, deutlich. Sein Trainer Patrick Sang sieht die mentale Stärke seines Schützlings als entscheidenden Faktor für das Gelingen der Unternehmung: „Er sagt, dass es keine Grenzen gibt. Und das glaubt er wirklich. Wegen dieser mentalen Härte glaube ich, dass er als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden läuft.“ Valentijn Trouw, Kipchoges Manager, schlägt in dieselbe Kerbe: „Eliuds Überzeugung überzeugt mich, dass er Geschichte schreiben kann. Ich glaube wirklich, er schafft es!“
Diese Überzeugung teilt man natürlich auch bei INEOS, dem britischen Chemie-Giganten mit Hang zu Spitzensport, der die 1:59 challenge letztendlich finanziert. Auch das Veranstalter-Team des Vienna City Marathon, der mit der Durchführung des Rennens beauftragt ist, fiebert dem bedeutenden Ereignis mit positiven Gefühlen entgegen. „Wenn Eliud fit ist, wird es es 100%ig schaffen“, betont Wolfgang Konrad kompromisslos. Auch die Spitze des österreichischen Laufsports ist durchgehend der Meinung, dass Kipchoge die Schallmauer durchbricht und „in eine neue Dimension des Laufsports vordringt“, wie Konrad formuliert. „Ich glaube, dass er es schaffen wird“, sagt etwa Hindernisläufer Luca Sinn, der wie viele seiner Laufkollegen die Prater Hauptallee aus seinem Trainingsalltag bestens kennt.
 
 
INEOS 1:59 challenge
Vienna City Marathon