Doping: Rückschläge auf Russlands Weg zurück

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Sieben Jahre ist es nun her, als der gefallene 800m-Star Mariya Savinova in London vermeintlich zu Olympischem Gold stürmte. Nur ein Jahr später, bei den Heim-Weltmeisterschaften in Moskau als letzter großer Höhepunkt der russischen Betrugsmasche an der internationalen Leichtathletik, lief sie hinter der Kenianerin Eunice Sum ins Ziel – Silber. Nur Augenzeugen können von diesem als an dieser Stelle willkürlich ausgewählten Beispiel von mehreren ähnlichen Ereignissen berichten, denn statistisch fanden sie nicht statt. Etliche ehemalige russische Lauf-Stars wurden nachträglich disqualifiziert. Die Erfolge, die sie auf illegale und unfaire Weise errungen hatten, wurden ihnen in mühsamen Prozessen wieder weggenommen, Resultate umgeschrieben.
 

Seit fast vier Jahren suspendiert

Denn das System, das auf Doping, gezieltem Sportbetrug, Korruption und Vertuschung basierte, fiel im Jahr 2015 auseinander. Savinova, deren Sperre mittlerweile abgelaufen ist und die wieder startberechtigt wäre, wenn die Suspendierung gegen den russischen Verband aufgehoben würde, ist ein Sinnbild etlicher ehemaliger Kolleginnen und Kollegen. Dank wertvoller journalistischer Vorarbeit von Halo Seppelt und dem Whistleblowing der untergetauchten Yuliya Stepanova enttarnten Ermittlungen ein starkes und effizient gelenktes System des Staatsdoping. Dopingsperren und Suspendierungen prasselten auf russische Leichtathletinnen und Leichtathleten herein. Nach dem Amtswechsel im IAAF-Präsidium von Lamine Diack zu Sebastian Coe zögerte der Leichtathletik-Weltverband nicht lange und suspendierte den russischen Verband im November 2015 mit weitreichenden Maßnahmen, die neu für die Sportwelt waren. Der Ball wurde den hilflosen und nicht vorbereiteten Russen zugeschoben, die sich mit einer Konsequenz von Seiten des Weltverbandes auseinandersetzen müssen, die beispielgebend für die Zukunft des Sports sein könnte.
 

RUSADA rehabilitiert, RuSAF nicht

Fast vier Jahre sind seither vergangen. Fünf Jahre sind die letzten internationalen Meisterschaften höchster Bedeutung her, an denen die russische Nationalmannschaft vollzählig teilnahm – die Europameisterschaften von Zürich 2014. Eine Rehabilitierung des russischen Verbandes in den kommenden Wochen, um eine WM-Teilnahme Russlands in Doha zu ermöglichen, liegt in weiter, weiter Ferne. Russische Sportlerinnen und Sportler können sich an die eigens eingeführten IAAF-Regularien anlehnen, die unter festen Kriterien eine WM-Teilnahme unter neutraler Flagge ermöglichen. Als neutrale, authorisierte Athleten.
Die Schritte, die der Russische Leichtathletik-Verband (RuSAF) aktiv auf die auf klaren und entschlossenen Forderungen bestehenden Institutionen IAAF und WADA zugemacht hat, waren in den letzten Jahren kleine. Ein nicht unwesentlicher Schritt, nämlich die Herausgabe des Datensatzes vom Anti-Doping-Labor in Moskau, reichte, um die Suspendierung der russischen Anti-Doping-Behörde im Herbst 2018 aufzuheben, nicht jedoch jene des russischen Verbandes. Gewissermaßen als letzte Bastion weigert sich die IAAF, zur Tagesordnung zurückzukehren, weil Russlands Annäherungen an einen sauberen Sport und eine entsprechende nationale Denkweise nicht überzeugend scheinen. Im September will der Weltverband den Status erneut prüfen.
 

Flächendeckende Überführungen unrealistisch

Jahrelang war die Herausgabe dieses umfangreichen Datensatzes des Anti-Doping-Labors in Moskau ein leidiges, aber zentrales Thema, das in einem ewigen Tauziehen gipfelte und erst Monate nach der Aufhebung der Suspendierung der RUSADA erfolgte. Die Russen werden Gründe dafür gehabt haben, der Welt den Einblick lange Zeit zu verwehren. Anfang des Jahres kam die WADA endlich in den Besitz des Datensatzes, niemand konnte die Vollständigkeit bestätigen. Dennoch fand die WADA in den Datensätzen Indizien, die auf knapp 300 identifizierte russische Dopingsünder hindeuten. Das Problem: „Wir haben keine positiven Dopingproben, nur eine Vielzahl an Indizien. Zu erwarten, dass alle Verdächtigen am Ende überführt werden, ist unrealistisch“, resignierte WADA-Chefermittler Günther Younger unlängst in einem Interview auf der Website „Spiegel online“. Die Erkenntnisse dürften in der Leichtathletik-Welt aber kaum zur Beschwichtigung der Aufregung rund um den russischen Dopingskandal beitragen.
 

Verlängerung der Suspendierung bis nach Olympia?

Die Athletics Integrity Unit (AIU), die unabhängige Dopingkontrollstelle und Ermittlungseinheit des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), arbeitet mit Akribie und hat im laufenden Kalenderjahr bereits 23 russische Leichtathleten sanktioniert oder bereitet Sanktionen gegen sie vor. Angesichts dieser beträchtlichen Zahl spekulieren britische Medien bereits, dass die Suspendierung der russischen Leichtathletik bis nach die Olympischen Spielen 2020 in Tokio verlängert werde. Anstoß derartiger Diskussionen war der dreiste Betrugsversuch des russischen Hochsprungtalents Danil Lysenko, der sich mit gefälschten medizinischen Zertifikaten vor Dopingkontrollen drücken wollte, nun aber wegen Verfehlungen im ADAMS-System gesperrt trotzdem wurde. Der amtierende Hallen-Weltmeister hat seinen Status als authorisierter neutraler Athlet nach den aktuellen IAAF-Kriterien für immer verloren. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat dagegen vor einigen Wochen praktisch vorab versichert, dass Russland im Gegensatz zu den Winterspielen 2018 wieder als Nation mit uneingeschränkten Rechten an den Spielen von Tokio teilnehmen darf. Der Konfrontationskurs zwischen Thomas Bach und Sebastian Coe und deren Institutionen hält an.
 

Kräftige Rückschläge

Solche Episoden wie jene von Lysenko lassen internationale Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Bemühungen russischer Seite, das alte staatlich gelenkte Dopingsystem tatsächlich hinter sich zu lassen, aufkommen. Zumal Lysenko eines der Testimonials der russischen Funktionäre und auch der politischen Führung rund um Präsident Putin war, eine saubere, neue Generation russischer Leichtathleten zu promoten. Selbst Yuri Ganus, Chef der neu aufgestellten russischen Anti-Doping-Agentur (RUSADA), sagte vor zwei Monaten auf der Website der „Moscow Times“, dass der russische Verband in den letzten Jahren nicht genügend unternommen habe, um die Kultur des Dopings zu verdrängen. Kräftige Rückschläge bedeuten auch Dopingermittlungen gegen ehemals erfolgreiche russische Leichtathleten, die mittlerweile wichtige Funktionen im neu sortierten Verband übernommen haben. Etwa RuSAF-Vize-Präsident Andrei Silnov, Olympiasieger 2008 im Hochsprung, gegen die die AIU wegen möglicher Verfehlungen gegen die Anti-Doping-Regeln zu aktiven Zeiten ermittelt. Oder dass Protagonisten aus dem ehemaligen Dopingsystem, sowohl Trainer als auch Ärzte, laut diversen Medien- und Agenturberichten nach wie vor mit Athleten zusammenarbeiten sollen. (z.B. ARD, REUTERS)
Ungeachtet oder vielleicht auch aufgrund dieses Kontexts versucht der in Kritik geratene, neue Verbandspräsident Dmitry Shlyakhtin einen weiteren Vorstoß, begleitet mit weiteren Versprechungen des Durchgreifens gegen Doping-Protagonisten. Der RuSAF gab vor einigen Tagen eine groß angelegte Studie in Auftrag, um zu ermitteln, wie der Verband den Athleten die bestmögliche informative und methodische Unterstützung bieten kann. Ein Schritt, den der Verband auch vor drei Jahren setzen hätte können. Immerhin sind die russischen Leichtathleten mittlerweile die mit Abstand am häufigsten von der neu aufgestellten russischen Anti-Doping-Agentur (RUSADA) getesteten Sportler des Landes. Ein Fakt, der nicht unbedingt für andere Sportarten spricht, die Suspendierungen gegen russische Sportverbände längst aufgehoben haben – sofern es sie jemals gegeben hat.