Team-EM: Polen fordert Titelverteidiger Deutschland

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Deutschland ist das einzige Nationalteam eines nicht aktuell suspendierten, nationalen Verbandes, der in den bisherigen sieben Auflagen der höchsten Leistungsebene der Team-Europameisterschaft, der früher Europacup hieß, gewinnen konnte. Dreimal feierte der DLV die Goldmedaille und damit einmal weniger häufig als Rekordsieger Russland. Beim Heimspiel in der eigenen Leichtathletik-Hochburg Bydgoszcz will das polnische Nationalteam Titelverteidiger Deutschland herausfordern und sich als drittes Nationalteam in die Siegerliste der Europameisterschaften für Mannschaften eintragen.
 

Die Team-EM der Super League 2019

Die Medaillen-Anwärter: In der zum letzten Mal zwölf Nationen umfassenden Super League startet die Elite des europäischen Kontinenten. In Abwesenheit der gesperrten Russen haben sich in den letzten Jahren drei Nationalteams mit dem Anspruch, einen solchen Ländervergleich zu gewinnen, gebildet: Titelverteidiger Deutschland, Polen und etwas dahinter rangierend Großbritannien, das die Sprint- und Laufstrecken dominiert und genauso wie Deutschland über viele talentierte Leichtathletinnen und Leichtathleten der Zukunft verfügt. Diese drei Nationen sollten schlussendlich plangemäß auf dem Stockerl landen, Reihenfolge offen. Die Briten warten jedoch bereits seit 2013 auf eine Medaille, auch weil sie häufig der Team-EM in Vorbereitung internationaler Großereignisse nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt haben.
Die restlichen Teams: Die restlichen Teams können in das konstante Mittelfeld und die Abstiegskandidaten eingeteilt werden werden. Zwischen Medaillenkandidaten und Mittelfeld agiert traditionell Frankreich, das bei den letzten beiden Austragungen jeweils Bronze gewann und nur einmal nicht in den Top-Vier landete, als die Ukraine 2011 eine Medaille gewann. Die Ukraine ist die einzige Nation neben den genannten, die jemals auf dem Stockerl gelandet ist. Die osteuropäische Nation gehört ebenso wie Italien und das 2015 fünftplatzierte Spanien zum stabilen Mittelfeld.
Alle weiteren Nationalteams sind so genannte „Fahrstuhl-Mannschaften“ und damit in Bydgoszcz im Kampf um den Klassenerhalt. Dieser wird heuer ausgeweitet, weil der Europäische Leichtathletik-Verband (European Athletics) die Team-EM aus organisatorischen Gründen von zwölf auf acht Nationen reduzieren möchte. Daher steigen gleich fünf Nationen ab, nur der Sieger der ersten Liga steigt in die Elite auf. Zu dieser Gruppe gehört naturgemäß auch die Schweiz, die erstmals Super-League-Luft schnuppert. Außerdem die Mitaufsteiger Schweden und Finnland, Griechenland sowie die Tschechische Republik.
Der Modus: Es finden 22 Disziplinen pro Geschlecht statt. Pro Einzelbewerb erhält der Sieger bzw. die Siegerin zwölf Punkte, absteigend bis zu Rang zwölf jeweils einen Punkt weniger. Ein Nicht-Antreten, eine Disqualifikation oder ein fehlendes Ergebnis werden mit null Punkten quittiert. In der Addition der Punkte entsteht die finale Rangliste.
Der Austragungsort: Polen ist erstmals Austragungsort von Team-Europameisterschaften und lädt die europäische Leichtathletik gewissermaßen in das Mekka der polnischen Leichtathletik. In Bydgoszcz, mit rund 350.000 Einwohnern die achtgrößte Stadt des Landes, und das nach dem Olympiasieger von 1960 (3.000m-Hindernislauf) benannte, 20.000 Zuschauer fassende Zdzislaw Krzyszkowiak Stadion sind in aller Regelmäßigkeit Schauplatz für internationale Leichtathletik-Meisterschaften. 2003 und 2017 fanden hier die U23-Europameisterschaften statt, 2008 und 2016 die Junioren-Weltmeisterschaften, 1979 die Junioren-Europameisterschaften, 1999 die Jugend-Weltmeisterschaften, 2004 der Europacup als Vorgängerbewerb der Team-EM und dazu außerhalb des Stadions 2010 und 2013 die Crosslauf-Weltmeisterschaften.
 

Das Programm der Lauf-Entscheidungen

Samstag, 10. August um 16:56 Uhr: 800m-Lauf der Frauen
Samstag, 10. August um 17:12 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Frauen
Samstag, 10. August um 17:50 Uhr: 5.000m-Lauf der Männer
Samstag, 10. August um 18:38 Uhr: 3.000m-Lauf der Frauen
Samstag, 10. August um 18:54 Uhr: 1.500m-Lauf der Männer
Sonntag, 11. August um 15:58 Uhr: 800m-Lauf der Männer
Sonntag, 11. August um 16:10 Uhr: 1.500m-Lauf der Frauen
Sonntag, 11. August um 16:25 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Männer
Sonntag, 11. August um 17:08 Uhr: 5.000m-Lauf der Frauen
Sonntag, 11. August um 17:38 Uhr: 3.000m-Lauf der Männer
Ein Livestream der Wettkämpfe der Team-EM der ersten Liga wird von European Athletics auf dieser Webplattform zur Verfügung gestellt.
 

Polen gegen Deutschland in den Lauf-Events: Pro Polen auf den Mittelstrecken

Für een Anspruch, erstmals zu triumphieren, schickt der Gastgeber alle seine Stars ins Rennen, darunter auch die Lauf-Stars. Allerdings zeigt sich quer durch die zehn Lauf-Entscheidungen ein enges Rennen um die Gunst der Punkte zwischen Polen und Deutschland.
Im 800m-Lauf der Männer ist der dreifache Europameister Adam Kszczot seit Jahren der Hero in europäischen Meisterschaftsrennen. In Abwesenheit von Weltmeister Pierre Ambroise Bosse dürften Hallen-Europameister Alvaro de Arriba (in Abwesenheit Kszczots) und Jamie Webb die größten Kontrahenten des 29-Jährigen sein. Der Deutsche Marc Reuther befindet sich mit seiner Saisonbestleistung im Mittelfeld. Über 1.500m sind der Hallen-Europameister Marcin Lewandowski, ein ausgewiesener Spezialist für Meisterschaftsrennen, und der Brite Charlie Grice die Favoriten, Amos Bartelsmeyer befindet sich laut Vorleistungen im Mittelfeld. In Abwesenheit von Laura Muir, die von Jessica Judd, vor sechs Jahren die jüngste Disziplinen-Siegerin jemals bei Team-Europameisterschaften, vertreten wird, ist Sofia Ennaoui, EM-Silbermedaillengewinnerin von Berlin, die Favoritin im 1.500m-Lauf der Frauen, Universiade-Champion Caterina Granz kämpft um die Podestplätze. Im 5.000m-Lauf startet in Abwesenheit von Konstanze Klosterhalfen überraschend Hanna Klein, die bisher keine gute Saison aufweisen kann. Möglicher Vorteil für Paulina Kaczynska, die hinter der Britin Sarah Ingles die beste Saisonbestleistung eines insgesamt nicht gut besetzten Bewerbs aufweisen kann. Im 3.000m-Hindernislauf ist Krystian Zalewski im Duell mit Martin Grau favorisiert, muss sich allerdings im Vergleich zu den bisherigen Saisonleistungen noch steigern. Haushoher Favorit auf den Disziplinen-Sieg ist Fernando Carro, Spaniens neuer Rekordhalter.
 

Polen gegen Deutschland in den Lauf-Events: Pro Deutschland auf den längeren Strecken

Im 800m-Lauf der Frauen, der von der zweifachen Europameisterin Nataliya Pryshchepa, Hallen-Europameisterin Shelayna Oskan-Clarke und der zweifachen EM-Silbermedaillengewinnerin Renelle Lamote angeführt wird, dürfte die deutsche Meisterin Christina Hering im Duell mit der Polin Anna Sabat die Nase klar vorne haben. Im 3.000m-Lauf der Männer, der vom Spanier Adel Mechaal angeführt wird, sollte Richard Ringer locker vor dem Polen Patryk Kozlowski ins Ziel kommen. Im Rennen der Frauen sollte Alina Reh das Duell gegen Renata Plis gewinnen können, beide gehören zu den Favoritinnen im Rennen. (Update: Alina Reh wird von Denise Krebs ersetzt). Im 5.000m-Lauf liegt die Favoritenrolle im direkten Duell mit Robert Glowala auf den Schultern von Amanal Petros. Den Rennsieg sollten sich der Italiener Yemaneberhan Crippa und der Schweizer Julien Wanders unter sich ausmachen. Keine Zweifel dürften im 3.000m-Hindernislauf aufkommen, wo die zweifache Europameisterin Gesa Krause die klare Favoritin ist und auch vor Alicja Konieczek, Goldmedaillengewinnerin bei der Universiade in Neapel, ins Ziel kommen sollte.
 

Jugend forscht in Italien

Mit einem Durchschnittsalter von 25,16 Jahren (die Frauen sogar 24,22) stellt Italien ein ausgesprochen junges Team. Nicht weniger als 17 Italiener waren zuletzt vor zwei Jahren bei der U23-EM in Bydgoszcz zu Gast, neun Athleten feiern ihre Premiere im Nationalteam der Allgemeinen Klasse. Den Schnitt beträchtlich drückt die neue Läufer-Generation der „Azzurri“. Älteste italienische Läuferin bei der Team-EM in Bydgoszcz ist Hindernisläuferin Isabel Mattuzzi mit 24 Jahren. Ahmed Abdelwahed (3.000m-Hindernislauf) und Matteo Spanu (1.500m) sind 23, Yemaneberhan Crippa (3.000m/5.000m) 22, Francesca Tommasi (5.000m) 21, Simone Barontini (800m) und Marta Zenoni (1.500m/3.000m) 20,  Eloisa Coiro, Junioren-EM-Vierte im 800m-Lauf, sogar erst 18.
 

Vorfreude in der Schweiz

Erstmals ist die Schweiz Teil der europäischen Elite, eine Tatsache, die in unserem westlichen Nachbarland große Freude bereitet. „Wir freuen uns auf diesen Vergleich mit Europas Top-Nationen. Gerade für diejenigen, für die die WM in Doha eine Stufe zu hoch ist, ist diese Team-EM ein Saison-Höhepunkt“, betont Philipp Bandi, Leistungssport-Chef beim Schweizer Leichtathletik-Verband (Swiss Athletics). Um die schwierige sportliche Ausgangsposition weiß er Bescheid: „Diese Ausgangslage ist eine riesengroße Herausforderung. Wir sind uns dessen bewusst, müssen dies im Wettkampf jedoch ausblenden. Für uns geht es darum, dass jede Athletin und jeder Athlet im Wettkampf das Optimum herausholt.“
Eine gute Rolle können die Schweizer auch in einigen Lauf-Disziplinen einnehmen. Im 5.000m-Lauf fordert Julien Wanders den Italiener Crippa und will seine bisher starke Bahnsaison erfolgreich fortsetzen. Im 800m-Lauf der Frauen rennt Selina Büchel nach wie vor dem WM-Limit für Doha hinterher, eine Erkrankung im Trainingslager hat den Formaufbau für den zweiten Saison-Abschnitt beeinträchtigt. Im starken Feld hat die 28-Jährige auch ohne diese Problemchen einen schweren Stand, denn sie ist „nur“ die Sechstschnellste laut Saisonbestleistungen. (Update: Selina Büchel wird von Delia Sclabas ersetzt). Delia Sclabas, Junioren-Europameisterin im 1.500m-Lauf, bestreitet den 1.500m-Lauf und den 3.000m-Lauf und ist laut Papierform in beiden Rennen im Mittelfeld anzusiedeln. Im 3.000m-Hindernislauf kämpft Chiara Scherrer um einen Mittelfeldplatz und daher um wichtige Punkte für ihr Heimatland. Dasselbe trifft auf Jonas Raess zu, der zuletzt Bestleistungen über 1.500m und 5.000m erzielen konnte und daher gut in Form ist. Jonas Schöpfer (800m), Tom Elmer (1.500m), Nicole Egger (5.000m) und Christoph Graf (3.000m-Hindernis) sind in ihren Rennen klare Außenseiter.
 
 
Der RunAustria-Vorbericht auf die Team-EM der zweiten Liga: Junges ÖLV-Team kämpft um Klassenerhalt
Der RunAustria-Vorbericht auf die Team-EM der ersten und dritten Liga: Norwegens Stars vor heimischem Publikum um Aufstieg
 
 
Team-Europameisterschaft der ersten Liga in Bydgoszcz
European Athletics