Europarekord für Hassan, zwei Landesrekorde für Ingebrigtsens

Das IAAF Diamond-League-Meeting in London ist wie prädestiniert zum Lauf-Fest für die europäische Laufspitze geworden. Dabei stimmten an den zwei Tagen im Londoner Olympiastadion nicht nur die Resultate, sondern auch die Leistungen. Zahlreiche Landesrekorde und der Europarekord im 5.000m-Lauf der Frauen fielen. Für den Kontinentalrekord zeichnete sich Sifan Hassan verantwortlich, doch die Holländerin erlitt trotz dieser Rekordleistung einen kleinen Dämpfer. Nach dem überragenden Sieg im 3.000m-Lauf mit Europarekord in Stanford und dem Weltrekordrennen von Monaco über die Meile hielt die 26-Jährige zwar ihre Rekordserie aufrecht. In London folgte aber der Gegenschlag von Hellen Obiri. Die Crosslauf-Weltmeisterin setzte rechtzeitig vor einer einmonatigen Diamond-League-Pause mit einem Triumph in einem schnellen Rennen ein aussagekräftiges Zeichen. In die Serie von Landesrekorden reihten sich am vergangenen Wochenende auch zwei Ingebrigtsens ein: Filip über die Meile und Jakob über 5.000m. Beide mussten sich lediglich äthiopischen Stars geschlagen geben.
 

© IAAF Diamond League / Jean-Pierre Durand
Hassan: erst defensiv, dann mit früher Attacke

In einem flotten Tempo von Beginn an – nach 2:53,90 Minuten war der erste Kilometer vorbei – spielten die großen Favoritinnen Hellen Obiri und Sifan Hassan anfänglich defensive Rollen. Die Kenianerin besetzte die sechste Position, die Holländerin arbeitete sich überhaupt erst in der zweiten Runde ins Mittelfeld vor. Dies entspricht der alt bekannten Taktik Hassans, ganz konträr zu ihren letzten Rennen, möglicherweise aber ein guter Test für die WM in Doha. Mit konstantem Tempo absolvierte das von Winnie Nanyondo, ugandische Rekordhalterin auf den Mittelstrecken, angeführte Feld (in der Rolle der Pacemakerin) den zweiten Kilometer in einer Zeit von 2:54,54 Minuten. Immer noch lag eine große Spitzengruppe mit der kenianischen Phalanx, der Äthiopierin Letesenbet Gidey und Hassan vorne. Gidey übernahm nach dem Ausstieg der Pacemakerinnen das Kommando und absolvierte in 2:57,78 Minuten den langsamsten Kilometer des Tages.
Schneller wurde das Rennen, als Hassan in der viertletzten Runde abrupt beschleunigte und das Feld vorsortierte. Nur die Kenianerinnen Hellen Obiri und Agnes Tirop konnten mitgehen. Der bis dato schnellste Kilometer des Tages (2:52,87) bereitete das Finale vor. Hassan konnte ihre Kontrahentinnen nicht abschütteln, Obiri beschleunigte mit vollem Armausschlag auf der Gegengerade der letzten Runde und zog vorbei. In der Kurve saugte sich Tirop an die Holländerin heran und überholte sie. Beinahe hätte Tirop auch noch den Sieg Obiris gefährdet. An der Stätte ihres größten Triumphs, der WM-Titel vor zwei Jahren, siegte die 29-Jährige in einer Zeit von 14:20,36 Minuten: 17 Sekunden schneller als die bisherige Weltjahresbestleistung von der dieses Mal viertplatzierten Margeret Kipkemboi, zwei Sekunden langsamer als ihr eigener kenianischer Rekord, 13 Sekunden schneller als der Meetingrekord von Tirunesh Dibaba. Insgesamt war es die elftschnellste 5.000m-Zeit der Geschichte. „Ich bin so glücklich, weil das ist mein Lieblingsstadion, ich habe ein super Rennen gezeigt. Während der letzten Runde habe ich nur gedacht: ,Mal schauen, ob Sifan mich jagen kann’.“
 

Europarekord trotz Müdigkeit

Tirop glänzte mit einer persönlichen Bestleistung von 14:20,68 Minuten und ist nun vor Olympiasiegerin Vivian Cheruiyot die zweitschnellste Kenianerin aller Zeiten. Der neue Europarekord von Sifan Hassan fiel knapp aus, er fiel aber. In einer Zeit von 14:22,12 Minuten war sie um 0,22 Sekunden schneller als vor einem Jahr und acht Tagen in Rabat. „Ich habe alles herausgeholt. Aber ich fühlte mich sowohl physisch als auch emotional müde vom Rennen in Monaco. Trotzdem eine persönliche Bestleistung zu laufen, stimmt mich glücklich“, analysierte Hassan, die nun eine längere Wettkampfpause zur optimalen WM-Vorbereitung ankündigte.
Hinter dem ungefährdeten Trio gelangen auch der viertplatzierten Kipkemboi (14:31,69), der sechstplatzierten Eva Cherono (14:40,25), der siebtplatzierten Beatrice Chebet (14;46,12), der zehntplatzierten Gloriah Kite (14;49,22), der elftplatzierten Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal (14;51,66) und der zwölftplatzierten Laura Weightman (14:51,78) persönliche Bestleistungen. Die Engländerin sagte nach dem Rennen, sie sei nach den vielen Wettkämpfen der letzten Zeit müde, aber glücklich, WM- und Olympia-Limit in der Tasche zu haben. Sie ist nun die Nummer fünf der ewigen Bestenliste Großbritanniens, Grövdal die Nummer drei der norwegischen Bestenliste hinter Ingrid Kristiansen und Susanne Wigene. Lonah Chemtai-Salpeter lief auf Rang 14 sogar einen israelischen Landesrekord von 14:59,08 Minuten, konnte auf der aus ihrer Sicht Unterdistanz allerdings nicht in den Kampf um Top-Positionen eingreifen.
 

 

Muir dominiert 1.500m-Lauf

Der 1.500m-Lauf der Frauen verlor durch die Absage von Weltmeisterin Faith Kipyegon einen wichtigen Spannungsmoment. Die Kenianerin litt an Adduktoren-Problemen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer im Londoner Olympiastadion wurden dennoch bestens unterhalten, weil Lokalmatadorin Laura Muir das Finale dominierte und in einer Zeit von 3:58,25 Minuten ihren fünften Sieg im Rahmen eines Diamond-League-Rennens feierte. Die Schottin lief von Beginn an aktiv und reihte sich hinter der am Ende nur neuntplatzierten Rababe Arafi ein. Muir attackierte zu Beginn der letzten Runde, Konstanze Klosterhalfen behielt ihre Taktik bei und heftete sich an die Fersen der Favoritin. Doch das Tempo war unwiderstehlich, Muir gewann deutlich in der siebtschnellsten Zeit des Jahres. „Es mag leicht ausgesehen haben, war es aber nicht. Ich habe eine 57er-Schlussrunde absolviert, das macht mich sehr glücklich. Es ging darum, dieses Rennen zu gewinnen“, freute sich die 26-Jährige. Klosterhalfen brach im Finale ein, musste 50 Meter vor dem Ziel Winny Chebet (3:59,93) passieren lassen und verlor auf den letzten Metern zwei weitere Positionen. Dennoch erzielte die Deutsche eine klare Saisonbestleistung von 4:00,43 Minuten. Große Freude entwich dem Gesicht von Gabriela Debues-Stafford, die als Dritte den 34 Jahre alten kanadischen Landesrekord von Lynn Williams um eine Hundertstelsekunde auf eine Zeit von 4:00,26 Minuten verbesserte. Die U23-Europameisterin Jemma Reekie brachte ihre Topform mit in die Heimat und glänzte in einer persönlichen Bestleistung von 4:02,09 Minuten auf dem siebten Platz. Fast vier Sekunden unterbot sie ihren bisher schnellsten 1.500m-Lauf. Damit ließ sie unter anderem eine ehemalige (Ciara Mageean) und aktuelle EM-Medaillengewinnerin (Sofia Ennaoui) hinter sich.
 

Amos verletzt raus

Die dritte Lauf-Entscheidung des Wochenendes, für die Punkte für das Diamond Race verteilt wurden, begann mit einem Schreckmoment. Der Weltjahresschnellste und Monaco-Sieger Nijel Amos griff sich nach nicht einmal 100 Metern an den hinteren Oberschenkel und stieg verletzt aus. Wieder einmal führte Wesley Vazquez das Feld auf die Zielgerade, den besten Endspurt hatte Ferguson Rotich, zuletzt zweimal Zweiter, der in einer Zeit von 1:43,14 Minuten seinen vierten Sieg in der Diamond League feierte. Sein Landsmann Wycliffe Kinyamal folgte auf Platz zwei. Der Pole Marcin Lewandowski sicherte sich mit einem Klasse-Spurt auf der Innenbahn Rang drei in einer tollen Zeit von 1:43,74 Minuten – einen Hauch von 0,02 Sekunden über seiner persönlichen Bestleistung. „Ich suche intensiv nach meiner besten Form und diese Leistung ist ein gutes Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, freute sich der 31-Jährige. Dagegen setzte es für Emmanuel Korir eine empfindliche Niederlage. Der Kenianer wurde hinter dem Briten Jamie Webb, der eine persönliche Bestleistung von 1:44,52 Minuten feierte, und Europameister Adam Kszczot nur Achter. Auch der WM-Vierte Kyle Langford lief den schnellsten 800m-Lauf seiner Karriere, eine Zeit von 1:44,97 Minuten reichte in diesem Spitzenfeld allerdings lediglich zu Platz neun. Wie „Let’s Run.com“ feststellte, war ein Elftplatzierter in einem 800m-Lauf noch nie so schnell wie Andreas Kramer in London 2019 – 1:45,10.
 

Ingebrigtsen fordert Gebrhiwet

Am Samstagnachmittag startete Jakob Ingebrigtsen erstmals in der laufenden Saison über 5.000m, eine Disziplin, in der der Youngster der amtierende Europameister ist. Der 18-Jährige hatte eine schnelle Zeit angekündigt und er hielt Wort. Der Norweger gestaltete das Rennen insbesondere in der entscheidenden Phase mit und forderte damit den Favoriten Hagos Gebrhiwet, der zu den schnellsten 5.000m-Läufer aller Zeiten gehört. Ingebrigtsen attackierte 500 Meter vor dem Ziel, nur der Äthiopier konnte folgen. Gebrhiwet, der am Mittwoch die äthiopischen Trials über 10.000m in Hengelo gewann, dieses harte Rennen aber in den Knochen hatte, überholte den Norweger entlang der Gegengerade. Doch dieser ließ nicht locker und holte auf der Zielgerade zum Gegenschlag aus – einen Angriff, den Gebrhiwet gerade so abwehren konnte und in einer Zeit von 13:01,86 Minuten als Sieger von der Bahn ging. „Es war sehr schwierig heute zu gewinnen“, befand der 25-Jährige. Ingebrigtsen gewann dem Rennen ebenfalls viel Positives ab: „Das war mein erster schneller 5.000er überhaupt und ich bin sehr glücklich mit dem norwegischen Rekord. Ich habe gesehen, dass ich eine Zeit unter 13 Minuten drauf habe.“ Der 18-Jährige verbesserte den norwegischen Landesrekord von Marius Bakken aus dem Jahr 2004 um über vier Sekunden und liegt nun in der ewigen europäischen Bestenliste auf Platz acht. Dass die Leistung einen neuen Junioren-Europarekord darstellt, ist angesichts der Klasse Ingebrigtsens logisch. Diesen hat er übrigens selbst gehalten – zweimal aufgestellt in Meisterschaftsrennen (Junioren-WM und EM 2018).
Hinter den beiden überragenden Läufern des Tages belegte Nicholas Kimeli aus Kenia Rang drei vor dem besten Australier, Stewart McSweyn und dem Schotten Andrew Butchart, der mit einer persönlichen Bestleistung von 13:06,21 Minuten aufzeigte. Der Olympia-Sechste und WM-Achte hatte die vergangene Saison mit einer schweren Fußverletzung verpasst. Ebenfalls aufhorchen ließ Yemaneberhan Crippa auf Rang sieben. Mit einer persönlichen Bestleistung von 13:07,84 Minuten rückte er dem italienischen Rekordhalter Salvatore Antibo bis auf gut zwei Sekunden nahe. Weniger spektakulär verlief das 5.000m-Debüt des Junioren-Weltmeisters über die doppelte Distanz. Rhonex Kipruto, der in der Anfangsphase führte und sich in 13:07,40 Minuten mit Platz sechs zufrieden geben musste.
 
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Grandioses Duell über die Meile

Einen Tag nach Jakob hatte auch Filip Ingebrigtsen seinen Auftritt im Olympiastadion, mit dem exakt gleichen Resultat. Zweiter Platz nach einem spannenden Kampf hinter einem Äthiopier und norwegischer Landesrekord. Das Rennen verlief aber gänzlich anders: Hallen-Weltmeister Samuel Tefera nahm das Tempo der Pacemaker Bram Som und Jordan Williamsz auf und setzte sich früh deutlich vom Feld ab. Zuerst sorgte der Brite Josh Kerr für das Tempo in der Verfolgerfeld, dann wagte Filip Ingebrigtsen einen Vorstoß als Solist und holte den Äthiopier ein. 450 Meter vor dem Ende übernahm der Norweger die Führung und wirkte entschlossen. Doch Tefera nahm die Herausforderung an, platzierte sich im langen Windschatten des Skandinaviers und holte 110 Meter vor der Ziellinie zum Konter aus. Der in einem langen und ausgeglichenen Spurt letztendlich gelang. In einer persönlichen Bestleistung über die Meile von 3:49,45 Minuten, gleichzeitig um eine Sekunde schneller als die Weltjahresbestleistung von Timothy Cheruiyot, verwies Tefera Ingebrigtsen um 0,15 Sekunden auf den zweiten Platz. Tefera ist nun der drittschnellste Äthiopier über die Meile, Ingebrigtsen klaute seinem älteren Bruder Henrik den norwegischen Meilenrekord um eine gute Sekunde. In der ewigen europäischen Bestenliste liegt er auf dem geteilten zwölften Rang. „Zwei Landesrekorde für die Ingebrigtsens: Das ist die Art und Weise, die wir mögen“, schmunzelte er.
Tefera und Ingebrigtsen hatten sich ein Duell in einer eigenen Liga geliefert. Jake Wightman gewann den Spurt der Verfolgergruppe und belegte in einer persönlichen Bestleistung von 3:52,02 Minuten den dritten Platz. Die Fortschritte des Schotten sind nach einer Verletzung im Frühling eindrucksvoll. Zu den zahlreichen Athleten, die Bestleistungen erzielten, zählte auch der Deutsche Amos Bartelsmeyer, der in einer Zeit von 3:53,33 Minuten den starken sechsten Platz belegte.
 

Australischer Landesrekord für Bisset

Den zweiten Heimsieg neben Laura Muir gab es in den sechs Laufentscheidungen der Müller Anniversary Games im 800m-Lauf der Frauen, wo die führende Jamaikanerin Natoya Goule aus der Rolle der Favoritin auf der Zielgerade einbrach und bis auf Rang sieben durchgereicht wurde. Lynsey Sharp, die ihren Abstecher nach San Diego im Jahr 2018 nach schlechten Resultaten rückgängig gemacht hat und nun wieder in der Heimat trainiert, spurtete vorbei und krönte ihre starke Aufwärtstendenz mit einem tollen Sieg in einer Zeit von 1:58,61 Minuten. Das Rennen diente der britischen Elite als Sprungbrett zum WM-Limit für Doha und neben Sharp, die es bereits in der Tasche hatte, schlugen Alexandra Bell (3., PB 1:59,82), Shelayna Oskan-Clarke (4., 1:59.83) und Hannah Segrave (6., PB 2:00,18) zu. Die Geschichte des Rennens lieferte jedoch die Australierin Catriona Bisset, die in einer Zeit von 1:58.78 Minuten den 43 Jahre alten australischen Landesrekord von Charlene Rendina unterbot. Auf den ozeanischen Kontinentalrekord der Neuseeländerin Toni Hodgkinson, den diese beim Olympischen Halbfinale von Atlanta lief, fehlt der Goldmedaillengewinnerin bei der Universiade noch eine halbe Sekunde. Praktisch im selben Atemzug konnte auch eine zweite Australierin glänzen. Die 18-jährige Carley Thomas verpasste in einer Zeit von 2:01,01 Minuten den australischen Junioren-Rekord der noch ein halbes Jahr jüngeren Keely Small, aufgestellt bei den Commonwealth Games 2018, lediglich um 0,2 Sekunden.
 

Müller Anniversary Games