Ein Diebstahl an der Leichtathletik

„Es ist eine Lösung, bei der der Sport ein ganz großer Sieger ist.“ Mit diesen unfassbaren Worten eröffneten die Oberösterreichischen Nachrichten ihre Berichterstattung über eine für den Sport in der Stadt Linz tragweitenreiche Pressekonferenz. Vielleicht entstammen sie einem Zitat, das in etwa so heute Mittag auf der Linzer Gugl gefallen ist. Wer weiß…
 

Wenn sich die Leichtathletik als Verlierer fühlt, tut sie das mit Recht!

Denn es kommt auf die Perspektive an. Die Fußballer vom LASK gehören sicherlich zu den Siegern. Nach einem mehrere Dutzend Millionen schweren Umbau des Linzer Stadions in eine reine Fußballarena in den nächsten drei Jahren erhält der Vize-Meister für acht Jahrzehnte das alleinige Verfügungsrecht gegen eine Miete. Für die Leichtathletik fühlt sich dieser Entschluss beileibe nicht wie ein Sieg an. Sie verliert auf der Linzer Gugl ihren wichtigsten Standort in Österreich. Es bleibt nur noch die 2017 in Linz neu eröffnete Leichtathletik-Halle. Aber die früher rote und in den letzten Jahren blaue Laufbahn des Linzer Stadions, Austragungsort zahlreicher Leichtathletik-Staatsmeisterschaften und langjähriger Austragungsort des Gugl-Meetings und später der Gugl Games, gehört mit diesem Beschluss in Kürze endgültig der Vergangenheit an. Wenn sich die Leichtathletik trotz der oben zitierten Schlagworte als Verlierer fühlt, tut sie das mit Recht!
Das Stadion auf der Linzer Gugl war jahrzehntelang Österreichs einziges, international taugliches Leichtathletik-Stadion. Ein Platz, an dem die Olympische Kernsportart Tradition ausstrahlte. In einer Stadt mit Potenzial, die Stellung des österreichischen Leichtathletik-Zentrums für sich zu beanspruchen. Der Ort, an dem einer der erfolgreichsten Leichtathletik-Vereine der letzten Jahre, die TGW Zehnkampf Union ihr Zuhause hatte. Der ÖLV, der sich beschwerte, ohne Vorgespräche vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein, bezeichnete in einem ersten Statement die Gugl als „Leichtathletik-Hochburg“ Österreichs und bedauert diese „Hiobsbotschaft“. Die jüngsten Verluste der Leichtathletik-Standorte in Hartberg und Wattens, ebenfalls zu Gunsten des Fußballs in seinem Alleinherrscher-Auftreten, sind auch bitter für die österreichische Leichtathletik, stehen aber in keiner Relation zu diesem dramatischen Höhepunkt einer wahren Negativserie für die Leichtathletik, die von der heimischen Sportbühne rücksichtslos verdrängt wird.
 

Das Stadion auf der Linzer Gugl war jahrzehntelang jener Ort in Österreich, an dem die Olympische Kernsport Tradition ausstrahlte.

Der Verlust des Standorts Linz ist auch ein symbolischer. Österreichs aktuell erfolgreichste Leichtathleten Lukas Weißhaidinger, Ivona Dadic und Verena Preiner stammen allesamt aus Oberösterreich. Ihnen wird genauso wie zahlreichen jungen Leichtathletik-Begeisterten und Engagierten in Leichtathletik-Vereinen ein Stück Heimat entrissen. Eine politisch abgesegnete Aktion, die absolut konträr zum Aufstieg der österreichischen und oberösterreichen Leichtathletik im Besonderen und den internationalen Erfolgen in der Allgemeinen Klasse und in den Nachwuchsklassen der letzten Jahre steht. Manche werden von einem totalen Kniefall der Lokal- und Regionalpolitik vor dem LASK sprechen. Von einem Einknicken in einer aufkeimenden Drucksituation. Die Bevölkerung lief nämlich gegen erste Planungen eines Stadionbaus im Naherholungsgebiet Pichlingersee Sturm. Nun verabschiedeten sich Politik und Fußballverein schnellstmöglich durch die Hintertür.
Dass alle, aus der vollständig erschienen, obersten Riege der sportpolitischen und politischen Landschaft der Stadt Linz und des Landes Oberösterreichs in den in der Presse ausführlich zitierten Aussagen die Leichtathletik stillschweigend unter den Tisch fallen ließ, zeigt den Stellenwert der Olympischen Kernsportart in Linz im Vergleich zum Fußball geradewegs auf schockierende Art und Weise auf. Obwohl jahrelang nicht nur die nationale Elite, sondern Weltklasse-Athleten aus der ganzen Welt beim Gugl Meeting die Stadt mit einem Besuch beglückten. Obwohl begeisterte Sportfeste der Linzer Gugl Glanz verliehen. Die Sehnsucht nach internationalem Fußball scheint ungleich größer. Denn diesen gab es in Linz in der Tat schon ewig nicht mehr.