European Revolution made in USA

© IAAF Diamond League / photorun.net

Der mit Spannung und höchster Vorfreude erwartete 3.000m-Lauf der Frauen im Rahmen des Diamond-League-Meetings in Stanford hielt nicht, was er versprach. Er übertraf jegliche Erwartungen und lieferte die drei schnellsten, nicht von chinesischen Läuferinnen im legendenumwobenen und nicht sauberen Rennen in Peking im September 1993 erzielten Zeiten der Geschichte dieser Disziplin. Das alleine ist noch nicht Sensation genug. Die große Sensation des Abends ist die Außer-Kraft-Setzung bewährter Kräfteverhältnisse, die aufgrund jahrelanger Konstanz als gültig angesehen wurden. In Stanford jedoch fügte die europäische Spitze der afrikanischen eine deutliche und damit empfindliche Niederlage zu. Die anerkannten Größen Genzebe Dibaba und Hellen Obiri verpassten in einem epischen Rennen, das mit einem Kontinental- und zwei Landesrekorden an der Spitze zu Ende ging, sogar das Stockerl.
 

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Dreifach-Europarekordhalterin und das deutsche Wunderkind

Die Dominanz, mit der Sifan Hassan und Konstanze Klosterhalfen Afrikas Eliteläuferinnen in Stanford fast demütigten, erinnerte stark an das Olympische 10.000m-Rennen von London 2012. Damals triumphierte Alberto Salazar mit seinen Schützlingen Mo Farah und Galen Rupp über die Besten Afrikas. Auch für das Resultat in Stanford, das als Austragungsort des Diamond-League-Meetings für Eugene eingesprungen ist, zeichnet sich das international sehr beachtete Nike Oregon Project unter der Führung des ehemaligen Marathonläufers verantwortlich. Sifan Hassan wechselte im Winter 2016 nach Oregon und ist nun dreifache Europarekordhalterin: über 3.000m, 5.000m und im Halbmarathon – jener über 10.000m könnte in Kürze folgen. Unfassbar ist die Palette der aus Äthiopien stammenden Holländerin: Bestleistungen von 1:56,81 im 800m-Lauf, 3:55,93 im 1.500m-Lauf, 8:18,49 im 3.000m-Lauf, 14:22,34 im 5.000m-Lauf und 1:05:15 Stunden im Halbmarathon. Keine dieser Marken ist nicht der Weltklasse zugehörig. Das Prädikat „Weltklasse“ wurde der talentierten Konstanze Klosterhalfen bereits früh in Zukunftsprognosen gelegt. Nun hat sie sie endgültig erreicht. Im Winter verlegte die 22-Jährige ihren Lebensmittelpunkt nach Oregon, seit einigen Wochen gehört sie auch offiziell dem Nike Oregon Project an. Über diverse harte Wettkampftest brachte das erfolgreiche Team um Alberto Salazar die Deutsche in Form, Stanford war das erste fette Ausrufezeichen: Deutscher Rekord von 8:20,07 Minuten, Verbesserung der persönlichen Bestleistung (und ihres eigenen Landesrekords) um knapp zehn Sekunden. Der Rest der Welt ist geschockt. Während Sifan Hassan sich nach dem Rennen in gebückter Haltung ziemlich erschöpft gerade noch zu einem Stuhl rettete, in den sie sich fallen ließ, und Hellen Obiri zum Durchschnaufen über der Werbebande hing, verließ Klosterhalfen nur wenige Sekunden nach der Zielankunft vergleichbar frisch den Innenraum des Stadions. Nur um das einzuordnen: Keine Kenianerin und keine Äthiopierin ist jemals schneller über 3.000m gelaufen als Klosterhalfen.
Bei allen großartigen wie weniger großartigen Geschichten über das Nike Oregon Project darf das Hintergrundwissen zwischen der Genialität der Ausreizung aller legalen Möglichkeiten und des hohen sportwissenschaftlichen Standards genauso wie der hartnäckigen Doping-Anschuldigungen nicht fehlen.
 

Die 3.000m-Welt steht Kopf

Hellen Obiri gilt als die beste 5.000m-Läuferin der Welt, bringt starke Unterdistanz-Leistungen mit und machte sich spätestens mit ihrem Titel bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften in Aarhus zur geschätzen Allrounderin. Almaz Ayana ist die dominante Figur im 10.000m-Lauf und zweitschnellste 5.000m-Läuferin aller Zeiten. Genzebe Dibaba dominierte zuletzt über die Mittelstrecken nach Belieben. Und Sifan Hassan kam mit der Empfehlung einer persönlichen Bestleistung im 1.500m-Lauf nach Kalifornien. Dass inmitten dieses erlesenen Feldes Konstanze Klosterhalfen um die besten Plätze laufen würde, war nicht abzusehen. Überhaupt stellte dieser Lauf, dessen Mittelteil angesichts der Spannung völlig unverständlich nicht im Live-TV-Bild zu sehen war, das bisher da gewesene auf den Kopf. Almaz Ayana wurde bei ihrem Comeback Letzte. Hellen Obiri, bis zu diesem Nachmittag die schnellste Nicht-Chinesin über diese Distanz, war nach zwei Dritteln der Distanz chancenlos. Am Ende wurde sie in einer Zeit von 8:27,26 Minuten Sechste – es gab Zeiten, da wäre das eine Spitzenleistung gewesen. Vor Obiri überquerte übrigens Laura Weightman die Ziellinie und sorgte für die dritte überragende Leistung einer europäischen Läuferin, die angesichts der Wundertaten von Hassan und Klosterhalfen fast unterging. Persönliche Bestleistung von 8:26,07 Minuten, zweitschnellste britische Zeit überhaupt hinter einer gewissen Paula Radcliffe.
 

Chronik eines irren letzten Renndrittels

Letesenbet Gidey, zweifache Junioren-Crosslauf-Weltmeisterin und krasse Außenseiterin, führte, als der letzte Tausender eröffnet wurde. In ihrem Rücken lief Genzebe Dibaba, als wäre die 21-Jährige ihre persönliche Pacemakerin. Dahinter klaffte zwei Runden vor dem Ende eine Lücke von rund zehn Metern auf das Duo Sifan Hassan / Konstanze Klosterhalfen, eine kleinere Lücke weiter liefen die Kenianerinnen Agnes Tirop und Hellen Obiri. Nun nahm das Rennen, das bisher bereits schnell war, eine unglaubliche Dynamik auf. Gidey drückte ordentlich aufs Gaspedal, ihr Angriffswille war hauptverantwortlich für die historische Zeiten. Hassan bemühte sich, den Abstand nach vorne zu verkürzen. Dibaba konnte Gidey eingangs der Zielgerade der vorletzten Runde nicht mehr folgen. Von hinten saugte sich Hassan heran und überholte sie mit einem kleinen Körperkontakt. Augenblicke später ertönte der Glockenton der letzten Runde, Gidey hatte immer noch einige Schritte Vorsprung. Auf der Gegengerade zog die Holländerin mit langen Schritten außen vorbei und erarbeitete sich prompt einen kleinen Vorsprung. 130 Meter vor dem Ziel überholte auch Klosterhalfen Dibaba und saugte sich wie ein Rennwagen im Windschatten des Vordermanns an Gidey heran. Mit letzter Kraft gewann sie das Duell um den zweiten Platz.
Die statistische Auswertung des denkwürdigen Rennens: Hassan siegte in einer Zeit von 8:18,49 Minuten und verbesserte den Diamond-League-Rekord von Hellen Obiri (Doha 2014) um zwei Sekunden, den Meetingrekord von Genzebe Dibaba (2015) um 13 Sekunden, die Weltjahresbestleistung von Obiri um sieben Sekunden, ihren eigenen holländischen Rekord um neun Sekunden und den 17 Jahre alten Europarekord der Rumänin Gabriela Szabo um knapp drei Sekunden. Klosterhalfen und Gidey, die überraschende Dritte wurde, verbesserten ihre persönlichen Bestleistungen jeweils um rund zehn Sekunden. Gidey steigerte den äthiopischen Landesrekord von Almaz Ayana um rund zwei Sekunden. Und unglaublich, aber wahr: Die augenscheinlich schwer geschlagene Genzebe Dibaba, die im Finale von den Konkurrentinnen überrumpelt wurde, steigerte ihren „Hausrekord“ über diese Distanz um knapp fünf Sekunden und blieb ebenfalls unter der alten äthiopischen Rekordmarke, war aber in der Halle schon einmal deutlich schneller. Aus ihrem Gesicht nach Zielankunft war abzulesen, dass sie nicht glauben konnte, was sie eben erlebt hatte. Und Laura Weightman, die eine Zeit von 8:26,07 Minuten erzielte? Die 1.500m-Spezialistin blieb erstmals überhaupt unter neun Minuten.
 

Erstmals unter neun Minuten über die Hindernisse

Wie über 3.000m flach war auch über 3.000m mit Hindernissen die versammelte Weltklasse am Start. Beatrice Chepkoech, die spätestens seit ihrem Fabel-Weltrekord die Szene beherrscht, setzte in Stanford das erste große Zeichen der Saison und blieb deutlich unter neun Minuten. Die Zeit von 8:55,58 Minuten, die die Weltjahresbestleistung der diesmal sechstplatzierten Norah Jeruto um acht Sekunden unterbot, ist eine beeindruckende – die fünftschnellste in der Geschichte dieser Disziplin. Nur sie selbst und die wegen Dopings gesperrte Ruth Jebet sind jemals in diese Dimensionen oder sogar noch weiter vorgedrungen. Die 27-Jährige dominierte das Rennen wie gewöhnlich von Beginn an und setzte sich bereits im zweiten Renndrittel deutlich von der weit aufgereihten Verfolgergruppe ab. Dahinter forcierte Norah Jeruto das Tempo, Emma Coburn kam im Versuch, ihr zu folgen mit der falschen Schrittfolge zu einem Hindernis und fiel auf die Nase. Allerdings dämpfte sie den Sturz gekonnt mit den Handflächen ab und nahm das Rennen sofort wieder auf, sie blieb in der erweiterten Verfolgergruppe, die sich zwei Runden vor Schluss vergrößerte.
Als Jeruto 550 Meter vor dem Ziel am Wassergraben ins Straucheln kam, übernahm Coburn die Führung im Kampf um Platz zwei. Während Chepkoech einsam und verlässlich ihre Kreise drehte und die Zeitnehmung bei 8:55,58 Minuten anhielt, holte sich Coburn mit einem technisch perfekten letzten Wassergraben den entscheidenden Vorsprung im Duell der beiden letzten Weltmeisterinnen um Platz zwei. Mit einer Zeit von 9:04,90 Minuten inklusive des Sturzes setzte die US-Amerikanerin ein klares Ausrufezeichnen, Hyvin Kiyeng erzielte eine Zeit von 9:05,81 Minuten. Die viertplatzierte Daisy Jepkemei freute sich über eine persönliche Bestleistung von 9:08,45 Minuten. In die Phalanx der Kenianerinnen mischten sich mit Courtney Frerichs (5.) und Colleen Quigley (7.) zwei weitere US-Läuferinnen und demonstrierten, dass die USA in dieser Disziplin zu den Top-Zwei-Nationen gehören. Keine Rolle spielte dagegen die zweifache Europameisterin Gesa Krause, die in einer Zeit von 9:35,67 Minuten abgeschlagen im Hinterfeld landete.
 

Crosslauf-Weltmeister brilliert auf Kurzdistanz

Für Joshua Cheptegei ist die Distanz von zwei Meilen (3,218 km) eine Kurzdistanz, schließlich sind Straßenläufe und 10.000m-Läufe seine Stärke. In Eugene feierte er seinen größten Erfolg auf der für ihn kurzen Distanz und triumphierte in einem stark besetzten Rennen, welches nicht zum Diamond-League-Hauptprogramm gehörte. In einer Zeit von 8:07,54 Minuten verwies der amtierende Crosslauf-Weltmeister den wieder erstarken US-Amerikaner Paul Chelimo in einem faszinierenden Finish um fünf Hundertstelsekunden auf den zweiten Platz. Der ugandische Superstar erreichte in der letzten Runde den Windschatten von Selemon Barega und zog ausgangs der letzten Kurve am Äthiopier vorbei, noch von hinten kam Paul Chelimo, der mit Abstand die schnellste Schlussrunde hatte, mit Siebenmeilen-Stiefel heran. Gerade so konnte Cheptegei gegenhalten und einen Mini-Vorsprung sichern. Laut Let’sRun.com absolvierte Chelimo seine letzte Runde in einer Zeit von 56,12 Sekunden, zwei Sekunden schneller als der Sieger. Top-Favorit Barega, der die finale Phase des Rennens mit einer entschlossenen Tempoverschärfung in der drittletzten Runde eröffnet hatte, musste auf der Zielgerade die Konkurrenz chancenlos ziehen lassen und wurde in einer Zeit von 8:08,69 Minuten Dritter. Mit einem Rückstand von acht Sekunden auf den Sieger führte der Kanadier Mo Ahmed standesgemäß die Verfolgergruppe an, in der mit dem Australier Stewart McSweyn ein dritter Nicht-Afrikaner in die Top-Sechs kam. Alle Teilnehmer, darunter auch der letztplatzierte Ronald Kwemoi, erzielten auf der selten gelaufenen Distanz eine persönliche Bestleistung, der US-amerikanische Rekord von Matt Tegenkamp überlebte nur knapp.
 

Der RunAustria-Bericht von den Mittelstrecken-Rennen beim Diamond-League-Meeting in Stanford: Triumphale Rückkehr von Faith Kipyegon
 
 
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