Parade der Laufstars und zwei grandiose Comebacks

© Getty Images for IAAF / Andy Lyons

Im Epizentrum der US-amerikanischen Leichtathletik prägen die Bagger und Baumaschinen das Bild. Eugene bereitet sich auf die Olympischen Vorausscheidungen den US-amerikanischen Leichtathletik-Verbandes (USATF) 2020 und auf die erste Leichtathletik-WM in den USA im Jahr darauf vor und modernisiert die alt ehrwürdige Anlage am Hayward Field. Damit kann das traditionsreiche Meeting „Prefontaine Classic“ in diesem Jahr nicht am Standort des US-Sportartikel-Giganten Nike stattfinden. Ersatz war schnell gefunden: Das einzige nordamerikanische Diamond-League-Meeting wandert heuer unter die pralle Sonne Kaliforniens an die Anlage der Stanford University. Dort findet am Sonntag ein im Vergleich zur Eugene-Tradition kompaktes Meeting statt, das aber das am besten besetzte des bisherigen Jahres sein wird. Bei der siebten Station der diesjährigen IAAF Diamond League, womit die zweite Halbzeit der Qualifikationsrunde beginnt, geben sich die Stars die Klinke in die Hand – auch und besonders bei den Lauf-Distanzen, die bei diesem Meeting tief fundiert einen Stein im Brett haben.
 

Almaz Ayana (hier bei der WM 2017) ist einer von zwei Top-Stars der weiblichen Laufszene, die in Stanford ihr Comeback nach langer Pause feiern. © Getty Images for IAAF / Andy Lyons
Meile mit allen Stars

Traditioneller Lauf-Höhepunkt des Meetings ist die „Bowerman Mile“, die auch heuer den krönenden Abschluss des Meetings bildet. Wenn das Meilenrennen von Eugene ruft, kommen die Stars, auch wenn dieses Mal der Flug in die südwestlichen Gefilde der USA führte. Timothy Cheruiyot, aktuell Führender in der Diamond-League-Qualifikation, führt das Rennen an. Der 23-Jährige gewann in Stockholm und belegte zu Saisonbeginn in Doha Platz zwei hinter Elijah Manangoi, der zuletzt schwächelte, aber in Stanford ein obligatorischer Herausforderer seines Landsmanns und Trainingskollegen sein wird. Ayanleh Souleiman, Zweiter in der Diamond-League-Qualifikation, und der amtierende Hallen-Weltmeister im 1.500m, Samuel Tefera zählen ebenfalls zu den Kandidaten auf Spitzenplätze. Die Besonderheit des Rennens bietet aber die Präsenz des Äthiopiers Yomif Kejelcha, dessen Spezialität eigentlich der 5.000m-Lauf ist. Im Winter lieferte der 21-Jährige aber mehrere Glanzleistungen auf den Mittelstrecken ab. Der Höhepunkt war ein Lauf in der Halle von Boston, als Kejelcha in einer Zeit von 3:47,01 Minuten den alten Weltrekord von Hicham El Guerrouj verbessern konnte. Wie sich der Äthiopier im Freien im direkten Duell gegen die weltbesten Meilenläufer schlägt, ist sicherlich die spannendste Frage dieses Rennens. Hält er das Tempo von Beginn an hoch, hat er eine gute Chance. Der zweifache Hallen-Weltmeister im 3.000m-Lauf ist übrigens noch nie ein Meilenrennen im Stadion gelaufen, seine persönliche Bestleistung im 1.500m-Lauf fällt nicht in die Kategorie Weltklasse und sollte ein baldiges Ablaufdatum tragen.
Wenn ein hochklassiges Meilenrennen auf dem Programm stehen, dürfen die Ingebrigtsens natürlich nicht fehlen. Neben Supertalent Jakob hat auch Filip einen Startplatz für Stanford. Die beiden Norweger sind die einzigen Europäer im Feld. Zu einer Bowerman Mile gehört natürlich auch ein starkes US-Aufgebot. Clayton Murphy, 800m-Olympia-Medaillengewinner von Rio, wird über die längere Distanz immer besser. Craig Engels, John Gregorek und Ben Blankenship, der bereits mehrere Rennen in Europa absolvierte, sammelten zuletzt ordentliche Resultate. Einen weiteren Spannungsbogen liefert die Saison-Premiere von Rio-Olympiasieger Matt Centrowitz, der seinen ersten Wettkampf seit November absolviert. Damals wurde er bei den US-Meisterschaften im 5km-Straßenlauf Achter. Auf der Bahn war der 29-Jährige zuletzt vor elf Monaten unterwegs, als er beim Diamond-League-Meeting in London einen nicht besonders stark besetzten 1.500m-Lauf gewann (außerhalb des Diamond-League-Programms, Anm.). Der Auftritt in Stanford ist sein erster nach seinem Abschied aus dem Nike Oregon Project.
 

Wilson bekommt Semenya vor die Nase gesetzt

Eigentlich sollte Caster Semenya in Stanford im 3.000m-Lauf an den Start gehen. Doch nach dem Urteil des Schweizer Bundesgerichts, das die verpflichtende Testosteron-Reduktion im Körper der Südafrikanerin als Teilnahmebedingung an Mittelstrecken außer Kraft gesetzt hat, pochte die zweifache Olympiasiegerin auf einen Start in ihrer Paradedisziplin. Der Veranstalter akzeptierte dies und setzte damit der favorisierten Lokalmatadorin Ajee Wilson eine nicht zu überwindende Hürde vor die Nase. Semenya wird auch in Stanford nicht zu schlagen sein, einzig offene Frage ist, wie stark die Zeitmessung ihr Statement definiert. Die Kenianerin Nelly Jepkosgei, zuletzt die Stärkste im 800m-Lauf, fehlt. Neben Wilson sind ihre Landsfrau Raevyn Rogers, Habitam Alemu aus Äthiopien und die Jamaikanerin Natoya Goule die weiteren Kandidatinnen auf Rang zwei. Goule stürmte am vergangenen Wochenende bei den jamaikanischen Meisterschaften in Kingston in einem Sololauf zu einer Zeit von 1:59,50 Minuten, womit sie nicht nur die nationale Konkurrenz deklassierte, sondern auch internationalen Eindruck schindete. Europameisterin Nataliia Pryshchepa aus der Ukraine gibt ihr Comeback nach längerer Wettkampfpause. Ihr letzter Wettkampfstart war beim IAAF Continental Cup in Ostrava im September 2018.
 

Gala der Weltklasse über 3.000m

Zu einer außergewöhnlichen Entscheidung kommt es im 3.000m-Lauf der Frauen, das angesichts der dichten Weltklasse-Besetzung das qualitative Flair eines Olympischen Finals verstrahlt. Auch ohne die ursprünglich gemeldete Semenya ist alles am Start, was Rang und Namen hat. Damit bietet sich dem deutschen US-Export Konstanze Klosterhalfen bei ihrer Diamond-League-Saisonpremiere eine gewaltige Herausforderung auf der einen und eine grandiose Bewährungsschance in diesem Weltklassefeld auf der anderen Seite. Knapp zwei Monate nach Doha, als Crosslauf-Weltmeisterin Hellen Obiri Genzebe Dibaba die Show stahl, bietet sich der Äthiopierin die Möglichkeit der Revanche. Während die Kenianerin, die in Eugene über 1.500m bereits zwei Meetingrekorde aufgestellt hat, sich in Stockholm mit einem Sturz im 5.000m-Lauf herumärgern musste, brillierte die Äthiopierin zuletzt auf den 1.500m und feierte eindrucksvolle Triumphe in Rom und Rabat. Dort ließ auch Sifan Hassan ihre Muskeln spielen und verbesserte in der marokkanischen Hauptstadt ihren holländischen Landesrekord. Auch die 26-Jährige kommt also in Topform nach Stanford und könnte auf der kürzesten Langstrecke noch näher an der Weltspitze dran sein als auf der Mittelstrecke. Die Kenianerin Agnes Tirop reist mit der Empfehlung des Siegs im 5.000m-Lauf von Stockholm an.
 

Lang erwartetes Comeback

Gänzlich ohne Leistungsnachweise im Wettkampf reist Almaz Ayana in die USA. Die Olympiasiegerin und Weltmeisterin im 10.000m-Lauf holte sowohl in Rio als auch in London jeweils Medaillen im 5.000m-Lauf. Diverse Verletzungen verhinderten jedoch, dass sie nach dem Neu Delhi Halbmarathon im November 2017 auf der internationalen Wettkampfbühne auftauchte. In Stanford endet nun ihre lange Phase der Abwesenheit – wie stark die 27-Jährige in der direkten Auseinandersetzung mit der Weltelite auf der für sie kurzen Strecke ist, wird sich weisen. Die fehlende Rennpraxis war in der Vergangenheit für sie nie ein Problem.
In einem riesigen Starterfeld haben mit Senbere Teferi aus Äthiopien, der frisch gebackenen kenianischen 5.000m-Meisterin Lilian Rengeruk aus Kenia, deren Landsfrau Caroline Kipkirui und der jungen Äthiopierin Letesenbet Gidey weitere starke Läuferinnen aus Ostafrika Platz. Neben Klosterhalfen und Hassan ist aus Europa auch die Engländerin Laura Weightman, zweifache EM-Bronzemedaillengewinnerin im 1.500m-Lauf, am Start. Starke US-amerikanische Athletinnen fehlen allerdings.
 

US-Elite fordert Kenianerinnen

Mittlerweile Tradition hat bei diesem Meeting auch der 3.000m-Hindernislauf, der mit der kompletten aktuellen Weltklasse besetzt ist. Die US-Amerikanerinnen Emma Coburn, amtierende Weltmeisterin, und Courtney Frerichs, Vize-Weltmeisterin und US-Rekordhalterin, fordern die starken Kenianerinnen, die die bisherige Saison ohne die absoluten Weltklassezeiten unter neun Minuten dominiert haben. Weltrekordhalterin Beatrice Chepkoech, die als einzige bereits für das Diamond-League-Finale qualifiziert ist, und Norah Jeruto haben in der laufenden Diamond-League-Saison jeweils ein Rennen gewonnen. Celliphne Chespol und WM-Bronzemedaillengewinnerin Hyvin Kiyeng ergänzen das starke kenianische Aufgebot. Neben Colleen Quigley, Nummer drei in den USA, ergänzen Peruth Chemutai aus Uganda, Asienmeisterin Winfred Yavi und Europameisterin Gesa Krause das bärenstarke Starterfeld. Die 27-Jährige, die in Oslo zuletzt „nur“ Achte war, scheint zum aktuellen Saisonzeitpunkt noch nicht an die Leistungen rund um ihren deutschen Rekord anknüpfen zu können, erhofft sich aber einen weiteren guten Entwicklungsschritt Richtung Weltmeisterschaften in Doha.
 

Zweites Top-Comeback einer Olympiasiegerin

Im 1.500m-Lauf der Frauen, einer Disziplin, in der es keine Punkte für die Diamond-League-Finalqualifikation zu ernten gibt, geht das zweite mit Spannung erwartete Comeback über die Bühne. Faith Kipyegon, Olympiasiegerin von Rio und Weltmeisterin von London, kehrt nach 22 Monaten auf die internationale Wettkampfbühne zurück. Der 25-jährige Star hat vor gut einem Jahr ihrer Tochter Alyn das Leben geschenkt, nun orientiert sie sich wieder an sportlichen Zielen. „Mein großes Ziel sind die Olympischen Spiele von Tokio. Seit März stehe ich wieder voll im Training und ich möchte jetzt meine aktuellen Limits austesten. Ich möchte mein Leistungsniveau von 2017 so bald als möglich erreichen. Für Stanford habe ich aber keine speziellen Erwartungen, dafür war ich zu lange weg“, sagte Kipyegon in Nairobi vor dem Abflug in die USA.
Das Pre Classic ist ein guter Boden für die Rückkehr Kipyegons, deren erstes wichtiges Ziel das WM-Limit für Doha darstellt. In Eugene ist sie 2016 ihren kenianischen Landesrekord gelaufen. Eine Rückkehr am Platz an der Sonne ist jedoch unwahrscheinlich, denn Kipyegons Comebackrennen ist hervorragend besetzt. Shelby Houlihan, die im Vorjahr in Eugene und Lausanne ihre ersten beiden Diamond-League-Siege feierte, gibt ihre Saison-Premiere. Dazu kommt die Weltranglistenführende Laura Muir, die aktuell in einer Top-Verfassung steckt und sich in Rom lediglich knapp Genzebe Dibaba geschlagen geben musste. Weitere starke Athletinnen sind die Äthiopierin Gudaf Tsegay, ihre Landsfrau Axumawit Embaye und Shanghai-Siegerin Rababe Arafi aus Marokko. Damit sind vier der Top-Fünf der aktuellen Weltrangliste dabei. Nicht am Start ist übrigens Ex-Weltmeisterin Jennifer Simpson.
 

„Neuauflage“ über die zwei Meilen

Ein spannendes Rennen verspricht auch jenes über zwei Meilen bei den Männern, das der Veranstalter ebenfalls als Wildcard-Event ins Programm nahm. Ein großer Teil der aktuellen Weltklasse im 5.000m-Lauf ist am Start. Der Weltranglistenführende Selemon Barega, der Weltranglistenzweite Hagos Gebrhiwet, Crosslauf-Weltmeister Joshua Cheptegei, US-Spitzenläufer Paul Chelimo, Asienmeister Birhanu Balew und Mohammed Ahmed, der unlängst seinen kanadischen 5.000m-Rekord steigerte. Barega, der zuletzt in Oslo über 3.000m gewann, siegte im Vorjahr in Eugene vor Chelimo, Balew und Ahmed, die sich allesamt neuerlich der Herausforderung stellen. Ronald Kwemoi hat die beste 3.000m-Vorleistung im Feld, der ehemalige Wunderknabe konnte in letzter Zeit nicht an seine Leistungen aus jungen Jahren anknüpfen.
 
 
Prefontaine Classic