Kipchoge und INEOS bescheren Wien eine Marathon-Sternstunde

v.l. John Mayock, Projektleiter INEOS Sports, Valentijn Trouw, Manager von Eliud Kipchoge, Tom Crotty, Kommunikationsleiter von INEOS Group, Wiens Bürgermeister Dr. Michael Ludwig, VCM-Veranstalter Wolfgang Konrad und VCM-Organisationsleiter Gerhard Wehr verfolgen gemeinsam mit Eliud Kipchoge den Traum eines Marathonlaufs unter zwei Stunden. © SIP / Thomas Kofler

Wien bekommt ein sportliches Ereignis, das weltweites Interesse stillt. Die Bundeshauptstadt ist Gastgeber des „INEOS 1:59-Projekts“, das Eliud Kipchoge mit dem ersten Marathonlauf unter zwei Stunden krönen möchte. Die Prater Hauptallee, Herz des Wiener Laufsports und ein wichtiger Streckenabschnitt beim Vienna City Marathon, ist das geografische Zentrum für ein ambitioniertes Projekt, das nicht nur bei Gelingen, aber vor allem dann, mit zweifellosem Potenzial für die Ewigkeit in die Geschichte des Sports eingehen wird. „Die Schallmauer von zwei Stunden im Marathonlauf ist die letzte große Hürde im Laufsport“, gibt Tom Crotty, Kommunikationsdirektor der INEOS Group, zu bedenken und betont damit die Bedeutung dieses Traums. Kaum ein Österreicher hat in seinem Leben mehr Erfahrung mit der Leichtathletik und dem Marathon im Speziellen gemacht, als der langjährige Veranstalter des Vienna City Marathon, Wolfgang Konrad. Der Tiroler pflichtete den Worten Crottys bei: „In erster Linie geht es um die Schallmauer. Aber in zweiter Linie hoffen wir, dass diese besondere Inszenierung positive Impulse für die Laufszene in Österreich aussendet.“ Weil die Entscheidungsträger des Projekts im Wiener Prater die optimalen Voraussetzungen und im Veranstalterteam des Vienna City Marathon einen vertrauensvollen Partner fanden, kommt die Bundeshauptstadt in den Genuss eines reichweitenpotenten, sportlichen Großereignisses, für das größere Investitionen nicht erforderlich sind. Im Oktober präsentiert sich die Kulturmetropole mit ihrer reichhaltigen Geschichte der Sportwelt mit dem „faszinierendsten Sportprojekt unserer Zeit“, wie Konrad formuliert.
 

v.l. John Mayock, Projektleiter INEOS Sports, Valentijn Trouw, Manager von Eliud Kipchoge, Tom Crotty, Kommunikationsleiter von INEOS Group, Wiens Bürgermeister Dr. Michael Ludwig, VCM-Veranstalter Wolfgang Konrad und VCM-Organisationsleiter Gerhard Wehr verfolgen gemeinsam mit Eliud Kipchoge den Traum eines Marathonlaufs unter zwei Stunden. © SIP / Thomas Kofler
Eine unvollkommene Vorgeschichte

Den Traum eines Marathonlaufs unter zwei Stunden gibt es schon länger. Erst durch mehrmalige Verbesserungen des Weltrekords in den letzten Jahren rückte der Traum in die realistischen Sphären eines inszenierten Versuchs. Nike, Ausstatter des aktuellen Weltrekordhalters Eliud Kipchoge, setzte als erster konkret eine Idee um und griff die Marke im Autodromo di Monza im Mai 2017 an. Zwei Stunden und 25 Sekunden benötigte der Kenianer auf dem brettebenen Rundkurs ohne engen Kurven für die 42,195 Kilometer. Wissenschaftliche Forschung war ein maßgebender Wegbegleiter in der Vorbereitung, das knappe Ergebnis auf der „falschen Seite“ der Schallmauer beschreibt eine Unvollkommenheit einer fantastischen Leistung.
Den entscheidenden letzten Schritt will nun das britische Chemie-Unternehmen INEOS unter der Leitung von Jim Ratcliffe, dem kolpotiert bis vor kurzem reichsten Briten, gehen. Um sein Image aufzupolieren, investiert INEOS seit einiger Zeit im großen Stile in den britischen Sport. Nach dem Kauf des britischen Sky-Radrennteams um mehrmalige Tour-de-France-Sieger folgen nun große Investitionen für das Ziel, Teil einer der größten Errungenschaften der Sportgeschichte zu werden: ein Marathonlauf unter zwei Stunden. Dafür wurde Eliud Kipchoge verpflichtet, Sportwissenschaft spielt eine kleinere, kollektive Begeisterung und Atmosphäre eine größere Rolle. „Das Timing ist perfekt“, unterstreicht Tom Crotty. „Wir haben jetzt den besten Marathonläufer aller Zeiten zur Verfügung. Wir wollen aber auch zeigen, zu welchen fantastischen Leistungen die Menschheit fähig ist.“ Der Olympiasieger von Rio ist wohl der einzige Marathonläufer der Welt, dem aktuell das Durchbrechen der Schallmauer zuzutrauen ist – im Rahmen eines inszenierten und auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Rennens. „Unsere Aufgabe war es, eine schnelle Laufstrecke und einen Ort zu finden, an dem so wahrscheinlich wie möglich beste Laufbedingungen herrschen“, erzählt INEOS-Projektleiter John Mayock.
Ob der Sprung in die neue Ära 1:59 Stunden gelingt, wird die Zeit zeigen. Sowohl das VCM-Veranstalterteam, als auch INEOS, Eliud Kipchoge und dessen Ausstatter Nike wollen optimale Voraussetzungen schaffen. Konkrete Details zur Rennabwicklung, zum auf der Laufstrecke eingesetzten Personal rund um Eliud Kipchoge und zu etwaigen Bemühungen in der Anti-Doping-Arbeit zur bestmöglichen Glaubwürdigkeit sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.
 

Perfektes Wien

Entgegen erster Ideen findet diese Inszenierung nun nicht in London statt, der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs, in dem INEOS bis vor dem steuerlich begründeten Umzug nach Monaco seinen Sitz hatte. Offenbar wurde kein geeigneter Ort in der britischen Hauptstadt, zu der Kipchoge eine spezielle Beziehung hat, gefunden. Zwei Monate lang, erzählte Crotty bei der PK im Wiener Rathaus, habe INEOS nach jenem Ort mit den perfekten Rahmenbedingungen gesucht. Und dieser Ort liegt nicht im Stadtgebiet von London oder Berlin, sondern von Wien. Gerhard Wehr, Organisationsleiter des Vienna City Marathon, präsentierte die Vorzüge der Prater Hauptallee: eine lange, schattige Gerade, eine absolut flache Strecke, die Möglichkeit, am Praterstern und am Lusthaus zwei sanfte Wendekurven einzufügen und – das wichtigste – viel versprechende Klimadiagramme für die Jahreszeit.
Die genaue Strecke wird erst vermessen. Wehr schätzt eine gut neun Kilometer lange Runde, die ca. viereinhalbmal absolviert werden muss. Mit dem Ernst-Happel-Stadion steht ein nahes Logistik-Zentrum zur Verfügung, außerdem flankiert das Riesenrad als weltbekanntes Wahrzeichen der Stadt die Strecke und sorgt für einen herrlichen Blickfang in der Kulisse. Das Projektteam um John Mayock ist überzeugt, den optimalen Ort für die Unternehmung gefunden zu haben. Außerdem betont der Brite das vertrauensvolle Verhältnis und die Kompetenz des VCM-Teams rund um Wolfgang Konrad. Der ehemalige Läufer kehrt an einen Ort eines großen Erfolges zurück: 2002 holte er bei den Hallen-Europameisterschaften die Bronzemedaille im 3.000m-Lauf. „Die hervorragende Organisation und die grandiose Stimmung in der Halle sind mir in bester Erinnerung geblieben“, schmeichelte er der Bundeshauptstadt. Auch Valentijn Trouw ist überzeugt, die optimale Destination für Kipchoges Zielsetzung gefunden zu haben. Die verhältnismäßig geringe Flugdistanz zu Kenia mit einer geringen Zeitumstellung helfen. Das Durchbrechen der Schallmauer von zwei Stunden sei tief im Herzen das letzte große Ziel des Weltrekordhalters und Olympiasiegers, bestätigt der Holländer.
 

Zeitliche Flexibilität

Gemeinsam mit dem VCM-Team überlässt INEOS in der Vorbereitung nichts dem Zufall. Auch was die Flexibilität der Durchführung betrifft. In der Zeitspanne zwischen 12. und 20. Oktober soll die Inszenierung kurzfristig angesetzt werden, um die möglichst besten äußeren Bedingungen zu erwischen. Denn die Erfahrung aus Monza zeigt: Am Ende kann es um wenige Sekunden gehen, die zwischen Gelingen und Nicht-Gelingen entscheiden. Aus Sicht der österreichischen Laufszene ist das eigentliche Ergebnis des inszenierten Wettkampfs zweitrangig. Sie kommt in den Genuss eines außergewöhnlichen Sportereignisses auf heimischem Boden. Die nationale und internationale Aufmerksamkeit für den Marathon und den Laufsport im Allgemeinen soll kräftige Impulse zur Stärkung und Erweiterung der heimischen Laufszene und damit nachhaltig auf die körperliche Fitness und Gesundheit der Menschen ausstrahlen. Das Team des Vienna City Marathon steht tatkräftig dafür, über das österreichische Vorzeige-Laufevent die Bedeutung des Breitensports zu betonen. Nun nimmt das Team mit offenen Händen die unerwartete Gelegenheit, die Spitze des Spitzensports nach Wien zu holen, dankend wahr.
 

Die Macht der Inszenierung

Die finale Umsetzung des Projekts „INEOS 1:59“ ist eine Inszenierung. Und hier sind beim Lieblingsthema von Wolfgang Konrad, der beim Vienna City Marathon seit vielen Jahren auf Inszenierung setzt und mit Kreativität und Innovation zahlreiche besondere Impulse für den Laufsport als Gesundheitssportart Nummer eins in Österreich und weit über die Grenzen hinaus gesetzt hat. „Diese Inszenierung verspricht Gänsehaut-Atmosphäre. Es ist ein ganz besonderer Event. Eine Once-in-a-lifetime-Gelegenheit!“, freut sich Konrad. Wiens Bürgermeister Dr. Michael Ludwig pflichtet ihm bei: „Es wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, wozu Menschen zu leisten imstande sind. Ich bin überzeugt davon, dass es klappt.“
Inszenierung ist auch der richtige Begriff, was den Wettkampfmodus entspricht. Denn dieser harmoniert nicht mit den Regeln des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), was bedeutet, dass Eliud Kipchoge in Wien, egal wie schnell er läuft, keinen offiziellen Weltrekord aufstellen kann. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig und erfordert auch ausführliche Kommunikation, ansonsten kann ein Schaden für den Marathon-Spitzensport entstehen, wenn Äpfel mit Birnen verglichen werden. Und das ist seit Monza des öfteren passiert. Selbst als der kenianische Superstar im vergangenen Herbst in Berlin den Weltrekord mit einer Fabelzeit von 2:01:39 Stunden um 1:18 Minuten verbessert hat, schwang im Nebensatz die Vergleichszeit aus Monza 2017 mit (2:00:25 Stunden) mit. Diese war allerdings unter erleichterten Umständen erzielt worden, diese Rahmenbedingungen werden auch in Wien geschaffen.
Für eine offizielle Rekordleistung verlangt die IAAF sinnvollerweise die Einhaltung strikter Kriterien. Ein Marathonlauf unter zwei Stunden unter den regeltechnischen Voraussetzungen (City-Marathon, Verpflegungsstationen, durchlaufende Tempomacher, maximal drei Tempomacher pro Gruppe…) erscheint zur jetzigen Zeit sehr unwahrscheinlich. Bei der Inszenierung auf dem Rundkurs im Prater sollen wechselnde Tempomacher in größeren Gruppen und Verpflegung aus dem Auto den Spagat schließen, so dass die Traummarke in den Bereich der Realisierbarkeit kommt. Der sportliche Wert der Leistung ist dann aus Fairnessgründen als Referenz zu Siegerleistungen beim Vienna City Marathon aufgrund der Unvergleichbarkeit der Läufe nicht gegeben. Sie stellt maximal eine attraktive Relation zum Menschen-Möglichen her. Das ständige Streben „höher, weiter, stärker“ ist ein laufender Prozess, den Mensch an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit heranzuführen und diesen Horizont ständig zu erweitern. Ein Marathon unter zwei Stunden ist eine symbolträchtige und begehrenswerte Hürde und wird in ständigen Vergleich mit der ersten sub-4-Meile durch Roger Bannister im Jahr 1954 gesetzt.
 

Konrad und Ludwig betonen die Nachhaltigkeit

Im Gegensatz zu Monza 2017 soll dieses Mal die Nachwelt mehr von dieser Inszenierung haben als eine Zahl. Im weltberühmten Autodrom absolvierte Eliud Kipchoge im Rahmen einer höchst erfolgreichen PR-Aktion von Nike unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne Zuschauer seine Runden. Befremdlich für einen Sport, der weltweit Millionen anzieht und antreibt. INEOS hat sich bei der Projektvorstellung auf die Fahnen geheftet, den Komponente Zuschauer und Stimmung eine wichtige Rolle zuzuschanzen. Das Rennen im Wiener Prater soll laut den Vorstellungen von INEOS und Wolfgang Konrad vor 200.000 Zuschauern stattfindet. Ein hoch ambitioniertes Projekt, für das in Wien die Nacht vor dem Rennen zum Tag gemacht werden müsste. Denn die Startzeit liegt aus klimatischen Gründen sicherlich in den frühen Morgenstunden. „Ich glaube daran!“, verbreitete Konrad bei der Pressekonferenz mit einem Grinsen Optimismus. „Wenn der Wiener Bevölkerung Spezielles geboten wird, ist sie dafür empfänglich“, erklärte er.
Von diesem spektakulären Versuch Kipchoges soll ein Impuls in die nationale Laufszene strömen. „Ich wünsche mir, dass noch mehr Wienerinnen und Wiener durch diesen Impuls die Laufschuhe schnüren“, äußert sich Bürgermeister Ludwig, der Wiens Dasein als Läuferstadt mit vielen tollen Möglichkeiten für Läufer inklusive mehrerer teilnehmerstarken Laufevents angefangen beim Vienna City Marathon und beim Österreichischen Frauenlauf betont. Gezielte Aktionen, auch für die Jugend, sollen die Begeisterung für das Laufen im Vorfeld der Inszenierung entfachen und nachhaltig festhalten. Bis zur mit Spannung erwarteten Jagd auf die Traummarke muss das auch das VCM-Team seinen Teil an den akribischen Vorbereitungen leisten. „Wir sind stolz darauf, dass die Umsetzung dieses Projekts in Wien stattfindet“, hält Konrad fest.