Dibaba siegt, Hassan läuft holländischen Rekord

© IAAF Diamond League / Kriby Lee

Der 1.500m-Lauf der Frauen stellte beim gestrigen IAAF Diamond-League-Meeting in Rabat alle anderen Laufentscheidungen deutlich in den Schatten. In Statistik ausgedrückt lieferte das Feld summiert eine Weltjahresbestleistung, einen Meetingrekord, drei Landesrekorde, neun persönliche Bestleistungen und drei weitere Saisonbestleistungen. Für diesen Wahnsinn war hauptsächlich Siegerin Genzebe Dibaba verantwortlich, die die Pacemakerinnen instruierte, von Beginn an ein irres Tempo zu gehen. Die anvisierte Zwischenzeit nach 800 Metern von 2:04 Minuten verpassten die Tempomacherinnen Ilona Ivanova und Esther Guerrero in 2:05,04 Minuten nur knapp. Zu diesem Zeitpunkt war das Feld bereits weit aufgereiht, wenig später riss es in verschiedene Gruppen. Denn Dibaba hielt das Tempo hoch und absolvierte die nächste Runde in einer Zeit von 1:02,71 Minuten. Als 100 Meter zuvor die Glocke für die letzte Runde ertönte, hatte die Spitzentrio 20 bis 30 Meter Vorsprung auf die ehemalige Weltmeisterin Jennifer Simpson, die am Ende Siebte wurde.
 

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Schnellste 1.500m-Zeit auf afrikanischem Boden

Dibabas Tempodiktat von Beginn an hievte ihre große Konkurrentin Sifan Hassan aus der Komfortzone. Denn die Holländerin bevorzugt es üblicherweise, das erste Renndrittel etwas konservativer zu laufen. Trotz dieses Umstandes und der Tatsache, dass Hassan nach der ersten Runde eine kleine Lücke nach vorne schließen musste, schien das Pendel in der letzten Runde zu Gunsten der Europäerin auszuschlagen. Sie überholte die tapfere Gudaf Tsegay und lag in der letzten Kurve Schulter an Schulter mit der Führenden. Dibaba, die die Startnummer auf den Kopf gestellt montiert hatte, biss auf die Zähne und hatte eine Antwort. Anfangs der Zielgerade erarbeitete sie sich erneut einen leichten Vorsprung, den sie bis zur Ziellinie hielt. In einer Spitzenzeit von 3:55,47 Minuten pulverisierte sie den Meetingrekord ihrer Landsfrau Dawit Seyaum (damals in Marrakesch) und gleichzeitig die schnellste bisher auf afrikanischem Boden gelaufene 1.500m-Zeit um über vier Sekunden und verbesserte ihre eigene Weltjahresbestleistung um 0,81 Sekunden. Es ist die viertschnellste Zeit im laufenden Jahrzehnt – abgesehen von Dibaba selbst kann in der aktuellen Generation nur Laura Muir mit ihrem 2016 erzielten britischen Rekord auf eine Zeit unter 3:55,50 Minuten verweisen. „Ich bin sehr glücklich mit meiner heutigen Performance. Ich bin sehr stolz darauf. Es war ein großartiges Gefühl, auf afrikanischem Boden zu laufen“, erklärte die 28-Jährige.
 

Landesrekorde für Hassan, Arafi und Nanyondo

Die dritte Läuferin, die seit 2006 unter 3:56 Minuten gelaufen ist, ist seit gestern Sifan Hassan, die sich mit einer persönlichen Bestleistung von 3:55,93 Minuten auf Rang 17 der ewigen Bestenliste der IAAF, in der so manches Überbleibsel aus dunklen chinesischen Zeiten haftet, einordnete. Ihren eigenen holländischen Rekord verbesserte die 26-Jährige um 0,12 Sekunden, Hassan hält laut IAAF-Statistik nun die besten 15 und 27 der besten 28 1.500m-Zeiten der holländischen Leichtathletik-Geschichte.
Die drittbeste Läuferin des Abends, Gudaf Tsegay sicherte sich in einer Zeit von 3:57,40 Minuten den dritten Platz, verbesserte ihre bisherige persönliche Bestleistung um eine Viertelsekunde und verteidigte ihre Führung in der Diamond-League-Qualifikationswertung vor der zweifachen Saisonsiegerin Dibaba. Für Jubel im Publikum sorgte die viertplatzierte Rababe Arafi, die in einer Zeit von 3:58,84 Minuten ihren eigenen marokkanischen Landesrekord um 0,31 Sekunden verbesserte. „Das Rennen war extrem schwierig und schnell und ich bin überglücklich, inmitten dieses Klassefeldes auf den vierten Platz gekommen zu sein“, freute sich die Lokalmatadorin. Hinter Axumawit Embaye (PB von 3:59,02, Verbesserung um über eine Sekunde) steigerte Winnie Nanyondo ihren erst vor vier Wochen aufgestellten ugandischen Landesrekord um fast zwei Sekunden auf eine Zeit von 3:59,56 Minuten.
 

Bestleistungen für McColgan und McDonald

Angesichts dieser Leistungen blieb US-Topläuferin Jennifer Simpson nur Rang sieben, obwohl sie unter vier Minuten blieb. Es folgten Gabriela Debues-Stafford aus Kanada, die Britinnen Eilish McColgan und Sarah McDonald sowie die Äthiopierin Lemlem Hailu allesamt mit persönlichen Bestleistungen. McColgan unterbot damit auch die 1.500m-Bestzeit ihrer Mutter Liz. Einziges Opfer des Höllentempos war die Kenianerin Winny Chebet, die auf Rang 13 abfiel.
 

Büchel in Rabat ohne Aufwärtstendenz

Nach ordentlichen Rennen in Prag und Oslo, wo sie jeweils auf dem Stockerl landete, konnte Selina Büchel im 800m-Lauf der Frauen bei dieses Mal besserer Besetzung nicht den erhofften, nächsten Schritt setzen. In einer flotten ersten Runde hielt sie sich im Hinterfeld auf und klebte dann auf der Innenbahn. Da die Schweizerin allerdings auf den letzten 250 Metern nicht mehr zulegen konnte, blieb sie auf der neunten und letzten Stelle kleben und erzielte eine Zeit von 2:02,20 Minuten.
In Abwesenheit von u.a. Caster Semenya liefen Nelly Jepkosgei aus Kenia und Habitam Alemu aus Äthiopien unter zwei Minuten. Die Kenianerin konnte ihre Führungsposition aus der Kurve heraus verteidigen und erzielte eine Zeit von 1:59,50 Minuten. Alemu war vier Zehntelsekunden langsamer. Mit dem besten Endspurt sicherte sich Olga Lyakhova vor Lynsey Sharp den dritten Platz. Beide erzielten Saisonbestleistung, die Ukrainerin setzte sich an die Spitze der europäischen Jahresliste.
 

Amos besiegt Korir erneut

Im 800m-Lauf der Männer kam es zum zweiten Mal in dieser Saison zum direkten Duell zwischen den Topstars Nijel Amos und Emmanuel Korir und wie schon in Doha konnte sich der Läufer aus Botswana durchsetzen – wenn auch knapp. Die Überraschung des Rennens war die Tatsache, das Amos nicht wie üblich das Tempo des Pacemakers Saul Martinez aufnahm – der somit die erste Runde alleine lief, sondern sich im Feld versteckte. Dies führte zu einer verhältnismäßig langsamen ersten Runde mit Jonathan Kitilit an der Spitze der Gruppe. Als Korir seinen Landsmann 200 Meter vor dem Ziel überholte, berührten sich die beiden und Korir kam leicht außer Tritt, blieb aber im Rhythmus und in Führung. Doch Amos griff auf der Zielgerade aus dem Windschatten heraus an und setzte in einem spannenden Duell auf den letzten Metern die Brust entscheidend nach vorne. In 1:45,57 Minuten hatte er winzige 0,03 Sekunden Vorsprung und verschwand nach dem Rennen wortlos aufgrund von Kopfschmerzen. Mit dem besten Endspurt aller Teilnehmer konnte Clayton Murphy zwar nicht mehr ganz vorne angreifen, wurde aber in 1:45,99 Minuten vor Ferguson Rotich und den beiden besten Europäern Alvaro de Arriba und Andreas Kramer Vierter.
 

Wale gegen Beyo um äthiopischen Rekord

Der 3.000m-Hindernislauf der Männer lebte von einem spannenden und abwechslungsreichen Duell der beiden Äthiopier Getnet Wale und Chala Beyo, die die eigentliche kenianische Spezialdisziplin für sich vereinnahmten. Wale, noch keine 19 und Dritter der Junioren-Weltmeisterschaften 2016 und 2018, übernahm die Führung zu Beginn der vorletzten Runde mit einer Tempoverschärfung. Er und sein 23-jähriger Landsmann setzten sich zu Beginn der letzten Runde leicht ab, Beyo attackierte auf der Gegengerade und übernahm die Spitze. Beim letzten Wassergraben schloss auch Benjamin Kigen aus Kenia, zuletzt Siegerin Rom, auf, in den Kampf um den Sieg konnte er allerdings nicht eingreifen. Wale holte rund 70 Meter vor dem Ziel zum letztlich erfolgreichen Konter aus und gewann das Rennen in einer Zeit von 8:06,01 Minuten, Weltjahresbestleistung. „Exzellent! Ich bin mit hohen Erwartungen ins Rennen gegangen und bin sehr zufrieden“, kommentierte der Youngster, der seinen ersten Diamond-League-Sieg feierte. Damit verbesserte Wale den äthiopischen Landesrekord von Roba Gari aus dem Jahr 2012 um 0,15 Sekunden. Beyo ist nun mit einer persönlichen Bestleistung von 8:06,48 Minuten Dritter in dieser Wertung.
Kigen sicherte sich in einer Zeit von 8:07,25 Minuten den dritten Platz, einen guten Auftritt zeigte der US-Amerikaner Hillary Bor mit Rang fünf. Die große Enttäuschung war dagegen Lokalmatador Soufiane El Bakkali, von dem nichts als der Sieg erwartet wurde. Zwei Runden vor dem Ende konnte er nicht zulegen und wurde durchgereicht. Mehr als Rang elf in 8:27,56 Minuten war nicht mehr möglich.
 

Kenianische Siege

Neben den vier Laufentscheidungen im Diamond-League-Programm nahm der Veranstalter zwei weitere Lauf-Entscheidungen der Männer ins Programm. Im 1.500m-Lauf wollte das Feld den Pacemakern nicht wirklich folgen. Als die Glocke zur letzten Runde ertönte, setzte sich der Franzose Alexis Miellet vehement an die Spitze. Der 24-Jährige lag auch noch kurz vor dem Ziel vorne, wurde jedoch von Sieger Vincent Kibet außen und vom zweitplatzierten Hicham Akankam innen übertrumpft. Der Kenianer siegte in 3:35,80 Minuten, der Lokalmatador freute sich über eine persönliche Bestleistung von 3:35,85 Minuten. Auch Miellet lief so schnell wie noch nie, 3:35,98 Minuten. Adel Mechaal belegte vor Stewart McSweyn den vierten Platz, der zuletzt auf den 5.000m starke Yemaneberhan Crippa steigerte auf seiner Unterdistanz seine Bestleistung auf 3:37,81 Minuten.
 

Im 5.000m-Lauf kam es zum erwarteten Duell zwischen Solomon Berihu und Edward Zakayo. Die beiden jungen Afrikaner setzten sich früh und deutlich vom Rest des Feldes ab. Zakayo, Junioren-Weltmeister in dieser Disziplin, nahm immer stärker das Zepter in die Hand und löste sich eingangs der letzten Runde von seinem Kontrahenten. Der 17-Jährige gewann das Rennen am Ende deutlich in einer Zeit von 13:11,49 Minuten, viereinhalb Sekunden später erreichte Berihu das Ziel. Soufiyan Bouqantar aus Marokko komplettierte das Podest, sein Landsmann Abdelaati Iguider wurde Fünfter. Aus europäischer Sicht nennenswert ist die persönliche Bestleistung des Italieners Said El Otmani auf Rang sechs, 13:19,30 Minuten.
 

IAAF Diamond-League-Meeting in Rabat