Geburtstagskind Lewandowski glänzt bei Dream Mile in Oslo

© IAAF Diamond League / DECA / Hasse Sjögren

Das überwiegend norwegische Publikum im ausverkauften Bislett Stadion hatte gerade erst seine Jubelstürme ob des Europarekords von local hero Karsten Warholm im 400m-Hürdensprint beendet, als das nächste und letzte große Highlight des Abends für die norwegische Leichtathletik anstand. Jakob Ingebrigtsen sollte laut Gunst der Zuschauer das traditionelle Meilenrennen gewinnen. Dafür hatte der Veranstalter extra ein interessantes Feld zusammengestellt, das durch die Abwesenheit einiger Top-Mittelstreckenläufer der europäischen Elite alle Möglichkeiten offen ließ. Unter tosendem Applaus fiel der Startschuss und das große Feld, welches von den Tempomachern Harun Abda und Jordan Williamsz angeführt wurde, nutzte die hervorragende Stimmung gleich zu einem rasanten Beginn. Nach 54,75 Sekunden war die erste Runde absolviert, das Feld angesichts dieses hohen Tempos weit auseinander gezogen. Die Lokalmatadoren Jakob und Filip Ingebrigtsen platzierten sich genauso wie Hallen-Europameister Marcin Lewandoski im Mittelfeld.
 

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Finale furioso des Geburtstagskindes

Das Tempo beruhigte sich in weiterer Folge, Jakob Ingebrigtsen hatte einen klaren Plan einer offensiven Strategie. Als der zweite Tempomacher ausstieg, machte er außen Boden gut und reihte sich als Dritter ein. Als die Glocke zur letzten Runde ertönte, das Feld wieder eng beieinander, ging der 18-Jährige sogar kurz in Führung. Erst Ayanleh Souleiman, dann Vincent Kibet schoben sich am Norweger vorbei, als Marcin Lewandowski in der entscheidenden Rennphase in Erscheinung trat. Der Pole, ein Taktiker vor dem Herrn, lag 400 Meter vor dem Ziel nur auf Platz acht, arbeitete sich ruhig auf der Innenbahn nach vorne und wechselte in der letzten Kurve nach außen. Als Vierter ging er auf die Zielgerade, doch er brachte den mit Abstand größten Schwung aus der Kurve mit und übertrumpfte mit diesem überragenden Finish die gesamte Konkurrenz. In einer Zeit von 3:52,34 Minuten gab es zur Belohnung neben dem Sieg auch eine Weltjahresbestleistung und die Verbesserung eines Uralt-Rekords. Bronislaw Malinowski ist seinen 43 Jahre alten polnischen Landesrekord über die Meile los. „Das ist etwas ganz Großes für mich. Ich bin überglücklich und werde diesen großartigen Erfolg ergiebig feiern“, jubelte der 32-Jährige am Tag seines Geburtstages über den größten Erfolg abseits von kontinentalen Meisterschaften. Und das in seinem ersten Meilenrennen überhaupt. Lewandowski gewann als erster Europäer seit exakt zwei Jahren ein Diamond-League-Rennen über diese Distanz, als der Schotte Jake Wightman ebenfalls in Oslo einen 1.500m-Lauf gewann. Damals fehlten die Top-Kenianer aufgrund der Vorbereitungen auf die Kenya Trials. Für den Polen war es just an seinem 32. Geburtstag der erste Diamond-League-Sieg über diese Distanz, fast neun Jahre nach seinem bisher einzigen in Stockholm – damals über 800m. „Ich habe diesen Erfolg nicht erwartet, meine Top-Form sollte eigentlich zu einem späteren Zeitpunkt der Saison kommen“, war der Pole fast verlegen. Das Geheimnis: „Ich kennen meinen Speed, den ich von den 800 Metern haben. Wenn die anderen mit auf den letzten 100 Metern eine Chance lassen, schnappe ich zu und überhole sie.“ Auf ähnliche Weise hatte er Ingebrigtsen bei den Hallen-Europameisterschaften von Glasgow besiegt.
 

Ingebrigtsen im Finale kraftlos

Hinter dem Gala-Auftritt Lewandowskis überquerten der Kenianer Vincent Kibet mit seinem ersten Diamond-League-Podest (nur Rennen für das Diamond Race, Anm.) seit fast vier Jahren und Ayanleh Souleiman die Ziellinie. Jakob Ingebrigtsen, der unterwegs viel investiert hatte, fehlte im Finale die Energie. Er fiel hinter die US-Amerikaner John Gregorek und Clayton Murphy auf Rang sechs zurück und erzielte eine Zeit von 3:53,04 Minuten. „Vielleicht war ich vor dieser Kulisse ein bisschen zu aufgeregt. Ich habe mich zuletzt gut gefühlt im Training und eine Steigerung erwartet. Andererseits hatte ich zuletzt auch einen stressigen Schul-Alltag“, versuchte der 18-Jährige eine Erklärung.
Sein Bruder Filip, der ausgangs der vorletzten Runde leicht außer Tritt kam, weil er auf den Äthiopier Aman Wote aufgelaufen ist, belegte Rang neun, unmittelbar hinter dem Schweden Kalle Berglund. Der Hallen-EM-Silbermedaillengewinner von Belgrad 2017 verbesserte in einer Zeit von 3:53,83 Minuten den schwedischen Landesrekord von Anders Gärderud. Dieser nationale Rekord war sogar noch ein Jahr älter als der alte polnische.
 

Landesrekord für ältesten der Ingebrigtsen-Brüder

So hoch sind die Ambitionen in der Ingebrigtsen-Familie schon, dass die Ränge sechs und neun bei diesem Rennen als Enttäuschung ausgelegt werden. Daher war der glücklichste Ingebrigtsen an diesem Abend der älteste der drei Läufer-Brüder, Henrik Ingebrigtsen. Der 28-jährige Vize-Europameister lieferte bei den Bislett Games über 3.000m eine grandiose Leistung ab und verdiente sich den lauten Jubel von den Tribünen. Als Sechster ging er in die letzte Runde und konnte enorm zulegen. Vorbei am Australier Stewart McSweyn, davor eine Zeit lang als Solist zwischen Spitzen- und Verfolgergruppe, und an Birhanu Balew stürmte Ingebrigtsen zu Rang vier und einem neuen norwegischen Rekord von 7:36,85 Minuten – vier Sekunden schneller als Marius Bakken im Jahr 2001. Ingebrigtsen verbesserte damit seine persönliche Bestleistung um über fünf Sekunden. „Ich habe mir jetzt extra viel Zeit gelassen, um möglichst viele Fotos und Selfies mit diesen tollen Fans zu machen. Ich muss ihnen das für diesen Support zurückgeben. Das ganze Bislett Stadion schwamm auf meiner Wellenlänge“, freute sich der ehemalige 1.500m-Europameister.
 

Barega besiegt Cheptegei

An der Spitze entwickelte sich ein klassisches Ausscheidungsrennen mit ausgeglichener Geschwindigkeit. In der drittletzten Runde drückte Joshua Cheptegei, der von den langen Distanzen kommt, aufs Gaspedal und formte eine vierköpfige Spitzengruppe mit Nicholas Kimeli, Selemon Barega und Birhanu Balew. Das Tempodiktat des Crosslauf-Weltmeisters forderte weitere Opfer: Balew musste eine Runde vor dem Ziel abreißen lassen, Kimeli verlor erst Rang zwei und ließ später eine Lücke klaffen. Nur Barega hielt mit und übernahm 200 Meter vor dem Ziel die Führung. Der junge Äthiopier, der in diesem Jahr noch keinen Sieg in der Diamond League feiern konnte, ließ sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen und erzielte eine persönliche Bestleistung und Weltjahresbestleistung von 7:32,17 Minuten. „Sehr gut!“, lobte sich der 19-Jährige nach seinem dritten Diamond-League-Triumph und kündigte außerdem seine Teilnahme an den 10.000m-Trials hinblicklich eines Doppelstarts bei den Weltmeisterschaften 2019 an. Im Mai wurde Barega äthiopischer Meister im 10.000m-Lauf und war Fünfter bei den zehn Kilometer langen Crosslauf-Weltmeisterschaften 2019.
Cheptegei und Kimeli folgten in 7:33,26 bzw. 7:34,85 Minuten, ebenfalls für beide ein neuer „Hausrekord“. Der Kenianer zeigte seine zweite starke Leistung nach Hengelo (5.000m) in Fogle. Zweitbester Europäer hinter Ingebrigtsen war der zehntplatzierte Andrew Butchart, der unmittelbar vor dem enttäuschenden Muktar Edris ins Ziel kam.
 

Jeruto überrascht Chepkoech

Für die Überraschung des Abends sorgte die kenianische Hindernisläuferin Norah Jeruto. Nicht nur, dass sie an der haushohen Favoritin Beatrice Chepkoech dran bleiben konnte, als diese in der vorletzten Runde ihr Tempo steigerte und sich vom Rest des Feldes löste. Die 23-Jährige hatte derartig viel Benzin im Tank, dass sie nach dem letzten Hindernis mit kleinen Schritten beschleunigte und an der verdutzten Chepkoech zu ihrem zweiten Diamond-League-Sieg in einer Weltjahresbestleistung von 9:03,71 Minuten stürmte. Auch ihren ersten Sieg in der wichtigsten Meetingserie der Welt hatte Jeruto vor zwei Jahren im Bislett Stadion gefeiert. Nun ist sie auch Inhaberin des Meetingrekords.
Trotz Saisonbestleistung von 9:04,30 Minuten erlitt Weltrekordhalterin Chepkoech die erste Niederlagen nach sechs Siegen am Stück. Hyvin Kiyeng und Emma Coburn lieferten sich ein faszinierendes Duell um den dritten Platz mit mehreren Führungswechseln auf den letzten 600 Metern. Am Ende lag die Kenianerin in einer Zeit von 9:07,56 Minuten knapp vorne, die US-Amerikanerin war mit ihrem Saisoneinstieg von 9:08,42 Minuten zufrieden. Daisy Jepkemei freute sich über eine persönliche Bestleistung von 9:10,54 Minuten. Fancy Cherono, eine weitere starke Kenianerin, prallte in der Anfangsphase mit dem Oberschenkel gegen ein Hindernis und gab auf.
 

Vier europäische Bestleistungen

Das Rennen in Oslo war auch für die europäische Hindernislauf-Spitze eine Reise wert, einzig Lokalmatadorin Karoline Bjerkeli Grövdal enttäuschte auf Rang zwölf. Beste war Gesa Krause auf Rang acht, die Deutsche erzielte eine Zeit von 9:20,31 Minuten und sammelte einen Punkt für die Jagd um die Final-Plätze der Diamond League. Große Genugtuung gab es bei Marusa Mismas auf Rang neun und bei Anna Emilie Möller auf Rang elf, die Asienmeisterin Winfred Yavi umrahmten. Die 24-jährige Slowenin steigerte ihren eigenen Landesrekord um – sage und schreibe – fast acht Sekunden auf eine Zeit von 9:20,97 Minuten. Die 21-jährige Dänin verbesserte ihren eigenen dänischen Rekord um satte sieben Sekunden auf eine Zeit von 9:24,21 Minuten. Die beiden nehmen nun auch die Ränge zwei und drei hinter der zweifachen Europameisterin Krause in der europäischen Jahresliste ein. „Hausrekorde“ gab es auch für die Britin Rosie Clarke (9:31,68) und die Ungarin Viktoria Wagner-Gyürkes (9:34,56).
 

Büchel auf Rang zwei

Im 800m-Lauf der Frauen machte die Schweizerin Selina Büchel einen weiteren guten Schritt in der Entwicklung dieser Saison. Die 27-Jährige kam in einem Rennen, in dem es nicht um Punkte für die Diamond-League-Final-Qualifikation ging, in einer Zeit von 2:02,32 Minuten auf den zweiten Platz. Die Eidgenossin lief eine konservative erste Runde im hinteren Mittelfeld. Tempomacherin Noélie Yarigo führte das Feld in 59.45 Minuten in die zweite Runde, als die Schwedin Lovisa Lindh nach 500 Metern die Führung übernahm. Zweitgleich orientierte sich auch die Schweizerin auf der Außenbahn nach vorne, machte einige Positionen gut und kam nach knapp drei Viertel des Rennens an der Spitze an. In diesem Moment verschärfte die spätere Siegerin Halimah Nakaayi aus Uganda (2:01,93) das Tempo und zog davon. Büchel hielt den zweiten Platz mit einem guten Endspurt und distanzierte die Äthiopierin Diribe Welteji klar auf den dritten Platz. „Die Taktik ging perfekt auf, ich habe mich während des gesamten Rennens sehr gut gefühlt“, wird sie auf der Website des Schweizer Leichtathletik-Verbandes (Swiss Athletics) zitiert. Büchel hofft am Sonntag in Rabat auf eine Steigerung ihrer Saisonbestleistung. In Oslo folgten die Schwedinnen Hanna Hermansson und Lindh, die Belgierin Renée Eykens und Hallen-Europameisterin Shelayna Oskan-Clarke spielten auf den Rängen sechs und sieben keine große Rolle. Das junge australische Talent Carley Thomas sammelte erste Erfahrungen auf der großen Bühne mit Rang neun. Lynsey Sharp schied nach einem Sturz aus.
Im 800m-Lauf der Männer, ebenfalls kein Diamond-League-Event, nutzte Cornelius Tuwei seine Rolle als Tempomacher, der zu Ende laufen durfte, für einen für das Feld nicht homogenen Tempolauf an der Spitze. Angesichts der Qualität des Starterfeldes war die Angangszeit von 50,72 Sekunden für die erste Runde zu hoch. Das Feld war weit aufgereiht. Der Kenianer zog durch, musste sich auf der Zielgerade aber von Ryan Sanchez aus Puerto Rico überholen lassen, der in einer Zeit von 1:46,34 Minuten mit 0,18 Sekunden Vorsprung gewann. Während der zweite Puerto Ricaner Andrés Arroyo seine gute Position nicht halten konnte, sicherte sich der Pole Michal Rozmys in 1:46,71 Minuten knapp den dritten Platz vor Andreas Kramer aus Schweden.
 

 

Bislett Games in Oslo