42,195 Kilometer und ein großes Dopingproblem

Eunice Kirwa hat gedopt. EPO. Der Schützling ihres Ehemanns und Trainers, Abraham Kiptum auch. Unregelmäßigkeiten im Blutprofil lassen auf Blutdoping schließen. Der dritte prominente Dopingfall aus dem Marathon alleine in diesem Jahr betrifft Sarah Chepchirchir. Hat der Marathonlauf im Leistungsbereich Spitzensport ein Dopingproblem?
Die Statistik sagt ja. 382 Leichtathletinnen und Leichtathleten sind von der Athletics Integrity Unit (AIU), dem unabhängigem, gegen Doping kämpfenden Organ des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), aktuell wegen eines Doping-Vergehens offiziell suspendiert, 113 weitere wegen Unregelmäßigkeiten im Blutpass (vgl. AIU). Der Langstreckenlauf, zu dem der Marathon gezählt wird, ist einsame Spitze. Fast 200 Athleten haben gedopt, das sind fast doppelt so viele wie auf den Sprint-Distanzen. Rund ein Drittel der gesperrten Langstreckenläufer sind entweder Marathonläufer oder wurden in Rahmen von Marathonläufen erwischt (vgl. AIU). Gewaltige Zahlen, die das weitreichende Problem aufzeigen. Aber sie demonstrieren auch Fortschritte in jenem Kampf gegen Doping, den die IAAF unter Sebastian Coe auf neue Beine gestellt hat. Die Erfolge im Kampf gegen Betrug zeigen besonders in Kenia endlich Zusammenhänge auf, die Anti-Doping-Experten seit Jahren mit Vehemenz schildern.
 

Der Johan Bruyneel des Laufsports (?)

Der gefallene Rad-Star Tyler Hamilton ist ein wichtiger Name im Kampf gegen Doping. Nicht aufgrund seines sportlichen Erbes, schließlich hängt eine Olympische Goldmedaille in seiner Vitrine, obwohl er selbst zugab, beim Olympischen Zeitfahren in Athen 2004 gedopt gewesen zu sein. Der US-Amerikaner legte eine veritable Doping-Karriere hin, schenkte der Welt aber nach Karriereende mit einem umfangreichen Geständnis und einer Buch-Publikation exklusive Einblicke in der Welt des Dopings im Radsport der 2000er-Jahre. Die Strategie von Johan Bruyneel, enger Vertrauter von Lance Armstrong und Teamleiter des Teams US-Postal, in dem Armstrong als auch Hamilton fuhren, war einfach. Der Chef (Armstrong) wurde mit dem Besten des Besten versorgt. Um seine Erfolge zu garantieren, wurden auch die zwei bis drei wichtigsten Teamkollegen gedopt, die den Auftrag hatten, für den Star zu fahren. Hamilton zählte bis auf ein Jahr bei der Tour de France zu diesem erlesenen Kreis der Domestiken und erzählt anschaulich, wie hart das Rennen war, als er das eine Jahr „zahnlos“ durch Frankreich radelte.
Die Dopinggeschichte von Federico Rosa, Sohn des italienischen Arztes und Gründers der Athleten-Agentur Rosa Associati und aktuell amtsführender Manager der Agentur, ist beeindruckend. Die Ähnlichkeiten zur Strategie von Bruyneel sind offensichtlich, wenn auch nicht beweisen. Denn während der belgische Manager von der UCI aus dem Verkehr gezogen wurde, mischt der gewiefte Italiener weiterhin mit. In den letzten Jahren hatte Rosa Associati in seiner Team-Struktur immer eine Nummer eins. Erst Rita Jeptoo, mehrfache WMM-Siegerin. Positiv auf EPO im Jahr 2014. Ihr folgte Jemima Sumgong, Olympiasiegerin von Rio de Janeiro. Positiv auf EPO Anfang 2017. Bei beiden Dopingfällen aus unangekündigten Trainingskontollen war übrigens die Anti-Doping-Strategie der World Marathon Majors ausschlaggebend. Sarah Chepchirchir übernahm das Zepter und triumphierte beim Tokio Marathon 2017. Unregelmäßigkeiten im Blutprofil, suspendiert Anfang 2019. Federico Rosa hat alle drei Athletinnen fallen lassen wie heiße Kartoffeln und aus dem Team geschmissen. Aus den Klammern der kenianischen Justiz windete er sich heraus. Bisher konnte ihm kein direkter Bezug zu den Dopingfällen in seinem Team nachgewiesen werden, es gilt die Unschuldsvermutung. Aktuell ist Brigid Kosgei, eine der talentiertesten Langstreckenläuerinnen der Welt, die Nummer eins von Federico Rosa. Zuletzt triumphierte sie beim Chicago Marathon und beim London Marathon. Der Zusammenhang in diesem Blog vermittelt keinen Dopingverdacht gegen sie. Brigid Kosgei ist in diversen Testingpools und kennt den Druck, der aufgrund der Verfehlungen ihrer Vorgängerinnen auf ihrem Manager liegt. Sie schickt sich an die beeindruckenden Erfolge der Agentur fortsetzen, von denen es auch zahlreiche unbescholtene gibt. Das Who is Who liest sich wie ein Gedicht: Samuel Wanjiru, Olympiasieger von Peking, Robert Cheruiyot, vierfacher Boston-Sieger, Martin Lel, dreifacher London-Sieger, Paul Tergat, ehemaliger Weltrekordhalter, Margaret Okayo, Streckenrekordhalterin beim New York City Marathon…
 

Schwarze Schafe leben in einer Herde

Die jüngste Dopinggeschichte bei Rosa Associati ist nur ein Beispiel, dass die lächerliche Theorie der „schwarzen Schafe“ und „Einzelfälle“, mit der die Akteure und seine Kommunikatoren unermüdlich versuchen einen Schutzmantel um den Sport zu hüllen, mit nichten zutreffend ist und anschaulich widerlegbar. Ein aktuelles Beispiel: Eunice Kirwa, Silbermedaillengewinnerin im Olympischen Marathon von Rio, wurde anfangs der Woche suspendiert. EPO. Kirwas Ehemann, so berichtete „Let’sRun.com“, heißt Joshua Kemei. Kemei trainiert Abraham Kiptum, Halbmarathon-Weltrekordhalter und vor einem Monat von der AIU wegen Unregelmäßigkeiten in seinem Blutpass suspendiert. Zynisch kommentiert: Augen auf, wenn man sich im Familien-Medizinschrank bedient.
Es geht aber noch weiter: Manager Kirwas ist laut „Let’sRun“ Marc Corstjens. Ein Belgier, der für das Unternehmen Golazo arbeitet. Auch die Liste jener Athletinnen und Athleten, die er betreut, ist beeindruckend. Zahlreiche kenianische Top-Läufer gehören dazu, mit der zweifachen Hindernislauf-Europameisterin Gesa Krause und dem Belgier Ismael Debjani aber auch zwei europäische Lauf-Stars. Aktuell klebt das „Pech“ förmlich an den Stiefeln von Corstjens. Binnen etwas mehr als eines Jahres wurden drei seiner Stars überführt: die ehemalige Hindernislauf-Weltrekordhalterin Ruth Jebet, 800m-WM-Bronzemedaillengewinner Kipyegon Bett und nun Marathon-Olympia-Medaillengewinnerin Eunice Kirwa.
 

Die Jagd nach dem „dreckigsten“ Rennen aller Zeiten

Bisher gilt der Finallauf der Frauen über 1.500m im Rahmen der Olympischen Spiele von London 2012 als Doping verseuchtester Wettkampf. Der sensationelle türkische Doppelsieg durch Asli Cakir Alptekin und Gamze Bulut war ein einzige Täuschung. Alptekins Dopingkarriere ist beispiellos. 2004 wurde sie bei der Junioren-WM erstmals erwischt. Dann wurde sie provisorisch Olympiasiegerin. Provisorisch, weil sie 2013 erneut erwischt wurde. Die IAAF suspendierte die Türkin als Wiederholungstäterin lebenslang, der türkische Verband sprach sie frei. Das Oberste Internationale Sportgericht in Lausanne traf in die Mitte: Alptekin wurde für acht Jahre gesperrt und musste ihre Olympische Goldmedaille zurückgeben ebenso wie den EM-Titel von Helsinki. Die Strafe wurde verkürzt, die heute 33-Jährige durfte 2017 wieder starten. Blöd nur, dass die Dopingfalle beim ersten Wettkampf erneut zuschnappte.
Etwas weniger spektakulär ist der Fall Gamze Bulut. Seit 2017 ist sie aber nicht mehr Olympische Silbermedaillengewinnerin von London. Auch die russischen Finalistinnen Natallia Kareiva und Yekaterina Kostetskaya sind mittlerweile disqualifiziert. Auf dem bereinigten Podest von London 2012 stehen nun hinter Maryam Yusuf Jamal mit Tatyana Tomashova und Abeba Aregawi zwei weitere Dopingsünderinnen, die deutlich davor bzw. danach erwischt worden sind und keine Zusammenhänge zum Olympischen Wettkampf 2012 hergestellt werden konnten.
Der Olympische Marathon der Frauen 2016 von Rio hat im Kampf um das „schmutzigste Rennen“ aller Zeiten mächtig aufgeholt. Siegerin Jemima Sumgong, gedopt. Die zweitplatzierte Eunice Kirwa, gedopt. Die fünftplatzierte Volga Mazuronak, amtierende Europameisterin, nicht erwischt, aber aufgrund einiger Teilzeiten bei Rennen im Jahr 2016 und ihren Kontakten zu Lilya Shobukhova, der „Vorreiterin“ aller russischen Dopingfälle der letzten Zeit, nicht gerade unverdächtig. Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zum 1.500m-Lauf in London. Ein negativer: Die Dopingfälle von Sumgong und Kirwa konnten (bisher) nicht in Zusammenhang mit Rio gesetzt werden, sprich die beiden sind legitimerweise noch in Besitz ihrer Medaillen. Ein positiver: Der zeitliche Abstand zwischen den skizzierten Rennen und den skizzierten Dopingfällen ist etwas geringer worden. Die Echtzeit-Überführung bei großen internationalen Rennen scheint aber leider noch weit entfernt.
Nach Bekanntwerden des Dopingfalls Eunice Kirwa erzählten US-amerikanische Laufplattformen unisono von einer Episode nach dem Olympischem Marathon in Rio. Noch im Zielraum sollen die drei US-amerikanischen Läuferinnen Shalane Flanagan, Desiree Linden und Amy Cragg (Ränge sechs, sieben und neun) ihre Köpfe zusammengesteckt und besprochen haben, dass sie der Überzeugung wären, in einer „bereinigten“ Rangliste zwei bis drei Positionen weiter vorne klassiert zu sein. Das zum Thema, andere Sportlerinnen und Sportler bekämen von betrügerischen Vorgängen nichts mit…