Semenyas Demonstration

© IAAF Diamond League / Jiro Mochizuki

Es war ein demonstrativer Auftritt von Caster Semenya beim Auftakt zur diesjährigen Diamond-League-Saison des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) in Doha, Einer, der für sie symbolischen Wert haben dürfte. Einer, der der IAAF-Spitze rund um um Präsident Sebastian Coe möglicherweise gar nicht gefallen haben dürfte. Weil die neue IAAF-Regel mit der verpflichteten Testosteron-Grenze für einen Start in der weiblichen Leistungsklasse nach erfolgtem CAS-Urteil (siehe RunAustria-Bericht) erst kommenden Mittwoch wirksam wird, durfte die Südafrikanerin genau wie Francine Niyonsaba, die ebenfalls einen natürlich bedingten, erhöhten Testosteron-Wert aufweist, in Doha an den Start gehen. Semenya diktierte das Rennen wie immer, feierte ihren 30. Sieg in Serie über die 800m. Der Leistungsunterschied zur Konkurrenz war aber selten derartig gewaltig. Niyonsaba konnte zumindest 550 Meter lang einigermaßen mithalten, danach verlor die „ewige Zweite“ fast drei Sekunden auf die Siegerin. Kraftvollen Schrittes zog die zweifache Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin bis zur Ziellinie durch und stellte in einer Zeit von 1:54,98 Minuten einen neuen Meetingrekord (bisher 1:56,62, gelaufen von ihr selbst 2017) und selbstredend eine neue Weltjahresbestleistung auf. Zum vierten Mal in ihrer Karriere knackte sie die 1:55 Minuten, das war bisher nur der Kenianerin Pamela Jelimo gelungen. Das Aufsehen erregendste war aber die Übermacht, mit der sie Niyonsaba deklassierte. Und der Rest des Feldes lief ohnehin sein eigenes Rennen. Wie immer. Und so kann die Demonstration ihrer, die Semenya verstanden lassen wollte, dass sie ihren Weg weitergehen will und in eine motivierte Zukunft blickt, auch leicht anders interpretiert werden. Dieses Rennen als Sinnbild, warum die Leichtathletik die neue Regel braucht. Um Frauen ohne genetischen Hormonboost eine faire Chance auf das oberste Treppchen des Stockerls zu geben. Denn zu einem so frühen Zeitpunkt in der Saison, fast ein halbes Jahr vor dem Saison-Höhepunkt, gab es noch nie eine 800m-Zeit unter 1:55 Minuten. Diese Interpretation wiederum dürfte der IAAF recht sein.
 

© IAAF Diamond League / Jiro Mochizuki
Ein temporärer Abschied mit Botschaften

Best of the Rest bei der Semenya-Show, zu der eine distanzierte Zweitplatzierte namens Francine Niyonsaba dazugehört, war die US-Amerikanerin Ajee Wilson, die fast vier Sekunden auf die Südafrikanerin verlor. Klingt drastisch, war es auch, aber dennoch in Form einer guten Leistung: 1:58,83 Minuten. Tatsächlich gewann Wilson ein Rennen, denn um Platz drei entstand ein enger Wettbewerb gegen Nelly Jepksogei und Raevyn Rogers, die knapp hinter ihr landeten. Doch das interessierte in Doha herzlich wenig, die Scheinwerfer des spärlich besetzten WM-Stadions vom Herbst 2019 waren auf Caster Semenya gelenkt. Mit warmem Applaus empfangen lieferte sie ihre übliche Top-Leistung ab und stellte sich nachher trotzig den Interviews – der Unsinn, den die 28-Jährige teilweise in den letzten Tagen via sozialer Netzwerk in die Welt sandte, wird an dieser Stelle nicht zitiert. Aber nach dem Rennen von Doha war auch Informatives dabei: Einer kryptischen Twitter-Nachricht der letzten Tage, die ein Karriereende in den Raum stellte, erteilte sie eine entschlossene Absage. Auch dem Wechsel auf andere Distanzen: Sie wolle im September zurückkehren und Weltmeisterin werden. Ihre Botschaft: „Das CAS-Urteil wird mich nicht stoppen!“ Ist diese Ansage wahrheitsgetreu, nimmt sie schon Medikamente – denn die WM ist weniger als sechs Monate entfernt. Und die IAAF erlaubt Starts für hyperandrogyne Athletinnen nur nach einer sechsmonatigen Medikation, um den Testosteron-Wert auf unter 5 nmol pro Liter Blut zu senken. Noch vor dem Rennen hatte sie sich aber öffentlich geweigert, sich einer Hormontherapie zu unterziehen. Man darf gespannt sein, wo und wann sich Caster Semenya wieder auf der Wettkampfbühne blicken lässt. Das Ende einer Ära – und das war es höchstwahrscheinlich – hinterlässt immer einen bleibenden Eindruck, gefüllt von sportlichen Triumphen. Über drei Jahre lang hat die Welt keine andere 800m-Siegerin gekannt, wenn ein Startschuss in Semenyas Hörweite gefallen ist.
 

Obiri schlägt Dibaba im spannenden 3.000n-Rennen

Neben Semenyas Auftritt sorgte auf den Laufdistanzen insbesondere der 3.000m-Lauf der Frauen für viel Spannung. Und das chronologisch letzte Rennen des gestrigen Abends hielt alle Versprechen eines hochklassigen Wettbewerbs zwischen Hellen Obiri und Genzebe Dibaba. Die beiden Stars belauerten sich von Beginn an im vorderen Mittelfeld des flinken Feldes. Die Äthiopierin steht im Rücken ihrer Landsfrau Gudaf Tsgay, die aufmerksam Obiri folgte. Die Crosslauf-Weltmeisterin übernahm pünktlich zum Glockenton für die letzte Runde die Führung einer eng beieinander liegenden Fünfergruppe, Dibaba überholte Tsegay und folgte ihrer Kontrahentin, als sich beide etwas absetzten. In einem spektakulären und hochklassigen Finish holte die Äthiopierin alles aus ihrem Körper heraus, doch die Kenianerin war die Stärkere und behauptete ihre Führungsposition in bewährter Manier – ähnlich zu vielen ihrer Rennen. Die Endzeit von 8:25,60 Minuten zeugte von der wahnsinnig hohen Qualität des Feldes. Dibaba folgte in persönlicher Bestleistung von 8:26,20 Minuten, zehn Läuferinnen blieben unter 8:35 Stunden – darunter die Türkin Yasemin Can, die in 8:33,29 Minuten eine neue persönliche Bestleistung aufstellte, gut eine Sekunde jenseits des türkischen Rekordes von Elvan Abeylegesse.
Die eigentliche Top-Leistung des Rennens kam aber von Lilian Rengeruk. Die Kenianerin, die im Winter nicht sonderlich in Erscheinung getreten ist, stürzte knapp einen Kilometer vor Schluss im Getümmel exakt zwischen Obiri und Dibaba und verlor wichtige Meter und ihren Laufrhythmus. Vom Ende der zu diesem Zeitpunkt großen Gruppe stürmte sie binnen nur eines Umlaufs wieder nach vorne und wurde in einer Zeit von 8:29,02 Minuten, „Hausrekord“, unglaublicherweise Dritte. Zufrieden konnte auch die Deutsche Hanna Klein als einzige Europäerin im Rennen sein. Sie belegte in einer persönlichen Bestleistung von exakt 8:45 Minuten den 14. Rang unter 18 klassierten. Das entspricht Rang sieben in der ewigen deutschen Bestenliste.
 

Amos triumphiert in schnellem 800m-Rennen

Im 800m-Lauf der Männer demonstrierte der frisch gebackene Asienmeister und Weltjahresschnellste Abubaker Haydar Abdalla sein neu gewonnenes Selbstvertrauen und führte das Feld in die zweite Runde. Im Finale erwies sich Nijel Amos als der Schnellste und jagte dem „Hausherren“ die Weltjahresbestleistung in einer Zeit von 1:44,29 Minuten ab. Es war der elfte Sieg im Rahmen der Diamond League für den 25-Jährigen. Sein Hauptrivale des letzten Jahres, Emmanuel Korir führte das Feld der Verfolger an, in dem auch der US-Amerikaner Brazier, der Katari Abdalla und der Kenianer Kitilit unter 1:45 Minuten blieben. Angesichts des für ein erstes Saisonrennen auf höchstem Niveau großartigen Tempos hatten die Europäer keine Chance, enttäuschten aber nicht: Adam Kszczot wurde Siebter, Hallen-Europameister Alvaro de Arriba Neunter.
 

Manangoi schlägt zurück

Ein halbes Jahr nach einer empfindlichen Niederlage beim Diamond-League-Finale in Zürich hat Elijah Manangoi im spannenden Duell mit seinem Trainingspartner und Freund Timothy Cheruiyot die Verhältnisse in Doha aus seiner Sicht wieder ins richtige Licht gestellt. Im Vergleich zum letzten Jahr untypisch reihte sich Cheruiyot hinter Manangoi ein, der das Feld in die letzte Runde führte. Diese Position gab der 26-Jährige nie wieder ab, obwohl ihn Cheruiyot in einem interessanten Endspurt im direkten Zweikampf ordentlich forderte. Manangoi siegte in neuer Weltjahresbestleistung von 3:32,21 Minuten vor Cheruiyot, der nachher erklärte, er sei verspätet in das Training eingestiegen, und Bethwel Birgen. Am Siebenfachsieg der Kenianer war auch Elijahs jüngerer Bruder George Manangoi, amtierende Jugend-Weltmeister, beteiligt.
 

Favoritenrolle auf den letzten Metern erfüllt

Im 3.000m-Hindernislauf der Männer hätte es beinahe den zweiten nicht-afrikanischen Sieg in der Geschichte der Diamond League nach Evan Jager gegeben. Dessen Landsmann Hillary Bor führte bis zum allerletzten Hindernis, wurde jedoch noch vom favorisierten Marokkaner Soufiane El Bakkali in einem rasanten Zwischenspurt überholt. Der 23-Jährige, zu Beginn der letzten Runde mit einigem Rückstand Fünfter, siegte in einer Weltjahresbestleistung von 8:07,22 Minuten vor Bor und Leornard Bett, die in 8:08,41 bzw. 8:08,61 Minuten jeweils persönliche Bestleistung erzielten.
 

IAAF Diamond-League-Meeting in Doha