Londons zarter Traum vom Heimsieg

© Vitality Big Half / facebook

Es mag absurd anmuten, dass sich in einem Rennen mit Eliud Kipchoge an der Startlinie ein Kontrahent Hoffnungen auf den Sieg macht. Der Kenianer ist nämlich seit fünfeinhalb Jahren im Marathon ungeschlagen und trug dabei ausschließlich Siege bei den wichtigsten Marathonläufen der Welt davon. Unter anderem dreimal in London. Doch die britischen Lauffans hoffen dennoch auf eine Überraschung und auf den ersten britischen Sieg beim London Marathon seit Eamonn Martin im fernen Jahr 1993. Grundlage dafür sind der viel versprechende dritte Platz Mo Farah im vergangenen Jahr bei seinem „zweiten Marathon-Debüt“ und Farahs erster Triumph bei einem World Marathon Major im Herbst 2018 in Chicago. Obwohl der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister auf der Bahn wissen muss, dass er im direkten Duell gegen einen Kipchoge in Topform glasklarer Außenseiter ist, nahm er den britischen Hoffnungen nicht komplett Wind aus den Segeln.
 

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„Perfektes Training“

„Das Training war perfekt. Es hätte nicht besser laufen können“, verlautbarte der 36-Jährige am „Media Day“ am Mittwoch. Sechs Wochen hatte er in der Höhe Äthiopiens akribisch an seiner Form für London gearbeitet, um den etwas missglückten Auftakt (1:01:15 beim London Halbmarathon) zu verdrängen. Knapp 200 Kilometer wöchentlich. Im „Daily Mirror“ legte er nach: „Egal in welchem Rennen ich starte, ich laufe auf Sieg. Ich will am Sonntag eine großartige Leistung auf den Asphalt zaubern. Ich will immer und überall gewinnen. Ein Sieg wäre eine meiner größten Errungenschaften im Sport. Ich glaube daran, dass im Rennen alles passieren kann.“ Eines Tages wolle er den Marathon in seiner Heimatstadt gewinnen, diesen Erfolg würde er gleichsetzen mit einem WM-Titel oder einer Olympischen Goldmedaille. In dieser Aussage bei der Pressekonferenz merkte man die Präsenz von Eliud Kipchoge. Die beiden begegnen sich mit höchstem Respekt. Der Weltrekordhalter lobte den Europarekordhalter für dessen Fortschritte, Farah Kipchoge für dessen beeindruckende Erfolge in den letzten Jahren.
 
Der RunAustria-Bericht über Top-Favorit Eliud Kipchoge: Der Ausnahmekönner in der Marathon-Elite
 

Eine Frage des Tempos

Mo Farah geht in seinen vierten Marathon und ist noch nie unter 2:05 Stunden gelaufen. Sieben seiner Kontrahenten in London aber schon. Und das ist das Problem. Die Spitze will am Sonntag den Marathon in 1:01:20 Stunden (Halbmarathon) anlaufen. Obwohl in London die erste Streckenhälfte schneller ist als die zweite ist das ein Tempo, das der Brite wohl nicht drauf hat. „Das ist eine Lehre aus dem vergangenen Jahr. Du bezahlst im Finale den Preis für das zu schnelle Tempo am Beginn“, erklärte Farah und deutete damit an, dass er auf eine konträre Strategie hofft. Im letzten Jahr hatte er ebenfalls diesen Plan A im Kopf, musste dann aber umdenken, da die komplette Elitegruppe das Wahnsinnstempo von 1:01 Stunden für den ersten Halbmarathon mitging. Wenn der Brite den nicht sehr realistischen Traum vom Sieg beim London Marathon 2019 verfolgt, muss er wohl konservativer anlaufen und versuchen, im letzten Drittel Boden gut zu machen.
 

Privatfehde: Farah gegen Gebreslassie

Fast genauso viel Aufmerksamkeit wie die Spekulationen, ob Mo Farah denn einen Heimsieg feiern kann, bekam ein bei der Pressekonferenz plötzlich und freiwillig von Mo Farah losgetretener Disput zwischen ihm und dem ehemaligen Marathon-Rekordhalter Haile Gebreslassie. Der Brite wurde während seines Aufenthalts in Äthiopien, als er in einem Hotel logierte, das Gebreslassie gehört, ausgeraubt. Bargeld in Höhe von rund 3.000 Euro, zwei Smartphones und eine wertvolle Uhr, ein Geschenk seiner Frau, waren ihm abhanden gekommen, obwohl seine Suite versperrt war. Als der Brite nach einer Laufrunde die böse Überraschung erlebte, bekam er seiner Meinung nach wenig Unterstützung vom Hotelpersonal. Und auch nicht vom Chef. „Er hat nicht einmal reagiert“, klagte Farah öffentlich und trieb es weiter an die Spitze, indem er sich in einem Schreiben, das britischen Medien vorliegt, direkt an den Äthiopier wandte: „Ich möchte dich informieren, dass ich von dir enttäuscht bin.“ Der ehemalige Weltrekordler in diversen Disziplinen reagierte auf die öffentlichen Anschuldigungen gekränkt und ließ in einer Aussendung ausrichten, dass es gar keine Beweise für den angeblichen Diebstahl gebe, den er sofort bei der Polizei angezeigt habe. Farah hätte diese wertvollen Sachen lieber im Safe deponiert, ließ er ihm ausrichten und verwies darauf, dass der Brite aufgrund des Vorfalls einen 50%-Nachlass beim Hotelpreis erhalten habe. Diese Hälfte sei übrigens weiterhin ausständig. Britische Medien berichten heute ausführlich über Gebreslassies Darstellungen.
 

Eindrucksvolles Starterfeld

Zurück zum Sportlichen: Dass der London Marathon und die britische Medienlandschaft im Vorfeld das Duell Eliud Kipchoge gegen Mo Farah hervorheben, hat natürlich die natürliche Anziehungskraft des Duells des local heros gegen den everybody’s hero – spätestens seit dem eindrucksvollen Weltrekordlauf von Berlin. Doch so simpel stellt sich das Starterfeld in London, das zu den besten in der Marathon-Geschichte zählt, nicht dar. Mit den Kenianern Wilson Kipsang, Daniel Wanjiru und Abraham Kiptum sowie den Äthiopiern Mosinet Geremew, Leul Gebresilasie, Tamirat Tola, Mule Wasihun, der sein WMM-Debüt feiert, und Shura Kitata sind weitere Weltklasseläufer im Rennen, die wahrscheinlich bei fast allen Marathonläufern der Welt in der ersten Reihe der Favoriten stehen würden, in London aber wie Farah im großen Schatten von Kipchoge stehen. Potenzielle Sieg- und Podestkandidaten sind sie trotzdem. Wilson Kipsang hat in seinen letzten Marathons demonstriert, dass er nicht mehr so stark ist wie noch vor einigen Jahren. Der letzte Weltklasselauf gelang ihm vor zwei Jahren in Tokio, danach stand er immerhin in New York und in Berlin noch auf dem Stockerl. Der 37-Jährige ist aber nach wie vor der einzige Marathonläufer der Welt, der Eliud Kipchoge jemals besiegen konnte (Berlin 2013). Kipsang könnte nach 2012 und 2014 zum dritten Mal in London triumphieren.
Mosinet Geremew ist noch nie bei einem World Marathon Major am Podest vorbeigelaufen und bewirbt sich mit einer persönlichen Bestleistung von 2:04:00 Stunden bei seinem Dubai-Triumph 2018 für seinen ersten WMM-Triumph. Leul Gebresilasie war 2018 neben Eliud Kipchoge und Sisay Lemma einer von drei Läufern, die zweimal unter 2:05 Stunden geblieben sind. Vor seinem dritten Marathon steht auf der Visitenkarte des 25-Jährigen also eine Zeit von 2:04:02 Stunden als sein bester, eine Zeit von 2:04:31 Stunden als sein schlechtester Marathon. Auch sein Landsmann Tamirat Tola, Vize-Weltmeister bei den Weltmeisterschaften 2017 in London (auf einer anderen Strecke), ist bereits zweimal unter 2:05 Stunden gelaufen, jeweils in Dubai. Wie das äthiopische Trio dürfte auch Abraham Kiptum mit dem geplanten Angangstempo von Eliud Kipchoge keine größeren Schwierigkeiten haben. Der 29-Jährige ist amtierender Weltrekordhalter im Halbmarathon (58:18 Minuten) und in Abu Dhabi im Dezember 2018 bereits einen sehr schnellen Marathon gelaufen. Es stellte sich aber heraus, dass die Strecke etwas zu kurz war.
Zwei weitere Top-Stars haben im Gegensatz zu vielen der genannten Rivalen auch in London schon geglänzt. Daniel Wanjiru nutzte Kipchoges Abwesenheit 2017 zu einem überraschenden Sieg vor Kenenisa Bekele, seither gelangen ihm aber keine Top-Resultate mehr. Und Shura Kitata gilt als einer der Stars der Zukunft, der im vergangenen Jahr mit den zweiten Plätzen in London (hinter Kipchoge) und New York (hinter Lilesa Desisa) aufzeigte. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie fordern Eliud Kipchoge in dessen klarer Favoritenrolle heraus. Und der Weltrekordinhaber sonnt sich in Ruhe. „Ich habe in der Vorbereitung viele Opfer gebracht und ich denke, dass sich das am Sonntag in Erfolg auszahlt“, erklärt er. Seine bisherigen fantastischen Leistungen zählen für ihn aber nicht mehr, neues Spiel, neues Glück: „Wenn du dich darauf konzentrierst, in den Rückspiegel zu schauen, wirst du einen Unfall bauen.“
 

Ambitioniertes Ziel von Hawkins

Abgesehen von Mo Farah sind keine europäischen Spitzenplatzierungen beim London Marathon 2019 zu erwarten, wenngleich einige prominente europäische Teilnehmer am Start sind. Die stärksten Briten neben Farah sind der Waliser Dewi Griffiths und der Schotte Callum Hawkins, WM-Vierter von London 2017, der mit hohen Zielen ins Rennen geht. Ein Jahr nach seinem spektakulären Kollaps bei den Commonwealth Games von Gold Coast will Hawkins unter 2:08 Stunden bleiben. „Ich will nicht als jener Läufer bekannt bleiben, der auf der Brücke zu Boden gefallen ist. Ich will bekannt sein als Läufer, der schnelle Zeiten läuft. Und ich will beweisen, dass Gold Coast keine mentalen Rückstände bei mir hinterlassen hat“, so Hawkins, dessen Blick längst Richtung Olympia 2020 geht, gegenüber der BBC. Weitere starke Europäer im Rennen sind der polnische Routinier Henryk Szost, der Holländer Michel Butter, der Belgier Bashir Abdi und der italienische EM-Medaillengewinner Yassine Rachik. Abdi, EM-Silbermedaillengewinner über 10.000m, läuft seinen zweiten Marathon nach Rotterdam 2018 und blickt auf eine sehr erfolgreiche Bahnsaison 2018 zurück. 27 genannte Läufer haben eine Bestleistung unter 2:15 Stunden. Nicht dabei ist dagegen der Kanadier Cameron Levins, der ein halbes Jahr nach seinem kanadischen Landesrekord in Toronto mit Problemen an der Patellasehne w.o. geben musste.
Die prominentesten Debüts geben Lokalmatador Andy Vernon und der Australier Brett Robinson, beide waren bis dato auf den langen Bahnstrecken unterwegs. „Ich habe gefühlt, dass der richtige Zeitpunkt in meiner Karriere gekommen ist, zum Marathon zu wechseln. Auf der Bahn wurde ich immer langsamer und es wurde immer schwieriger für mich, für WM- und Olympia-Teams zu qualifizieren“, kündigte Vernon sein Marathon-Debüt mit ehrlichen Worten an.
 

Über eine Milliarde für die Charity

Der London Marathon ist nicht nur der bedeutendste Marathonlauf in Europa, sondern auch der erfolgreichste Charity-Event im Laufsport. Seit der ersten Auflage im Jahr 1981 wurden sagenhafte 1 Milliarden britische Pfund (das entspricht rund 1,15 Milliarden Euro) für karitative Zwecke gesammelt. Diese magische Zahl feiert der Veranstalter mit dem Hashtag #thanksabillion. Wenn Tennis-Star Andy Murray am Sonntag den Startschuss gibt, werden gut 40.000 von 414.168 Läuferinnen und Läufer, die sich für einen Startplatz beworben haben, loslaufen, rund 750.000 Menschen das Rennen am Streckenrand verfolgen und nicht weniger als 84 Guinness-Weltrekordversuche gestartet.
 
 
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