Der Ausnahmekönner in der Marathon-Elite

© SIP / Johannes Langer

Die Marathon-Welt diskutiert darüber, ob das Männer-Rennen des London Marathon 2019 der am besten besetzte Marathon in der Geschichte des Sports sein könnte. Es gibt deutliche Argumente. Aber genauso klar ist, dass aus diesem Feld der Extraklasse ein Protagonist heraussticht und einen langen Schatten auf den Rest der Elite wirft. Eliud Kipchoge, dreifacher London-Marathon-Champion, Olympiasieger, World-Marathon-Major-Gesamtsieger und – last but not least – Weltrekordhalter. Eine Visitenkarte, auf der keine Zeile mehr frei ist. Und genau in dieser Position des Ausnahmekönners präsentiert auch der London Marathon seinen Star. Zwei Wochen vor dem Event strahlte der Veranstalter über seine Kommunikationskanäle einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel „Eliud“ aus und zeigte einen typischen Tag im Leben des Superstars im kenianischen Kaptagat. Dort lebt Kipchoge gemeinsam mit seinen Teamkolleginnen und Teamkollegen, gleichzeitig tägliche Trainingspartner, von Montag bis Samstagmorgen im Teamcamp, obwohl seine Familie im eigenen Haus nur wenige Kilometer entfernt wohnt. „Erfolg ist die Folge von Opfer. Je mehr Opfer man bringt, desto erfolgreicher ist man“, lautet die Einstellung des Olympiasiegers.
 

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Teamplayer

Eliud Kipchoge ist die Paradeversion eines Teamplayers. „Ein großartiges und positives Team ist sehr wichtig. Ohne ein perfektes Team um dich schaffst du es nicht ganz nach oben. 1% Team kann wichtiger sein als 100% man selbst“, betont er. Daher werden seine Teamkollegen regelmäßig mit Dank und Lob überhäuft, gleichzeitig ihre Motivation hochgehalten. Der Erfolg von 2018 soll in Kraft für die Saison 2019 umgewandelt werden. Gemeinsam. Denn Training ist in der Trainingsgruppe von Patrick Sang gleichbedeutend mit Teamwork. Kipchoge geht sogar soweit, dass er prognostiziert, Marathon wird sich zukünftig immer stärker zur Teamsportart entwickeln und zieht Vergleiche zum Radsport und der Formel 1. Wer dem 34-Jährigen zuhört, hat das Gefühl, mit einem Marathon-Philosoph zu sprechen. „Im Sport erfolgreich zu sein, hat nichts mit Zufall zu tun. Es ist deine Entscheidung, deine Wahl.“ Eliud Kipchoge hat viele richtige Entscheidungen getroffen!
 

Die Metapher mit dem Baum

Im Erfolgskonzept Eliud Kipchoge als Marathonläufer ist ein wichtiger Aspekt, nach erreichten Etappenzielen stets Freude zu zeigen, aber niemals Genugtuung, um weitere, härtere, bedeutendere Ziele nie aus den Augen zu verlieren. So behielt der Superstar etwa auch die Verbesserung des Marathon-Weltrekordes im Auge, ohne zu verzweifeln, als er Dennis Kimettos ehemalige Bestmarke mehrfach knapp verpasste oder die Bedingungen seinen Weltrekordversuch nicht unterstützen. Der massive Leistungssprung von Berlin 2018, der den Marathon-Weltrekord in eine neue Dimension hievte, drängte restliche Ziele weit an den Rand. Experten wollten ihm in den Mund legen, nun einen Versuch zu starten, alle World Marathon Majors mindestens einmal zu gewinnen (bisher hat Kipchoge den London Marathon, den Berlin Marathon und den Olympischen Marathon gewonnen), doch der 34-Jährige kehrte erneut in die britische Hauptstadt zurück, wo er bereits dreimal triumphierte. Einen vierten Erfolg bei Europas bedeutendstem Marathon, so lehrt die Geschichte, ist noch niemand gelungen. „Wenn man einen Baum hinaufklettert und einen Ast erreicht, sucht man nach dem nächsten, höheren Ast, um weiterzugehen“, malte Kipchoge in einer Rede vor seinen Teamkollegen in Kaptagat ein eindrucksvolles Bild.
Folgt nach 2015, 2016 und 2018 ein weiterer Siegeintrag in London, hätte der beste Marathonläufer aller Zeiten im statistischen Vergleich Martin Lel (2005, 2007 und 2008), Antonio Pinto (1992, 1997 und 2000) und Dionicio Ceron (1994-1996) überflügelt. „London ist ein wichtiger Ort für meine Karriere. Wenn ich meinen Titel hier verteidigen könnte, gegen all diese Superläufer, wäre das fantastisch für mich. Auch, weil es mein erstes Rennen nach dem Weltrekord ist und ich das erste Mal hier, nicht an den Weltrekord denke“, sagte Kipchoge bei der heutigen Pressekonferenz. Eine zahme Ankündigung für einen Perfektionisten, der zehn seiner bisherigen elf Marathonläufe gewonnen hat (im Gegensatz zu vielen Statistiken inklusive der persönlichen von Kipchoge wird hier die Exhibition von Monza nicht gezählt, schließlich war dies eine Inszenierung und kein Rennen) und in London noch ungeschlagen ist. Denn 2013 und 2014 lief er im Frühjahr in Hamburg und Rotterdam, 2017 verzichtete er auf London für seinen sub-2-Versuch in Monza. Aber Bescheidenheit gehört zur Karriere des Eliud Kipchoge, fast so wie Patrick Sang.
 

Der Mann hinter dem Erfolg

In der Dokumentation „Eliud“ stellt der Star seine Läuferkollegen und den Zusammenhalt der Trainingsgruppe in den Vordergrund. Patrick Sang, langjähriger Coach und Vertrauter des Champions, gehört darüber hinaus gewürdigt. Denn der 55-Jährige, als Aktiver selbst zweifacher WM-Medaillengewinner und Olympia-Medaillengewinner von Barcelona 1992 im 3.000m-Hindernislauf, ist als Mentor ein herausragender Mosaikstein im Kunstwerk Eliud Kipchoge. Der Athlet vertraut seinem Coach blind, dieser lobt seinen Vorzeigeschützling, weil dieser die athletischen und mentalen Fähigkeiten perfekt ausreizt, um seine Philosophie optimal umzusetzen. Als 16-Jähriger ist Kipchoge auf ihn zugekommen und hat ihn um Hilfe gefragt. Sang gab ihm einen Trainingsplan und verdrängte den jungen Läufer. Nach zwei Wochen stand er wieder auf der Matte und sagte: „Ich habe das Programm absolviert. Wie geht es weiter?“
Seither bilden die beiden ein Dreamteam. Kipchoge erntet die Früchte, die Sang gesät hat. 2003, als der 18-jährige Kipchoge sensationell Weltmeister im 5.000m-Lauf wurde, genauso wie 2018, als der Routinier endlich den Marathon-Weltrekord brach. „Marathonläufer zu trainieren ist keine Raketenwissenschaft. Es ist eine Frage des gegenseitigen Vertrauens“, dominieren auch bei Sang Bescheidenheit und Realismus. Der Coach hält sich zumeist abseits der Öffentlichkeit auf. Nur in Berlin empfing er seinen Athlet mit einem „We did it!“ gefolgt von einer langen Umarmung hinter der Ziellinie. Ein Foto-Moment für eine mittlere Ewigkeit.
 

Ein Dopingfall im Dunstkreis von Sang als Störmoment

Die einträchtige Harmonie im Lager von Patrick Sang und Eliud Kipchoge wurde kürzlich aber mit einem Stimmungsdämpfer getrübt. Cyrus Rutto, weiß Gott kein Weltklasseläufer über 5.000m, ist aufgrund von Unregelmäßigkeiten in seinem biologischen Blutpass wegen Dopings suspendiert worden. Der 27-Jährige wird von Patrick Sang trainiert, aber vom holländischen Manager Michel Boeting betreut. Er lebt in Kaptagat, trainiert aber nicht im Teamcamp von Global Sports. Dementsprechend auch nicht gemeinsam mit Eliud Kipchoge. Aufgrund des skizzierten, engen Zusammenlebens im Teamcamp wären ansonsten Fragen außerhalb der Komfortzone aufgetaucht.
Die Bedeutung dieses Dopingfalles für Patrick Sang sind noch nicht abschätzbar. Bisher galt er im Gegensatz zu einigen seiner in Kenia ebenfalls mit Weltklasseläuferinnen und -läufern zusammenarbeitenden Kollegen als unbescholtener Coach mit weißer Weste. Sowohl Sang als auch Kipchoge sind bisher stets an vorderster Front gegen Doping aufgetreten, ohne zu eindringlich mit Parolen um sich zu werfen. „Doping ist das schlimmste, was du machen kannst. Selbst wenn du bessere Leistung bringst, du wirst nicht mehr gut schlafen. Wenn du weißt, du hast betrogen, findest du keinen Frieden mit dir“, findet der Marathon-Weltrekordhalter klare Worte. „Man kann sauber gewinnen“, schickt er mit Überzeugung hinterher.
 
 
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