Von der Anklagebank zum französischen Rekord

© Paris Marathon / Thomas Maheux / A.S.O.

Es war die Geschichte der 43. Auflage des Paris Marathon, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Paris Marathon diese Geschichte schreiben wollte. Clémence Calvin überquerte die Ziellinie in einer Zeit von 2:23:41 Stunden und ist damit vorläufig neue französische Rekordhalterin im Marathonlauf. Für Jubel ist allerdings kein Grund gegeben. Denn die EM-Silbermedaillengewinnerin von Berlin 2018 sitzt eigentlich auf der Anklagebank.
 

Startrecht eingeklagt

Vor drei Wochen verweigerte die 28-Jährige eine Dopingkontrolle und wird von der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) schwer belastet. Sie selbst wehrte sich öffentlich, sprach von einem tätlichen Angriff der Polizisten und klagte mit Hilfe ihres Anwalts das Startrecht beim Paris Marathon 2019 ein (siehe RunAustria-Bericht). Am Mittwoch sprach die AFLD eine provisorische Suspendierung aus – ein handelsübliches Vorgehen in einem solchen Fall. Doch das französische Verwaltungsgericht hob diese Suspendierung am Freitag, also rechtzeitig vor dem Startschuss auf der Champs Èlysées auf und verdonnerte die AFLD zu einer Geldstrafe von 3.000 Euro an Calvin. Dem Veranstalter des Paris Marathon waren ob der laufenden Ermittlungen gegen Calvin und der Unschuldsvermutung die Hände gebunden, der französische Leichtathletik-Verband (FFA) schritt offenbar auch nicht ein. Übrigens: Im Rennbericht über den Paris Marathon auf der Website des französischen Verbandes wird die Vorgeschichte zu Calvins Leistung nicht erwähnt. Wie lange die Vize-Europameisterin allerdings tatsächlich Inhaberin des französischen Marathon-Rekords ist, wird sich angesichts der schweren Vorwürfe gegen sie weisen. Möglicherweise gibt die ehemalige Marathon-Europameisterin Christelle Daunay mit ihrer Bestleistung von 2:24:22 Stunden irgendwann ein Comeback an der Spitze der nationalen Rekordlisten.
 

Die beiden Sieger: Abrha Milaw und Gelete Burka. © Paris Marathon / Thomas Maheux / A.S.O.
Äthiopischer Dreifachsieg

Bei niedrigeren Temperaturen als von afrikanischen Läuferinnen und Läufern bevorzugt und etwas Wind startete der größte Marathonlauf Europas in der „Stadt der Liebe“. Nach fünf gemütlichen Kilometern fand die Spitze des Frauen-Rennens allmählich ihren Rhythmus und absolvierte die erste Marathon-Hälfte in einer Zeit von 1:11:08 Stunden. Nach dem schnellsten Abschnitt des Rennens attackierte die Kenianerin Sally Chepyego kurz vor Kilometer 30 und verkleinerte die Spitzengruppe auf vier Läuferinnen. Doch Clémence Calvin, die sich bis dahin leicht in der Gruppe der Favoritinnen behaupten konnte, blieb in Schlagdistanz und lag bei Kilometer 35 nur eine halbe Minute zurück.
Während vorne das Tempo langsamer wurde, startete die Lokalmatadorin ihre Aufholjagd und lag bei der Zwischenzeit bei Kilometer 40 nur noch neun Sekunden hinter der Spitze. Dort hatte nun die Äthiopierin Azmera Abreha das Kommando übernommen, doch auch sie konnte die Spitzengruppe nicht splitten. Der alles entscheidende Angriff erfolgte bei der „flamme rouge“, wie bei der Tour de France das Signal für den letzten Kilometer des Rennens genannt wird, durch Gelete Burka. Die ehemalige Weltklasse-Mittel- und Langstreckenläuferin setzte sich wuchtig von ihren Rivalinnen ab und siegte in einer Zeit von 2:22:52 Stunden. „Es war sehr kalt am Morgen, aber ich blieb fokussiert und habe das bekommen, was ich wollte: den Sieg“, freute sich die Äthiopierin. Als einzige konnte Landsfrau Azmera Gebru einigermaßen folgen, mit fünf Sekunden Rückstand wurde sie Zweite. Calvin überholte noch die entkräftete Chepyego und verpasste den letzten Stockerlplatz der 21-jährigen Abreha gerade einmal um sechs Sekunden. „Ich möchte mich beim Verband und allen, die mich unterstützt haben, bedanken“, sendete Calvin nach dem Zieleinlauf ihre Botschaft in Umlauf. Mit ihrer Leistung setzt sie sich an die Spitze der europäischen Bestenliste, 19 Sekunden vor der Italienerin Sara Dossena. Vielleicht provisorisch.
 

Schneller Beginn im Männer-Rennen

Im Elitefeld der Männer herrschte trotz der nicht einfachen Bedingungen zu Beginn keine Zurückhaltung. Die ersten fünf 5km-Abschnitte wurden jeweils deutlich in Teilzeiten unter 15 Minuten absolviert, wodurch eine Halbmarathon-Zwischenzeit von 1:02:14 Stunden zustande kam. Zu diesem Zeitpunkt bereits in Führung lag der spätere Sieger Abrha Milaw aus Äthiopien, der offensiv lief. Nachdem die Tempomacher nach rund 25 Kilometer ihren Dienst einstellte, reduzierte die Spitze das Tempo und viele Läufer, die bis dato über ihrem Niveau agiert hatten, bekamen bis Kilometern 35 etwas Luft, durchzuatmen. Erst dann kam wieder Schwung in die siebenköpfige Spitzengruppe. Kurz vor Kilometer 40 attackierte Milaw, der zweifache Titelverteidiger Paul Lonyangata versuchte ihn mit Asefa Mengistu im Schlepptau wieder einzufangen.
Aber der 21-jährige Milaw, der 2017 den Stockholm Marathon und im Vorjahr den Marathon von Nizza nach Cannes gewinnen konnte, war nicht mehr zu schlagen. In einer persönlichen Bestleistung von 2:07:05 Stunden – 20 Sekunden schneller als sein bisheriger Bestwert – erreichte er das Ziel des Paris Marathon als jubelnder Sieger. „Es war ein kompliziertes Rennen in einem starken Feld. Ich war in der Lage, meinen Plan umzusetzen und hatte im Finale noch genügend Energie“, kommentierte er. Sein Landsmann Asefa Mengistu überholte im Kampf um Rang zwei noch Lonyangata und wurde Zweiter. Der Traum vom dritten Sieg in Folge für den Kenianer realisierte sich nicht, er belegte in einer Zeit von 2:07:29 Stunden den dritten Platz.
 

Beachtliche europäische Marathon-Debüts

Abseits des Podests bestachen zwei Marathon-Premieren für europäische Läufer. Der seit Jahren für die Türkei startende Kenianer Polat Kemboi Arikan ging bei seinem ersten Marathon ein hohes Risiko ein und lag bis Kilometer 30 in der Spitzengruppe. Auch danach hielt er Sichtkontakt und lag bei Kilometer 35 nur sieben und bei Kilometer 40 44 Sekunden hinter dem Führenden. Belohnt wurde er am Ende mit einer Debüt-Zeit von 2:08:20 Stunden, womit er nun der zweitschnellste Türkei hinter Kaan Kigen Özbilen, der eine Woche zuvor hin Rotterdam eine Zeit von 2:05:27 Stunden gelaufen ist, aller Zeiten ist. Morhad Amdouni, amtierender Europameister im 10.000m-Lauf, der vom Veranstalter beachtlicherweise nicht extra angekündigt war, finishte seinen ersten Marathon in einer großartigen Zeit von 2:09:14 Stunden und ist damit die Nummer sieben in der ewigen französischen Bestenliste – der schnellste Franzose seit sechs Jahren.
Amdouni entschied sich, sein eigenes Tempo zu gehen und überquerte den Halbmarathon nach 1:05:10 Stunden. Dank einer schnellen zweiten Hälfte gelang ihm ein klarer Negativ-Split, mit dem er den Rückstand zur Spitzengruppe sukzessive verkleinerte. Mit Nicolas Navarro, der in 2:11:53 Stunden eine deutliche persönliche Bestleistung lief, schaffte es ein Zweiter Lokalmatador unter die besten Zehn. Zwei weitere Franzosen, Florian Carvalho und Benjamin Malaty, erzielten ebenfalls Zeiten unter 2:15 Stunden.
Arne Gabius, der eine Woche nach dem Hannover Marathon im Rahmen eines Familien-Urlaubs erneut die Marathon-Schuhe schnürte, benötigte für die 42,195 Kilometer lange Distanz eine Zeit von 2:28:35 Stunden und war damit 33-schnellster. Im Einsatz war auch der Österreicher Stephan Listabarth (DSG Wien) als Pacemaker des Holländers Dennis Licht, der eine geplante Zeit von deutlich unter 2:30 Stunden aufgrund eines Einbruchs im Finale knapp verpasste und sich am Ende mit Rang 47 zufrieden geben musste.
 

Ergebnisse Paris Marathon 2019

Männer
1. Abrha Milaw (ETH) 2:07:05 Stunden *
2. Asefa Mengistu (ETH) 2:07:25 Stunden
3. Paul Lonyangata (KEN) 2:07:29 Stunden
4. Morris Gachaga (KEN) 2:07:46 Stunden **
5. Barselius Kipyego (KEN) 2:07:58 Stunden *
6. Kemboi Polat Arikan (TUR) 2:08:14 Stunden **
7. Yitayal Atnafu (ETH) 2:08:31 Stunden
8. Morhad Amdouni (FRA) 2:09:14 Stunden **
9. Hillary Kipsambu (KEN) 2:11:53 Stunden
10. Nicolas Navarro (FRA) 2:11:53 Stunden *

28. Arne Gabius (GER) 2:28:35 Stunden
Frauen
1. Gelete Burka (ETH) 2:22:47 Stunden
2. Azmera Gebru (KEN) 2:22:52 Stunden *
3. Azmera Abreha (ETH) 2:23:35 Stunden
4. Clémence Calvin (FRA) 2:23:41 Stunden ***
5. Sally Chepyego (KEN) 2:23:53 Stunden
6. Pascalia Kipkoech (KEN) 2:26:04 Stunden *
7. Zerfie Limeneh (ETH) 2:26:48 Stunden *
8. Severine Hamel (FRA) 2:42:44 Stunden
9. Gabriela Trana (CRC) 2:46:40 Stunden
10. Anais Quemener (FRA) 2:47:53 Stunden *
* persönliche Bestleistung
** Marathon-Debüt
*** französischer Landesrekord (möglicherweise vorläufig)
 
 
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