Neuerungen in der Leichtathletik

Sebastian Coe hat eine Modernisierung des Produkts internationale Leichtathletik angekündigt, als er im Herbst 2015 das Amt des Präsidenten antrat. Seither wurden der Reformprozess auf diversen Ebenen angekurbelt und erste Innovationen umgesetzt. Bei fast jedem IAAF-Council-Meeting gibt es Entscheidungen, die Neuerungen bringen, häufig tief greifende Änderungen. Auch am vergangenen Wochenende, als die Entscheidungsträger aus allen Ländern in im Sheraton Hotel von Doha tagten. Polarisierende Diskussionen innerhalb der Leichtathletik-Welt sind die logische Folge.
 

Doppelter Qualifikationsweg nach Tokio

Die merkwürdigste Entscheidung, die die IAAF am Wochenende getroffen hat, ist der duale Qualifikationsweg zu den Olympischen Spielen in Tokio. Offenbar vertrauen mächtige nationale Verbände der neuen Weltrangliste und dem System dahinter in der Form nicht nicht, so dass die IAAF einen Kompromiss anbot. Alle können sich nun entweder nach den bisherigen Regeln (Limits) oder nach den neuen (Weltrangliste) für Tokio qualifizieren. Der Kompromiss mit der dualen Leistung hebt aber einige der entscheidenden Vorteile der Weltrangliste als Qualifikationsgrundlage auf – weshalb diese halbseichte Lösung weit weg vom Ideal ist.
 

Wer in der Lage sein wird, diese Limits zu unterbieten, sollte keine Probleme haben sich über die Weltrangliste zu qualifizieren.

Ein genauer Blick auf die festgelegten Limits untermalt eine gewisse Sinnlosigkeit dieses alternativ zu dem von der IAAF intendierten und befürworteten Weg. Die Limits für die einzelnen Disziplinen sind um Klassen strenger als vor vier Jahren in Rio. Ein Beispiel: Im Marathon reichten Zeiten von 2:19/2:45 Stunden für eine Teilnahme in Rio. Für Tokio sind Zeiten von 2:11:30/2:29:30 gefordert. Dabei sind die Marathon-Limits im direkten Vergleich zu allen anderen Laufentscheidungen noch erheblich leichter zu knacken. Drastisch, aber realistisch formuliert: Keiner der österreichischen Läuferinnen und Läufer (Ausnahme Marathon und auch da wird es nicht leicht) hat eine Chance, ein Limit zu knacken. Ein Problem, das Österreichs Leichtathletik mit zahlreichen Ländern weltweit teilt. Nicht nur daher liegt folgender Schluss nahe: Wer in der Lage sein wird, diese Limits zu unterbieten, sollte keine Probleme haben sich über die Weltrangliste zu qualifizieren. Einzige Ausnahme könnten Athleten sein, die aus Verletzungsgründen nur einen Wettkampf als Qualifikationschance wahrnehmen können.
Aufgrund dieser These stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit der dualen Lösung. De facto werden 50% der Athleten sich über die Limits qualifizieren, die restliche Hälfte der Starterfelder über die Weltrangliste aufgefüllt. Kritik aus allen Teilen der Leichtathletik-Welt ist ob der knochenharten Limits zu erwarten – vielleicht auch eine taktische Strategie der IAAF, um von den Diskussionen über die Weltrangliste abzulenken. Die US-Amerikaner sind entschiedene Gegner der neuen Weltrangliste, weil diese die Olympia-Trials, das mit Abstand erfolgreichste Produkt der US-amerikanischen Leichtathletik, gefährden. Die Verteidigung der Trials wird mit diesen Limits übrigens nicht viel leichter, denn der US-amerikanische Verband kann seine Trial-Medaillengewinner nur für Olympia nominieren, wenn sie sich auch über die legalen sportlichen Wege qualifizieren. Und das wird, wie für alle anderen Leichtathletinnen und Leichtathleten auch, über die Weltrangliste wesentlich einfacher als über die Limits.
 

Diamond League

„Über die Diamond League kommen Millionen von Sportfans mit dem Top-Level der Leichtathletik direkt in Berührung. Dieses Paket können wir noch stärker machen“, kündigt Sebastian Coe an. Ab 2020 sollen die Diamond-League-Meetings noch knackiger und spannender gestaltet werden – am Konzept mit einem finalen Meeting wird festgehalten. Allerdings soll das Finale zukünftig nicht mehr auf zwei Termine und zwei Locations aufgeteilt werden.
Dabei sind die Diamond-League-Meetings ohnehin bereits die komprimiertesten Meetings der Leichtathletik – in einem zweistündigen TV-Fenster folgt ein hochkarätiger Wettkampf Schlag auf Schlag auf den nächsten. Ab 2020 soll das TV-Fenster lediglich 90 Minuten betragen, dafür werden die Diamond-League-Disziplinen von 32 auf 24 reduziert. Zum unwillkommenen Handkuss kommt auch der Laufsport. Der 5.000m-Lauf wird in die Diamond-League-Pension geschickt, der 3.000m-Lauf soll die längste Distanz sein. Den konkreten Plan für 2020 gibt es zu Saisonende.
 

Eine zu kurze Präsentation der sportlichen Höhepunkte und der Idole kann nicht förderlich sein.

Für die Langstreckenläufer ist das äußerst schade, sie werden von der wichtigsten Meetingserie der Leichtathletik praktisch ausgeschlossen. Am Beispiel 10.000m-Lauf, der sogar in leichter Diskussion steht, aus dem Olympischen Programm gestrichen zu werden, weil er nicht (medien-)attraktiv genug ist, ist gut absehbar, was mit einer Disziplin passieren kann, wenn sie vom höchsten Niveau ausgeschlossen wird. Auch wenn der 5.000m-Lauf näher an den Mittelstrecken dran ist, könnte ihm ähnliches blühen. Ein Abgang vieler Stars der Szene in den Straßenlauf – und zwar häufig bereits in jungen Jahren – könnte eine langfristige Folge davon sein, die den Straßenlauf stärkt, aber Traditionsdistanzen massiv schwächt. Nun ist absolut verständlich, dass die Langstrecken viel Zeit in Anspruch nehmen, während der die Bahn im Stadion belegt ist. Aber die Leichtathletik als Olympische Kernsportart ist verantwortlich für etliche Disziplinen, auch innerhalb der Aufteilung Sprint / Laufsport / Sprung / Wurf, weshalb das Komprimieren in ein actiongeladenes, kurzweiliges Produkt einerseits viele Vorteile hat und höchste Attraktivität bieten kann, aber andererseits die Gefahr groß ist, dass Verlierer darunter sind. Ein Leichtathletik-Meeting ist eine Auffeinanderfolge etlicher Wettkampf und kein Einzelevent wie ein Fußballspiel oder Tennismatch. Eine zu kurze Präsentation der sportlichen Höhepunkte und der Stars der Szene, die eine wichtige Vorbildfunktion ausüben, kann nicht förderlich sein.
 

Russland / Gehen

Während die Welt Anti Doping Agentur (WADA) mit der Aufhebung der Suspendierung der russischen nationalen Anti-Doping-Agentur (RUSADA) einen mächtigen Schritt der vollständigen Rückkehr des russischen Sports auf die internationale Bühne gesetzt hat, bleibt die IAAF konsequent. Wie die von Rune Andersen angeführte Taskforce in ihrem Bericht betonte, wolle die IAAF die vollständige Datenanalyse der Daten aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor abwarten, die aktuell im Gange ist. Außerdem habe Russland die verhängte Strafe von rund 2,7 Millionen Euro, mit der auch die Kosten für die Ermittlungen von Seiten der IAAF abgedeckt werden, noch nicht überwiesen. Erst wenn diese beiden Punkte gelöst sind, wolle man über eine Wiederaufnahme des russischen Verbandes (RUSAF) diskutieren. Allerdings zeigt sich die IAAF in reservierter Haltung. In einem Presse-Statement wurde betont, dass es der IAAF nicht gefalle, dass Hajo Seppelt in einer TV-Dokumentation aufgezeigt hatte, dass Trainer aus dem alten Doping-Regime nach wie vor mit Athleten zusammenarbeiten. Dem russischen Verband wurde nahegelegt, dazu Stellung zu nehmen. Es zeugt von Konsequenz, wenn die IAAF die Schatten der Vergangenheit nicht ausblendet.
 

Es zeugt von Konsequenz, wenn die IAAF die Schatten der Vergangenheit nicht ausblendet.

Eine Disziplin, die komplett auf en Kopf gestellt wird, ist das Gehen. Die IAAF hält an zwei Distanzen für Männer und Frauen fest (bisher 20km und 50km), möchte aber die Distanzen deutlich verkürzen. Nun werden zwei Strecken zwischen 10km und 35km angepeilt, eine baldige Entscheidung soll fallen. Gehbewerbe teilen häufig die Aufmerksamkeitsprobleme mit den langen Laufdistanzen und leiden darunter, dass das mediale Produkt nicht so interessant ist wie andere leichtathletische Disziplinen. Die Verkürzung der Distanzen beim Gehen scheint nicht nur deshalb sinnvoll, auch wurde die 50km-Distanz in den vergangenen Jahren von Dopingproblemen überhäuft, was dem Image dieser Teildisziplin der Leichtathletik nachhaltig geschädigt hat. Eigenartig ist allerdings, dass diese Verkürzung nur wenige Jahre beschlossen wird, nachdem die 50km-Distanz für Frauen eingeführt wurde.