Tokio Marathon: Hohe Qualität im Frauen-Rennen

Ruti Aga beim Berlin Marathon 2018, wo sie den starken zweiten Platz belegte. © SIP / Johannes Langer

Einige hochkarätige Absagen, darunter jene von Kenenisa Bekele, führen beim Tokio Marathon, am Sonntag Auftakt in das Abbott WMM-Jahr 2019 zur gleichermaßen außergewöhnlichen wie für viele willkommenen Situation, dass der Weg zu Podestplätzen für viele Läufer möglich ist, die diese aussichtsreiche Ausgangsposition bei World Marathon Majors nicht gewohnt sind. Bei den Frauen ist das Elitefeld dagegen mit Weltklasse durchzogen. Neun Läuferinnen haben Bestleistungen unter 2:23 Stunden aufzuweisen.
 

Ruti Aga beim Berlin Marathon 2018, wo sie den starken zweiten Platz belegte. © SIP / Johannes Langer
Ruti Aga an der Spitze des Feldes

Star der Veranstaltung ist die Äthiopierin Ruti Aga. Obwohl sie nach ihrem fantastischen Lauf beim Berlin Marathon 2018 in einer Zeit von 2:18:34 Stunden die Nummer acht der ewigen Bestenliste des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) ist, hat die 25-Jährige noch keinen World Marathon Major gewonnen. Bei den letzten drei Gelegenheiten – Berlin Marathon 2017 + 2018, Tokio Marathon 2018 – war sie jeweils Zweite, genauso so wie beim Vienna City Marathon 2016. Der noch fehlende Sieg auf großer Bühne soll im Olympia-Austragungsort von 2020 erfolgen, die Generalprobe verlief mit einem schnellen Halbmarathon in Houston (1:06:56) zu Jahresbeginn viel versprechend. Nachdem sie im letzten Jahr ihrer Landsfrau Birhane Dibaba den Vortritt lassen musste, ist die bei einer Körperhöhe von nur 1,52 Metern nur 44 Kilogramm wiegende Ruti Aga die erklärte Favoritin.
 

Leistungsstarke Rivalinnen

Nachdem Feyse Tadese, Zweite beim Dubai Marathon 2018, aufgrund einer Verletzung absagen musste, ist Yebrgual Melese die größte Konkurrentin Agas. Die 28-Jährige knackte beim Dubai Marathon 2018 die Marke von 2:20 Stunden und liegt in der – aufgrund der geringen Laufzeit von erst acht Wochen möglicherweise noch nicht ganz repräsentativen – IAAF-Weltrangliste auf Rang acht. Zwei Plätze vor Ruti Aga. Dass Melese eine fähige und erfahrene Marathonläuferin ist, stellt sie seit Jahren unter Beweis. 2015 gewann sie den Houston Marathon und den Prag Marathon, 2018 den Shanghai Marathon. Dazwischen fielen Podestplätze in Chicago, Frankfurt und Dubai in die Statistik, eine durchaus beeindruckende Vita.
Weitere starke Läuferinnen im Elitefeld der Frauen, das jenes der Männer in puncto Qualität wohl übertrifft, sind die Äthiopierinnen Ababel Yeshaneh, Shure Demise, Bedatu Hirpa, Helen Tola, die Kenianerin Florence Kiplagat sowie die für den Bahrain startenden Mimi Belete und Rose Chelimo. Die 27-jährige Yeshaneh geht in ihren ersten Marathon über 42,195 Kilometer als Spitzensportlerin. Vor drei Monaten siegte sie beim Abu Dhabi Marathon in einer Spitzenzeit von 2:20:16 Stunden, aufgrund einer falsch gesetzten Wendemarke wurden damals nachweislich nur rund 42 Kilometer absolviert. Shure Demise, erst 23 Jahre alt, belegte bei den Weltmeisterschaften 2017 in London Rang fünf, im Vorjahr in Tokio Rang vier und in Chicago den dritten Platz. Die erst 19-jährige Bedatu Hirpa, Siegerin des Athen Marathon 2017, lief im vergangenen Jahr beim schnellen Frankfurt Marathon als Dritte auf das Podest. Die in der Schweiz lebende Hellen Tola, 24 Jahre jung, wartet noch auf ihren Durchbruch in die Weltklasse, klassierte sich jedoch bereits zweimal in den Top-6 des Berlin Marathon. Die 32-jährige Kiplagat, die 2015 und 2016 den Chicago Marathon gewonnen hat, konnte seit ihrem Comeback nach langer und schwerer Verletzung noch nicht wieder das Leistungsniveau der Jahre davor erreichen und belegte beim Chicago Marathon 2018 den vierten Rang. Mimi Belete gewann im Herbst den Toronto Marathon, ihr erst zweiter Auftritt im Marathon. Und Marathon-Weltmeisterin Rose Chelimo ist, gemessen an den Bestleistungen, nur die Nummer neun beim Tokio Marathon 2019.
 

Marathon-Debüt für Joan Melly

Mit Spannung erwartet wird das Marathon-Debüt von Joan Melly. Die 28-jährige Kenianerin zählt zu den besten Halbmarathonläuferinnen der Welt und unterbot im Kalenderjahr 2018 gleich dreimal eine Zeit von 1:06:15 Stunden, darunter bei ihrem fantastischen Sieg in Prag. Mit einer Bestleistung von 1:05:04 Stunden ist sie die Nummer vier der ewigen IAAF-Bestenliste, eine grandiose Basis für einen schnellen Marathon.
Nach der verletzungsbedingten Absage von Yuka Ando sind lediglich vier japanische Eliteläuferinnen am Start. Die beste ist Honami Maeda, die im vergangenen Jahr in Osaka Zweite war. Traditionell sind beim Tokio Marathon wenig japanische Eliteläuferinnen am Start, da die Veranstaltung mit wichtigen Marathons in Nagoya und Osaka in terminlicher Konkurrenz steht.
 

Chumba hofft auf Hattrick in offenem Feld

Die Absagen der Stars Kenenisa Bekele, Nummer drei der ewigen IAAF-Bestenliste, und Marius Kipserem, der den um 200 Meter zu kurzen Abu Dhabi Marathon 2018 in einer Zeit von 2:04:04 Stunden gewonnen hatte – beide sind verletzt, der Äthiopier hat eine Stressfraktur im Training erlitten, fällt die Favoritenrolle Dickson Chumba zu. Der 32-jährige Kenianer hat den Tokio Marathon in den Jahren 2014 und 2018 gewonnen und hofft dank seiner Routine auf seinen dritten Tokio Sieg. Chumbas schärfste Rivalen kommen aus Äthiopien. Birhanu Legese, der die hochkarätigen Halbmarathonläufe in Ras Al Khaimah und Neu Delhi bereits gewonnen hat, wird erneut versuchen, seine irre Leistung von 2:04:15 Stunden beim Dubai Marathon 2018, die nur zu Position sechs reichte, zu bestätigen. Im selben Rennen ist Seifu Tura ebenfalls unter 2:05 Stunden gelaufen. Zum Favoritenkreis muss auch El Hassan El Abbassi gezählt werden. Der 34-jährige Marokkaner, der für den Bahrain startet, lief beim Valencia Marathon 2018 ohne Vorwarnung sensationell einen neuen Asien-Rekord von 2:04:43 Stunden. Die Kenianer Norbert Kigen, bereits zweimal unter 2:05:30 Stunden, und Gideon Kipketer, in den letzten beiden Jahren Zweiter und Vierter in Tokio, hoffen ebenfalls auf ihre Chance. Einen weiteren Versuch eines Sprungs in die Weltklasse versucht der in Japan lebende Kenianer Bedan Karoki, dessen Marathon-Karriere bis dato nicht den erhofften Schwung aufgenommen hat, weshalb er den Tokio Marathon 2019 zum Saisonziel Nummer eins erkor. 2016 war er Vize-Weltmeister im Halbmarathon.
 

Hoffnung auf Heimsieg durch Osako

Im Elitefeld der Männer haben auch die Japaner einen Siegkandidaten. Suguru Osako, der 2018 beim Chicago Marathon den japanischen Landesrekord auf eine Zeit von 2:05:50 Stunden senkte und damit wenige Wochen lang den asiatischen Kontinentalrekord hielt, könnte in Tokio das optimale Umfeld für ein weiteres Spitzenresultat finden. Ein Jahr und fünf Monate vor den Olympischen Spielen in der japanischen Hauptstadt und ein halbes Jahr vor dem großen Ausscheidungsrennen der Japaner liegt ein besonderes Augenmerk auf das Abschneiden der Lokalmatadoren. Mit Ryo Kiname, Shogo Nakamura, im Vorjahr Vierter in Berlin, und Yuki Sato sind weitere Sub-2:09-Läufer aus Japan am Start. Sie alle haben genauso wie Jo Fukuda und Shohei Otsuka das Ticket für das japanische Ausscheidungsrennen in der Tasche, Kenta Murayama und Daichi Kamino müssen für eine Qualifikation beim Tokio Marathon noch mit Leistung liefern. Yuta Shitara, Osakos Vorgänger als japanischer Rekordhalter, hatte nach einer langwierigen Grippe im Winter frühzeitig seine Teilnahme abgesagt.
Rund 30.000 Läuferinnen und Läufer werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag mitteleuropäischer Start in der Metropole im „Land der aufgehenden Sonne“ auf die Strecke gehen. Die 30.000 dürfen sich glücklich schätzen, schließlich stiegen nicht weniger als 350.000 Bewerber in die Verlosung der Startplätze ein.
 
 
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