Staatsmeisterschaft: Status in Gefahr

18. Februar 2017, Hallen-Staatsmeisterschaften im Wiener Ferry Dusika Stadion: Carina Schrempf und Cornelia Wohlfahrt liefern sich einen spannenden Kampf um Gold und Silber. Der Schönheitsfehler: Die Bronzemedaille wird erst gar nicht vergeben, da keine dritte Athletin am Start stand. Es war leider nicht das einzige Mal, dass die österreichische Leichtathletik beim nationalen Höhepunkt in den letzten Jahren ein derartig erschütterndes Bild abgegeben hat. Häufig waren die Mittelstrecken betroffen.
 
Es ist offenkundig bekannt, dass die Olympische Kernsportart in Österreich in Konkurrenz zu hierzulande beliebteren Sportarten einen schweren Stand hat. Doch die Anzahl der praktizierenden Sportlerinnen und Sportler und der Vereine in allen Bundesländern rechtfertigt die kleinen Teilnehmerfelder bei nationalen Meisterschaften keineswegs. Viel mehr scheint die Bedeutung von Staatsmeisterschaften in der österreichischen Leichtathletik unzulänglich verbreitet. Von nationalen Großereignissen wie in Skandinavien, den BeNeLux-Ländern oder in den USA, wo die jährlichen Trials eines der Sporthöhepunkte des Jahres darstellen, kann der ÖLV nur träumen. Auch finanziell. Aber: Die Müdigkeit zahlreicher Vereine zu Staatsmeisterschaften der Allgemeinen Klasse überhaupt erst anzureisen, fügt der Sportart auch einen großen Imageschaden zu. Staatsmeisterschafts-Medaillen und Punkte für den ÖLV-Cup scheinen als Anreiz für Vereine nicht den gewünschten Effekt zu erzielen. ÖLV-Generalsekretär Helmut Baudis appelliert an die Vereinstrainer, Sportlerinnen und Sportler zur Teilnahme an den Staatsmeisterschaften zu motivieren und die Bedeutung einer Platzierung im wichtigsten nationalen Rennen zu betonen.
 

Die Anzahl der praktizierenden Sportlerinnen und Sportler und der Vereine in allen Bundesländern rechtfertigt die kleinen Teilnehmerfelder bei nationalen Meisterschaften keineswegs.

Eine Bestimmung der Österreichischen Bundes-Sportorganisation legt anhand von Kriterien in einem Drei-Jahres-Durchschnitt eine Mindest-Teilnehmerzahl und eine Mindestanzahl vertretener Vereine pro Bewerb fest, die den Status „Staatsmeisterschaft“ rechtfertigen. Aufgrund zu geringer Teilnahme drohen einige leichtathletische Disziplinen, den Status „Staatsmeisterschaft“ zu verlieren. Kein Problem gibt es bei Olympischen Disziplinen, da ist die Bezeichnung „Staatsmeisterschaft“ garantiert. Bedeutet: Im 800m-Lauf im Stadion wird es zukünftig auch Staatsmeistertitel geben, wenn nur zwei Läuferinnen die zwei Runden absolvieren. In der Halle würde dasselbe Szenario dazu führen, dass in diesem Rennen zukünftig nur noch ein „Österreichischer Meistertitel“ vergeben würde. Die Situation im 800m-Lauf der Frauen ist aktuell, aufgrund des eingangs skizzierten Rennens, am dramatischsten. Laut ÖLV müssten am kommenden Wochenende in Wien mindestens zehn Teilnehmerinnen an der Startlinie stehen, auf der Meldeliste befinden sich aktuell elf Läuferinnen. Gibt es zwei Athletinnen, die nicht antreten, wird der 800m-Lauf bei den Hallen-Staatsmeisterschaften 2020 nur unter dem Status „Österreichische Meisterschaften“ abgehalten, mit der kleinen anstatt der großen Medaille.
 

Die Situation im 800m-Lauf der Frauen ist aktuell am dramatischsten.

Dass die Mittelstrecken in den letzten Jahren besonders um ihre Teilnehmerfelder kämpfen müssen, liegt in der Natur der Disziplinen, die sicherlich nicht zu den attraktivsten in der Leichtathletik gehören, weil sie hohe körperliche Beanspruchung mit sich bringen. Daher sind auch Doppelstarts binnen 24 Stunden bei Staatsmeisterschaften etwa über 800m und 1.500m eher unbeliebt, womit die Disziplinen sich oft in taktischen Überlegungen der Athleten die Startplätze gegenseitig kosten. Doppelstarts in Sprint- oder technischen Disziplinen sind dagegen leichter umsetzbar.