Es zählt die (TV-)Show

Olympische Leichtathletik-Entscheidungen in der Morning Session und nicht im glanzvollen Flutlicht der bezaubernden abendlichen Stadionatmosphäre? Klar, bei den Marathon- und Gehbewerben wahrlich kein Novum. Aber Stadion-Leichtathletik? Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) prüfen gerade einen Vorschlag des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Für eine bessere Ausgewogenheit zwischen den Sprint-, Lauf-, Wurf- und Sprungwettkämpfen wolle der Veranstalter einige Finalentscheidungen vom gewohnten Platz im Abend- auf den ungewohnten Platz im Morgen-Programm verlegen. Mit gezielten Highlights erhoffe man, die 68.000 Zuschauersitze im Olympiastadion auch bei den weniger attraktiven und oft langatmigen Vormittagssessions besser auszulasten. Eine verständliche Argumentation und nicht ganz neu. Einzelne Finalentscheidungen von Rio 2016 fanden in der Leichtathletik ebenso zur brasilianischen Vormittagszeit statt. So lief Almaz Ayana ihren Fabel-Weltrekord über 10.000m in der brühenden Spätvormittagssonne über dem Zuckerhut und nicht zur Primetime des südamerikanischen Publikums.
 

Neben der Natur gegebenen Zeitumstellung der transkontinental anreisenden Sportler kommt mit dem künstlichen Eingriff in den gewohnten biologischen Sportler-Rhythmus an Wettkampftagen eine wesentliche Änderung hinzu.

 
Was offiziell an Erklärungen zu diesem Thema abgegeben wird, ist maximal die Spitze des Eisbergs. Das Fundament sind knallharte, wirtschaftliche Diskussionen, die für die Vorlieben der Athleten keinen Argumentationsraum lassen. Denn: Ein Final-Wettkampf in den Morgenstunden ist gegen die Natur der Leichtathleten und erfordert daher eine lange Vorbereitungszeit, in der man sorgfältig eingeübte Rhythmen und Abläufe über den Haufen wirft und neukreiert. Denn nur wer physiologisch und psychologisch topfit ist, kann zum Zeitpunkt X die Bestleistung abliefern. Wie oft gab es bei Leichtathletik-Großereignissen negative Sensationen, wenn am Vormittag „nur“ Qualifikationswettkämpfe anstanden? Damit kommt neben der Natur gegebenen Zeitumstellung der transkontinental anreisenden Sportler mit dem künstlichen Eingriff in die gewohnten biologischen Sportler-Rhythmus an Wettkampftagen eine wesentliche Änderung hinzu. Eine zusätzliche Hürde in der idealen Vorbereitung und dem erträumten Wettkampfablauf. Denn Wettkämpfe am Abend sind für Stadion-Leichtathleten Normalität. Genauso wie ein Vormittagsstart für Marathonläufer.
 

Was letztendlich zählt, ist die Show. Nur die Show!

Was letztendlich zählt, ist die Show. Nur die Show! Da die Athleten ohnehin auf jeden Fall die Olympische Arena betreten, gilt es die Rahmenbedingungen zu optimieren. Unter einem ziemlichen Aufschrei verlegte das IOC 2008 unter strikter Empfehlung des US-amerikanischen Exklusiv-TV-Rechteinhabers NBC die Finalwettkämpfe im Schwimmen und Turnen in die Vormittagsstunden chinesischer Zeit. Das potente US-Publikum genoss die Galaauftritte ihrer bewunderter Helden rund um Rekordmann Michael Phelps zur Primetime des Vortages. Bescheidene Marktanteile wie acht Jahre davor bei den Olympischen Spielen in Sydney wurden elegant verhindert. In Tokio wird dies, eine Zeitzone näher an den USA, nicht anders sein. Die mächtige NBC hat ihre Muskeln spielen lassen. Schließlich stehen US-Amerikaner auf Olympischen Sport! Der japanische Schwimmverband, der sich klar für Finalwettkämpfe zur japanischen Primetime ausgesprochen hatte, blieb ungehört und bedauerte die Wiederholung der Peking-Entscheidung. Der japanische Broadcaster reagierte ebenfalls enttäuscht – auch er hätte für die Schwimm-Finalwettkämpfe ein großes TV-Publikum zur japanischen Primetime erwartet. Für die Leichtathletik sind die USA ebenfalls einer der bedeutendsten Märkte. Springt die IAAF auf den skizzierten Strategie-Zug auf?
 

Der Sport verfolgt die Gewinnmaximierung als unumschränktes Hauptziel.

Im Kontext des modernen Sports wäre es geradezu fahrlässig, dies nicht zu tun und sich diskussionslos auf die Seite der Athleten stellen, um deren ihre Wohlfühlzone im Sinne sportlicher Qualitätsleistungen zu verteidigen. Der Sport hat sich über die Jahrzehnte ein gewisses Maß an Gigantismus auferlegt. Dieser Gigantismus wird als Ausgangsposition verstanden, um weitere Optimierungen mit allen Mitteln gefeilt. Selbst im Rahmen seines wirtschaftlich, sportlich und in der Allgemeinbedeutung Paradeprodukts Olympische Spiele verfolgt der Sport (das IOC) die Gewinnmaximierung als unumschränktes Hauptziel, obwohl Umsatzzahlen längst die Grenze der Unerhörtheit überschritten haben. Beste Primetime-Show für das TV-Publikum, lukrative Werbefenster für Sponsoren und Wirtschaftspartner, die Millionen für Millionen in den Sport spucken, sichern langfristige Sicherheit im Plan, dieses Ziel zu erreichen. Das Interesse von TV-Anstalten, die dem Sport irre Summen für den Rechtekauf bereitstellen, ihren Rezipienten ein optimales Paket schnüren zu können, verdient nachvollziehbar eine starke Stimme.
Andererseits steht der Sport, auch die Olympischen Spiele und ihre Kernsportart Leichtathletik, in der heutigen Zeit in einem ganz anderen Konkurrenzverhältnis zu anderen Big-Events außerhalb des Sports und einer Palette an zusätzlichen Freizeitangeboten. IAAF-Präsident Sebastian Coe hat die Attraktivitätssteigerung des Produkts Leichtathletik für Sportfans auf der ganzen Welt als eines seiner Hauptanliegen bei Amtsantritt formuliert. Leichtathletik soll wieder beliebter werden.
 

Die Gefahr, dass die Qualität des Sports leidet, wird beabsichtigt ignoriert.

Moderner Sport ist Inszenierung. Auch Olympische Spiele leben von möglichst gelungener Außendarstellung. Die Gefahr, dass die Qualität des Sports leidet, wird beabsichtigt ignoriert. Schon bevor das IOC bewährte Organisationsabläufe künstlich änderte. Als die Fußballnationalteams von Brasilien und Italien am 17. Juli 1994 bei glühender Mittagshitze das Rose Bowl Stadium von Pasadena betraten, um pünktlich um 12:30 Uhr das torlose und vielleicht langweiligste WM-Finale der Fußballgeschichte zu bestreiten, durfte das fußballfanatische europäische Publikum zur optimalen Fernsehzeit live mitfiebern. Oder mitgähnen. Auch wenn Ayanas Wunderlauf von Rio als Gegenargument steht, ist es sehr fraglich, ob eine Olympische Laufentscheidung am Tokioter Vormittag (zu den europäischen Nachtstunden und zur amerikanischen Primetime des Vortages) im Schnitt qualitativ hochwertiger ist als eine in den Tokioter Abendstunden (zur europäischen Mittagszeit und in den frühen amerikanischen Morgenstunden). Falls man sich auf den eigentlichen Wert sportlicher Leistung konzentrieren möchte.