Marathon-Comeback und Angriff auf den Schweizer Rekord

© SIP / Johannes Langer

Nie zuvor hat ein Läufer bei seinem Marathon-Debüt eine schnellere Zeit erzielt als Guye Adola beim Berlin Marathon 2017, den er in einer wahnsinnigen Zeit von 2:03:46 Stunden auf Position zwei beendete. Wahrscheinlich war in den letzten Jahren kein anderer Marathonläufer so nahe dran, Superstar Eliud Kipchoge zu besiegen als der Äthiopier an jenem regnerischen Tag in der deutschen Hauptstadt. Dafür war das Jahr 2018 eine sportliche Katastrophe: Einem 40. Platz unter ferner Liefen beim London Marathon, geplagt von Magenproblemen, die sich später laut Let’sRun.com als Magengeschwür herausgestellt hätten, folgte die krankheitsbedingte Absage seines Starts beim Frankfurt Marathon. Da er im abgelaufenen Jahr neben dem London Marathon nur zwei Wettkämpfe bestritt, darunter einen äußerst bescheidenen Halbmarathon in Usti nad Labem in einer Zeit von 1:04:31 Stunden, sind Fragen zu seiner aktuellen Leistungsfähigkeit sehr schwer beantwortbar. Für weitere Spannung sorgt beim Standard Chartered Dubai Marathon eine mutige Ansage von Tadesse Abraham. Der Halbmarathon-Europameister will seinen eigenen Schweizer Rekord attackieren und dem Europarekord von Mo Farah so nahe wie möglich kommen. Der Schweizer hatte diesen vor knapp drei Jahren in Seoul bereits einmal nur haarscharf verpasst, seither haben Sondre Nordstad Moen und der britische Star die europäische Allzeit-Bestleistung aber in eine neue Dimension geführt.
 
Der RunAustria-Vorbericht des Frauen-Rennens: Chepngetich fordert Degefa
 

Guye Adola beim Berlin Marathon 2017. © SIP / Johannes Langer
 

„Optimale Rahmenbedingungen“ für Adola

Eineinhalb Jahre nach seinem grandiosen Auftritt beim Berlin Marathon gibt es wohl keinen besseren Ort außerhalb Berlins, um sein Comeback zu feiern als in Dubai, wenn man die Ambition einer schnellen Zeit verfolgt. Denn trotz des desolaten London Marathon 2018 wird er an diesem fantastischen Resultat gemessen. Die Leistungsparameter seither weisen allerdings nicht darauf hin, dass Adola am frühen Freitagmorgen Ortszeit in ähnliche Dimensionen vorstoßen könnte. Schafft er es doch, ist der Streckenrekord von Vorjahressieger Mosinet Geremew (2:04:00 Stunden) in akuter Gefahr. Die Wetterbedingungen sind viel versprechend – Temperaturen von über 20°C bereits am Vormittag sind in Dubai selbst zur „Winterzeit“ schließlich Standard. „Unser Event hat einen hervorragenden Ruf, weil er schnelle Zeiten produziert. Damit findet Guye Adola beim Dubai Marathon die optimalen Rahmenbedingungen, um sich unter den weltbesten Marathonläufern zu etablieren“, ist Renndirektor Peter Connerton optimistisch.
 

Ein zweiter Wunder-Debütant

Guye Adola ist nicht der einzige Starter beim Dubai Marathon 2019, der bei seinem Debüt ordentlich für Furore sorgte. Während beim Äthiopier sein Leistungsniveau auf den Unterdistanzen – eine Halbmarathon-Bestleistung von 59:06 Minuten und eine WM-Bronzemedaille in dieser Disziplin – ein gewisses Leistungspotenzial bereits angedeutet hatte, lief Emmanuel Saina wie Phönix aus der Asche beim Buenos Aires Marathon 2018 zur schnellsten, je in Südamerika erzielten Marathonzeit von 2:05:21 Stunden. Der bis dato gänzlich unbekannte 26-Jährige muss beim Dubai Marathon 2019 beweisen, dass diese Leistung aus Argentiniens Hauptstadt keine Eintagsfliege war. Als einziger Kenianer im Feld ist er der aussichtsreichste Läufer, die siebenjährige Siegesserie der Äthiopier am Persischen Golf zu beenden.
 

Äthiopier favorisiert

Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich Saina mit einer breiten Front an fähigen äthiopischen Läufern auseinandersetzen. Eine heiße Aktie ist Sisay Lemma, neben Weltrekordhalter Eliud Kipchoge und Landsmann Leul Gebrselassie aus dem Trio jener Läufer, die im Wettkampfjahr 2018 zweimal die 2:05-Stunden-Marke unterbieten konnte. Der ehemalige VCM-Sieger belegte Rang fünf beim Dubai Marathon (2:04:08) und triumphierte beim Ljubliana Marathon (2:04:58, Streckenrekord). Zum Kreis der sub-2:05-Läufer zählen auch der Vorjahres-Vierte Asefa Mengstu, der außerdem den Kapstadt Marathon 2016 und 2017 sowie den Soul Joong Ang Marathon gewann, und Lemi Berhanu, Dubai-Sieger von 2015, der 2016 in persönlicher Bestleistung von 2:04:33 Stunden Zweiter wurde und wenig später beim Boston Marathon seinen größten Erfolg feierte. Das starke Aufgebot der Äthiopier komplettierten Frankfurt-Marathon-Sieger Kelkile Gezahegn und Debütant Getaneh Molla, Fünfter der Halbmarathon-Weltmeisterschaften von Valencia 2018. Dagegen hat Feyisa Lilesa, Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro, seinen geplanten Start aufgrund einer Formschwäche abgesagt. Nach Jahren im US-amerikanischen Exil ist Lilesa vor einigen Monaten und nach einer Veränderung der politischen Landschaft in Äthiopien zurück in seine Heimat gekehrt.
 

Gut vorbereitet Richtung Schweizer Rekord

Erstmals in seiner langen Karriere bestreitet Tadesse Abraham, Vize-Europameister von Berlin 2018, den Dubai Marathon. Der 36-jährige Routinier möchte auf der schnellen Strecke seinen eigenen Schweizer Rekord von 2:06:40 Stunden verbessern. Auf der Veranstaltungs-Website legt man ihm sogar einen Angriff auf den Europarekord von Mo Farah nahe. Dafür müsste Abraham allerdings seine Bestleistung um eineinhalb Minuten steigern – ein kaum realistischer Quantensprung. Der Europameister im Halbmarathon von Amsterdam 2016 reiste am Dienstag direkt aus dem langen Trainingslager in Äthiopien nach Dubai. „Ich habe mit vollster Konzentration mein Trainingsprogramm abgespult. Während meiner Marathon-Vorbereitung habe ich rund 200 Kilometer pro Woche absolviert, darunter lange Läufe zwischen 32 und 40 Kilometern im Marathon-Tempo, dazu Intervalle. Ich bin mit großen Zielen angereist“, erklärte der gebürtige Eritreer, der seit mittlerweile 15 Jahren in der Schweiz lebt. Sein Ziel für Freitag lautet, seine Grenzen als Marathonläufer auszutesten. Dafür begleitet ihn rund 30 Kilometer lang ein eigener Tempomacher.
Wie alle anderen Teilnehmer will auch Tadesse Abraham von der schnellen Marathon-Strecke in Dubai profitieren, die 13 der schnellsten 50 Marathon-Leistungen bei den Männern und zwölf der schnellsten 50 bei den Frauen produzierte, wie Renndirektor Peter Connerton stolz berichtet. „Die Athleten wissen, dass Dubai einen flachen und schnellen Kurs bietet. Mit der richtigen Strategie führt das im Regelfall zu schnellen Zeiten und sogar Bestleistungen. Der frühe Start um 6 Uhr bringt beste Wetterbedingungen“, schwärmt Athleten-Manager Gianni Demadonna.
 
 
Der RunAustria-Vorbericht des Frauen-Rennens: Chepngetich fordert Degefa
 
Standard Chartered Dubai Marathon