Rot-weiß-rote Marathon-Hoffnung: Lemawork Ketema

© SIP / Johannes Langer

In Österreich formiert sich aufgrund einer nie da gewesenen Leistungsdichte im Marathonlauf der Männer ein starkes Marathon-Team. Der sensationelle Gewinn der Bronzemedaille in der Nationenwertung bei den Europameisterschaften von Berlin hat Begehrlichkeiten geweckt und lässt den österreichischen Marathonlauf optimistisch in die Zukunft blicken. Die erfolgreiche Entwicklung soll zu Nachhaltigkeit führen, von der auch Österreichs Marathonläuferinnen und durch die Vorbildwirkung vor allem der Breitensport profitieren sollen.
RunAustria präsentiert Österreichs Marathon-Hoffnungen der nächsten Jahre in der neuen Serie „Rot-weiß-rote Marathon-Hoffnungen“. Teil eins: Lemawork Ketema
 

Mitten unter den besten Marathonläufern Europas: Lemawork Ketema. © SIP / Johannes Langer
 
Lemawork Ketema zählt seit Jahren zur österreichischen Spitze im Marathonlauf. Doch spätestens beim EM-Marathon in Berlin hat er sich auch europaweit einen Namen gemacht und mit Sicherheit den ein oder anderen internationalen Kommentator vor Ort aufgrund unzulänglicher Vorbereitung auf dem falschen Fuß erwischt. Mit einem bewundernswert selbstbewussten Auftritt gestaltete der 33-Jährige das Rennen an der Spitze der Top-Gruppe, Seite an Seite mit europäischen Stars wie Tadesse Abraham, mit und vollendete seinen mutigen Auftritt mit Platz acht. Ein starker Pfeiler für den Sensationsgewinn der Bronzemedaille im Marathon-Europacup – Österreichs mit Abstand größter Erfolg in der Marathon-Geschichte. Was nach außen wie eine Überraschung anmutete, hatten der gebürtige Äthiopier und sein Trainer Harald Fritz akribisch vorbereitet. Mit der Wettkampfsaison 2018 gelang ein bedeutender Schritt in der Leistungsentwicklung.
 
 

Lemawork Ketema

Jahrgang: 1985
Verein: SVS Leichtathletik
Trainer: Harald Fritz
PB Marathon: 2:13:22 (Berlin 2018)
PB Halbmarathon: 1:03:50 Stunden (Kärnten läuft 2014)
Größter Erfolg: Platz acht bei den Europameisterschaften 2018 im Marathon inklusive der Bronzemedaille in der Nationenwertung
 
 
2013 trat Lemawork Ketema seine zweite Reise in jenes Land an, das seine neue Heimat werden sollte. Damals kam er einer Einladung des Salzburg Marathon nach, den er als Dritter beendet. In sein Heimatland Äthiopien zurückkehren wollte der damals 27-Jährige nicht, er suchte in Österreich um Asyl an. Tapfer kämpfte er sich durch schwierige Zeiten und lernte die andere Perspektive der Migration und Integration mit positiven Erfahrungen kennen, noch bevor sich die gesellschaftliche Stimmung zum Thema Flüchtlinge im Rahmen der großen Flüchtlingswelle 2015 hierzulande veränderte. Genau zu dieser Zeit, am 15. Dezember 2015, erhielt Ketema die österreichische Staatsbürgerschaft – ein Prozess, den seine Erfolge und das Zukunftspotenzial im Sport beschleunigten. Seine Laufschuhe waren seit seiner Ankunft in Österreich sein treuer Begleiter, die Leidenschaft zum Sport eine wichtige Stütze. Ketema lässt kaum eine Gelegenheit aus, zu betonen, wie wohl er sich in seiner neuen Heimat fühlt, deklariert sich regelmäßig öffentlich als Österreicher. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich sukzessive. „Ich habe mich hier sehr gut eingelebt und fühle mich wohl. Natürlich denke ich oft an meine Familie und meine Freunde in Äthiopien, aber mein Zuhause ist jetzt in Österreich.“
 


 

Fünf Fragen an Lemawork Ketema

Du hast als einziger der aktuellen heimischen Marathon-Elite bis auf den Drei Länder Marathon alle wichtigen Marathonläufe in Österreich bestritten. Kannst du bitte jeweils einen Aspekt nennen, den du in Wien, Linz, Graz und Salzburg als besonders positiv empfunden hast?
„Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Schlussendlich konzentriert man sich voll und ganz auf das Rennen. Eines muss ich aber betonen: Ich bin alle vier Marathons sehr gerne gelaufen. In Linz war ich bereits zweimal am Start, die Atmosphäre dort ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Das Publikum hat mich so begeistert angefeuert, das war eine große Motivation.“

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Nach deinem grandiosen Auftritt bei den Europameisterschaften von Berlin hast du gesagt, dass du gerne bei hohen Temperaturen läufst und die Hitze dir nicht so viel ausmacht wie anderen. Kannst du das bitte näher erläutern, warum das so ist?
„Ich laufe natürlich lieber bei normalen Temperaturen. Aber Marathon findet im Freien statt und da muss man sich mental so gut wie möglich auf die Gegebenheiten einstellen. Und das gelingt mir ganz gut.“
Ist das dein Ass im Ärmel für Tokio 2020?
„Hoffentlich.“
Für die Finanzierung des Projekts Olympia 2020 hast du mit Erfolg den Weg eines Crowdfunding-Projekts gewählt. Welche Möglichkeiten im Training eröffnen sich dir dadurch, die du früher nicht hattest?
„Ich kann nun öfters und länger auf Trainingslager fahren. Das ist sehr wichtig für mich. Ich kann dort konzentriert und intensiv in einer Höhe von bis zu 2.500 Metern trainieren und absolviere rund 230 Kilometer pro Woche. Für mich ist das die beste Vorbereitung auf einen Wettkampf.
Ich möchte mich auf diesem Weg nochmals bei allen Spendern herzlich bedanken. Es war einfach großartig!“
Wie sieht dein Trainingsalltag in Österreich aus? Beschreibe uns bitte in kurzen Worten eine durchschnittliche Trainingswoche!
„Ich verfolge natürlich einen auf mir zugeschnittenen Trainingsplan. Im Schnitt laufe ich sechsmal pro Woche entweder alleine oder in der Gruppe. Am Morgen trainiere ich meistens entweder Ausdauer oder Intervalle. Am Nachmittag konzentriere mich auf Krafttraining oder gehe ins Schwimmbad.“
Du hast bisher vorwiegend alleine trainiert. Inwiefern wird sich das durch das neue VCM Marathon Team Austria verändern? Sind häufiger gemeinsame Trainings mit den in Wien lebenden Marathonläufern geplant und wie kannst du von dieser stärkeren Zusammenarbeit profitieren?
„Wir haben auch bisher hin und wieder gemeinsam trainiert. Wir alle wollen diese gemeinsamen Einheiten nun intensivieren. Es macht deutlich mehr Spaß, wenn man mit anderen Läufern unterwegs ist und irgendwie hält mich das jung – ich bin ja der Älteste im Team. Es geht aber nicht nur ums Vergnügen, auch Leistungen sind bei diesen gemeinsamen Einheiten hochwertig. Denn das Niveau ist hoch.“
 


 
Lemawork Ketemas gelungener Auftritt bei den Europameisterschaften in Berlin war der dritte bei großen internationalen Meisterschaften nach den Europameisterschaften im Halbmarathon in Amsterdam 2016, wo er bester Österreicher war, und den Weltmeisterschaften im Halbmarathon in Valencia 2018. In naher Zukunft sollen die beiden ersten Starts im rot-weiß-roten Trikot bei globalen Meisterschaften folgen. Wohl als einziger Österreicher strebt der 33-Jährige eine Teilnahme bei den Weltmeisterschaften in Doha an, wo aufgrund der klimatischen Verhältnisse der Marathonlauf in den Nachtstunden ausgetragen wird. Die Qualifikationssorgen ist er durch seine Leistung in Berlin bereits los. „Die WM in Doha ist für mich ein sehr wichtiger Etappenschirtt in meiner Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020“, erläurtert er.
Aufgrund der positiven Eigenschaft, mit hohen Temperaturen gut umgehen zu können, hat Ketema keine Sorgenfalten auf der Stirn ob der drohenden Hitze. Dasselbe gilt für den großen Olympia-Traum in Tokio, wo der Marathon nach dem japanischen Rekordsommer 2018 wohl in die frühen Morgenstunden verlegt werden wird. Die Qualifikation für den Höhepunkt eines jeden Sportlerlebens, ist das langfristige Ziel. Ketema ist überzeugt, die Hürde unabhängig des noch nicht feststehenden Modus’ zu schaffen und will sich auch im Olympischen Marathon nicht mit einer Nebendarsteller-Rolle zufrieden geben. In einem Interview mit dem ORF Niederösterreich nahm er unlängst das Wort „Medaille“ in den Mund. „Nur dabei zu sein, ist mir zu wenig. Ich werde alles auf den Tisch legen und bis aufs Blut für das bestmögliche Resultat kämpfen!“, bekräftigt er im RunAustria-Interview.
 

© SIP / Johannes Langer
Station eins auf der Reise, dessen Ziel Tokio lauten soll, ist der Vienna City Marathon am 7. April. Heute stieg Ketema in den Flieger Richtung Afrika, um ein ausgedehntes Trainingslager in der afrikanischen Höhenluft zu absolvieren. Damit beginnt für ihn jetzt die heiße Phase des Trainings für den Wien Marathon, wo ihm die Zeitnehmung eine 2:12-Zeit bescheren soll. „Ich freue mich schon sehr auf den Vienna City Marathon. Jetzt gilt es, mich optimal für dieses Rennen vorzubereiten.“ Vor acht Jahren war er das bisher einzige Mal in der Bundeshauptstadt am Start. Es war damals seine erste Österreich-Erfahrung.
 
 

Lemas Tipp für die RunAustria-Fans

„Wenn man im Leben und im Sport keine Träume hat, erreicht man keine Ziele. Diese Worte hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben und ich habe sie beherzigt. Viele meiner Träume sind wahr geworden!“

 
 
Lemas Ergebnisse im Marathon
– 8. Platz: EM 2018 in Berlin – 2:13:22 Stunden
– 6. Platz: Linz Marathon 2018 – 2:14:35 Stunden
– 4. Platz: Linz Marathon 2017: 2:16:08 Stunden
– 18. Platz: Hamburg Marathon 2016: 2:16:19 Stunden
– 2. Platz: Rio de Janeiro Marathon 2015: 2:14:23 Stunden
– 1. Platz: Graz Marathon 2014: 2:22:10 Stunden
– 3. Platz: Salzburg Marathon 2013: 2:22:36 Stunden
– 7. Platz: Lago Maggiore Marathon 2012: 2:23:05 Stunden
– 27. Platz: Vienna City Marathon 2011: 2:27:51 Stunden
Lemas Ergebnisse im Halbmarathon
– 1. Platz: Halbmarathon-ÖM 2018 in Graz – 1:03:50 Stunden
– 68. Platz: Halbmarathon-WM 2018 in Valencia – 1:03:57 Stunden
– 1. Platz: Halbmarathon-ÖM 2017 in Graz – 1:04:30 Stunden
– 20. Platz: Halbmarathon-EM 2016 in Amsterdam – 1:05:10 Stunden
– 7. Platz: Wörthersee Halbmarathon 2014: 1:03:50 Stunden