Rückschritt im Crosslauf

Seit drei Jahren ist Günther Weidlinger als ÖLV-Teamleiter/Lauf, was nichts anderes als einen Nationaltrainer beschreibt, engagiert. Der beste Läufer, den Österreich je hatte, koordiniert seither die besten heimischen Läufer der aktuellen Generation. Die Erfolge im Straßenlauf, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der Bronzemedaille der Teamwertung des EM-Marathon von Berlin 2018 fanden, zeugen von beachtlichen Entwicklungen. Günther Weidlinger war freilich auch der beste Crossläufer, den Österreich je hatte. Dreimal schrammte er bei Crosslauf-Europameisterschaften nur knapp an Medaillen vorbei. Seine EM-Silbermedaille bei den Junioren 1997 ist eine von nur zwei Medaillen, die der ÖLV jemals bei Crosslauf-Europameisterschaften gewinnen konnte. Die andere geht auf das Konto von Martin Pröll im Jahr 2000, ebenfalls in der Altersklasse U20.
 

Zwei Tage nach den Crosslauf-Europameisterschaften 2018 muss festgestellt werden: Dem österreichischen Team ist in den letzten Jahren kein Fortschritt gelungen. Schlimmer noch: Tilburg war ein Rückschritt gegenüber 2016 und 2017.

Weidlinger hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er dieser Teildiziplin der Leichtathletik besondere Passion entgegen bringt. Und, dass er dem Crosslauf in Österreich wieder eine gewisse Popularität und Bedeutung schenken möchte. Schließlich vertritt er wie so viele Experten die klare Meinung, dass sich der Crosslauf im Winter ideal dafür eignet, sich die Basis für eine erfolgreiche darauffolgende Saison zu legen – unabhängig davon ob Mittel-, Langstrecken- oder Straßenläufer. Zu einer positiven Entwicklung gehört ein geschlossenes, ordentliches Auftreten bei den Europameisterschaften, die seit je her für Österreichs Läufer aus zwei Gründen ein diffiziles Umfeld darstellen. Erstens, weil sich große Teile der europäischen Elite verschiedener Laufdisziplinen in einem Rennen vereinen. Zweitens, weil zahlreiche andere europäische Nationen eine ausgeprägte Crosslauf-Tradition nachweisen können und gezielt vorbereitet zum kontinentalen Höhepunkt anreisen. Die Test-Wettkämpfe der österreichischen EM-Starter von 2018 im Crosslauf lassen sich auf einer Hand abzählen, offenbar nicht genügend für die nötige Ernsthaftigkeit eines EM-Auftritts. In Spanien, Großbritannien, Skandinavien oder Belgien etwa führen ganze Crosslauf-Serien die nationalen Top-Athleten zum europäischen Saison-Höhepunkt.
Zwei Tage nach den diesjährigen Crosslauf-Europameisterschaften muss festgestellt werden: Dem österreichischen Team ist in den letzten Jahren kein Fortschritt gelungen. Schlimmer noch: Tilburg war ein Rückschritt gegenüber 2016 und 2017. Sechs Athleten vertraten rot-weiß-rot bei der Crosslauf-EM 2018. Nur Luca Sinn (UAB Athletics) erreichte mit Rang 42 im U23-Rennen eine Platzierung in der ersten Hälfte des Klassements. Mit Andreas Vojta (team2012.at), Timon Theuer (DSG Wien) (beide Allgemeine Klasse), und Julian Kreutzer (SU IGLA long life) (U23) landete die Hälfte des Aufgebots in ihren Rennen jeweils im hinteren Drittel des Feldes, Albert Kokaly (DSG Maria Elend) war im U20-Rennen an der Grenze zum letzten Drittel. Besonders in den Bewerben mit eingegrenzten Altersklassen sind hintere Platzierungen problematisch – sie lassen keine gute Platzierungen in Zukunft hoffen, wenn die Konkurrenz in der Allgemeinen Klasse auf breiterer Front daherkommt. In den letzten drei Jahren gab es in den Altersklassen U23 und U20 keine einzige Top-40-Platzierung, bei den Junioren nicht einmal eine Top-50-Platzierung.
 

Nur Luca Sinn (UAB Athletics) erreichte mit Rang 42 im U23-Rennen eine Platzierung in der ersten Hälfte des Klassements.

Weidlingers Strategie, viele Läuferinnen und Läufer für Crosslauf-Europameisterschaften zu nominieren, konnte 2018 mit sechs Teilnehmern nicht mehr umgesetzt werden. Trotz einiger Ausfälle waren elf ÖLV-Athleten 2016 nach Sardinien gereist. Durch die geographisch günstige Lage wurde 2017 ein Rekordaufgebot von 22 Athleten für die Crosslauf-EM im slowakischen Samorin nominiert. Resultate in den Top-50 blieben die Ausnahme, das Sammeln von Erfahrungen entfaltete nicht die gewünschte Wirkung. Julian Kreutzer ließ 2016 drei Läufer hinter sich, 2018 waren es trotz gesteigerter Reife nur zwei (jeweils U23). Albert Kokaly belegte 2017 Platz 69 von 107 Teilnehmern, ein Jahr später Rang 63 unter 95 Teilnehmern. Immerhin gelang Luca Sinn eine Steigerung im Vergleich zu Samorin (damals Rang 57). Auch der Versuch eines Qualifikationsrennens im Rahmen eines European Athletics Permit Crosslaufs wie 2017 in Salzburg, um eine sportlich interessante Startgelegenheit zur Vorbereitung zu schaffen, blieb in der Einmaligkeit stecken. Eine weitere Beobachtung: Der österreichische Crosslauf hat ein Frauen-Problem. Eine Teilnehmerin von elf 2016, sieben von 22 2017 und eine von sechs heuer ist statistisch weit entfernt von einer Gleichstellung.
Natürlich gilt es nach dem sportlichen Debakel von Tilburg einige mildernde Umstände in die Betrachtung einfließen zu lassen, die über den Gesamt-Trend des fehlenden Fortschritts und des Daseins Österreichs als Crosslauf-Zwergenstaat auf der europäischen Bühne nicht hinwegtäuschen können. Österreichs Marathon-Helden haben mittlerweile andere Saisonplanungen, die eine Teilnahme an Crosslauf-Europameisterschaften nicht mehr berücksichtigt. So fehlte mit Valentin Pfeil heuer der neben Andreas Vojta Verlässlichste der letzten Jahre und mit Peter Herzog der amtierende Staatsmeister der Langstrecke. Vojta selbst erlebte in Tilburg einen schlechten Tag. Das kommt im Leben eines Sportlers vor, blöd nur in der Gesamtbetrachtung des österreichischen Abschneidens, wenn ein solch schlechter Tag dem einzigen Hoffnungsträger passiert. Und Carina Reicht zählte mit ihren 17 Jahren zu den jüngsten Teilnehmerinnen im Starterfeld der Altersklasse U20. Sie beendete das Rennen auf Rang 54 von 86 Teilnehmerinnen.
 

Der österreichische Crosslauf hat ein Frauen-Problem.

Es ist wenig überraschend, dass Österreich bei der Crosslauf-EM weder im Medaillenspiegel noch im Placing Table auftaucht. Dass 29 europäische Nationen (von 38 teilnehmenden) mindestens ein besseres Resultat als den 42. Platz von Luca Sinn erzielten, verleiht keinen berauschenden Eindruck. Anzeichen auf erhoffte Fortschritte im heimischen Crosslauf sind nicht erkennbar.