Ingebrigtsen beendet afrikanische Serie bei Crosslauf-EM

© Veranstalter Crosslauf-EM Tilburg 2018 / Facebook

Alles, was die Familie Ingebrigtsen anrührt, wird zu Gold. Im Alter von 25 Jahren startete Filip Ingebrigtsen erstmals in der Allgemeinen Klasse bei Crosslauf-Europameisterschaften und ließ sich auch von der für ihn ungewohnt langen Distanz von 10,3 Kilometern nicht aus dem Konzept bringen. Im Finale spielte der Norweger seine Überlegenheit im Spurt aus und feierte einen verdienten, weil mit extremer Konzentration und Kontrolle herausgelaufenen Sieg. Es ist das erste Gold für Norwegen in der Allgemeinen Klasse in der 25-jährigen Geschichte von Crosslauf-Europameisterschaften – Männer und Frauen addiert – bei den Männern sogar das erste Edelmetall. Damit beendete der Europameister im 1.500m-Lauf von 2016 auch die seit dem Sieg des Italieners Andrea Lalli 2012 andauernde Serie von EM-Titeln für afrikanisch stämmige Athleten, die für europäische Verbände an den Start gehen. Die Türken mussten sich nach vier EM-Titeln in Folge dieses Mal mit der Goldmedaille in der Teamwertung und der Bronzemedaille durch Aras Kaya in der Einzelwertung zufrieden geben. Dazwischen schob sich der Belgier Isaac Kimeli, Europameister der Altersklasse U23 im Jahr 2016, der zum ersten Mal seit längerer Zeit zu einem großen Erfolg ausholte.
 

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Vorentscheidung in der drittletzten Runde

Pünktlich zum letzten Einzelrennen des Tages bahnte sich die Sonne den Weg durch die Bewölkung und sorgte während des Männer-Rennens für die wettertechnisch lichtesten Momente des Tages. Aufgrund der vorangegangenen Rennen war die Laufstrecke allerdings bereits ordentlich mitgenommen und tief, was die Herausforderung für die Athleten noch einmal verschärfte. Wenig überraschend begann das 10.300 Meter lange Rennen trotz der schwierigen Voraussetzungen mit einem hohen Tempo. Angeführt von Filip Ingebrigtsen, der die ersten drei Kilometer fast durchgehend an der Spitze verbrachte, setzte sich früh eine achtköpfige Gruppe ab, die im Finale auch die Ränge eins bis acht belegen sollte.
Eine erste Vorselekton erwirkte eine Tempoverschärfung vor der vorletzten Runde. Titelverteidiger Kaan Kigen Özbilen und die späteren drei Medaillengewinner bildeten das Quartett an der Spitze. Der Spanier Adel Mechaal, im Vorjahr Zweiter, rang einige Zeit als Einzelkämpfer mit dem Anschluss, überforderte seinen Körper jedoch und wurde im Finale bis auf Position acht durchgereicht. Polat Kemboi Arikan, der einen engagierten Endspurt gegen Yemaneberhan Crippa um Platz sechs verlor, war der erste, der zurückfiel. Auch Napoleon Solomon konnte nicht folgen, der Schwede belegte am Ende den achtbaren fünften Platz vor dem jungen Italiener, der in den vergangenen vier Jahren in den jüngeren Altersklassen jeweils mit Edelmetall dekoriert wurde. Italien freute sich auch dank des elften Platzes von Marathonläufer Daniele Meucci und Rang 20 durch Crippas älterem Bruder Nekagnet über die Bronzemedaille in der Teamwertung hinter der Türkei und dem ausgeglichen britischen Team, das mit Marc Scott einen Läufer in die Top-Ten bekam.
 

Überlegen im Endspurt

An der Spitze des Rennens erlitt Kaan Kigen Özbilen während der vorletzten Runde einen entscheidenden Rückschlag. Der 32-Jährige verlor den Anschluss und konnte diesen nicht wieder herstellen – am Ende nur Rang vier für den Titelverteidiger. Vorne übernahm wieder Filip Ingebrigtsen das Kommando. Der Skandinavier erwies sich in der Dreiergruppe als der Stärkste und wartete geduldig auf den Endspurt, den er in einer Siegerzeit von 28:49 Minuten am Ende klar gewann. Wenige Stunden nach dem Triumph seines jüngeren Bruders Jakob rundete der 25-Jährige einen sehr erfolgreichen Crosslauf-Tag für die Norweger ab, da fiel es gar nicht ins Gewicht, dass Henrik Ingebrigtsen von Beginn an keine Chance hatte.
 

Andreas Vojta konnte nur in der Anfangsphase überzeugen. © ÖLV / Coen Schilderman
Gezielte Vorbereitung und Wetter als Trumpf

Ingebrigtsens Triumph ist keine klassische Sensation, schließlich hat der Norweger trotz fehlender Resultate bei Crosslauf-Europameisterschaften (auch in Nachwuchsbewerben war er nie gut platziert, Anm.) seine Klasse bereits mehrfach nachgewiesen. Die spezielle Vorbereitung des norwegischen Teams in der Höhenlage des US-Bundesstaats Arizona half ihm, das Tempo auch über die für ihn ungewohnt lange Distanz hochhalten zu können. „Ich versuche stets, an meinen Schwächen zu arbeiten und diese zu verbessern. Lange Distanzen waren eine dieser Schwächen und daher lautete mein Ziel, ein ordentliches Rennen zu zeigen. Dass ich gewinnen könnte, hätte ich mir nicht erträumen können“, kommentierte der Sieger, der das Wetter als Vorteil sah. „An der Westküste Norwegens regnet es auch oft und Wind ist dort Gang und Gäbe.“
Auch die Silbermedaille von Isaac Kimeli, ein gebürtiger Kenianer, ist maximal eine kleine Überraschung. Der 24-Jährige hat seine Klasse im Crosslauf bereits mehrfach nachgewiesen. „Silber war das Bestmögliche heute. Filip hat einfach das höhere Tempo am Schluss, aber ich bin überglücklich.“ Kimeli belohnte auch die belgischen Fans, die aufgrund der Nähe Tilburgs zur belgischen Grenze in Scharen angereist waren und einen wesentlichen Beitrag für die hervorragende Stimmung entlang der Strecke leisteten. „Ein Super-Erlebnis!“, bedankte sich Kimeli. Überraschend war, dass Aras Kaya am Ende einer für ihn enttäuschenden Wettkampfsaison der Beste aus dem starken, kenianisch geprägten türkischen Team war. „Der tiefe Boden hat das Rennen richtig schwierig gemacht. Das war kein schlechtes Rennen, ich bin zufrieden“, äußerte sich der 24-Jährige. Es war sein bestes Resultat seit dem Crosslauf-EM-Titel 2016 in Chia, der damals mindestens genauso überraschend kam.
 

Debakel für die Spanier

Während die Türkei über eine überlegene Goldmedaille in der Teamwertung feierte, die zweite nach 2014, erlitten einige traditionsreiche Crosslauf-Nationen einen kräftigen Dämpfer. Die Briten konnten sich ohne Top-Resultat in der Einzelwertung immerhin über die Silbermedaille im Team freuen. Dagegen schlidderte die stolze Crosslauf-Nation Spanien in ein veritables sportliches Debakel. Erst zum fünften Mal im neuen Jahrhundert blieb Spanien in der Einzelwertung bei den Männer ohne Medaille, hauchdünn verpassten die Iberer punktegleich mit den Belgiern Edelmetall in der Teamwertung. Das hat es zuletzt 2004 bei den Titelkämpfen im deutschen Heringsdorf gegeben.
 

© ÖLV / Coen Schildermann
Vojta erfüllt Erwartungen nicht

Apropos Debakel: Auch für den Österreichischen Leichtathletik-Verband (ÖLV) verlief das Männer-Rennen enttäuschend. Andreas Vojta (team2012.at) kam abgeschlagen auf Rang 66 ins Ziel, Timon Theuer (DSG Wien) überquerte die Ziellinie neun Ränge später. Anschließend fand Vojta auf seiner Facebook-Seite ehrliche und klare Worte. Mit der besten Crosslauf-Form seiner Karriere angereist erreichte er das schlechteste EM-Ergebnis. Seitenstechen ab Rennmitte quälten den Gerasdorfer aus dem guten Mittelfeld ins hintere Drittel des Feldes – ein nicht zufriedenstellender Auftritt auf jener Strecke, auf der er vor zwei Wochen eine gute Generalprobe gefeiert hatte. „Das Ergebnis entspricht leider bei weitem nicht das, was ich mir vorgenommen hatte“, stellte der Routinier geknickt fest.
Noch schlimmer kam es für das Schweizer Trio, das geschlossen im „Gruppetto“ agierte und in der Teamwertung abgeschlagen den letzten Platz einnahm. Bester Deutscher war Florian Orth mit einem ordentlichen 23. Platz. In der Teamwertung verpasste der DLV allerdings die Top-Ten.
 
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Ergebnis Crosslauf-EM der Männer 2018 (10,3 km)

Gold: Filip Ingebrigtsen (Norwegen) 28:49 Minuten
Silber: Isaac Kimeli (Belgien) 28:52 Minuten
Bronze: Aras Kaya (Türkei) 28:56 Minuten
4. Kaan Kigen Özbilen (Türkei) 29:04 Minuten
5. Napoleon Solomon (Schweden) 29:12 Minuten
6. Yemaneberhan Crippa (Italien) 29:14 Minuten
7. Polat Kemboi Arikan (Türkei) 29:14 Minuten
8. Adel Mechaal (Spanien) 29:20 Minuten
9. Marc Scott (Großbritannien) 29:21 Minuten
10. Sean Tobin (Irland) 29:22 Minuten
11. Daniele Meucci (Italien) 29:26 Minuten
12. Kristian Jones (Großbritannien) 29:28 Minuten
13. Dewi Griffiths (Großbritannien) 29:31 Minuten
14. Antonio Abadia (Spanien) 29:35 Minuten
15. Robin Hendrix (Belgien) 29:36 Minuten
16. Daniel Mateo (Spanien) 29:40 Minuten
17. Charlie Hulson (Großbritannien) 29:43 Minuten
18. Henrik Ingebrigtsen (Norwegen) 29:45 Minuten
19. Ole Hesselbherg (Dänemark) 29:46 Minuten
20. Nekagnet Crippa (Italien) 29:47 Minuten

23. Florian Orth (Deutschland) 29:49 Minuten
42. Simon Boch (Deutschland) 30:25 Minuten
56. Philipp Reinhardt (Deutschland) 30:44 Minuten
60. Konstantin Wedel (Deutschland) 30:53 Minuten
66. Andreas Vojta (Österreich) 31:09 Minuten
75. Timon Theuer (Österreich) 31:48 Minuten
76. Marco Kern (Schweiz) 31:54 Minuten
80. Ilias Hernandez (Schweiz) 32:17 Minuten
82. Florian Lussy (Schweiz) 32:38 Minuten
DNS: Jannik Arbogast (Deutschland)
 

Teamwertung (die besten Drei gewertet)

Gold: Türkei 14 Punkte
Silber: Großbritannien 34 Punkte
Bronze: Italien 37 Punkte
4. Spanien 38 Punkte
5. Belgien 38 Punkte
6. Norwegen 55 Punkte
7. Irland 70 Punkte
8. Schweden 78 Punkte
9. Dänemark 90 Punkte
10. Frankreich 110 Punkte
11. Deutschland 121 Punkte

16. Schweiz 238 Punkte
 
 
Crosslauf-Europameisterschaften 2018 in Tilburg