Wunderzeiten beim Abu Dhabi Marathon

Marius Kipserem und Abraham Kiptum gratulieren sich gegenseitig zu fantastischen Leistungen. © Abu Dhabi Marathon

Der Marathon-Herbst der überragenden Leistungen hat mit dem Valencia Marathon am vergangenen Wochenende doch noch nicht sein Ende genommen. Bei der Premiere des Abu Dhabi Marathon in den frühen Morgenstunden mitteleuropäischer Zeit schlugen die beiden Elitefelder erneut ein sensationelles Tempo an und nützten die schnelle Strecke am Persischen Golf trotz Wetterbedingungen abseits des Optimums zu bemerkenswerten Siegerzeiten, hinter denen allerdings einige Fragezeichen schweben. Besonders das Männer-Rennen war hochklassig, Marius Kipserem ging im Duell mit Abraham Kiptum als Sieger heraus und markierte die viertschnellste Zeit des Jahres.
 

© Abu Dhabi Marathon
Konter auf den letzten Metern

Die Entscheidung im Duell zwischen den beiden Kenianern musste am letzten Kilometer fallen. Halbmarathon-Weltrekordhalter Kiptum beschleunigte und öffnete rund 700 Meter vor dem Ziel eine kleine Lücke zu seinem Mitstreiter. Doch der Abstand blieb für einige Sekunden klein und Kipserem konnte zum Konter ausholen. Der ehemalige Sieger des Rotterdam Marathon zog im Schlussspurt vorbei und ließ einen entnervt und erschöpft auslaufenden Konkurrenten hinter sich – das Rennen war deutlich enger als es die zwölf Sekunden Abstand im Ziel aussagen.
 

Nummer zwölf der ewigen Bestenliste

Beide freuten sich über satte persönliche Bestleistungen: Kipserem steigerte sich um über zwei Minuten auf eine Zeit von 2:04:04 Stunden, Kiptum um über eine Minute auf eine Zeit von 2:04:16 Stunden. Der große Unterschied ist am Konto der beiden festzustellen. Wie bei Rennen am Persischen Golf üblich wird der Sieger fürstlich entlohnt – 100.000 US-Dollar (das entspricht ca. 88.000 Euro) lautete die beachtliche Siegprämie, die zahlreiche Stars zur Premiere anlockte.
Mit diesen Leistungen haben die beiden Kenianer Geschichte geschrieben. Kipserem erzielte die viertschnellste Zeit des Jahres, Kiptum die neuntschnellste. Schneller als der 30-Jährige, der den mit Abstand größten Erfolg seiner Karriere feierte, waren in diesem Jahr nur Weltrekordhalter Eliud Kipchoge in Berlin (2:01:39) und die beiden Äthiopier Mosinet Geremew und Leul Gebrselassie in Dubai (2:04:00 bzw. 2:04:02). In der ewigen Bestenliste der IAAF ist Kipserem nun die Nummer zwölf, Kiptum die Nummer 19.
 

Marius Kipserem und Abraham Kiptum gratulieren sich gegenseitig zu fantastischen Leistungen. © Abu Dhabi Marathon
Eine wundersame Teilzeit

Angeführt von Pacemakern absolvierte das Feld die von Dunkelheit begleitete Anfangsphase den ersten Halbmarathon in einer Zeit von 1:02:35 Stunden. Das Tempo wurde schneller, als die Sonne über Abu Dhabi aufging und die Temperaturen rasch über die 20°C-Marke kletterten. Just in der Phase, in der in vielen Marathons die Entscheidung fällt, legten die beiden führenden Kenianer einen absurden 5km-Teilabschnitt von 13:55 Minuten zwischen Kilometer 30 und 35 hin. In dieser Phase hängten Kipserem und Biwott eine Dreiergruppe rund um Mitfavorit Stanley Biwott um rund eine Minute ab.
Der Äthiopier Abera Kuma verlor ebenfalls den Anschluss und stieg aus. Bereits in der Anfangsphase strichen Elisha Rotich und Stephen Mokoka die Segel, Emmanuel Mutai, einer der schnellsten Marathonläufer aller Zeiten, hatte bereits Ende der ersten Hälfte den Anschluss verloren und kam in einer Zeit von 2:12:38 Stunden auf Rang acht ins Ziel. Der fünftplatzierte Biwott verzeichnete in einer Zeit von 2:09:18 Stunden immerhin die erste Zielankunft seit zweieinhalb Jahren.
 

Eine zu kurze Strecke?

Robert Johnson, Chefredakteur der Online-Plattform „Let’s Run“, veröffentlichte auf der Website nach dem Rennen einen Kommentar, in dem er die korrekte Länge des Marathons anzweifelt. Grund für den mutig kommunizierten Verdacht der als fachlich hochwertigen und nicht vor Kritik scheuenden bekannten Experten dieser Plattform waren die Teilzeiten der beiden Sieger, insbesondere jene bereits erwähnte zwischen Kilometer 30 und Kilometer 35, die in dieser Erscheinung bei Korrektheit wohl einen neuen Rekord bedeuten würde. 13:55 Minuten für die Männer, etwas weniger extreme, aber auch beachtliche 15:55 Minuten für Frauen-Siegerin Yeshaneh Ababel. Das Argument unscharfer Zwischenzeiten widerlegt Johnson damit, dass kein anderer 5km-Abschnitt auffallend langsam war. Außerdem ist der deutliche Negativ-Split von Kipserem (1:02:35 – 1:01:29) angesichts der frühen Startzeit um 6 Uhr Ortszeit überraschend, da zu Rennhälfte die Temperaturen rasch anstiegen, die Sonne herauskam und die Pacemaker relativ bald nach dem Halbmarathon ausgestiegen waren.
 
Kommentar von Robert Johnson auf Let’s Run.com
 
Unter der Annahme, dass die Zwischenzeit bei Kilometer 35 möglicherweise nicht exakt platziert war und etwas zu früh abgenommen wurde, ergibt sich in Kombination mit der folgenden 5km-Teilabschnittszeit (10 Kilometer 28:54 Minuten, im Schnitt 14:27 Minuten pro 5km-Abschnitt) zwar eine immer noch fantastische Abschnittsleistung, die aber nicht einzigartig ist. Solche Tempoverschärfungen kamen in den Passagen zwischen Kilometer 30 und Kilometer 35 in den letzten Jahren immer häufiger vor – insbesonders bei Halbmarathon-Angangszeiten im Bereich von 1:02:30 bis 1:03:30 Stunden.
 
Die 5km-Teilzeiten von Marius Kipserem: 14:38 / 14:53 / 14:50 / 14:59 / 14:42 / 14:42 / 13:55 / 14:59 (alle 5km) / 6:28 (2,195 km)
Die 5km-Teilzeiten von Ababel Yeshaneh: 16:25 / 16:50 / 16:01 * / 17:28 * / 16:41 / 16:50 / 15:55 / 16:44 (alle 5km) / 7:26 (2,195 km)
* offensichtlich fehlerhafte Teilzeiten. Die zweitplatzierte Eunice Chumba und die drittplatzierte Gelete Burka, die Yeshaneh bis Kilometer 30 begleiteten, wiesen Teilzeiten von 16:41 und 16:47 Minuten für die beiden 5km-Teilabschnitte zwischen Kilometer zehn und 20 auf.
 

Yeshaneh gelingt Sprung in den Marathon bestens

Zwar lieferte das Rennen der Frauen keine Wunderzeiten unter 2:20 Stunden, dennoch war es sportlich hochklassig und bis zum Schluss spannend. Ababel Yeshaneh, die mit der Empfehlung einiger hervorragenden Halbmarathon-Leistungen in ihren ersten Marathon als Top-Athletin ging, passierte gemeinsam mit ihren Hauptrivalinnen den Halbmarathon in einer Zeit von 1:10:13 Stunden. Ab Kilometer 30 entwickelte sich ein Dreikampf der Favoritinnen Yeshaneh, Eunice Chumba und Gelete Burka. Burka konnte als Erste das Tempo nicht halten und wurde in einer Endzeit von 2:24:07 Stunden Dritte.
 

© Abu Dhabi Marathon
Landesrekord für Chumba

Eunice Chumba hielt bis drei Kilometer vor dem Ziel mit, als die entscheidende Lücke aufging. Ababel Yeshaneh, die zuletzt vor fünf Jahren einen Wettkampf über die 42,195 Kilometer bestritten hatte, zog durch und siegte in einer Zeit von 2:20:16 Stunden – die 14.-beste Marathonzeit des Jahres. Die in Kenia geborene und für den Bahrain laufende Chumba konnte das Tempo im Finale hochhalten und finishte in einer Zeit von 2:20:54 Stunden. Damit verbesserte die 25-Jährige ihre persönliche Bestleistung um dreieinhalb Minuten und den bahrainischen Landesrekord von Eunice Kirwa, Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen von Rio, um 23 Sekunden.
613 Läuferinnen und Läufer nahmen an der Premiere des Abu Dhabi Marathon teil. Die brettebene und kurvenarme Strecke führte entlang der Küste zum Persischen Golf und setzte die beeindruckende Skyline der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate spektakulär ins Szene.
 

Ergebnisse Abu Dhabi Marathon

Männer
1. Marius Kipserem (KEN) 2:04:04 Stunden
2. Abraham Kiptum (KEN) 2:04:16 Stunden
3. Dejena Debela (ETH) 2:07:06 Stunden
4. Thomas Rono (KEN) 2:07:12 Stunden
5. Stanley Biwott (KEN) 2:09:18 Stunden
6. Beshah Yersiie (ETH) 2:10:01 Stunden
7. Anouar El Ghouz (MAR) 2:10:19 Stunden
8. Emmanuel Mutai (KEN) 2:12:38 Stunden
9. Ghebrezgiabhier Kibrom (ERI) 2:17:15 Stunden
19. Wendwesen Tilahun (ETH) 2:18:41 Stunden
Frauen
1. Ababel Yeshaneh (ETH) 2:20:16 Stunden
2. Eunice Chumba (BRN) 2:20:54 Stunden
3. Gelete Burka (ETH) 2:24:07 Stunden
4. Chaltu Tafa (ETH) 2:25:09 Stunden
5. Caroline Kilel (KEN) 2:29:14 Stunden
6. Genet Yalew (ETH) 231:34 Stunden
7. Susy Chebet (KEN) 2:40:04 Stunden
8. Christina Kersey (NZL) 3:27:29 Stunden
9. Noel Rascher (USA) 3:27:33 Stunden
10. Lyn-Si Fisher (GBR) 3:31:15 Stunden
 
 
Abu Dhabi Marathon