Magersucht – eine Falle

© SIP / adidas

Das Wunderbare am Laufen ist die effektive und umfassende Kalorienverbrennung. Bis zu 900 Kalorien pro Stunde im Laufschritt können Läufer vernichten. Das Gefährliche am Laufen ist die effektive Kalorienverbrennung, die im Umkehrschluss ausreichende Nahrungsaufnahme erfordert, um die Balance zu halten. Gelingt das nicht, droht rasch eine als Magersucht bezeichnete Essstörung, die ein großes gesundheitliches Risiko darstellt. Magersucht ist auch heute noch ein Tabuthema, das in der Läuferszene weiter verbreitet ist als bekannt – wie so häufig bei Tabuthemen betonen auch Experten den Begriff der Dunkelziffer. In Deutschland wurden laut „Statista“ in den letzten Jahren jeweils rund insgesamt 8.000 Fälle diagnostiziert.
 

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Irreleitende Vorbilder in der Scheinwelt

Im Schönheitswahn und übertrieben propagierten Minimalgewicht als westliches Schönheitsideal passiert es im Umfeld der modernen medialen Kommunikationskanäle leicht, dass im Streben, so zu sein wie die eigenen Vorbilder, die Grenze zum Ungesunden überschritten wird. Auch gesellschaftlicher Druck können eine treibende Kraft zu Unterernährung sein, hier sind Frauen generell anfälliger als Männer (geschätztes Verhältnis 12:1). Wenn Sport einzig das Mittel des Kalorienverbrennens und Abnehmens ist, ist er Fluch statt Segen. Spitzensportler und Influencer müssen sich der Verantwortung ihrer Kommunikation diesbezüglich genauso bewusst sein wie jeder einzelne Nutzer von sozialen Medien, der entsprechende Bilder in die digitale Welt hinaussendet. Ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Welt und Scheinwelt fehlt zu oft.
 
 

Zu wenig Reserven

Magersucht bedeutet nichts anderes als Unterernährung und ist als Krankheit anerkannt. Die Folge ist, dass der Körper die benötigten Energiereserven für die Bewältigung des Alltags nicht aufbringen kann. Das ist bei sportlich aktiven Menschen mit erhöhtem Energieumsatz um so dramatischer. Die Folge dieses chronischen Zustands greift das Herz-Kreislauf-System und das Knochenskelett an. Bei Frauen ist das Ausbleiben der Regelblutung die Folge. Problematisch ist, dass eine psychische Störung häufig die direkte Folge einer Essstörung ist und sich ein Teufelskreislauf bilden beginnt.
 

Körperdrill mit Langzeitschaden

Magersucht ist nicht nur im Freizeitbereich ein Tabuthema, sondern auch im Profibereich. Von einem besonders drastischen Fall berichtete am 4. Dezember 2017 die BBC. Bobby Clay, Mittelstreckenläuferin und 2015 Jugend-Europameisterin, drillte sich dermaßen, dass die Kombination aus zu viel Training und Unterernährung ihre Pubertät jäh beendete (sie bekam nie ihre Periode, Anm.) wie auch ihre hoffnungsvolle Sportkarriere. Als Jugendliche leidet sie jetzt an der Knochenkrankheit Osteoporosis und erzählte ihre Geschichte öffentlich, um ihre Erfahrungen als Warnsignal in die öffentliche Diskussion einzuwerfen. Sie gibt zu, auf Eigenverantwortung sich den Negativ-Strudel genähert zu haben und Ratschläge ihres Trainers bewusst missachtet zu haben. Zu besessen war sie von ihrem Zukunftstraum Profisportlerin, der ausgeträumt ist, bevor er überhaupt begonnen hat.
 

BMI unter 16

Nach der Prämisse ”leichter läuft schneller“ nähern sich viele Ausdauersportlerinnen mit einer gezielten Gewichtsreduktion dem Grenzbereich oder überschreiten ihn gar. Diese gefährliche Annahme bedroht Profis genauso wie Hobbyläufer. Kürzlich erzählte die japanische Journalistin Shoko Egawa die Geschichte von Yumiko Hara, WM-Teilnehmerin im Marathon 2005 (sechster Platz). Eine strikte Diät für ein vom Trainer vorgegebenes, niedriges Gewichtsziel trieb sie in jungen Jahren in die Magersucht, begleitet von einem psychologischen Trauma. „Die Gewichtsvorgabe meines Trainers war extrem, viel strenger als bei anderen Sportlerinnen. Nur ich musste diese Vorgabe erfüllen. Ich musste mehrmals am Tag auf die Waage steigen. Dieser Druck hat dazu geführt, dass ich Angst hatte Wasser zu trinken, weil ich dachte, mein Gewicht würde dadurch steigen“, formuliert die 36-Jährige heute schwere Vorwürfe an ihren ehemaligen Trainer. „Ich musste einen BMI von unter 16 haben und wurde angeschrieen, wenn ich einmal 100 Gramm mehr wog als am Vortag. Ich verspürte ständig Hunger und Durst. Wenn ich dem Bedürfnis nicht widerstehen konnte und einen Keks aß, schmeckte dieser so gut, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Um zu verhindern, dass mein Coach an die Decke ging und mir einen schrecklichen Tag bescherte, stand ich mitten in der Nacht auf und setzte mich auf das Ergometer oder ging in die Sauna, um die Kalorien wieder loszuwerden“, schildert sie weiter ihre dramatischen Erlebnisse.
Die skizzierten Negativ-Erfahrungen hatten sich hartnäckig in das Leben der Japanerin festgesetzt, auch als sie ihr Umfeld veränderte und den Trainer wechselte. Selbst nach ihrem Karriereende bekam sie die Magersucht nicht in Griff. Ärzte diagnostizierten später langfristige gesundheitliche Schäden, Hara leidet aber unter den Nachwirkungen eines psychischen Traumas, das sich unter anderem in Ladendiebstählen äußert. (vgl. japanrunningnews.blogsport.com, 22. August 2018)
 

Harmonie zwischen Sport und ernährung

Magersucht ist nur eine von diversen Essstörungen, die gesundheitliche Langzeitschäden hervorruft. Sie kommt generell seltener vor als Übergewicht. Bei Läuferinnen und Läufern droht diese Gefahr, wenn ein essentielles Muss missachtet wird. Laufen und eine ausgewogene und qualitativ wertvolle Ernährung gehen Hand in Hand, es muss eine Harmonie zwischen beiden herrschen, damit die sportliche Leistung einerseits und das Wohlgefühl andererseits garantiert sind. Für sportliche Betätigung benötigt der menschliche Körper Kohlenhydrat-Reserven, die er in Energie umwandelt. Die Muskulatur profitiert von Proteinen und Fett stellt nachhaltige Energiereserven sicher.