Hochspannender Dreikampf zu Desisas Gunsten

© NYRR / Giancarlo Colombo

2017 verließ Lilesa Desisa die „Stadt, die niemals schläft“ mit den Worten „Ich werde meine Karriere nicht beenden, bis ich nicht den New York City Marathon gewonnen habe.“ Gerade hatte er zum dritten Mal das Stockerl erklommen, nie jedoch das oberste Treppchen. Exakt ein Jahr später kann der 28-jährige Äthiopier die Zukunft seiner sportlichen Laufbahn entspannt planen. Denn nun ist er ein New-York-City-Marathon-Champions, der erste aus Äthiopien seit acht Jahren. Und ein Sieger, an dessen Triumph sich viele lange erinnern werden. Denn der New York City Marathon 2018 hatte alles, was ein faszinierender Marathonlauf braucht: Spitzenzeiten und ein berauschender Kampf um den Sieg bis zur Ziellinie, der die Marathonherzen höher schließen ließ. In einer Siegerzeit von 2:05:59 Stunden setzte sich Lilesa Desisa mit zwei Sekunden Vorsprung auf Shura Kitata durch und 27 Sekunden Vorsprung auf Titelverteidiger Geoffrey Kamworor, mit dem sich Desisa nicht zum ersten Mal in New York ein erbittertes Duell geliefert hatte. Auf den letzten Metern im Central Park änderte sich die Ausgangsposition fast minütlich, Desisa rettete aber seinen Vorsprung gegen einen im Finale immer stärker aufkommenden Shura Kitata gerade so über die Ziellinie. Die Qualität der Leistungen der drei Besten ist statistisch leicht ablesbar: Nur Streckenrekordhalter Geoffrey Mutai war bei seinem Gala-Auftritt 2011 (2:05:06 Stunden) jemals auf der schwierigen Strecke des größten Marathonlaufs der Welt schneller gelaufen als Desisa, Kitata und Kamworor, der beispielsweise seine Siegerzeit von 2017 um viereinhalb Minuten unterbot und dennoch am Ende nicht gewann.
 
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Flottes Tempo vom Start weg

Das dramatische Finale hatte ein für New York durchaus untypisches Vorspiel. Anstatt gemütliches Tempo während der ersten Hälfte schaltete das Elitefeld nach einem konservativen Beginn auf den ersten fünf Kilometern ungewohnt früh einen Gang hoch. Und so verkleinerte sich die Spitzengruppe bereits auf der ersten Marathon-Hälfte, ab Kilometer zehn lag der Kilometer-Durchschnitt überwiegend leicht unter drei Minuten. Das hatte zur Folge, dass die Spitzengruppe bereits im zweiten Rennviertel kontinuierlich bröckelte. Als Shura Kitata, der diese Phase stets einige wenige Sekunden vor seinen Verfolgern lief, das Feld nach 1:03:55 Stunden über die Zwischenzeit beim Halbmarathon führte, hatte er nur noch vier Begleiter: Desisa, Kamworor, Vize-Weltmeister Tamirat Tola und der Kenianer Festus Talam, während der mitfavorisierte, ehemalige London-Sieger Daniel Wanjiru bereits leichten Rückstand aufwies und sukzessive immer weiter zurückfiel.
 

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Desisas Teilzeiten: 1:03:57 und 1:02:02 Stunden (Halbmarathons)
15:43 / 15:08 / 14:57 / 14:56 / 15:01 / 14:35 / 14:59 / 14:21 (5km-Abschnitte) / 6:19
 
Das Tempo blieb hoch und erstaunlich konstant, Talam konnte nach gut 30 Kilometern nicht mehr mitgehen. Das in Führung liegende Quartett erreichte die Zwischenzeit bei Kilometer 35 in einer Zeit von 1:45:19 Stunden mit fast einer Minute Vorsprung auf Talam und zwei Vorsprung auf Wanjiru, als das dramatische Finish eingeläutet wurde. Der zu diesem Zeitpunkt führende Tamirat Tola musste der Konkurrenz als Erster eine Lücke billigen. Der 27-Jährige verlor sukzessive an Boden und musste sich am Ende mit Platz vier (2:08:30 Stunden) zufrieden geben. Bei Kilometer 37 konnte auch Shura Kitata das Tempo nicht mehr ganz halten und wies zwei Sekunden Rückstand auf das Spitzenduo auf, das nun vom entschlossenen Geoffrey Kamworor angeführt wurde. Bereits zweimal hatte der Kenianer Lilesa Desisa mit seinem Tempodiktat entnervt, nicht jedoch in diesem Jahr. Der Äthiopier hing im Windschatten des bulligen Kenianers, während Kitata, im Vorjahr Sieger des Frankfurt Marathon, vier Kilometer vor der Ziellinie zehn Sekunden Rückstand aufwies. Dieser Abstand blieb bis Kilometer 40 konstant, obwohl inmitten in der schnellsten Rennphase auf dem selektiven Untergrund des Central Parks nach allen Regeln der Kunst um den Sieg gekämpft wurde.
 

Kitatas Auffholjagd reicht nicht

Aus dem Duell zwischen Kamworor und Desisa wurde plötzlich ein neues Duell. Denn während Lilesa Desisa mit einer Tempoverschärfung auf dem 41. Kilometer von Geoffrey Kamworor löste, startete Kitata eine Aufholjagd und überholte den Kenianer. Immer näher rückte der mit 22 Jahren Jüngste mit einem irren Finale von 6:11 Minuten für die letzten 2,195 Kilometer an Desisa heran, doch der zweifache Sieger Boston Marathon brachte seinen Premierenerfolg am „Big Apple“ dank eines energischen Schlussspurts über die Distanz. „Ich bin sehr, sehr glücklich hier gewonnen zu haben. Ich habe so hart dafür trainiert, dass das heute mein Tag ist“, jubelte der 27-Jährige. Vor vier Jahren hatte er im Spurt-Duell gegen Wilson Kipsang noch knapp den kürzeren gezogen, dieses Mal habe er im Finale alles unter Kontrolle gehabt.
Shura Kitata fuhr nach Rang zwei beim London Marathon im Frühjahr sein zweites Top-Resultat bei einem World Marathon Major im laufenden Kalenderjahr ein und geht als potenzieller Hauptgestalter der zukünftigen Marathon-Szene in die Ära nach der Generation um Eliud Kipchoge. Sein großes Potenzial konnte der junge Äthiopier erneut unter Beweis stellen, am Ende fehlten gerade einmal zwei Sekunden nach 42,195 Kilometer auf den Sieg. Und selbst der entthronte, diesmal drittplatzierte Titelverteidiger Geoffrey Kamworor zog ein positives Fazit am Ende eines dramatischen Rennens, das er mit einigen lockeren Joggingschritten ausklingen ließ: „Ich bin glücklich, auf dem Podium zu sein. Ich habe alles gegeben.“ Mit 100.000 (entspricht rund 88.000 Euro) und 80.000 US-Dollar (entspricht rund 70.000 Euro) wurden Kitata und Kamworor für ihre Leistungen fürstlich entlohnt, den Jackpot bekam Lilesa Desisa mit einem Preisgeld von 145.000 US-Dollar (entspricht rund 127.000 Euro).
 

Jared Ward bester US-Amerikaner, Lagat mit Luft nach oben

Im Kampf um das begehrte Top-Resultat der Amerikaner setzte sich Olympia-Teilnehmer Jared Ward in einer Zeit von 2:12:24 Stunden haarscharf gegen Scott Fauble durch, der in 2:12:28 Stunden eine neue persönliche Bestleistung markierte. Die beiden überholten kurz vor Schluss noch Festus Talam, dem im Finale die Puste ausgegangen ist. Für Ward bedeutete dieser sechste Platz ein erstes Top-Resultat seit dem überraschenden sechsten Platz bei den Olympischen Spielen 2016. Mit Shadrack Biwott und Chris Derrick kamen zwei weitere Amerikaner unter die besten Zehn.
Dagegen verlief das Marathon-Debüt von Bernard Lagat nicht nach Wunsch. Der 43-Jährige erreichte das Ziel nach 2:17:20 Stunden auf Rang 18 und konnte sein geplantes Tempo (Halbmarathon-Zwischenzeit 1:06:06) auf der zweiten Hälfte nicht zu Ende laufen. Dennoch zeigte sich der ehemalige Weltmeister und Olympia-Medaillengewinner auf der Bahn versöhnlich: „Es war eine tolle Erfahrung. Ich werde sicherlich noch einen Marathon laufen. Zumindest weiß ich nun, wofür ich trainieren muss.“ Sein Trainingskollege Juan Luis Barrios aus Mexiko lag lange Zeit hervorragend im Rennen, fiel jedoch in der Schlussphase mit einem Top-8-Platz vor Augen bis auf Rang elf zurück. 52.812 Läuferinnen und Läufer beendeten den größten Marathonlauf der Welt und sorgten für einen neuen Weltrekord.
 
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Ergebnis New York City Marathon 2018 der Männer

1. Lesisa Desisa (ETH) 2:05:59 Stunden
2. Shura Kitata (ETH) 2:06:01 Stunden
3. Geoffrey Kamworor (KEN) 2:06:26 Stunden
4. Tamirat Tola (ETH) 2:08:30 Stunden
5. Daniel Wanjiru (KEN) 2:10:21 Stunden
6. Jared Ward (USA) 2:12:24 Stunden
7. Scott Fauble (USA) 2:12:28 Stunden
8. Festus Talam (KEN) 2:12:40 Stunden
9. Shadrack Biwott (USA) 2:12:52 Stunden
10. Chris Derrick (USA) 2:13:08 Stunden
11. Juan Luis Barrios (MEX) 2:13:55 Stunden
12. Tadesse Dabi (ETH) 2:13:57 Stunden
13. Tim Ritchie (USA) 2:15:22 Stunden
14. Ryan Vail (USA) 2:15:31 Stunden
15. Johnny Mellor (GBR) 2:16:09 Stunden
16. Harbert Okuti (UGA) 2:16:51 Stunden
17. Scott Smith (USA) 2:17:12 Stunden
18. Bernard Lagat (USA) 2:17:20 Stunden
19. Girma Gebre (ETH) 2:18:18 Stunden
20. Birhanu Dare (ETH) 2:18:20 Stunden
 
 
New York City Marathon