Premierensieg mit Europarekord

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Superstar Mo Farah hat seinen Wechsel vom Alles-Dominator auf den Bahnstrecken 5.000m und 10.000m auf die Marathon-Distanz mit seinem ersten ganz großen Ausrufezeichen garniert. Der Brite feierte beim dritten 42,195 Kilometer-Lauf seiner Karriere einen grandiosen Sieg und markierte beim Chicago Marathon einen neuen Europarekord in einer Zeit von 2:05:11 Stunden. „Es war ein phänomenales Gefühl, die Ziellinie als Erster zu überqueren“, so der vierfache Olympiasieger. Farah dominierte die Schlussphase eines unheimlich spannenden und hervorragend besetzten Rennens und setze sich vor dem Äthiopier Mosinet Geremew und dem Japaner Suguru Osako, der als erster japanischer Läufer unter 2:06 Stunden blieb, durch. Damit realisierte der Chicago Marathon zwei der drei erträumten Kontinentalrekorde.
 

Wie in alten Zeiten

Mo Farah war im Stadion besonders deshalb beinahe unschlagbar, weil er die Parade an taktischen Möglichkeiten perfekt beherrschte und in der Schlussphase des Rennens mit beeindruckenden Tempoverschärfungen die Konkurrenz zu Besiegten machte. Genau auf diese Weise gewann der 35-Jährige auch seinen ersten Marathon. Speziell in der Mittelphase des Rennens hielt er sich vornehm zurück und im geschützten Windschatten einer großen Spitzengruppe auf, die die Unterstützung von Pacemakern genoss. Je näher das Ziel rückte, desto näher rückte Mo Farah den Führenden auf die Pelle. Im Finale übernahm er die Initiative und degradierte seinen letzten Begleiter Mosinet Geremew auf den letzten 400 Metern bei starkem Gegenwind zu einem Statisten. Auf jenen 400 Metern, die nicht wie gewohnt eine Runde, sondern in Chicago eine lange Gerade darstellte. Der Rest war purer Jubel in zig-mal gesehener Mo-Farah-Manier.
 

Beeindruckende Zahlen

Mo Farah hatte völlig recht, als er im Vorfeld ankündigte, nun ein richtiger Marathonläufer zu sein. Erste Erfahrungen bei zwei London Marathons und eine optimierte, disziplinengerechte Vorbereitung machte ihn ready für die Aufgabe in Chicago. „Es ist keine Überraschung“, bekräftige Farahs Coach Gary Lough. „Wir haben bei vollster Konzentration viel Zeit für eine optimale Vorbereitung investiert.“ Farahs Naturtalent war die restliche Zutat, denn auf der regennassen Strecke von „Windy City“ und bei einigen Gegenwind-Passagen erfüllten sich alle Träume des Superstars: Premierensieg, das bei einem der wichtigsten Marathonläufe der Welt, persönliche Bestleistung (um 70 Sekunden), Verbesserung des britischen Rekordes (um 70 Sekunden) und Verbesserung des Europarekordes von Sondre Nordstad Moen (um 37 Sekunden). Der Brite hält nun die Europarekorde im 1.500m-Lauf, im 10.000m-Lauf, im Halbmarathon und im Marathon. Mit seinem neuen Marathon-Bestwert ist Mo Farah nun die Nummer 45 der ewigen Bestenliste, als bester Nicht-Kenianer und Nicht-Äthiopier. Keine Frage, noch nicht die absolute Spitze, die Mo Farah während seiner sportlichen Laufbahn gewohnt ist, aber ein wichtiger Schritt dorthin.
 

Großer Zahltag für Osako

Bedeutend für Farahs enorm wichtigen Schritt in Richtung Fernziel Olympia 2020 war nicht nur der Wert des Sieges beim 41. Chicago Marathon, sondern auch die Tatsache, wen er schlagen konnte. Auch wenn keiner der Top-Neun der ewigen Bestenliste in Chicago am Start war (die außer Haile Gebreslassie und Patrick Makau ja alle noch aktiv sind, Anm.), stellte sich ihm eine leistungsstarke Spitzengruppe in den Weg. In der Schlussphase hängte Mo Farah Mosinet Geremew ab, diesjähriger Sieger des Dubai Marathon und Nummer zehn der ewigen Bestenliste mit einer Bestleistung von 2:04:00 Stunden. Titelverteidiger Galen Rupp musste sich trotz eines ordentlichen Rennens mit Rang fünf begnügen. Damit lautet die sportliche Bilanz im direkten Duell der beiden ehemaligen Trainingskollegen in Oregon 1:22 aus Sicht des Amerikaners, der trotz der größeren Erfahrung und der bis dato erfolgreicheren Marathon-Karriere die gewohnte Position des Gratulanten einzunehmen.
Zweiter großer Sieger in Chicago war Suguru Osaka, der wie Rupp noch immer und Farah ehemals unter den Fittichen von Alberto Salazar trainiert – auch wenn Pete Julian sein Haupt-Coach ist. Der 27-Jährige verbesserte als Dritter in einer Zeit von 2:05:50 Stunden den japanischen Rekord von Yuta Shitara, aufgestellt beim diesjährigen Tokio Marathon, um 21 Sekunden – gleichbedeutend mit einem neuen asiatischen Kontinentalrekord. Das lohnt sich im Vorfeld der Olympischen Spiele 2020 in Tokio besonders. Denn der japanische Verband (JAAF) träumt von Olympia-Gold und lobte zur zusätzlichen Motivation ein Preisgeld von sagenhaften 1 Millionen Yen (das entspricht ca. 765.000 Euro) für neue Landesrekorde aus. Osako ist nach Shitara der Zweite, bei dem die Kassa ordentlich klingelte, und nun hinter auf regelkonformen Strecken hinter Sondre Nordstad Moen der zweitschnellste Läufer aller Zeiten, der nicht in Afrika geboren ist. (Der US-Amerikaner Ryan Hall lief 2011 in Boston eine Zeit von 2:04:58 Stunden, Anm.). Dank Osako und seinem Landsmann Taku Fujimoto haben nun bereits 15 Japaner im laufenden Kalenderjahr eine Zeit unter 2:10 Stunden angeboten. Diese Breite zeigt die Qualität beim Großkampf um die japanischen Tickets für eine Olympia-Teilnahme. Einen Fix-Startplatz gibt es übrigens erst, wenn ein Läufer unter 2:05:30 Stunden läuft – also 20 Sekunden schneller als der neuen Landesrekord. Die Trauben hängen hoch im Land der aufgehenden Sonne.
 

Ausscheidungsrennen mit negativem Split

Dass trotz der Wiedereinführung der Pacemaker beim Chicago Marathon dieses Mal nicht um den Weltrekord, sondern um spezifische Ziele wie Landes- und Kontinentalrekorde gekämpft wurde, war ob der klugen und gelungenen Besetzung des Rennens klar. Und so ergab sich ein Rennen nach den Bedürfnissen mit einer ersten Marathon-Hälfte, über die ein Eliud Kipchoge nur lacht, aber dennoch hervorragende Endzeiten zulässt. Nach 1:03:03 Stunden überquerte eine 13-köpfige Spitzengruppe mit Geoffrey Kirui als Erstem die Zwischenzeit beim Halbmarathon, Mo Farah lag zu diesem Zeitpunkt auf Rang zwölf. Bis dahin herrschte ein flottes, aber kontrolliertes Tempo – nicht wie bei der irrwitzigen Zwischenzeit beim London Marathon, die Mo Farah damals den Europarekord kostete, weil er in der Schlussphase einging. „Heute haben wir gelernt, dass es für mich definitiv besser ist, etwas konservativer in einen Marathon zu starten und mich gegen Ende zu steigern“, untermalte Farah.
 
Die Teilzeiten von Mo Farah auf dem Weg zum Sieg (alle fünf Kilometer):
14:54 – 15:17 – 14:54 – 14:48 – 15:27 – 14:26 – 14:31 – 14:29 – 6:25 Minuten
Halbmarathons: 1:03:06 – 1:02:05 Stunden
 
Nach dem langsamsten 5km-Abschnitt des Rennens zwischen Kilometer 20 und Kilometer 25 nahm das Rennen ordentlich Fahrt auf, wodurch die ersten Vier einen negativen Split realisieren konnten. Es entwickelte sich nun ein klassisches Ausscheidungsrennen. Als erster der Kandidaten auf Spitzenplatzierungen musste Bernard Kipyego kurz vor dem Halbmarathon abreißen lassen, am Ende kam nur ein 18. Rang heraus. Augenblicke später stieg Debütant Augustine Choge aus. Der Tempoverschärfung von Geoffrey Kirui bei Kilometer 25 fielen der ehemalige Chicago-Sieger Dickson Chumba, der nicht ins Ziel, kam und der am Ende mit einer persönlichen Bestleistung ausgezeichnete, achtplatzierte Taku Fujimoto aus Japan zum Opfer. Dieser verfolgte nun sein eigenes Tempo und konnte in der Schlussphase einige Positionen gutmachen.
 

Farah übernimmt das Kommando

Auf den ersten 30 Kilometern demonstrierten die beiden Kenianer Geoffrey Kirui und Abel Kirui ihren Willen, Titelverteidiger Galen Rupp und Superstar Mo Farah in die Suppe spucken zu wollen. Sie liefen extrem achtsam stets an der Spitze des Feldes und bestimmten die Pace. Als Geoffrey Kirui bei nach rund 33 Kilometern attackierte, konnte sein Namensvetter und Chicago-Sieger von 2016 nicht mehr folgen und fiel wie Dickson Chumba etwas zuvor und der Äthiopier Birhane Legese sowie der neuntplatzierte Kenianer Bedan Karoki Augenblicke später zurück.
Dagegen gingen Kenneth Kipkemoi und Mosinet Geremew mit, dahinter folgten Galen Rupp und Mo Farah, die nun beide immer weiter vorne platziert agierten. Es war der Brite, der das Zepter langsam, aber mit Entschlossenheit in die Hand nahm. Rupp verlor den direkten Kontakt rund siebeneinhalb Kilometer vor dem Ziel und beendete seinen zweitschnellsten Marathon auf Platz fünf in einer Zeit von 2:06:21 Stunden. Der US-Rekord von Khalid Kannouchi (2:05:38) blieb unangetastet. „Ich habe das Beste aus mir herausgeholt. Ich ziehe den Hut vor den anderen Jungs, sie waren einfach besser als ich“, lautete die erste, sehr faire Reaktion des Amerikaners. Weltmeister Kirui drückte weiterhin auf das Gaspedal, doch als Farah ihn nach 37 Kilometern überholte, war schlagartig der Ofen aus. Der Zweitplatzierte dies diesjährigen Boston Marathon erreichte das Ziel erschöpft auf Platz sechs und zählte zu den Enttäuschungen dieses Rennens. Geoffrey Kirui verpasste die Gelegenheit, eine ihm noch fehlende Weltklassezeit auf die Visitenkarte zu drucken.
Der stark laufende Suguru Osako versuchte händeringend, den Kontakt zum Führungsduo Mo Farah und Mosinet Geremew zu halten, doch die Lücke riss. Der Brite und der Äthiopier überquerten die Zwischenzeit bei Kilometer 40 in einer Zeit von 1:58:46 Stunden, elf Sekunden vor Kipkemoi und 13 Sekunden vor Osako. Die beiden sollten im Finale noch die Plätze tauschen, genau so wie Rupp und Kirui dahinter. Vorne gab Mo Farah seine Position nicht mehr her und zog nach einem kurzen Blick über die Schulter das Tempo nach exakt 2:03:30 Stunden Laufzeit an. Die Vorentscheidung war gefallen, der Sieg in trockenen Tüchern. Es ist der erste britische Triumph in Chicago bei den Männern seit Paul Evans vor 22 Jahren und der erste insgesamt seit Paula Radcliffes damaliger Weltrekordlauf 2002.
 

Kawauchi ohne Chance

Keine Rolle spielte Boston-Sieger Yuki Kawauchi, der überhaupt erst in den letzten Momenten des Rennens erstmals in den Top-20 auftauchte. In einer Laufzeit von 2:16:26 Stunden blieb dem 31-Jährigen nur der 19. Platz – sogar beim mit widrigsten Bedingungen und einer deutlich schwierigeren Strecke ausgestatteten Boston Marathon war der Japaner schneller gelaufen.
 
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Ergebnis Chicago Marathon 2018 der Männer

1. Mo Farah (GBR) 2:05:11 Stunden *
2. Mosinet Geremew (ETH) 2:05:24 Stunden
3. Suguru Osako (JPN) 2:05:50 Stunden **
4. Kenneth Kipkemoi (KEN) 2;05:57 Stunden
5. Galen Rupp (USA) 2:06:21 Stunden
6. Geoffrey Kirui (KEN) 2:06:45 Stunden
7. Abel Kirui (KEN) 2:07:52 Stunden
8. Taku Fujimoto (JPN) 2:07:57 Stunden
9. Bedan Karoki (KEN) 2:07:59 Stunden
10. Birhanu Legese (ETH) 2:08:41 Stunden
11. Mohamed El Aaraby (MAR) 2:09:17 Stunden
12. Yohei Suzuki (JPN) 2:12:18 Stunden
13. Elkanah Kibet (USA) 2:12:35 Stunden
14. Aaron Braun (USA) 2:13:16 Stunden
15. Jonas Hampton (USA) 2:14:19 Stunden
16. Stinson Parker (USA) 2:14:29 Stunden
17. Ahmed Osman (USA) 2:14:40 Stunden
18. Bernard Kipyego (KEN) 2:16:12 Stunden
19. Yuki Kawauchi (JPN) 2:16:26 Stunden
20. Tyler McCandless (USA) 2:16:37 Stunden
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** Neuer Asienrekord
 
 
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