Farah und Rupp nehmen Kontinentalrekorde ins Visier

Galen Rupp gewann bei den Olympischen Spielen 2016 die Bronzemedaille. © Getty Images

Vor vier Jahren hat sich der Veranstalter des Chicago Marathon rund um Renndirektor Carey Pinkowski dazu entschlossen, auf Pacemaker zu verzichten und damit der alten Jagd auf den Weltrekord auf einer der schnellsten Strecken der Welt ade zu sagen. In der Tat wurden in „Windy City“ drei Jahre lang keine Top-Zeiten bei den Männern gelaufen. Aber es gab nicht nur Kritik für diese Entscheidung, die die Rennstrategie an die anderen beiden US-Klassiker Boston Marathon und New York City Marathon anglich. Der Chicago Marathon bekam spannende Entscheidungen in den Schlussphasen der Rennen, einen Heimsieg durch Galen Rupp im Jahr 2017 und trotz allem eine Weltklassezeit von Tirunesh Dibaba, ebenfalls im Vorjahr. Die Aussicht auf den Angriff auf zwei Marathon-Kontinentalrekorde war aber attraktiv genug, um einen weiteren Philosophie-Wechsel zu unternehmen. Die Pacemaker sind zurück und in Chicago werden wieder Rekorde gejagt.
 

Galen Rupp beim Gewinn der Olympischen Bronzemedaille in Rio. © Getty Images
 

Angriff auf Europa- und US-Rekord

Die beiden Haupt-Protagonisten des Rennens sind trotz beachtlicher afrikanischer Beteiligung Mo Farah und Galen Rupp. Ehemals traten sie als Teamkollegen im Nike Oregon Project unter Alberto Salazar auf und feierte bei den Olympischen Spielen von London 2012 einen frenetischen Doppelsieg im 10.000m-Lauf. Die Harmonie einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit der drei wurde immer wieder von Misstönen und Doping-Anschuldigungen gegen das Nike Oregon Projects gestört, der vierfache Olympiasieger verließ das Team Ende 2017 und ging als vierfacher Olympiasieger und sechsfacher Weltmeister.
Mo Farah, der beim London Marathon im Frühjahr in einer Zeit von 2:06:21 Stunden einen neuen britischen Rekord markiert hat, nimmt in Chicago den Europarekord von Sondre Nordstad Moen (2:05:48 Stunden) ins Visier. Der Norweger hat bereits vor einem knappen Jahr, als er die fantastische Zeit in Fukuoka gelaufen ist, angekündigt, dass dieser Europarekord aufgrund des Wechsels von Mo Farah in den Marathon ein Ablaufdatum habe. Galen Rupp hat es auf den nord- und mittelamerikanischen Kontinentalrekord des ehemaligen Weltrekordhalters Khalid Khannouchi abgesehen. Der gebürtige Marokkaner lief 2002 in London eine Zeit von 2:05:38 Stunden. Die Leistung von Ryan Hall beim Boston Marathon 2011 (2:04:58) wird in den offiziellen Rekordlisten nicht anerkannt, da es sich beim Boston Marathon um eine Punkt-zu-Punkt-Strecke handelt.
 

Duell der ehemaligen Teamkollegen

Über 10.000m hatte Galen Rupp im Duell mit Mo Farah mit einer Ausnahme (ein Meilenrennen in Boston 2012, als Farah stürzte (vgl. Let’sRun.com)) stets das Nachsehen, im Marathon sind die Vorzeichen anders. Der US-Amerikaner hat mehr Erfahrung über 42,195 Kilometer. Er lief sechs Marathons, gewann die Olympische Bronzemedaille in Rio und feierte beim Chicago Marathon 2017 einen Triumph bei einem World Marathon Major. Farah hat erst zwei Marathons bestritten, Top-Resultat ist der dritte Rang beim London Marathon 2018. Auch bei der persönlichen Bestleistung hat der 32-jährige Nordamerikaner mit seiner beim Prag Marathon 2018 erzielten Siegerleistung von 2:06:07 Stunden die Nase um 14 Sekunden vorne.
 

Topform trotz Achillessehnen-Probleme in der Vorbereitung

Als Vorjahressieger hat Galen Rupp allen Grund dazu, am Sonntag mit Selbstvertrauen an die Startlinie zu treten. Allerdings ist das Feld, das er für eine Titelverteidigung besiegen müsste, in diesem Jahr erheblich stärker als 2017. Doch der US-Boy hat bewiesen, wie stark er im Marathon ist, wenn er die ersten 30 Kilometer im komfortablen Gemütszustand absolviert. Dass Rupp auch über die gesamte Distanz richtig schnell laufen kann, beweist seine Leistung aus Prag. Diese erzielte er lediglich drei Wochen nach dem Boston Marathon, den er bei schrecklichen äußeren Bedingungen frühzeitig aufgab. Auch die Leistungen auf den Unterdistanzen in Rom (Halbmarathon) und Tilburg (zehn Meilen) zeigen, dass Rupp eine Spitzenleistung zuzutrauen ist. „Ich bin in Top-Form“, kündigte er selbstbewusst an, die Probleme an der Achillessehne, die eine Absage des Kopenhagen Halbmarathon erzwangen, seien längst behoben. Der US-Rekord scheint möglich, wenn die Bedingungen mitspielen. Da gibt es für Galen Rupp wie für alle anderen schlechte Nachrichten: Für Sonntagmorgen ist in Chicago Regen angesagt, stürmischer Wind soll „Windy City“ erst am Nachmittag erreichen.
 

Mo Farah bei den Olympischen Spielen 2016, als er den 10.000m-Lauf und den 5.000m-Lauf gewann. © Getty Images / Matthias Hangst
 

Deutlich mehr Erfahrung als in London

Bisher galt Mo Farah im Marathon noch als Auszubildender. Doch er und sein Team rund um Coach Gary Lough, Ehemann von Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe haben laut eigenen Aussagen beim diesjährigen London Marathon derartig viel Erfahrung gesammelt, dass Farah sich nun als gestandener Marathon-Profi sieht. Vorbereitet hat sich Farah in Arizona, der Sieg beim Great North Run als Muntermacher inklusive. Der Auftritt in Chicago ist ein bedeutender Schritt in Richtung Fernziel: Olympisches Gold in Tokio, das möglicherweise mit einem WM-Start in Doha vorbereitet werden soll. Das Nahziel lautet, in Chicago den Europarekord zu unterbieten, was bei idealen Bedingungen möglich scheint. Denn die Wortmeldungen aus Farahs Umfeld in den letzten Wochen waren wirklich euphorisch, er sei deutlich fitter und besser auf Marathon-Wettkämpfe vorbereitet. Und: Die Bestleistung von London (2:06:21) entstand aus einem nicht optimalen Rennen. Die Spitzengruppe um Eliud Kipchoge war für Farahs Bedürfnisse viel zu schnell angelaufen, der Brite absolvierte die letzte Rennphase nur mehr auf Felgen. Ein Rennverlauf, der in Chicago so nicht passieren wird. Auch, weil keiner der Konkurrenten ein Interesse an einer Zeit im Bereich des alten Weltrekordes hat. „Wenn ich hier einen World Marathon Major gewinnen könnte, wäre das großartig. Aber es ist ja nicht so, als wäre das Feld schwach. Da sind sieben oder acht Favoriten im Rennen, Leute, die eine 2:04er-Zeit stehen haben“, zeigt der 35-Jährige Respekt.
 

Vorbereitung mit Patrick Sang

Das Duell Mo Farah gegen Galen Rupp ist eine grandiose Schlagzeile und besonders in den USA, wo Farah jahrelang gelebt hat, und in Europa beliebt. Doch dieses Duell findet inmitten eines Weltklassefeldes statt, welches ein fantastisches Rennen verspricht. Denn die Besetzung des Chicago Marathon 2018 ist trotz des Weltrekordlaufs von Eliud Kipchoge in Berlin, der spitzensportlich nicht zu toppen ist, wahrscheinlich die beste im Marathon-Herbst 2018. Drei Sieger der vier wichtigsten Frühjahrs-Marathons 2018 sind in Chicago am Start, dazu Weltmeister Geoffrey Kirui. Der 25-Jährige ist laut Zeitenliste mit seiner persönlichen Bestleistung von 2:06:27 Stunden „nur“ die Nummer neun im Feld, dennoch gehört er in die erste Reihe der Favoriten und ist vielleicht sogar der erste Sieganwärter. Der Grund für diesen leichten Widerspruch ist ein einfacher: Kirui ist nach seinem ersten richtigen Marathon-Jahr 2016, als er Dritter in Rotterdam und Siebter in Amsterdam war, keinen Marathon auf einer richtig schnellen Strecke gelaufen. 2017 gewann er in Boston und in überzeugender Manier WM-Gold in London, heuer lief er bei der meterologischen Untergangsstimmung des Boston Marathon auf Rang zwei. Experten weisen dem Kenianer eine besondere Begabung zu, welche er möglicherweise am Sonntag erstmals in eine Weltklasse-Zeit ummünzen könnte. Vorbereitet hat sich Kirui unter der Anleitung von Patrick Sang, der Eliud Kipchoge zu seinem neuen Fabel-Weltrekord trainiert hat. Nicht das schlechteste Omen!
 

Geoffrey Kirui bei den Weltmeisterschaften in London, als er triumphierte. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein
 

Weltklasse-Feld

Weltklasse-Zeiten haben die beiden Äthiopier Mosinet Geremew und Birhanu Legesse beim Dubai Marathon im Jänner abgeliefert. Geremew markierte einen Streckenrekord in 2:04:00 Stunden, Legese beendete sin Debütrennen nur 15 Sekunden später. Die beiden eher unerfahrenen Marathonläufer sind die schnellsten in der Starterliste des Chicago Marathon. Doch auch der Kenianer Dickson Chumba, der vor drei Jahren den Chicago Marathon gewinnen konnte, meldete in einem Interview mit ESPN Siegesabsichten an: „Ich habe hervorragend trainiert. Wie jeder aus der Spitzengruppe reise auch ich nach Chicago, um das Rennen zu gewinnen. Ich fürchte keinen Konkurrenten, auch nicht Mo Farah.“ Der 32-jährige Chumba, der unter dem umstrittenen Coach Claudio Berardelli trainiert, gewann im Frühjahr den Tokio Marathon.
 

Yuki Kawauchi und das schlechte Wetter

Weitere Stars im Feld sind der zweifache Weltmeister und Chicago-Sieger 2016, Abel Kirui, der seinen 22. Marathon bestreitet, seine kenianischen Landsleute Kenneth Kipkemoi, der im Frühjahr beim Rotterdam Marathon triumphierte, der Vorjahres-Dritte Bernard Kipyego, der schon zweimal den Amsterdam Marathon gewann, Bedan Karoki, der in Vorbereitung einen Halbmarathon von 59:48 Minuten lief und in kenianischen Medien ankündigte, in Chicago seinen ersten Marathon-Sieg feiern zu wollen, sowie die Japaner Suguru Osako und Yuki Kawauchi. Osako, Dritter beim Boston Marathon und beim Fukuoka Marathon 2017, ist der Trainingspartner von Galen Rupp in Oregon. Sollte er den japanischen Landesrekord von Yuta Shitara (2:06:11 Stunden) brechen, winkt ihm eine gigantische Prämie von rund 763.000 Euro vom Japanischen Leichtathletik-Verband (JAAF). „Das ist mein Ziel. Es ist aufregend, gegen Leute wie Mo Farah und Galen Rupp zu laufen“, so der 27-Jährige im Vorfeld. Landsmann Yuki Kawauchi ist eine ähnliche Riesenleistung wie beim Boston Marathon 2018, den er sensationell gewann, nicht zuzutrauen – besonders, weil der Neo-Profi wohl nicht in der Lage ist, das Tempo der Spitze mitzugehen. Allerdings ist die Nummer 21 der ewigen japanischen Bestenliste wohl derjenige im Spitzenfeld, der sich am meisten über die Schlechtwetter-Prognose freut. Denn nach dem Triumph in Boston gab Kawauchi zum Besten, dass ungünstige Wetterbedingungen seine liebsten wären.
Mit Spannung erwartet wird auch das Debüt des Kenianers Augustine Choge, der mit einer Halbmarathon-Bestleistung von 59:26 Minuten in seinen ersten Marathon geht. Der 31-Jährige ist laut „Let’sRun.com“ der einzige Läufer, der jemals einen 800m-Lauf unter 1:45 Minuten und einen Halbmarathon unter einer Stunde absolviert hat. Der zweifache Paris-Sieger Paul Lonyangata musste seinen Start beim Chicago Marathon 2018 dagegen absagen.
 

Besondere Belohnung

Der Chicago Marathon ist der zweitgrößte Marathonlauf der Welt nach dem New York City Marathon. Rund 45.000 Läuferinnen und Läufer werden am kommenden Sonntag die Ziellinie der 41. Austragung des Klassikers passieren. Auf sie wartet eine spezielle Belohnung: Die in Chicago ansässige Goose Island Beer Company hat ein eigenes Bier gebraut, welches den Finishern des Rennens exklusiv zur Verfügung steht – selbstvertständlich nur jenen, die den 21. Geburtstag bereits erlebt haben.
 
 
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Chicago Marathon