Berlin Marathon entdeckt die Frauen für sich

© SIP / Johannes Langer

Seit vielen, vielen Jahren ist der Berlin Marathon eine Festung für Weltklasse-Zeiten im Männerrennen – herausragende Besetzung der Starterfelder als Voraussetzung dafür. Es ist aber schon einige Zeit her, als zum letzten Mal ein weiblicher Topstar in der deutschen Metropole am Start war. Die Ära der japanischen Erfolge Anfang des neuen Jahrtausends mit dem damaligen Weltrekordlauf von Sydney-Olympiasiegerin Naoko Takahashi oder dem Sieg von Athen-Olympiasiegerin Mizuki Noguchi im Jahr 2005. Klar, auch die nachfolgenden Siegerinnen hatten Klasse und sorgten für Spitzenzeiten: Irina Mikitenko 2008, Florence Kiplagat 2011 und Gladys Cherono 2014 blieben alle deutlich unter 2:20 Stunden. Doch erst 2018 hat der Berlin Marathon wieder eine Athletin unter seine Fittiche genommen, die zu noch höherem berufen scheint: Tirunesh Dibaba, die den Traum von Weltrekord mitbringt.
 

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Gott kennt die Antwort

Drei Olympiasiege, drei weitere Olympische Medaillen und fünf Weltmeistertitel auf den längsten Laufstrecken im Stadion machen die heute 33-Jährige zur vielleicht erfolgreichsten Läuferin aller Zeiten. Der Weltrekord über 5.000 Meter ist weiterhin in ihrem Besitz. Das Kapitel ist längst geschlossen, nach einer Babypause und der damit verbundenen Auszeit wechselte die Äthiopierin auf die Straße und schaffte einen fantastischen Einstieg in den Marathonlauf. Beim London Marathon 2017 (ihrem zweiten Marathon nach einem Test-Debüt drei Jahre zuvor) pulverisierte sie den äthiopischen Landesrekord und lief in einer Zeit von 2:17:56 Stunden eine Fabelzeit. Dass diese Sternstunde nicht mit einem Sieg ausgezeichnet wurde, lag damals lediglich an einer noch entfesselnder laufenden Mary Keitany. Vielleicht ist sogar die Leistung aus Chicago, als Dibaba ohne Hilfe von Pacemakern zu einer Siegerzeit von 2:18:31 Stunden stürmte, noch höher einzuschätzen. Das Prädikat Weltklasse ist eine glatte Untertreibung für diese Leistungskapazität, auch wenn der London Marathon 2018 schief ging. Aus taktischen Gründen vor allem. Da die Erfahrungen beim Berlin Marathon mit Pacemaker-Arbeit im Vergleich zum London Marathon aber deutlich erfolgsversprechender sind, war die Frage nach dem Weltrekord (Paula Radcliffe, London 2003, 2:15:25 Stunden) bei der Pressekonferenz die beliebteste. Also jene, bei der die oft nach Sensationen strebenden Sportberichterstatter die Ohren spitzten. Dibaba ließ sich lange Zeit mit der Antwort – da die Frage nun wirklich nicht überraschend war, wohl absichtlich – und sagte mit religiöser Diplomatie: „Wenn Gott will, werde ich meine persönliche Bestleistung verbessern.“ Zusätzlichen Druck hat sie sich damit keinen auferlegt.
Freuen dürfte sie sich über die recht angenehme Wetterprognose. Ein Jahr nach dem strömenden Regen sind spätsommerliche Bedingungen mit ungefähr 13°C beim Start angesagt. Wenn der Veranstalter Glück hat, betritt der angesagte Wind tatsächlich erst am Sonntagnachmittag die Bühne des Berlin Marathon. Laut Einschätzung von Rennleiter Mark Milde plant die Äthiopierin, unterstützt Pacemakern, ihr eigenes Rennen – zum ersten Mal genießt sie bei einem Marathon diesen, auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmten Service. Die Favoritin ist aufgrund eines gut verlaufenen Trainings optimistisch, in Berlin einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu ihrem großen Ziel, Olympia-Gold 2020 setzen zu können.
 

Weltenbummlerin sammelt letztes Puzzlestück

Angesichts der Marathon-Leistungen und dem Verlauf ihrer Karriere ist eine Zuspitzung auf Tirunesh Dibaba aus sportlicher Sicht durchaus legitim und sie ist die klare Favoritin auf den Sieg. Der Veranstalter hat sich für die 45. Auflage des wichtigsten Marathons in Deutschland allerdings noch einiges einfallen lassen und wohl auch tief in die Tasche gegriffen, um rund um den Topstar ein Weltklassefeld aufzubauen. Vor dem 42,195 Kilometer-Lauf auf einer der schnellsten Marathon-Strecken der Welt fiel es auch der Konkurrenz nicht allzu schwer, persönliche Bestleistungen als Ziel auszuloten. Die meiste Erfahrung im Feld hat Edna Kiplagat, eine zweifache Weltmeisterin. Die mittlerweile 38-Jährige möchte mit einem Lauf unter 2:20 Stunden beweisen, dass sie noch nicht zum „alten Eisen“ gehört. Das gelang ihr 2017 beim Boston Marathon beispielsweise exzellent, als sie einen berauschenden Triumph einfuhr. „Meine Karriere ist eine Erfolgsgeschichte. Ich habe keinerlei gesundheitliche Sorgen und es ist mir immer ein Vergnügen, mit den besten Läuferinnen der Welt zu laufen“, demonstriert die Kenianerin die Gelassenheit einer 38-Jährigen.
In ihrer langen Karriere war Edna Kiplagat noch nie in Berlin am Start, alle anderen World Marathon Majors (Tokio, London, Boston, Chicago und New York und außerdem auch Weltmeisterschaften und Olympische Spiele) hat die zweifache Mutter bereits bestritten. Sollte sie am Sonntag ins Ziel kommen, wird sie von den Abbott World Marathon Majors mit einer „Six-Star-Finisher-Medaille“ ausgezeichnet. Das hat sich der Zusammenschluss der wichtigsten Marathonläufe der Welt vor einigen Jahren vor allem als Sammlerstück für Freizeitläuferinnen und -läufer einfallen lassen. Beim Berlin Marathon 2018 startet übrigens die zwölfte WMM-Serie – erstmals gibt es Gesamtwertungen nicht nur für die Allgemeine Klasse, sondern auch für die Masters-Altersklassen. Damit erweitern die World Marathon Majors ihr Angebot für Läuferinnen und Läufer, die ihre Passion nicht hauptberuflich ausüben.
 

Cherono als größte Herausforderin Dibabas

Die größte Herausforderin Dibabas ist wohl die zweifache Berlin-Siegerin und Titelverteidiger Gladys Cherono. Die Trainingspartnerin von Mary Keitany ist Inhaberin der drittschnellsten, je beim Berlin Marathon erzielte Siegerzeit und kennt die Strecke in der deutschen Hauptstadt. Außerdem dürfte sie aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem Berlin Marathon gerne hierher zurückkommen, denn bei anderen Veranstaltungen lief es nicht so gut – auch weil die Halbmarathon-Weltmeisterin von 2014 2016 unter einer hartnäckigen Verletzung zu leiden hatte. Trotz der Verpflichtung Dibabas gab Cherono bei einem Medientermin in Nairobi vor rund einem Monat ihren dritten Berlin-Sieg als Ziel aus. Kürzlich erzählte sie kenianischen Medien von einer herausragenden Vorbereitung, die ein erstmaliges Unterbieten der Zeit von 2:19 Stunden möglich mache.
Das Feld der afrikanischen Elite ergänzen Routinier Aselefech Mergia, die in ihrer langen Karriere erst einmal in Berlin gelaufen ist (bei der WM 2009, als sie Bronze gewann) und die 24 Jahre alte, Vorjahreszweite Ruti Aga, ebenfalls aus Äthiopien, die nach Platz zwei beim Tokio Marathon erstmals die Marke von 2:20 Stunden attackieren könnte. Yebrgual Melese musste ihren Start absagen.
 

Japanerinnen mit hohen Ambitionen

Die Ära der Japanerinnen beim Berlin Marathon mit sechs Siegen am Stück zwischen 2000 und 2005 ist schon einige Zeit her. Dass sich wieder einmal eine Japanerin in die Siegerliste des Klassikers einträgt, ist noch nicht absehbar. Fakt ist, dass eine Gruppe junger japanischer Läuferinnen knapp zwei Jahre vor den Olympischen Spielen von Tokio, für die der japanische Verband (JAAF) scheinbar alles macht, um Marathon-Erfolge zu ermöglichen, mit großen Ambitionen nach Deutschland gereist sind. Die 23-jährige Mizuki Matsuda ist erst einen Marathon gelaufen, dieser war in einer Zeit von 2:22:44 Stunden im Jänner in Osaka – mit beachtlichem Negativ-Split – allerdings von einer beachtlichen Güte und brachte gleich einen Sieg ein. Rei Ohara, 28 Jahre alt, bestreitet ihren vierten Marathon Marathon und läuft erstmals außerhalb Nagoyas, wo sie 2016 mit einer Leistung von 2:23:20 Stunden auf das Stockerl lief. Und die 22-jährige Honami Maeda, die ebenfalls ihren vierten Marathon bestreitet, kommt mit der Empfehlung von Platz zwei beim diesjährigen Osaka International Women’s Marathon in einer Zeit von 2:23:48 Stunden. Das Trio will am Sonntag geschlossen die Marke von 2:20 Stunden durchbrechen. Mit Debütantin Myuki Uehara, Jahrgang 1995, ist eine weitere Japanerin am Start.
Auch aufgrund der erst vor fünf Wochen ebenfalls in Berlin stattfindenden Europameisterschaften sind außergewöhnlich wenige europäische Top-Läuferinnen am Start. Die bekannteste ist die Portugiesin Carla Rocha, die 2017 in Prag eine Zeit von 2:27:08 Stunden markiert hat. Beste Deutsche im Feld ist Anke Esser, die die 2:40 Stunden angreifen will.
 
 
RunAustria-Vorbericht zum Männer-Rennen: Weltrekord-Jagd beim Berlin Marathon
 
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