© SIP / Johannes Langer

Über Sinn und Unsinn des Tempomachens – oder Pacemakings – wird im Laufsport seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Manchmal lauter, manchmal zurückhaltender. Dass während der ersten Meetings der diesjährigen Diamond-League-Saison mehrfach ein Pacemaker alleine seine Runde(n) drehte, ohne dass die Elite dahinter das – hoffentlich vorher besprochene – Tempo mitging, ist ein klares Indiz dafür, dass Pacemaker nicht wahllos, sondern gezielter und behutsam eingesetzt werden müssten. Caster Semenya verzichtet mittlerweile auf den Einsatz von Tempomacherinnen, nachdem sie mehrfach mit deren Arbeit nicht zufrieden war. Entscheidend ist die Zielsetzung des Teilnehmerfeldes – und diese wird in der Regel vom Favoriten oder von der Favoritin bestimmt.
 

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Tempovorgabe und Windschatten

Keine Zweifel gibt es über die Funktion von Pacemakern. Durch ihr vorgegebenes Tempo garantieren sie schnelle Rennen, sofern es mit dem Feld abgestimmt ist. Die Vorteile des Pacemakings sind physischer Natur (Windschatten) und psychischer Natur (Orientierung). Verläuft die Beziehung zwischen Pacemaker und Teilnehmerfeld nicht harmonisch, gibt das nicht nur ein Bild zum Kopfschütteln ab, für die Meetingdirektoren bedeutet dies auch, dass sie Tausende Euro in den Wind geschossen haben. Gepacte Rennen haben durch die Ausrichtung auf die Besten einen großen Nachteil: Das Tempo ist für die schwächeren Läuferinnen und Läufer zu hoch, wodurch die Spannung der Rennen gefährdet ist.

„Racers, not pacers“

Eine im Mai veröffentlichte britische Studie (im Fachmagazin „Journal of Sports Sciences) unter der Leitung von Dr. Brian Hanley von der Leeds Beckett University und Dr. Florentina Hettinga von der University of Essex), die die Leistungen von über 550 Mittelstreckenläufer bei großen Finalrennen zwischen 1999 und 2017 analysierten, kam zur Erkenntnis, dass Mittelstreckenläufer eher Wettkämpfer sind als Tempobolzer. 40 der 57 analysierten Champions haben nicht nur das Finalrennen gewonnen, sondern auf die Vorläufe und Halbfinalrennen, obwohl dort Siege für den Aufstieg nicht notwendig gewesen wären. Die Forscher glauben, dass die Gewinner-Mentalität im Mittelstreckenlauf weit wichtiger ist als die Fähigkeit, eine schnelle Zeit laufen zu können. Schließlich erzielten zwei von drei Champions bei ihrem Meisterschaftstriumph keine Saisonbestleistung.
 

Rhythmus und Orientierung im Marathon

Pacemaker spielen nicht nur in Bahnrennen eine große Rolle, sondern im Straßenlauf aufgrund der höheren Distanz eine noch größere. Spezialisiert auf ideales Pacemaking ist der Berlin Marathon, der diese wichtige Zutat für Spitzenzeiten regelmäßig top vorbereitet. Wer Weltrekord laufen möchte, braucht Pacemaker, Garantie gibt es jedoch nicht. Beim London Marathon 2018 veranlasste Mary Keitany ein Weltrekord-Tempo männlicher Pacemaker und ging ebenfalls ein wie ihre Begleiterin Tirunesh Dibaba.
Dass Pacemaking auch gelernt gehört, zeigt der missglückte Auftritt von Haile Gebrselassie als Pacemaker beim London Marathon vor einigen Jahren. Dennoch: Immer mehr Marathonläufe entscheiden sich aufgrund der hohen Kosten, auf Pacemaker zu verzichten. Im Rahmen der World Marathon Majors waren es zwischenzeitlich 50% der Events, nämlich die drei US-amerikanischen Vertreter aus Boston, Chicago und New York – exklusive der großen Meisterschaftsrennen, die ebenfalls ohne Pacemaker durchgeführt werden. Der Chicago Marathon hat für die heurige Ausgabe einen Rückzieher gemacht. Während gepacte Marathons oft früh vorentschieden sind und mehr vom rasanten Tempo als von der Spannung leben, entwickeln sich bei nicht gepacten Rennen wahrscheinlicher dramatische Rennen mit Raum für Überraschungen. Für eine Jagd nach persönlichen Bestleistungen sind Pacemaker jedenfalls eine große Rolle. Sie geben den Rhythmus vor, die Läufer können sich auf ihren Lauf konzentrieren, ohne permanent die Uhr kontrollieren zu müssen.

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