EM 2018: Mazuronak gewinnt spannenden und schnellen EM-Marathon

© SIP / Johannes Langer

Volga Mazuronak ist ihrer Favoritenrolle beim EM-Marathon in Berlin gerecht geworden und holte sich in einem für ein Meisterschaftsrennen sehr schnellen Rennen den Sieg am Breitscheidplatz vor der Berliner Gedächtniskirche in einer Zeit von 2:26:22 Stunden. Für diesen Erfolg, die erste Marathon-EM-Medaille für Weißrussland, das auch mit überragendem Vorsprung die Goldmedaille in der Teamwertung geholt hat, musste die 29-Jährige aber länger und härter kämpfen, als sie es mit diesem Leistungsniveau vielleicht erwartet hätte. „Ich wusste, dass ich in der Lage sein würde, ein solides Rennen zu absolvieren“, kommentierte die neue Europameisterin im Ziel. „Was ich nicht wusste, war, dass die anderen Mädels so stark sein würden. Das war ein kompliziertes Rennen.“ Erst auf den letzten Metern konnte sich die Favoritin von der entfesselnd laufenden Marathon-Debütantin Clemence Calvin lösen, die die Silbermedaille vor der Tschechin Eva Vrabcova-Nyvltova gewann. Die ehemalige Skilangläuferin krönte ihre erste Medaille in ihrer neuen Sportart mit einem neuen tschechischen Landesrekord von 2:26:31 Stunden. In den Top-7 liefen gleich fünf Läuferinnen persönliche Bestleistungen, was bei Meisterschaftsrennen absolut unüblich ist und die Qualität dieses Marathonlaufs dick unterstreicht. Unter anderem überzeugte die Schweizerin Martina Strähl mit einer persönlichen Bestleistung von 2:28:07 Stunden und Rang sieben.
 

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Strähl drückt aufs Tempo

Vier zehn Kilometer lange Runden mit je zwei Verpflegungsstellen, die letzte mit einer 2,195 Kilometer langen Zusatzschleife, stellten sich den Teilnehmerinnen in den Weg, als um kurz nach 9 der Startschuss bei Temperaturen von 18°C und strahlend blauem Himmel fiel. Die Bedingungen waren weit weniger hart als erwartet – ein Hauptgrund, warum sich von Beginn an ein überraschend schnelles Rennen entwickelte. Sofort setzte sich die Schweizerin Martina Strähl an die Spitze des Feldes und drängte der Konkurrenz ihr schwungvolles Tempodiktat auf. 17:31, 17:41, 17:14 und 17:43 Minuten lauteten die ersten vier 5km-Teilzeiten auf dem Weg zu einer Halbmarathon-Zwischenzeit in exakt 1:14 Stunden. Haupt-Aufreger der ersten Marathon-Hälfte war ein plötzliches Nasenbluten bei der Favoritin Volga Mazuronak, das die Weißrussin mit viel Mühe und erst unter Mithilfe von Volunteers, die ihr Taschentücher reichten, und Wasser von den Verpflegungsstellen stoppen konnte. Kilometer lang lief sie mit blutverschmiertem Gesicht und Halsbereich stets Richtung übertragende TV-Kamera. „Das muss schrecklich ausgesehen haben“, sagte sie später. „Das ist mir schon im Training passiert, keine Ahnung wieso.“
 

Heinig fällt zurück

Das flotte Tempo von Beginn an forderte erste Opfer. Deutschlands Medaillenhoffnung Katharina Heinig konnte bereits nach fünf Kilometern nicht mehr folgen und wurde ihrem Status zu keinem Zeitpunkt des Rennens gerecht. Am Ende belegte sie Rang 16, deutlich geschlagen von Landsfrau Fabienne Amrhein, deren starker Auftritt sie auf Rang elf führte. Nach elf Kilometern musste die Britin Charlotte Purdue mit offensichtlichen Schmerzen am Fuß aufgeben. Das war der erste Akt eines katastrophalen Rennens für die hoch eingeschätzten Britinnen. Der zweite öffnete sich nach 15 Kilometern, als Lily Partridge das Tempo der Spitze nicht mehr halten konnte und sich lange als Solistin zwischen Spitze und Verfolgergruppe aufhielt. Am Ende sah auch sie die Ziellinie nicht. Mit der Holländerin Andrea Deelstra war eine weitere Medaillenkandidatin nicht mehr dabei, als eine neunköpfige Spitzengruppe die zweite Marathon-Hälfte anging: Volga Mazuronak, Martina Strähl, Catherine Bertone, Clémence Calvin, Sara Dossena, Nastassia Ivanova, Eva Vrabcova-Nyvltova, Trihas Gebre und Maryna Damantsevich.
 

Klassisches Ausscheidungsrennen

Aufgrund der Charakteristik des Rennens musste sich nun ein klassisches Ausscheidungsrennen entwickeln. Die erste vorsichtige Attacke Mazuronaks konterten sieben Läuferinnen, nur Catherine Bertone konnte nicht mitgehen. Die 46-Jährige lief aber den Marathon bewusst zu Ende und wurde starke Achte. Belohnt wurde ihr Einsatz mit der Silbermedaille in der Teamwertung hinter den überragenden Weißrussinnen, aber noch vor Spanien. Bei Kilometer 25 löste sich mit Mazuronak, Calvin und Vrabcova-Nyvltova eine Dreiergruppe – eine Vorentscheidung. Zwar wurde das Trio kurzzeitig von Damantsevich ergänzt, doch die Weißrussin fiel bei Kilometer 34 erneut aus der Spitze zurück und lief den Rest des Marathons zwischen der Spitze und dem Verfolgergrüppchen. Vorne entwickelte sich eine ausgeglichene Situation zwischen den drei Läuferinnen, die Favoritin machte das Tempo. Bei Kilometer 38,5 testete die Weißrussin, die ihr Kopftuch abgelegt hatte, erstmals an. Zwei Kilometer vor dem Ende öffnete sich eine Lücke von wenigen Schritten zur Tschechin. Calvin, die vor ihrem Marathon-Debüt ihre Klasse bereits mit französischen Landesrekorden im 10km-Straßenlauf und im Halbmarathon angedeutet hatte, blieb Mazuronak auf den Fersen. Die Leistung der 28-Jährigen war keine Sensation: Denn wenn Klasse auf Unterdistanzen mit dem Stehvermögen der Ausdauer kombiniert werden, sind derartige Leistungen die Folge.
 

Die drei Medaillengewinnerinnen. © Getty Images / Matthias Hangst
Ein Versehen, ein Antritt und zahlreiche Top-Leistungen

Kurz ging Calvin auf dem letzten Kilometer an die Spitze, doch es war ein Strohfeuer. Mazuronak konterte und es schien alles entschieden. Doch beinahe hätte die Weißrussin die letzte Kurve Richtung Ziel verpasst, ein dramatischer Moment, der die Französin wieder heranbrachte. Doch die Olympia-Fünfte von Rio machte keine Kompromisse, trat noch einmal an und fixierte ihren Titel in einer Spitzenzeit von 2:26:22 Stunden. Die Marathon-Debütantin vollendete ihr silbernes Werk sechs Sekunden später. „Meine Träume waren aus diesem Stoff gestrickt. Ich war super vorbereitet und fokussierte mich nur auf mich. Ein wundervolles Rennen, ein großartiges Abenteuer“, jubelte die Französin. Eva Vrabcova-Nyvltova, eine ehemalige Olympia-Teilnehmerin im Skilanglauf, komplettierte das Stockerl in einem neuen tschechischen Landesrekord von 2:26:31 Stunden. „Es war ein hartes Rennen. Ich habe meine Schmerzen unterdrückt und gelitten. Die Medaille war mein Traum, nun gibt’s eine Riesenparty“, so die 32-Jährige.
Wie schnell das Rennen in Berlin war, zeigt ein Blick auf die Leistungen im Feld. Neben den beiden Medaillengewinnerinnen liefen auch die viertplatzierte Damatsevich (2:27:44), die sechsplatzierte Italienerin Sara Dossena (2:27:53), die siebtplatzierte Martina Strähl (2:28:07), die die Schweiz zu Rang fünf in der Teamwertung führte, und die neuntplatzierte Trihas Gebre in ihrem ersten Marathon seit acht Jahren persönliche Bestleistungen.
 

Ergebnis Marathon der Frauen

Gold: Volga Mazuronak (Weißrussland) 2:26:22 Stunden
Silber: Clémence Calvin (Frankreich) 2:26:28 Stunden
Bronze: Eva Vrabcova-Nyvltova (Tschechische Republik) 2:26:31 Stunden
4. Maryna Damatsevic (Weißrussland) 2:27:44 Stunden
5. Nastassia Ivanova (Weißrussland) 2:27:49 Stunden
6. Sara Dossena (Italien) 2:27:53 Stunden
7. Martina Strähl (Schweiz) 2:28:07 Stunden
8. Catherine Bertone (Italien) 2:30:06 Stunden
9. Trihas Gebre (Spanien) 2:32:13 Stunden
10. Izabela Trzaskalska (Polen) 2:33:43 Stunden
11. Fabienne Amrhein (Deutschland) 2:33:44 Stunden

16. Katharina Heinig (Deutschland) 2:35:00 Stunden
28. Laura Hrebec (Schweiz) 2:39,03 Stunden
39. Karoline Moen-Guidon (Schweiz) 2:46:56 Stunden
DNF Lily Partridge (Großbritannien)
DNF Laura Hottenrott (Deutschland)
DNF Charlotte Purdue (Großbritannien)
 

Ergebnis Teamwertung (drei Läuferinnen gewertet)

Gold: Weißrussland 7:21:54 Stunden
Silber: Italien 7:32:46 Stunden
Bronze: Spanien 7:44:06 Stunden
4. Großbritannien 7:53:16 Stunden
5. Schweiz 7:54:04 Stunden
6. Schweden 7:55:21 Stunden
7. Ukraine 8:01:10 Stunden
8. Irland 8:04:46 Stunden
9. Kroatien 8:08:09 Stunden
10. Türkei 8:19:35 Stunden
 
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