EM 2018: Jakob Ingebrigtsen mit Europarekord zu zweitem Titel

Jakob Ingebrigtsen bei seinem EM-Titel in Berlin über 5.000m. © Getty Images / Michael Steele

Die Europameisterschaften 2018 in Berlin laufen zwar noch einen Tag, ihren Superstar unter den männlichen Teilnehmern haben die Titelkämpfe bereits gefunden. Es ist einer der Jüngsten überhaupt unter den über 1.500 Athleten, die zum Saison-Höhepunkt der Olympischen Kernsportart in die deutsche Hauptstadt gereist sind: Jakob Ingebrigtsen. Das Supertalent aus dem hohen Norden, das in gut einem Monat seine Volljährigkeit erreicht.
Das enge Lauf-Programm in den Tagen von Berlin ist für die Familie Ingebrigtsen kein Problem. Nur gut 23 Stunden nach seinem Triumphlauf über 1.500 Meter mit einer ganz harten Schlussphase legte Jakob Ingebrigtsen im 5.000m-Lauf einen zweiten Titel nach. Dabei markierte der mit 17 Jahren jüngste Europameister der Leichtathletik-Geschichte in einer Zeit von 13:17,06 Minuten einen neuen Junioren-Europarekord. Bruder Henrik, am Tag davor knapp geschlagener Vierter, holte die Silbermedaille. Auch der Franzose Morhad Amdouni schlug ein zweites Mal zu. Vier Tage nach seinem Sieg über 10.000m jubelte der Korse über die Bronzemedaille auf der halben Strecke. Andreas Vojta konnte angesichts des von Beginn an schnellen Tempos nicht mithalten und platzierte sich mit deutlicher Saisonbestleistung auf dem 19. Platz.
 

© Getty Images / Michael Steele
Hohes Tempo von Beginn an

Um über Jakob Ingebrigtsen zu schwärmen gehen den Kommentatoren auf der ganzen Welt bereits jetzt, bevor der Norweger seine Volljährigkeit erreicht, langsam aber sicher die Superlative aus. Die Leistungsentwicklung seit Jahren ist phänomenal. Nur einen Monat nach fantastischen Junioren-Weltmeisterschaften mit Silber über 1.500m und Bronze über 5.000m schwang sich der Norweger zum Superstar dieser Europameisterschaften auf. Dabei versuchte die Konkurrenz, im Wissen, dass die Ingebrigtsens aufgrund der Terminenge nicht optimal regeneriert sein konnten, ein schnelles Tempo anzuschlagen, was dank der Arbeit des Franzosen Florian Carvalho und des Spaniers Antonio Abadia auch gelang. Während der EM-Silbermedaillengewinner Adel Mechaal bei seinem zweiten Berlin-Start frühzeitig ausstieg, waren die Norweger perfekt vorbereitet auf diesen Rennverlauf. „Wir begannen unsere Vorbereitungen auf das heutige Rennen in dem Moment, als wir gestern die Ziellinie gekreuzt haben“, erzählte Jakob nach dem Rennen, der seine beiden EM-Titel von Berlin als „Lohn für all das, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe“ ansieht. Anstatt hinten zu lauern, bezogen die beiden ihre Positionen im vorderen Mittelfeld und liefen perfekt abgestimmt immer hintereinander. Der Jüngste des Trios dabei stets vor dem ältesten, während Filip den beiden von der Tribüne aus die Daumen drückte. Der 25-Jährige verzichtete auf ein Antreten, nachdem er tags zuvor im 1.500m-Finale an Atemproblemen litt, die er auf den Sturz im Vorlauf zurückführte.
 

Zweitschnellste 5.000m-Zeit für Vojta

Das hohe Tempo vom Start weg – 2:42,56, 2:41,69 und 2:40,66 Minuten für die ersten drei Kilometer – war auch Gift für die Rennstrategie von Andreas Vojta, der sich nach der Startphase im hinteren Mittelfeld bald am Ende des Feldes wiederfand. Seine Hoffnung, mit einer guten Schlussphase Positionen gut machen zu können, zerschlug sich bereits zu Rennmitte, als nach einer Attacke des Schweizer Julien Wanders das Feld auseinanderbrach. Der Österreicher befand sich in der hinteren Gruppe, die Spitze agierte schlichtweg deutlich über dem Leistungsvermögen des 29-Jährigen. Diesem gelang es immerhin, in der Schlussphase noch drei Positionen gut zu machen. Am Ende ging Platz 19 in die Statistik ein, was schlimmer klingt als die Leistung tatsächlich war. Vojta steigerte nämlich seine Saisonbestleistung um rund zehn Sekunden und lief in einer Zeit von 13:42,75 Minuten eine seiner schnellsten 5.000m-Zeiten überhaupt. Die Erkenntnis, dass die Konkurrenz zu einem anderen Leistungsniveau in der Lage ist, und dass der Rennverlauf die eigenen Stärken erst gar nicht zur Umsetzung kommen ließ, ist sicherlich eine bittere. Seine Einschätzung nach dem Rennen lautete: „Es war ein zufrieden stellendes, aber nicht überragendes Rennen. Ich habe ungefähr das abgerufen, was ich im Moment kann. Im Endeffekt ist es meine zweitbeste Zeit, die Platzierung eine Spur besser, als es die Papierform vorausgesagt hat. In den Top-20 zu sein, ist für mich beim EM-Debüt auf dieser Distanz ok.“
 

Andreas Vojta hielt sich während des Rennens im Hinterfeld auf. © SIP / René van Zee
 

Vierte EM-Medaille für Henrik Ingebrigtsen

An der Spitze schlug eineinhalb Kilometer vor dem Ziel die Stunde der Ingebrigtsens. Jakob zog mit Henrik im Schlepptau an die Spitze und bestimmte ab nun das Tempo für das Feld. Nach 10:48,34 Minuten waren vier Kilometer absolviert, die erste Kilometer-Abschnittszeit von unter 2:40 Minuten (2:39,43). Die schnellste Rennphase mit dem finalen Kilometer von 2:28,72 Minuten folgte erst noch, denn ab nun hatte der 17-Jährige alles im Griff. Inwiefern er und sein Bruder sich an eine Familientaktik hielten, ist Rahmen für Spekulationen. Jakob reichte Henrik irgendwann während des Rennens in Erwartung eines Handschlags die Hand, Henrik ignorierte entweder absichtlich oder unabsichtlich.
Eigentlich lief alles darauf hinaus, dass Jakob Henrik zur Goldmedaille chauffierte. Doch wie schon über 1.500m-Lauf zog der Jungspunt einfach durch und siegte in einer Zeit von 13:17,06 Minuten. Damit verbesserte er seinen eigenen Europarekord der Altersklasse U20, den er bei der Junioren-WM aufgestellt hatte, um fast vier Sekunden und schrammte haarscharf an der europäischen Jahresbestleistung von Henrik vorbei. Zwei Jahre nach der bitteren Enttäuschung bei den Europameisterschaften von Amsterdam, als er nach einem taktischen Fehler hauchdünn geschlagener Vierter war, und Rang vier vom Vortag holte sich Henrik seine erste EM-Medaille im 5.000m-Lauf und seine vierte insgesamt. In 13:18,75 Minuten hatte er keine Chance gegen seinen neuneinhalb Jahre jüngeren Bruder, war aber besser als alle Nicht-Ingebrigtsens in ganz Europa. „Es gibt keine Limits für die Ingebrigtsens“, drohte Henrik der Konkurrenz für die Zukunft. „Wir haben noch einen weiteren Bruder, der wird bald fünf. Irgendwann kann er das Team Ingebrigtsen ergänzen.“
 

Zweite Medaille für Amdouni

Im Kampf um Bronze hängte Morhad Amdouni in der letzten Runde den Belger Isaac Kimeli ab und gewann sein zweites Edelmetall in den Tagen von Berlin. „Eigentlich wollte ich Mo Farah imitieren mit zwei Goldenen“, war der glückliche Franzose rasch zu Scherzen aufgelegt. Der starke Schlussspurt von Yemaneberhan Crippa kam dieses Mal zu spät, der Italiener wurde Vierter und regte sich lautstark auf. Vielleicht über Kimeli, der disqualifiziert wurde. Der Schweizer Julien Wanders schloss die EM mit seinem zweiten Top-Ten-Platz als Achter ab und freute sich über eine neue persönliche Bestleistung von 13:24,79 Minuten. Für den DLV gab es eine schwere Niederlage. Richard Ringer war erst gar nicht gestartet, er kam nach seiner Erkrankung im Juli nicht rechtzeitig in die gewünschte Verfassung. Florian Orth belegte Rang 17, Marcel Fehr Position 18. Auch für den Schweizer Jonas Raess war als 21. nichts zu holen.
 

Ergebnis 5.000m-Lauf der Männer

Gold: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) 13:17,06 Minuten
Silber: Henrik Ingebrigtsen (Norwegen) 13:18,75 Minuten
Bronze: Morhad Amdouni (Frankreich) 13:19,14 Minuten
4. Yemaneberhan Crippa (Italien) 13:19,85 Minuten
5. Marc Scott (Großbritannien) 13:23,14 Minuten
6. Polat Kemboi Arikan (Türkei) 13:23,42 Minuten
7. Rinas Akmadiyev (Authorized Neutral Athlete) 13:24,43 Minuten
8. Julien Wanders (Schweiz) 13:24,79 Minuten
9. Chris Thompson (Großbritannien) 13:25,11 Minuten
10. Soufiane Bouchikhi (Belgien) 13:28,08 Minuten

14. Kaan Kigen Özbilen (Türkei) 13:35,31 Minuten
17. Florian Orth (Deutschland) 13:37,46 Minuten
18. Marcel Fehr (Deutschland) 13:37,66 Minuten
19. Andreas Vojta (Österreich) 13:42,75 Minuten
21. Jonas Raess (Schweiz) 14:01,14 Minuten
 
RunAustria-Bericht des 800m-Finals der Männer: Adam Kszczot „Mister 800 Meter“
 
RunAustria-Vorschau auf den Marathon der Männer: ÖLV-Quartett mit Optimismus in den Saison-Höhepunkt
 
RunAustria-Vorschau auf den Marathon der Frauen: Mazuronak Favoritin in ausgeglichenem Feld
 
René auf Reisen online
 
Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin
 
Der Zeitplan